Gelebte Geschichte - DER SPIEGEL
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Gelebte Geschichte

Beharrlich und eindringlich wie wohl kein anderer politischer Journalist im Nachkriegsdeutschland zog Rudolf Augstein historische Erfahrungen zur Bebilderung seiner aktuellen Warnungen und als Lektion für die Zukunft heran.
Von Jürgen Leinemann
• aus DER SPIEGEL 46/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rudolf Augstein liebte große Gegner. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte er Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, als heuchlerischen Autokraten bekämpft, bis der ihn für 103 Tage ins Gefängnis werfen ließ.

Doch nach der SPIEGEL-Affäre 1962, die Augstein zum Symbol einer freiheitlicheren westdeutschen Nachkriegsdemokratie machte, suchte er mit einer »gewissen Rührung«, wie er dem Alten versicherte, den inzwischen zurückgetretenen 90-jährigen Adenauer zum Versöhnungsgespräch auf. »Er war ein ganz großer Häuptling«, schrieb er nach dessen Tod.

Nun ist Rudolf Augstein selber tot. Ein ganz Großer war er auch.

Ein Zufall ist es wohl nicht, dass SPIEGEL-Gründer Augstein, den zeitlebens die Macht faszinierte - ihre Träume und ihre Verheerungen, ihr Wahn und ihre Erfolge -, sich leidenschaftlich bis zur Besessenheit den Glanz- und Horrorfiguren des 19. Jahrhunderts zuwandte. Konrad Adenauer gehörte dazu, vor allem aber Bismarck und, natürlich, als permanentes selbstquälerisches deutsches Schreckensthema, Adolf Hitler.

Joachim Fest, selbst Hitler-Biograf und bis zum eigenen Überdruss beschäftigt mit der bohrenden, immer wieder neuen schriftstellerischen Verarbeitung der Nazi-Zeit, hat die Tatsache, dass Rudolf Augstein sich mit Vorliebe diesen großen Stoffen widmete, stets als Indiz dafür betrachtet, dass er durch Prägung und Lebensgefühl der Vergangenheit und ihrem Personal womöglich etwas näher stand, als er es selber wahrhaben wollte. Tatsächlich lebte der Geschichtsschreiber Geschichte, mit Leib und Seele und von Kindheit an. So intensiv, dass der Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler fand, Augstein hätte - wie Thomas Mann - von sich sagen können, »dass er nur von sich zu reden brauchte, um der Zeit die Zunge zu lösen«.

Das tat er, ausgiebig und ohne falsche Bescheidenheit - im SPIEGEL, in Büchern, in Interviews und Reden und in persönlichen Gesprächen. Im Nachkriegsdeutschland gab es wohl keinen politischen Journalisten, der so beharrlich und eindringlich die Geschichte zur Bebilderung seiner aktuellen Warnungen und als Lektion für die Zukunft heranzog wie Augstein.

In den postmodernen Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts, als das Ende der Geschichte postuliert wurde, setzte er damit segensreiche Gegensignale zur Ex-undhopp-Berichterstattung vieler jüngerer Kollegen. Für ihn persönlich aber muss diese Obsession eine Schinderei gewesen sein.

Unverständlich war sie freilich nicht. Unter dem Eindruck der aufziehenden »Hitlerei«, wie Augstein später zu sagen pflegte, ist der Knabe Rudolf in Hannover groß geworden. Mit seinen Kindheitserinnerungen an die Reaktionen seines Vaters auf den Reichstagsbrand - da war er neun Jahre alt - hat er SPIEGEL-Leser mehrfach vertraut gemacht. 1995 schrieb er in einem Essay: »,Finis Germaniae'', hörte ich meinen Vater brummen, als er mich 1933 in die Aula des Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasiums zu Hannover brachte. Er deutete auf eine Friedrich-Ebert-Büste und sagte: ,Die wirst du hier nicht noch einmal sehen.''«

Die Detailliertheit seiner Erinnerungen und seine lakonisch-lebendige Art, sie als Anekdoten zu erzählen, hat bei manchem Zeitgenossen, seinem Freund Martin Walser etwa, Skepsis ausgelöst. War der Knabe Augstein nicht erst neun Jahre alt bei der Machtübernahme der Nazis?

