HAITI / NACHFOLGE Geist des Vaters
Ich bin die Quelle meiner Macht«, hatte Francois Duvalier, Diktator von Haiti, stets von sich behauptet.
Um aus der Quelle zu trinken und der Macht zu huldigen, strömten am Mittwoch vorletzter Woche mehr als 75 000 Haitianer zum Nationalpalast in der Hauptstadt Port-au-Prince. Landesherr Francois Duvalier feierte seinen 64. Geburtstag.
Doch nicht der kleine, schmächtige Alte, den seine Untertanen »Papa Doc« nannten, zeigte sieh auf dem Balkon des Palastes. Für ihn winkte ein baumlanger Zweieinhalb-Zentner-Jüngling der Menge zu -- Jean-Claude Duvalier, 19, Papa Docs Sohn,
Der Auftritt des Filius, den sein Vater erst vor wenigen Wochen zum zukünftigen Nachfolger bestimmt hatte, signalisierte für den Inselstaat das Ende einer Ära: Papa Doc, Chef einer der bizarrsten und blutigsten Diktaturen in der westlichen Hemisphäre, lag, von mehreren Herzattacken geschwächt, todkrank darnieder. Sieben Tage später, am vergangenen Mittwoch, starb er.
Der Herrscher über die älteste Neger-Republik der Welt pflegte von sich selbst zu sagen: »Ich bin ein außerirdisches Wesen.« In den 14 Jahren seines Regimes hatte er schon so manchen Herzanfall überstanden, schon so viele Attentate und Umsturzversuche überlebt, daß es -- wie die amerikanischen Haiti-Spezialisten Bernard Diederich und Al Burt in Ihrem Buch »Papa Doc« konstatieren -- »nicht wunder nimmt, wenn er einige Leute schließlich davon überzeugen konnte, ein Auserwählter des Schicksals, der Götter und der Geschichte zu sein«. Viele Haitianer hielten Papa Doc für unsterblich.
An die Macht gekommen war der Auserwählte, der sich 1964 per Verfassungsänderung zum »Präsidenten auf Lebenszeit« ernannte, im Jahre 1957 -- durch Haitis erste allgemeine' Wahlen.
Als Wahlhelfer heuerte er damals mehrere bekannte »Bocors« an -- Zauberer des in Haiti weitverbreiteten religiösen Wudu-Kultes. Einer der prominentesten Zauberer, Zacharie Delva, wurde erster Milizchef des neuen Präsidenten. Er verhalf seinem Chef unter den Wudu-Gläubigen des Landes zu dem Ruf, selbst ein Oberzauberer zu sein.
Der Arzt Duvalier, der den Wudu-Kult jahrelang intensiv studiert hatte ließ sich bald zum ranghöchsten Medizinmann ("Houngan") ernennen. Geschickt mobilisierte er atavistische Ängste und den Aberglauben der Insulaner für seine Zwecke -- und machte dabei aus der schwarzen Republik, so der im kubanischen Exil lebende haitianische Dichter René Depestre, »einen Staat, der einem Zombie gleicht«. Zombies sind im Wuduglauben Tote, die von bösen Zauberern aus dem Grab geholt und zu ewiger Sklaverei verdammt werden.
In Papa Docs Staat sterben die Menschen durchschnittlich mit 35 Jahren, werden von 1000 Neugeborenen nur 665 älter als ein Jahr. Nur 308 Ärzte betreuen die rund fünf Millionen Einwohner. Die Analphabetenrate (90 Prozent) ist höher, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen (etwa 300 Mark) niedriger als in den meisten Ländern der westlichen Welt.
Sein tristes Zombie-Reich ließ der höchste Houngan durch eine reguläre Armee von 6400 Mann bewachen -- ler er allerdings so wenig traute, daß er Ihr Munitionsdepot im Keller des Präsidenten-Palastes höchstpersönlich unter Verschluß hielt. Außerdem dienten dem Diktator etwa 15 000 »Tontons Macoutes«, professionelle Totschläger, in Miliz und Geheimpolizei; schätzungsweise 30 000 unbequeme Bürger ließen »sie bislang verschwinden.
Die wundgläubigen Armen empfanden für ihren vermeintlichen Obermagier oft nicht nur tiefe Verehrung, sie fürchteten ihn. Denn wann immer jemand es wagte, an seiner Allmacht zu rütteln, war die Rache des Despolen geeignet, Furcht und Schrecken zu verbreiten:
Aufstandsversuche von Exilhaitianern oder rivalisierenden Militärs ahndete Duvalier zumeist, indem er außer den Meuterern auch deren gesamte Verwandtschaft ausrottete. Er machte dabei nicht einmal vor seiner eigenen Familie halt:
Einen Schwager seiner Frau, der ihm gefährlich schien, ließ er erschießen. Seinen Schwiegersohn Max Dominique, Ehemann der Duvalier-Lieblingstochter Marie Denise ("Dédé"), schickte er samt Frau in die Verbannung, nachdem er ein Komplott aufgedeckt hatte, in das Max verwickelt war. Bevor er ausreisen durfte, mußte Max mithelfen, seine 19 Mitverschwörer zu erschießen.
Anderthalb Jahre später kamen Max und Dédé zurück. Seither bauten sie ihre Hausmacht für die Zeit nach Duvalier aus -- in Konkurrenz mit den übrigen Mitgliedern der Familie: der Duvalier-Ehefrau Simone, den Duvailer-Töchtern Simone und Nicole samt Ehemann Luc Foucard, dem einzigen Duvalier-Sohn Jean-Claude, 19.
Zu Anfang dieses Jahres schießlich gab der alternde Diktator, offenbar unter dem Eindruck schwindender Gesundheit, erstmals einen Hinweis auf den Kandidaten seiner Wahl, In einer Neujahrsansprache belehrte er die Nation: »Auch Kaiser Augustus war jung, als er an die Macht kam.«
Wenig später wies der Despot seine gefügige Nationalversammlung an, den Verfassungsartikel über das Mindestalter des Präsidenten zu ändern: Das erforderliche Alter wurde von 40 auf 20 Jahre herabgesetzt. Gleichzeitig erklärte das Innenministerium per Dekret, der Duvalier-Sohn Jean-Claude sei nicht 19, sondern bereits 21. Auf Wahlzetteln mußten schließlich die Haltianer ihr Einverständnis mit der Kronprinzen-Wahl bescheinigen. 2 391 916 Bürger stimmten mit Ja, keiner mit Nein.
Vom Kronprinzen ist bislang wenig mehr bekannt, als daß er sechs Sportwagen fährt und als Knabe Schießübungen auf lebende Palastoffiziere veranstaltete. Wie er zum Wudu-Kult steht, blieb verborgen.
Und so bleibt auch ungewiß, ob er je wirklich regieren wird. Einige der einflußreichsten Wudu-Zauberer gaben bereits zu verstehen, nur Dédé komme als legitime Nachfolgerin des Papa Doc in Frage; sie allein habe den Geist ihres Vaters geerbt.