Juni 1998 »Gestatten, Dschingis Khan«
Wenn sie mit ihrer Herde zur nächsten Weide wanderten, gelegentlich mal in der Stadt einkauften oder sich zum Festmahl aus Stutenmilch und Fleisch mit Freunden trafen, reichte der eine Name, den die Sowjets ihnen gelassen hatten, durchweg aus: Batmunch, Halun, Lundeg. Nun aber sind 2,4 Millionen Mongolen auf der Suche nach den alten Familiennamen, die ihre Großväter getragen haben.
Gut zwei Generationen lang hat dieser Zustand der amputierten Namen gewährt - so lange, wie die Sowjets über die Mongolei herrschten.
Die alten Sippennamen gingen verloren, weil die sowjetischen Landräuber aus dem Norden Rache üben wollten für Dschingis Khan und seine Horden, die fast drei Jahrhunderte lang Rußland geknechtet hatten. Nach der Okkupation durch die Rote Armee vor 77 Jahren nahm der junge Sowjetstaat seiner ersten Kolonie die bodenständige Kultur, das hergebrachte Handwerk, die Sitten und Gebräuche.
Die Eroberer unterdrückten jegliche Erinnerung an den Nationalhelden Dschingis Khan. An die Stelle der mongolischen Schrift setzten sie 1941 noch ihr eigenes Alphabet, das kyrillische.
Und verboten wurden auch die traditionellen Familiennamen, weil die Kommunisten die starken Bande der Sippengesellschaft zerschlagen wollten: Die Loyalität zum Clan, die mehr wog als die Treue zur Partei, sollte gebrochen werden.
In anderen asiatischen Gebieten, auch im Kaukasus, gaben sich die Sowjets damit zufrieden, den islamischen Namen lediglich eine slawische Endung anzuhängen - aus Ali wurde so Alijew. Das galt aber nicht für die Mongolen, die Rußland während ihrer Herrschaft von der geistigen Entwicklung Europas abgeschnitten hatten.
Seit der Selbstauflösung des Sowjetimperiums 1991 ist es mit der kulturellen Vormundschaft vorbei. Jetzt haben landeseigene Kader das Sagen. Viele haben in der DDR studiert, an die 25 000 Mongolen sprechen deshalb auch deutsch.
Nun gilt es, nach der nationalen die individuelle Identität wiederzugewinnen. Jeder Mongole muß neuerdings in Amtspapieren den Namen der Familie neben dem des Vaters und dem eigenen Vornamen angeben. So verordnete es die regierende Koalition aus National- und Sozialdemokraten.
Doch wer weiß denn noch, wie der Urgroßvater hieß? Jeder zweite Mongole ist jünger als 20 Jahre, die Familienbindungen sind gelockert, früher als Folge der Plan-, heute der Marktwirtschaft.
Die Kommunisten hatten zudem alle einschlägigen Unterlagen und Personenstandsregister verschwinden lassen, besonders die auf Seide gestickten oder auf Pergament geschriebenen Stammbäume der Nomaden. Selbst die Eintragung einer Eheschließung beim Standesamt, das oftmals etliche Tagesreisen von der heimatlichen Jurte entfernt lag, kam zu Sowjetzeiten außer Übung.
Da wird nun Ahnenforschung zum Volkssport, Senioren sind aufgerufen, in der besonnten Vergangenheit zu kramen. »Ältere Generationen erinnern sich oft der Familiennamen, so ermuntere ich die Menschen, zu ihren Eltern oder Großeltern zurückzukehren«, sagt der Leiter des mongolischen Einwohnermeldeamts, ein Herr namens Zedew.
Im Fernsehen trommelt er für die Genealogie und verbreitet eine nach Regionen geordnete Liste mit 1300 alten mongolischen Namen, die er selbst gesammelt hat. Die Bürger sollen das Dorf besuchen, aus dem ihre Familie stammt, und anhand der Liste die Hochbetagten ausfragen, wie die eigenen Altvorderen wohl geheißen haben mögen.
Wer den Vorfahren nicht ermitteln kann oder dessen Namen überhaupt nicht mag, darf sich selber aussuchen, wie er heißen will. Zedew rechnet damit, daß viele den Namen Gurragtschaa wählen - so hieß der Mongole, den die Sowjets 1981 in einer Weltraumkapsel hatten ins All mitfliegen lassen.
Die meisten Namenlosen aber möchten ganz offenbar, daß der Erdkreis wieder in Schrecken vor ihnen zittert. Sie sähen sich, meint Zedew, am liebsten als Abkömmlinge ihres mächtigsten Ahnherrn: Gestatten, Dschingis Khan. Dessen adlige Nachkommen aber sind längst ausgerottet.
Fritjof Meyer