Zum 70. Geburtstag aber bekam der SPIEGEL-Gründer unerwartete Schützenhilfe. Sein jüdischer Mitschüler Helmut Ostermann steuerte nach sechs Jahrzehnten aus Israel plastische Erinnerungen an die Schultage 1933 bei.

»Als Kind erlebte man alles visuell«, schrieb Ostermann, der jetzt Uri Avnery heißt, in Tel Aviv ein Nachrichten-Magazin herausgab und zehn Jahre lang als Abgeordneter in der Knesset saß. In der hannoverschen Schule habe damals, in der Sexta in den ersten Monaten des Dritten Reiches, eine Feier die andere gejagt: Schlageter-Tag, die Schlacht von Sedan, die Belagerung von Belgrad, alle garniert mit patriotischen Liedern und Reden. Am Ende stets: »Die Fahne hoch.«

»Wenn man damals neun Jahre alt war, konnte man gar nicht leben, ohne Politik zu atmen«, schrieb Avnery. Wie in seiner eigenen Familie sei gewiss auch bei den Augsteins pausenlos darüber geredet worden. »Wir hätten auch keine Freunde sein können, wenn er sich nicht für Politik interessiert hätte.«

In der Lebenslaufforschung gilt es als gesichert, dass prägnante biografische Erfahrungen der Kindheit oft ein Muster liefern für künftige persönliche Entwicklungen. Ob als Bestätigung oder als Negation - alle späteren Eindrücke orientieren sich an der ersten Erfahrungsschicht. »Die im Laufe des Lebens gesammelten Erlebnisse summieren sich nicht einfach, sondern organisieren sich immer wieder neu in Bezug auf einen tief verankerten biografischen Ausgangspunkt«, schreibt der Soziologe Heinz Bude.

Für Rudolf Augstein waren das die Jahre des Umbruchs von der Weimarer Republik zum Dritten Reich. Adolf Hitler wurde ihm zur Verkörperung des Bösen. Alle historischen Größen vorher - von Friedrich dem Großen bis Richard Wagner - beargwöhnte Augstein als mögliche Wegbereiter. Alle später Regierenden - ob Adenauer oder Franz Josef Strauß, Kurt Georg Kiesinger oder Charles de Gaulle - überprüfte er auf direkte oder indirekte Nutznießer-Effekte.

Nun konnten Hitlers Machtübernahme, das Terrorsystem der Nazis, der Holocaust und der Zweite Weltkrieg für einen hochintelligenten und lebenshungrigen jungen Menschen gewiss Erfahrung genug sein, um sich zum »Zeitgenossen der deutschen Geschichte auszubilden«, wie es der Philosoph Bazon Brock einmal in einer Augstein-Würdigung formuliert hat.

Tatsächlich fühlte sich Augstein für immer beschämt, »zu einer Zeit gelebt zu haben, als Erwachsener, wo das passieren konnte«. Er war bereit, die Konsequenzen mitzutragen und abzutragen. Doch persönlich schuldig sah er sich »naturgemäß« nicht.

Das »naturgemäß« verdankte er seiner Familie, die für die historische Sonderrolle, die Sohn Rudolf später einmal spielen sollte, unverzichtbar war.

Die Augsteins waren zwar deutschnational, die Mutter gar naiv antisemitisch, wie der Sohn später bekannte, gleichwohl aber galt die Familie als verlässlich antinazistisch. Ein reicher, angesehener Großvater aus Bingen, der dem Großherzog von Hessen-Darmstadt sagen konnte: »Auf Ihren Kommerzienrat kann ich verzichten«, trug zur selbstbewussten Sicherheit des jungen Rudolf ebenfalls bei.

Dazu kam die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit, die sich die rheinisch-katholischen Augsteins als religiöse Minderheit im protestantischen Hannover erwarben. Augstein: »Wir waren in der Diaspora. Wir waren Katholiken, keine Preußen. Wir waren politisch.«

Und schließlich bezog der kecke Sprössling Kraft aus der fast männerbündlerischen Solidarität, die ihn mit seinem Vater - einem finanziell unglücklich operierenden Foto-Fabrikanten und Geschäftsmann - gegen die weibliche Überzahl von Mutter und fünf Schwestern in der Familie zusammenschweißte. Der 15 Jahre ältere Bruder Josef war längst aus dem Haus.

