Fritzes Lehrjahre - DER SPIEGEL
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CDU Fritzes Lehrjahre

Mit zweifelhaften Äußerungen zur Einwanderung spaltet Unions-Fraktionschef Friedrich Merz erneut die eigene Truppe. Auch seine forschen Sanierungsaktionen empören die Kollegen.
Von Tina Hildebrandt
• aus DER SPIEGEL 43/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Endlich konnte Friedrich Merz mal vorführen, wie er sich selbst sieht. Glucksend vor Vergnügen erzählte der CDU-Fraktionschef in der »Johannes B. Kerner Show« auf die Frage nach seiner Jugendzeit: wie er als langhaariger Rowdy damals mit dem Sohn des Polizeichefs und dem Sohn des Pommesbuden-Besitzers auf der frisierten 250er Dürkopp das Sauerland unsicher machte, natürlich ohne Nummernschild: »Das konnten wir uns gar nicht leisten.« Es menschelt mächtig, das Publikum jubelt, Merz, 44, strahlt.

Schade nur, dass nicht das ganze Leben eine Talkshow ist. Seit er im Mai erstmals im Polit-Barometer bewertet wurde, ist Merz in den Meinungsumfragen im Sinkflug. Auch gut drei Monate nach der schweren Niederlage der Union bei der Steuerreform erreicht der Nachfolger von Wolfgang Schäuble auf einer Skala von plus bis minus fünf nur 0,0 Punkte - schlechter kommen nur noch Jürgen Trittin und Jürgen Möllemann weg.

»Merz hat kein gefestigtes Profil in der Öffentlichkeit«, haben auch seine Berater erkannt, »und wenn, dann eher ein negatives.« Tatsächlich sieht sich etwa die Hälfte der Bevölkerung nach neuesten Umfragezahlen von Emnid außer Stande, den Fraktionschef überhaupt zu beurteilen - sie machen keine Angaben. Rund ein Drittel findet, er erledige seine Arbeit schlecht.

Der fuchtelnde Zeigefinger, das trotzig vorgeschobene Kinn, seine Vorliebe für steuerpolitische Fachvorträge und die schieren zwei Meter Körpergröße, von denen er immer auf die anderen hinabblickt, lassen den Schlaks oft aussehen wie einen Klassenstreber. Doch vor allem im Fach Strategie braucht der Sauerländer Nachhilfe.

Drei Worte aus seinem eigenen Mund genügten, um den Fraktionschef in die nächste Autoritätskrise zu stürzen: »Ausländer«, »Wahlkampf« und »deutsche Leitkultur«. Seine Ankündigung, die CDU werde »jedes Thema nützen, das sich eignet, erfolgreich Wahlkampf zu führen«, versetzte nicht nur Wirtschaftsführer wie Hans-Olaf Henkel in Alarmstimmung, sondern rief auch in der eigenen Truppe ein Heer von Kritikern auf den Plan.

Liberalen Geistern wie Fraktionsvize Volker Rühe oder Rita Süssmuth passte die ganze Richtung nicht. Präsidiumsmitglied Peter Müller fühlte sich als Vorsitzender der CDU-Einwanderungskommission übergangen. Parteichefin Angela Merkel hielt es für einen Fehler, zwei Jahre vor der Bundestagswahl eine Strategie festzulegen. Die CSU schimpfte über mangelnde Rückkoppelung. Mitglieder des Fraktionsvorstands mokierten sich darüber, dass der Chef nicht wüsste, was er wolle, und so nicht die Debatte beherrschen könne.

Das öffentliche Echo war verheerend. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, geißelte die unverantwortlichen CDU-Parolen in Zeiten von Brandanschlägen auf Synagogen.

Als Merz schließlich klarstellen wollte, er sei missverstanden worden, drehte sich die Debatte längst nicht mehr um das Thema Einwanderung, sondern nur noch um die Frage: »Wer hält noch zu Friedrich Merz?« ("Die Welt"). Dass er es sich selbst zuzuschreiben hat, wenn er ständig hinter Missverständnissen herräumen muss, glaubt Merz nicht. Er schiebt es der Böswilligkeit der Beobachter und Rivalen zu, die »jedes Wort missverständlich interpretieren«.

Natürlich ist er intelligent genug zu erkennen, dass »einige bei jeder Gelegenheit Nebenkriegsschauplätze eröffnen, die eine deutlich andere Motivation als einen Beitrag zur Sache erkennen lassen«. Doch warum das so ist, scheint Merz nicht zu verstehen. In der Kerner-Show erzählte er vergnügt von einer unsicheren Französischlehrerin, »die wollte Autorität demonstrieren, indem sie immer betont zackig durch die Türe trat«. Fritz und seine Freunde hoben die Tür aus den Angeln. Beim nächsten Auftritt der Lehrerin kippte die nur angelehnte Platte mit einem schweren Knall aus dem Rahmen. Wäre die Fraktion eine Schulklasse, auf den Gängen des Reichstags und Unter den Linden herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.

Das schlechte Standing in der Öffentlichkeit müsste Merz nicht bekümmern - schließlich rangierte auch Helmut Kohl regelmäßig in der Publikumsgunst ziemlich weit unten - wenn denn die eigenen Leuten hinter ihm stünden. Doch auch bei den Unionsanhängern liegt Merz deutlich unter allen Parteifreunden.

