»Gewaltige Geldmengen begraben« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 109 / 148

»Gewaltige Geldmengen begraben«

Putins Berater Andrej Illarionow über den Wirtschaftsaufschwung
Von Jörg R. Mettke und Fritjof Meyer
• aus DER SPIEGEL 47/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Andrej Nikolajewitsch, der Internationale Währungsfonds hat sich positiv zur russischen Wirtschaftsentwicklung geäußert. Ist das ein objektives Urteil - oder ein politisches?

Illarionow: Zum ersten Mal ist eine Bewertung erfolgt, die nicht von politischen Wunschvorstellungen geprägt ist. Weil Russland nicht sehr dringend einen Kredit braucht und der IWF keinen Kredit geben muss, konnten es sich beide Seiten leisten, die Vorgänge in unserer Wirtschaft objektiver und realistischer zu beurteilen.

SPIEGEL: Das Fazit lautet: »Strong Performance«, aber enttäuschend wenig Strukturreformen.

Illarionow: Ich finde nicht, dass die russische Wirtschaft eine starke Vorstellung hingelegt hat. Auch im Blick auf das Wachstum der Weltwirtschaft und die internationalen Marktpreise hätten unsere Resultate viel prägnanter ausfallen können.

SPIEGEL: Etwa sieben Prozent Wachstum...

Illarionow: ... das liegt unter den Resultaten vieler anderer Länder. Unser großer Nachbar China verbucht dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von fast neun Prozent. Aber die Entwicklung der Weltpreise für Energieträger war für China eher negativ. Meine eigene Beurteilung des Wachstums in Russland ist also viel zurückhaltender als die des IWF.

SPIEGEL: Welchen Anteil hat der hohe Erdölpreis am derzeit günstigen Erscheinungsbild der russischen Ökonomie?

Illarionow: Einen sehr hohen. Überhaupt haben sich die Außenhandelsbedingungen insgesamt stark verbessert. Auch Preise für andere Exportgüter sind gestiegen, die Preise für Importe gesunken. Eine solche Kombination von günstigen Faktoren ist ziemlich selten in der Weltwirtschaft.

SPIEGEL: In Russland ist ein schwarzes Szenario für das Jahr 2003 in Umlauf: eine ernste Wirtschaftskrise...

Illarionow: Ich kenne nur Prognosen, was im Jahre 2003 passieren könnte, wenn Regierung, Präsident, Staatsduma und andere Machtorgane nichts unternehmen. Es geht um den Gipfelpunkt des Bedienens und Tilgens der Außenschulden, den wachsenden Verschleiß von Sachkapital und die demografische Situation.

SPIEGEL: Drei deftige Bürden.

Illarionow: Wenn wir überhaupt mit etwas große Probleme bekommen, dann ist es die Außenverschuldung. Die Geburtenquote ist zwar beträchtlich zurückgegangen, die Bevölkerung älter geworden, die Sterblichkeitsquote sehr hoch. Doch das geht vielen entwickelten Ländern so, auch Deutschland. Und all diese Probleme sind natürlich nicht auf das Jahr 2003 beschränkt.

SPIEGEL: Die finsteren Szenarien wirken sich aber bereits auf das Investitionsklima aus. Russische Geschäftspartner ausländischer Investoren stellen die Bedingung, Gewinne müssten vor 2003 schon erwirtschaftet sein, dann komme der Crash.

Illarionow: Es ist eine russische Spezialität, dass bisher keine der breit gestreuten Wirtschaftsprognosen eingetroffen ist. Seit 15 Jahren hört man ständig, Russland stehe vor einer sozialen Explosion. Bisher ist sie ausgeblieben. Andererseits passiert bei uns häufig das, was niemand vorausgesagt hat. Zum Jahresende war man auf den Ausfall der Computer weltweit gefasst, doch Russland hat das nicht berührt. Vor der Rubelabwertung im August 1998 gab es Warnungen, welche die Behörden allerdings nicht ernst genommen haben.

SPIEGEL: Sie sind gegen Kredite an den Staat, weil sie ein Haushaltsdefizit bewirken. Aber über ausländische Kredite und Investitionen in den privaten Sektor denken Sie doch anders?

Illarionow: Direkte Auslandsinvestitionen, die zur Gründung von neuen Betrieben führen, können das Wirtschaftswachstum positiv beeinflussen. Das kann für beide Seiten von Nutzen sein.

SPIEGEL: Wirtschaftsminister Gref träumt von einem Investitionsumfang in Höhe von 100 Milliarden Dollar jährlich.

Illarionow: Das ist eine Summe bar aller Vernunft, mindestens um eine Größenordnung zu hoch. Im ersten Halbjahr 2000 betrugen die direkten Auslandsinvestitionen in die russische Wirtschaft 1,79 Milliarden Dollar, das entspricht 1,8 Prozent des BIP. In Polen, Tschechien oder China waren es etwa vier Prozent.

SPIEGEL: Verfügt Russland über genug eigene Mittel für die Investitionen?

Illarionow: Jede Wirtschaft braucht ihre optimale Investitionsmenge: so viel, wie sie gerade verdauen kann, und zwar heute, unter den gegebenen Umständen. Die heutige Investitionsquote von 15 Prozent des BIP bringt viel positivere Ergebnisse als jene 35 Prozent im Jahre 1992 und die 20 Prozent des Jahres 1997. Es ist genau die Investitionsmenge, welche heute in Russland Wirtschaftswachstum bewirkt.

SPIEGEL: Was vorher darüber hinausging, war überflüssig?

Illarionow: Offensichtlich waren diese Investitionen ineffektiv und dem Wachstum sogar hinderlich. In unserem Land kann man gewaltige Geldmengen begraben, ohne Spuren zu hinterlassen.

SPIEGEL: Was ändert sich, um das Vertrauen westlicher Anleger zu gewinnen?

Illarionow: Wir haben neuerdings eine durchgängige Einkommensteuer von 13 Prozent. Kein anderes Land kann auf einen so niedrigen und einheitlichen Steuersatz verweisen.

INTERVIEW: JÖRG R. METTKE, FRITJOF MEYER

Zur Ausgabe
Artikel 109 / 148

Mehr lesen über