Dass das Private politisch ist, musste Rudolf Augstein also nicht erst 1968 nachlernen. Die Reichsgründung von 1871, der Erste Weltkrieg, den auch Augstein für die Mutter aller Katastrophen hielt, Versailles, die Inflation, »die goldenen Weimarer Jahre« 1928/29 - alle Dramen der jüngeren deutschen Geschichte gehörten für die Augsteins zur Familienlegende.

Historisches Bewusstsein lieferte die traditionsverbundene Verwandtschaft in Form von privaten Anekdoten. »Beispielsweise war mein Großvater ein derart ferventer Antipreuße«, hat Rudolf Augstein einmal erzählt, »dass mein Vater sich umdrehen musste, als der deutsche Kaiser durch Mainz ritt. Mein Vater durfte ihn nicht angucken, er musste in ein Geschäft von Trikotagen hineinsehen.«

So, mit Abstand und Wissen gewappnet, mogelte sich Rudolf Augstein durch die zwölf Nazi-Jahre und den Krieg, »praktisch immer Deserteur, aber nie ein ganzer«. Dass er später - nach der Inhaftierung wegen angeblichen Landesverrats während der SPIEGEL-Affäre - den Carl-von-Ossietzky-Preis ablehnte, hatte seinen Grund in der Schwejkschen Verschmitztheit, mit der sich der Gefreite Augstein vor dem Heldentum zu drücken wusste. »Ihr irrt euch«, sagte er damals. »Ossietzky war ein Märtyrer, und ich hätte alles versucht, kein Märtyrer zu sein.«

Und so, von vornazistischer Historie geprägt, knüpfte er mit heute verblüffender Selbstverständlichkeit nach 1945 nahtlos an das Vorkriegsdenken seiner bürgerlichen Herkunft an. Wiewohl sehr viel

jünger als die Adenauers, Carlo Schmids und Dehlers, blieb Augstein auch im Nachkriegsdeutschland eine Weimarer Figur. Die Alten redeten im Parlament mit dem »O-Mensch«-Pathos des expressionistischen Theaters. Der Junge schrieb im SPIEGEL mit dem saloppen Sarkasmus eines Kurt Tucholsky. Als Vorbilder, »denen wir alle nacheifern«, zählte er außerdem auf: Joseph von Görres, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Karl Kraus, Maximilian Harden, Carl von Ossietzky, Theodor Wolff.

Neuanfang? Stunde null? Abrechnung mit den Nazis? Augstein: »Ohne Schwierigkeiten war der Übergang in die neue Welt, die neue Zeit.«

Für ihn war das Deutsche Reich von 1870/71 keineswegs mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 zu Ende. Er glaubte an die Kontinuität, bis die Regierung Brandt Deutschlands Ostgrenzen akzeptierte und die DDR de facto anerkannte. In einem SPIEGEL-Essay schrieb der Herausgeber im Januar 1971: »Das Bismarck-Reich, erst als Realität, dann als Reise in die Vergangenheit, dann als Illusion ist genau 100 Jahre alt geworden. Im Jahre 1970 ist es dahingeschieden.«

Im »Dornröschenjahr 1945«, da der verbrecherische Störenfried Hitler beseitigt war, galt es Lehren zu ziehen aus dem Scheitern der ersten deutschen Republik. Nicht, dass Augstein glaubte, die Menschen würden wirklich aus der Geschichte lernen. Aber ihnen das hinzureiben, sie immer aufs Neue zu erinnern an die Fehlentscheidung der Vergangenheit, wurde seine selbstgewählte Bestimmung.

Der SPIEGEL erwies sich als treffliches Instrument. Rudolf Augstein wurde schnell zu einer unverzichtbaren publizistischen Größe in der Bundesrepublik Deutschland.

Was ihn aber zu einer historischen Figur machte, war nicht allein sein Witz, sein analytischer Verstand, sein freches Misstrauen in Machthaber aller Größenordnungen. Und es war auch nicht die Legitimation durch persönliche Erfahrungen mit drei deutschen Staatsformen, die er zur Dokumentation der Kontinuität deutscher Irrtümer heranzog.