In der Bundestagsfraktion breitet sich Resignation aus. Acht Monate nach Amtsantritt gilt der mit großen Vorschusslorbeeren gestartete Schäuble-Nachfolger bereits als Fraktionschef auf Abruf. Dass es dem politischen Bruchpiloten Merz überhaupt noch einmal gelingen kann, erfolgreich durchzustarten, bezweifeln immer mehr Parteifreunde.

Doch alle wissen auch, dass die Union es sich nicht leisten kann, schon wieder eine Spitzenkraft aus dem Amt zu mobben. Man müsse wohl das Ende der Legislaturperiode abwarten, lautet deshalb eine weit verbreitete Einschätzung in der Union. Dann, so das Szenario, könne Parteichefin Angela Merkel auch den Fraktionsvorsitz übernehmen.

Als schwerer Konstruktionsfehler gilt inzwischen das Modell der Führungstroika aus CSU-Chef Edmund Stoiber, CDU-Chefin Merkel und CDU/CSU-Fraktionschef Merz. »In der Opposition ist der Kuchen an Macht und Öffentlichkeit begrenzt«, sagt ein erfahrener Abgeordneter, »mehr als zwei können davon auf Dauer nicht satt werden.«

Während Merkel als Parteichefin mit einem tendenziell liberalen Präsidium eher auf Ausgleich bedacht sein muss, sieht sich Merz den Bedürfnissen einer konservativen Fraktion gegenüber, in der rund 50 abgehalfterte Regierungsmitglieder und Staatssekretäre sitzen. Ihr Arbeitseifer ist so begrenzt wie die Bereitschaft, sich Vorschriften machen zu lassen. Von dem unterschwelligen Machtkampf profitiert nur einer: CSU-Chef Stoiber.

Hatten ursprünglich viele Beobachter gedacht, Merkel würde ohne Hausmacht CDU-intern den Kürzeren ziehen, zeigt sich nun, dass die langjährige Ministerin dem Greenhorn Merz entscheidende Stärken voraus hat: Instinkt und Erfahrung. So sicher die Naturwissenschaftlerin ein Gespür für das hat, was sich unter der Oberfläche abspielt, so sicher tappt der Hobby-Klarinettist Merz in die Fußangeln.

Warum nur kann der forsche Friedrich nicht öfter so sein wie neulich im Bundeswehr-Feldlager Prizren im Kosovo? Da saß er hemdsärmelig mit einem Humpen Bier unter den Soldaten, hörte einfach nur zu und hob sich wohltuend ab vom verteidigungspolitischen Lautsprecher der CSU, Kurt Rossmanith.

In Berlin dagegen gibt Merz den Besserwisser, der glaubt, dass es reicht, wenn man Recht hat. Kopfschüttelnd registrieren die Kollegen, wie Merz sich breitschultrig hinstellt und höhere Abgeordnetendiäten fordert, während Finanzminister Hans Eichel das Sparschwein der Nation gibt. Die CSU, die durchaus auch für höhere Diäten ist, war fassungslos. »So kann man das nicht rüberbringen«, schimpft ein stammtischerprobter CSU-Kämpe.

Wie der »Generaldirektor einer Versicherung«, klagen Parteifreunde, gehe Merz auch bei dem Versuch vor, die Qualität der Fraktionsarbeit nach dem Vorbild eines Unternehmens zu verbessern. So musste ein Beamter aus dem Finanzministerium, der bereits seinen Schreibtisch in der Fraktion bezogen hatte, die Umzugskisten wieder packen. Beim nachträglichen Einstellungstest durch die Unternehmensberatung McKinsey war er an der Frage gescheitert, wie er eine Preiserhöhung für Hamburger begründen würde. Düpiert war nicht nur der Beamte, sondern auch Merz' Stellvertreter Peter Rauen, der dem Mann eine Zusage gegeben hatte.

Vergangenen Dienstag wurden die Mitarbeiter zur »Medienschulung« in die Konrad-Adenauer-Stiftung bestellt. Erst mussten die Teilnehmer aus einem Fließtext zur Ökosteuer eine Pressemitteilung machen. Anschließend wurden die besten Exemplare von den Schulungsleitern Stefan Reker ("Rheinische Post") und Marc Christoph Wagner (Radio »Hundert,6") vorgelesen.

Tipps wie »Pressemitteilungen sollten nicht zu lang sein« oder »Journalisten immer gleich zurückrufen«, hielten gestandene Referenten für reichlich überflüssig. Man solle doch mit der Medienschulung lieber bei der Fraktionsspitze anfangen, riet einer.

Die Idee, ein CDU-»Assessment-Center« zur Sichtung und Einstellung frischer Kräfte von außen abzuhalten, wurde vorerst zurückgestellt. Es seien halt »Fritzes Lehrjahre«, entschuldigen wohlwollende Mitarbeiter den ungeschickten Chef.

Aufgeben will Merz auf keinen Fall. Im Gegenteil, er sieht sich durchaus noch zu Höherem berufen. Der Kanzlerkandidat oder die Kanzlerkandidatin der Union müsse die volle Unterstützung aller Parteifreunde haben, erklärte Merz doppeldeutig bei Kerner: »Das gilt für jeden, auch für mich.« TINA HILDEBRANDT

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