Gunst der Gruftis - DER SPIEGEL
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WAHLKAMPF Gunst der Gruftis

Die Stimmen der Senioren können wahlentscheidend sein. Doch der Parteienstreit um die Renten interessiert die Alten nur mäßig.
• aus DER SPIEGEL 23/1998
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Keine Versprecher, keine falschen Zahlen, nicht mal ein deplazierter Fachbegriff: »Ganz klar, sachlich und eindeutig« sei der Gast aus Saarbrücken gewesen, lobt Franz Ruland, Geschäftsführer beim Verband Deutscher Rentenversicherer (VDR).

SPD-Parteichef Oskar Lafontaine sagte vorvergangene Woche auf dem VDR-Kongreß, was die Fachleute gern hören wollten: Natürlich halte die SPD am bewährten Rentensystem fest, und überhaupt erkläre sich die Finanzkrise der Versicherung auch durch die großen Leistungen für den Aufbau in Ostdeutschland.

So »ungewöhnlich sachkundig und kompetent« wie Lafontaine sind nach Meinung der Rentenspezialisten nur leider nicht alle Sozialdemokraten.

In der SPD streiten mindestens zwei unterschiedliche Strömungen um die Zukunft der Renten. Die Modernisierer um Gerhard Schröder rütteln am alten System. Für die Generation der Schulabgänger, so der Kanzlerkandidat, »soll es nur noch eine beitragsfinanzierte Grundsicherung geben«. Sein Vertrauter Bodo Hombach machte das Problem deutlich: »Jeder weiß, daß wir eine Reform der Renten brauchen«, erklärte er, »doch es braucht 30, 40 Jahre, um ein Rentensystem umzustellen.«

Das Wahlprogramm der Partei jedoch trägt die Handschrift von Rudolf Dreßler, und darin ist weder von einer Umstellung des kompletten Systems noch von einer Senkung des Rentenniveaus auf eine Grundrente die Rede. Der Sozialexperte der SPD meint mit Blick auf den Wahlkampf: »Wir dürfen unseren Vertrauensvorsprung bei den Rentnern nicht leichtfertig verspielen.«

Doch in den Bonner Wahlkampfzentralen, die seit Wochen über Werbestrategien für die wachsende Gruppe der Seniorenstimmen grübeln, sind ganz andere Erkenntnisse über den Stellenwert des Themas Alterssicherung gereift: Die Rentendebatte interessiert die Rentner nicht mehr sonderlich.

So ergeben interne Analysen, daß sich gerade ältere Wähler - vermutlich aus Sorge um die Enkel - weit eher mit Themen wie Lehrstellenmangel und Jugendarbeitslosigkeit mobilisieren lassen und allenfalls noch die Zukunft des Gesundheitssystems für Senioren eine Rolle spielt.

Die Rente sei immer noch ein schwer verständliches Insiderthema, sagt ein Mitarbeiter der SPD-Wahlkampfzentrale »Kampa«, »aber die Folgen der Gesundheitsreform erlebt jeder, der in der Apotheke für seine Medikamente zuzahlen muß«.

Die CDU-Strategen sehen das ähnlich. »Die Rente ist eigentlich ein Jugendthema«, glaubt CDU-Generalsekretär Peter Hintze. Den meisten Alten sei klar, daß ihre Generation von der Reform der Bundesregierung kaum betroffen werde.

Außerdem macht sich in den Parteizentralen eine Erkenntnis aus der Produktwerbung breit: Wer eine ältere Kundschaft ansprechen will, sollte dabei jugendliche Werbemittel einsetzen. So hat beispielsweise FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle speziell für ältere Wähler Broschüren mit betont modischem Design aufgelegt. Sie sind bestimmt für alle, die sich von Anreden wie »liebe Senioren« und »ältere Mitbürger« nicht »so richtig angesprochen und verstanden« fühlen, sagt Westerwelle, »alles, was an Strickjacken oder Heizkissen erinnert, ist tabu«.

Als Zielgruppe hat der Generalsekretär die »Neuen Alten« ausgemacht, die auch im Ruhestand reichlich Geld und Energie für Reisen, Sport oder andere Hobbys haben. Die liberalen Spitzenpolitiker verkörperten schon durch ihre lange Amtszeit »Beständigkeit«, Außenminister Klaus Kinkel etwa erreiche in Umfragen bei älteren Frauen »Traumwerte«.

Für sich selbst erhofft Westerwelle immerhin einen »Schwiegersohn-Effekt«. Seine Prognose: »Bei den ganz Alten und den ganz Jungen kommen wir am besten an.«

Zumindest wird nach dem Kalkül der Wahlforscher auch bei den Alten der Anteil der Wechselwähler weiter steigen. Lange galt die Wählerschaft im Rentenalter selbstverständlich als Bastion der CDU, doch dieses Kalkül stimmt so nicht mehr. »Menschen über 60 sind zwar generell eher konservativ«, meint der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter, »aber entscheidender für die Stimmabgabe ist die politische Prägung einer Generation.«

Immer mehr 68er nähern sich dem (Vor-)Ruhestand, und immer mehr von ihnen bleiben auch im Alter ihren politischen Neigungen treu. Sozialdemokraten und Grüne, so Walter, würden deshalb bei den Alten zulegen.

Die wichtigste Zielgruppe beim Bonner Werben um die Gunst der Gruftis sind die eigenen Parteimitglieder. »Fast alle Wahlkampfaktionen sollen zuerst mal die eigenen Leute motivieren«, sagt ein Schröder-Berater. 240 000 Mitglieder hat allein die Altenorganisation der SPD »60 plus«, die erfolgreich auf immer mehr Mitsprache in sämtlichen Gremien der Partei drängt.

»Der durchschnittlich Berufstätige hat zwei Stunden Freizeit pro Tag, ein Rentner neun Stunden«, wirbt Vorstandsfrau Lisl Schäfer, 68. Außerdem seien die Altsozis oft seit den siebziger Jahren »organisationserfahren und kampferprobt«.

Die heutigen Studenten müssen sich um kurze Studien, Praktika und Nebenjobs in Minimalzeit mühen, die Älteren aber sind verfügbar und motiviert. »Früher gingen die Jusos für die SPD auf die Straße«, meint Schäfer, »aber heute kommen wir.«

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