Zur wirklichen Ausnahme-Erscheinung wurde Rudolf Augstein, weil er auch den Irrtum der Kontinuität riskierte. Er forderte noch die nationale Einheit der Deutschen, als längst schon alle Welt, vor allem seine linken Freunde und letztlich auch er

selbst, die Teilung des Landes als Konsequenz des Hitler-Krieges für unaufhebbar hielten.

Dass er - im vollen Bewusstsein aller Kosten und Preise, die für die Erbschaft aus der deutschen Katastrophen-Geschichte seit Bismarck anstanden - an seiner Wiedervereinigungspolitik festhielt, selbst gegen die Mehrheit seiner eigenen Redakteure, spannte sein Leben über drei Jahrhunderte.

Augsteins Denken wurzelte im 19. Jahrhundert: »Beide bewunderten wir Bismarck«, sagt Henry Kissinger, »beide hatten wir unsere Zweifel hinsichtlich seiner politischen Hinterlassenschaft.« Er lebte und wirkte im 20. Jahrhundert. Und als er im 21. Jahrhundert starb, kamen die amtlichen politischen Kondolenzgrüße aus jenem wieder vereinigten Berlin, in das nach seinem Wunsch der SPIEGEL schon in seinen Anfängen von Hannover aus hätte umsiedeln sollen.

1952 hatte Augstein geschrieben: »Berlin ist die Welt für ein Blatt, wie es der SPIEGEL sein will. Das fiebernde, entzweigerissene Berlin, jetzt vorderste und eingeengteste Bastion im Kalten Krieg, ist immer noch die potenzielle Quelle gegen das Provinzlertum, das sich von Bonn aus über ganz Westdeutschland ausbreitet. Nehmt Berlin nicht, wie es jetzt ist! Es hat zu schwer zu kämpfen. Nehmt Berlin, wie es sein wird, wenn wir die deutsche Hauptstadt wieder von den Rebenhügeln weg in die Streusandbüchse des Reiches verlegt haben.«

»Gesinnungsnationalismus« würde Heiner Geißler das heute nennen. Er hat Augstein vorgeworfen, ihm wäre im Verein mit Egon Bahr (SPD) und Hermann Axen (SED) die deutsche Einheit sicher auch »etwas weniger Freiheit und ziemlich viel Sozialismus« wert gewesen.

Der grimme CDU-Querkopf bemerkte voller Spott, dass Augstein in seinem bei den Schwarzen verhassten Hamburger Nachrichten-Magazin nach der Wiedervereinigung »nur noch hirtenbriefähnliche Kommentare zur Tätigkeit der Bundesregierung« unter Helmut Kohl veröffentlichte, dem er sogar ein »Glückwunsch, Kanzler« gönnte.

Mehr noch als Geißler, der Augstein schon für einen linken Patrioten hielt, als der in den Gründungsjahren der Bonner Republik mit dem nationalistischen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher gegen Adenauers rigorose Westpolitik gekämpft hatte, staunten 1989 einstige Bewunderer Augsteins über dessen entschiedenes Votum zur Wiedervereinigung.

Günter Grass versuchte in einer Fernsehdiskussion im Februar 1990 fast verzweifelt, dem SPIEGEL-Herausgeber noch einmal den Gedanken einer Konföderation zweier deutscher Staaten nahe zu bringen. Augstein: »Der Zug ist abgefahren.« Enttäuscht registrierte auch der bis dahin glühende Augstein-Verehrer Joschka Fischer 1993: »Den deutschpatriotischen Rudolf Augstein hatte ich in all den Jahrzehnten schlicht überlesen.«

Es war, als die Mauer fiel, für viele Linke in der Bundesrepublik, für die jüngeren zumal, fast ein Schock, als sie entdecken mussten, dass sie das patriotische Fundament, auf dem ihre Idole in der deutschen Nachkriegsbundesrepublik mehr Demokratie wagten, gar nicht wahrgenommen hatten - nicht bei Willy Brandt und nicht bei Rudolf Augstein. Weder der SPD-Hoffnungsträger und Brandt-»Enkel« Oskar Lafontaine noch der SPIEGEL-Chefredakteur und Augstein-Freund Erich Böhme wollten wiedervereinigt werden. Und beide durften durchaus die Mehrheit ihrer Organisationen hinter sich vermuten.

Die Verwirrung war beträchtlich. War denn nicht Rudolf Augstein, der inzwischen legendäre Adenauer-Gegner und Strauß-Verhinderer, eine der prägenden Gestalten jener bundesrepublikanischen Entwicklung gewesen, die 1968 in der Studentenrevolte gipfelte? Galt er nicht den res-taurativen Staatsparteien CDU und CSU als der destruktiv Linke schlechthin? Ein

Umstürzler und Vaterlandsverräter, den Strauß und Adenauer 1962 hinter Gitter brachten?

So war es, und Augsteins Ruf als Linker war wohl begründet. Nicht nur gehörten für den letzten Nationalliberalen der Bismarck-Zeit, den Ralf Dahrendorf in dem SPIEGEL-Chef sah, soziale Reformen und bürgerliche Freiheiten neben der nationalen Einheit immer zu den Selbstverständlichkeiten. Für den journalistischen Profi Augstein galt überdies grundsätzlich, dass ein Journalist mindestens »zu 51 Prozent kritisch gegenüber jedermann« sein sollte.

Affirmativen Journalismus hielt Augstein für einen Widerspruch in sich. Es konnte deshalb gar nicht ausbleiben, dass er und sein SPIEGEL, die mit diesem Verständnis ihr Gewerbe betrieben, im Adenauer-Staat sofort als antikonservativ und destruktiv links verschrien waren. Das »Schmutz«- und »Schmierblatt« aus Hamburg war dem Alten aus Rhöndorf von Anfang an ein Ärgernis, auch wenn Augstein schon sehr früh mit ihm redete. Da respektierte der SPIEGEL-Chef den späteren Kanzler noch.

Das änderte sich aber bald. Denn natürlich formte die konkrete politische und gesellschaftliche Situation im westdeutschen Teilstaat zu Beginn des Kalten Krieges den noch immer ziemlich jugendlichen Magazin-Chef auch persönlich.

Den Augstein des Anfangs schilderte Erich Kuby 1953 so: »Dieser mit einer rasiermesserscharfen Intelligenz ausgestattete junge Mensch, von kleiner, aber vollkommen harmonischer Gestalt, ist erfüllt von Trauer und Pessimismus und hätte in geistig gesicherten Zeiten einen ganz anderen Weg eingeschlagen, verharrend in den Traditionen der großbürgerlichen rheinisch-katholischen Familie, aus der er stammt.«

Nun war er 30 Jahre alt, hatte einen verlorenen Weltkrieg hinter sich und schlug sich seit sieben Jahren an der Spitze seines Nachrichten-Magazins mit einer Regierung herum, von der ihm nach 1951 immer klarer wurde, »dass es hier nicht verbal, sondern in der Substanz um einen antidemokratischen, antiparlamentarischen Sonderstaat von katholischer Heuchelei ging, den zu bekämpfen der SPIEGEL, außen- wie innenpolitisch, jeden Grund hatte«.

Es ging eben nicht nur um verfassungsrechtliche Formalien und um Machtkontrolle im demokratischen Staat, sondern es hatte auch eine politisch inhaltliche Logik, dass die Unionspolitiker Adenauer und Strauß 1962 versuchten, Augstein als Landesverräter auszuschalten.

Die Folge war die legendäre SPIEGEL-Affäre - ein Wendepunkt in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte: Der Machtkampf zwischen einer politisch aufsässig gewordenen Öffentlichkeit und den Regierungsapparaten des CDU-Staates erreichte seinen Höhepunkt. »Für einen geschichtlichen Augenblick steht diese politische Öffentlichkeit durchaus auf dem Spiel«, schrieb der Sozialwissenschaftler Oskar Negt im Rückblick.

Das Ergebnis ist bekannt - Strauß musste zurücktreten, die Ära Adenauer neigte sich schneller als erwartet dem Ende zu, die Demokraten in der Bundesrepublik hatten eine prägende zivile Widerstandserfahrung gemacht.

Rudolf Augstein war ihr Idol. »Kritisch, frech, rebellisch gegen die Obrigkeit, ja antiautoritär und erzdemokratisch, das genau war es, wonach die junge Seele lechzte«, erinnert sich Joschka Fischer, der als werdender Halbstarker den SPIEGEL las, wenn er sich für 70 Pfennig beim Dorffriseur eine HJ-Frisur verpassen ließ.

Eigentlich schien alles darauf hinzulaufen, dass Rudolf Augstein, nicht Rudi Dutschke, der deutsche Held der heraufziehenden 68er-Revolte hätte werden müssen. Aber dazu war der SPIEGEL-Chef den Studenten dann doch schon zu etabliert und im Grunde zu konservativ.

Dass Rudolf Augstein keine andere Republik wollte und keine neue Eigentumsordnung, haben die Wortführer und theoretischen Köpfe der Studentenbewegung schnell gemerkt, auch im SPIEGEL. Augsteins eigensinniger Oppositionsgeist zielte immer auf den Missbrauch des Bestehenden, nicht auf das Bestehende selbst. Er galt weniger Strukturen als Personen.

Gewiss, als Intellektueller zählte sich Augstein zu jenen Menschen, die sich der Wirklichkeit mit einem vorentworfenen Bild näherten, »einem idealen Bild«, wie er einmal bekannte, ja, mit einer Utopie. Aber diese Haltung entsprang eher einer romantischen Sehnsucht nach einer geträumten Zeit, nicht revolutionären Umsturzvorstellungen. Mit Ideologien hatte sein politisches Denken so wenig zu tun wie mit anarchischen Antrieben.

Rudolf Augstein war wohl schon ein Konservativer, bevor es ihm selbst richtig klar war. Die Erfahrungen der Nazi-Zeit, die bürgerlichen Prägungen der Weimarer Herkunft, seine immer profunderen Kenntnisse der Geschichte und sein kühler aufklärerischer Verstand versorgten ihn mit einem verlässlichen Grundgefühl für die Wiederherstellung »des im Sinn der europäischen Tradition Richtigen«, hat der streitbare konservative Publizist Johannes Gross über seinen Kollegen Augstein zu dessen 70. Geburtstag geschrieben. Seiner Einschätzung ist schwer zu widersprechen: »Das Konservative in Rudolf Augstein ist die politische Substanz selber.« Allerdings muss man wohl hinzufügen: das Linke, das progressiv Kritische in Rudolf Augstein auch.

Augstein hat solche Widersprüche in sich selbst nie geleugnet. So wie er bei allen großen Männern den Schattenseiten auf der Spur war, die Abgründe Bismarcks, Richard Wagners und des Franz Josef Strauß so kritisch registrierte wie die operettenhafte Seite eines Charles de Gaulle, so hielt er auch zu sich selbst eine zutiefst melancholische, nach außen selbstironisch gefärbte Distanz. Er kannte sich gut. Und er traute sich in jeder Hinsicht allerhand zu.

Frank Schirrmacher hat im vergangenen Jahr in seiner Laudatio anlässlich der Vergabe des Ludwig-Börne-Preises Rudolf Augstein eine Disposition zum Anti-Respekt, zur Anti-Bewunderung, zur Anti-Affirmation bescheinigt. »Einer wie er hat uns das Loben eigentlich ausgetrieben.« Martin Walser nannte Augstein ein »Verehrungsverweigerungstalent«.

Das ist zwar richtig, würde Augstein wohl sagen, aber trotzdem Blödsinn. Denn natürlich war er immer fasziniert von großen Figuren, genialischen Lebensentwürfen und heroischen Haltungen; die Bewunderung für solche dramatischen Sujets rückte ihn selbst in die Nähe der vergangenen Kraftkerle, mit denen er sich maß. Nur gehörte für ihn zur Bewunderung immer gleich auch die Skepsis, zur Noblesse die Niedertracht, zum Mut die Dummheit, zum Erfolg das Scheitern. Dass Franz Josef Strauß und er einander in verbissener Hassliebe verbunden blieben, kam ja nicht von ungefähr.

Aus dieser inneren Spannung entstanden Augsteins kühne und überraschend vielschichtige Charakterisierungen von Personen, sein Gespür für verquere Motive, für die Gebrochenheit historischer Entwicklungen. Er trug die Widersprüche selbst in sich, ohne sie immer auszutragen. Moralischer Perfektionismus, gegen das Establishment gerichtete politische Überzeugungen und die Bemühung, Auflage zu machen - die drei Punkte also, die Henry Kissinger einstmals als Erklärungen für den »zuweilen schonungslosen Stil des SPIEGEL« aufzählte -, entsprachen alle dem Naturell des Herausgebers.

Er konnte, bis zum Zerreißen gespannt, vibrieren unter der Anstrengung, scheinbar Unzuvereinbarendes zusammen zu denken. Er litt unter der Vergeblichkeit, aber ihn beflügelte der Versuch. Die Gefühle, die in seine Vernunftkonstrukte nicht passen wollten, befreite er am liebsten mit Gesang. Diesen Ausweg hat ihm Wagner gewiesen.

Seit mindestens vier Jahrzehnten, so Schirrmacher, habe Rudolf Augstein »den Diskurs der Republik bestimmt«. Das ist auch dann noch richtig, wenn man hinzufügt, dass ihn dieser Diskurs in den Jahren vor der Wiedervereinigung manchmal gelangweilt hat. Manches interessierte ihn nicht mehr, vieles überließ er dem SPIEGEL.

Entgangen ist ihm nichts, als er begann, sich das Leben eines Privatgelehrten zu leisten. Denn wenn ihm etwas wirklich wichtig war, meldete er sich, bisweilen mit sehr exponierten Beiträgen, immer noch zu Wort. »Ich kann mir das als alter Mann gerade noch leisten, ich wandele am Rande der Political Correctness.«

War er eine Macht? Rudolf Augstein wiegelte ein bisschen ab, wenn er das gefragt wurde, und stimmte ein bisschen zu, wie immer. »Ach, ich war keine Macht, ich war eine halbe Ohnmacht.«

In Wahrheit hatte er sich als Journalist nie nur als Warner verstanden, sondern immer auch als Täter: »Man will ja nicht nur Kassandra sein und das Unglück prophezeien.«

Jetzt überließ er die Macht, die seinem SPIEGEL nachgesagt wurde, den Redakteuren. Sie sollten durch aufklärendes Schreiben und richtiges Informieren Veränderung bewirken. In einem Fernsehinterview hatte er schon 1967 gesagt: »Wenn Einfluss auf die Geister Macht ist, dann hat der Journalist auch Macht. Man mag die Macht für begrenzt halten. Ich halte sie für ziemlich begrenzt. Aber zweifellos übt auch der Journalist Macht aus. Und das will er. Dagegen ist ja nichts zu sagen, so wenig, wie wenn ein Politiker die Macht für sich und für seine Sache erstrebt.«

Das war, sozusagen, seine journalistische Botschaft nach außen. Sie gilt. Seine Mahnung nach innen, an die eigenen Leute, hatte er noch früher formuliert, 1953 nämlich und ausgerechnet vor dem kapitalistischen Rhein-Ruhr-Klub in Düsseldorf. Auch sie ist aktueller denn je:

»Welche Hauptgefahr gibt es für den SPIEGEL? Nun, dass er das Wichtige zu Gunsten des Interessanten vernachlässigt. Dass er nicht die Wirklichkeit, sondern die Raritäten der Wirklichkeit spiegelt. Dies, offen gesprochen, ist die einzige wirkliche Gefahr, die ich für den SPIEGEL sehe.«

Rudolf Augstein, der gewiss nicht gering gedacht hat von seinen Fähigkeiten und seinen Leistungen, hätte nicht gewollt, dass ihm nach seinem Tode nur Gutes nachgesagt wird: Dass die Toten immer gut sind, hielt er »für das Dümmste, was es gibt«.

Er wusste aber schon zu Lebzeiten, dass er ein gelungenes Stück deutscher Geschichte geworden war. JÜRGEN LEINEMANN

* Oben links: Rudolf auf dem Arm seiner Schwester Margret, mitGeschwistern Anneliese, Irmgard und Josef (um 1925); oben rechts:als etwa Dreieinhalbjähriger (um 1927); unten:Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasium in Hannover-Linden.* Oben: 2. v. l., mit Geschwistern Anneliese, Margret, Josefund Irmgard sowie Mutter Gertrude und Vater Friedrich; unten: mitSchwester Irmgard (M.).* Im September 1974, nach dem Rücktritt des SPD-Vorsitzendenals Bundeskanzler, in dessen norwegischem Urlaubsort Hamar.* Mit dem DDR-Schriftsteller Stefan Heym, bei einem Empfang desSPIEGEL im Ermelerhaus 1974.

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