IRAN Gute Nachbarschaft
Teufel kommen, Teufel gehen. Das amtliche Feindbild der Islamischen Republik Iran bleibt davon unberührt: Ausländer zur Hölle! Nur die Haßobjekte werden hin und wieder ausgewechselt.
Anfang des Monats war wieder ein Revirement fällig: Im Samstagabendprogramm des Teheraner Fernsehens verlas der im Februar verhaftete Generalsekretär der kommunistischen »Tudeh«-Partei, Nureddin Kianuri, ein Geständnis seiner Wühlarbeit gegen die gottgewollte Regierung Imam Chomeinis und seiner landesverräterischen Beziehung zur Sowjet-Union. Seit ihrer Gründung im Jahr 1941, sagte er, sei die Tudeh-Partei »ein Instrument der Spionage und des Verrats« gewesen.
Ein Plakat an der Wand hinter Kianuri zog das Resümee: »Amerika ist schlimmer als die Engländer, die Engländer sind schlimmer als Amerika, die Sowjets sind schlimmer als beide.«
Mit den Sowjets räumten vergangenen Mittwoch Generalrevolutionsanwalt Tabrisi und das Außenministerium auf: 18 Diplomaten der Kremlbotschaft bekamen 48 Stunden Frist, das Land zu verlassen. Am selben Tag wurde die Tudeh-Partei aufgelöst, ihre Mitglieder wurden aufgefordert, sich bei den Gerichten zu melden, »um ein Formular
auszufüllen«. Soviel steht fest: Der Versuch der atheistischen Weltmacht Sowjet-Union, sich mit Hilfe des iranischen Gottesstaates einen Zugang zum Indischen Ozean und zum Persischen Golf zu erschleichen, ist einstweilen gescheitert.
Kommunisten und strenggläubige Moslems hatten Anfang 1979 gemeinsam das verhaßte Schah-Regime gestürzt, später Schulter an Schulter vor der US-Botschaft an der Roosevelt Avenue den »Satan Amerika« gedemütigt (was der Kreml als ein Stück »revolutionären Weltprozesses« wertete). Doch die Gemeinsamkeiten waren schnell verbraucht. Ehe die Roten begriffen, daß die Mullahs eine ganz andere Revolution im Sinne hatten als die marxistische, hatte der große Graue mit dem schwarzen Wickel sie souverän ausmanövriert.
Die Moskau-treue Tudeh-Partei mußte um des guten Verhältnisses zur Sowjet-Union willen bis zur Selbstverleugnung Anpassung üben.
Wo immer die Vertreter des Regimes gegen die Partei der Ungläubigen agitierten, beugten sie ergeben das Haupt, auch als Chomeinis Geheimpolizisten, die von sowjetischen KGB-Agenten ausgebildet worden waren, Ende 1981 die Tudeh-Spitze von »bourgeoisen Reformisten« zu säubern begannen. Die Verbindlichkeit zahlte sich aus. Immerhin konnten die Moskaufreunde auf ihrem Marsch durch die Institutionen eine Reihe einflußreicher Positionen besetzen.
Der UdSSR gelang es, unter Ausnutzung der internationalen Isolierung des Mullah-Regimes, die Abhängigkeit der iranischen Wirtschaft vom Westen nach und nach in eine neue Abhängigkeit vom Osten umzuschmieden. Im letzten Jahr der Schah-Herrschaft buchte der Ostblock nur 5 Prozent des iranischen Warenaustausches für sich, 1981 waren es bereits 15 Prozent. Die 2,2 Millionen Tonnen Erdöl, die der Iran 1981 weit unter Weltmarktpreis in die UdSSR exportierte, waren darin nicht enthalten.
Selbst der Außenhandel mit Westeuropa ist ohne Wohlwollen der Sowjets nur schwer denkbar: Gut ein Drittel des Warenaustausches zwischen dem Iran und seinen europäischen Handelspartnern wird über das Straßen- und Schienennetz der Sowjet-Union abgewickelt.
Der iranisch-irakische Krieg hat den Trend gefördert. Die Waffen, die der Westen verweigert und die auf dem grauen Markt nicht zu haben sind, bekommen die Mullahs aus dem Osten.
Die »Politik der guten Nachbarschaft« (so die Sowjet-Nachrichtenagentur »Tass") brachte den Sowjets Gewinne, von denen die Iraner zuweilen nur auf Umwegen erfuhren. Ein aus Teheran übergelaufener hoher Sowjet-Diplomat berichtete 1981 von einem Spionage-Stützpunkt, den Moskau im iranischafghanisch-pakistanischen Länderdreieck eingerichtet hatte: Von dem Schnüffelposten konnte man tief nach Pakistan hineinhorchen und Erkenntnisse über Bewegungen der afghanischen Mudschahidin
sammeln - deren Befreiungskampf gegen die Sowjets von Chomeini offiziell unterstützt wird.
Erst aus westlichen Quellen erfuhr Teheran über die Aufstellung von 20 sowjetischen Divisionen am Schwarzen Meer, im Kaukasus und in Turkmenistan, von Ausbildungslagern in den grenznahen Provinzen in Sowjet-Mittelost, wo oppositionelle Kurden und Aserbaidschaner für den Partisanenkampf gegen die Mullahs gedrillt werden.
Ebenso aus dem Westen kamen die Hinweise auf geheime Treffs von Mitgliedern der Teheraner Sowjet-Botschaft mit führenden Köpfen der persischen Mudschahidin-Bewegung.
Teheran macht die linken Chomeini-Gegner auch verantwortlich für die Bombenanschläge der letzten Monate in Kurdistan und Iranisch-Aserbaidschan. Dann stellten Moskaus Alliierte Vietnam und Nordkorea ihre Waffenlieferungen an Teheran ein. Gleichzeitig behauptete Bagdad, Moskau habe seine Waffenlieferungen an den Irak wiederaufgenommen. Damit war das Maß voll.
Moskaus einzige Reaktion auf die Zerschlagung der Tudeh und die Ausweisung der Kreml-Diplomaten war ein scharfer Kommentar in der »Prawda«. Tudeh-Chef Kianuri muß damit rechnen, daß die Kreml-Herren ihn ebenso fallenlassen wie seinerzeit die sudanesischen Kommunisten, die 1971 mit Duldung der Sowjets von der Sudan-Armee zu Hunderten abgeschlachtet wurden.
Kianuris eigene Genossen setzen noch immer auf Zusammenarbeit mit den Mullahs. »Wenn auch unser Führer hingerichtet wird«, erklärte vergangene Woche das Tudeh-ZK-Mitglied Ahmadi in Paris, »so wird die Partei doch Ajatollah Chomeini im Kampf gegen den Imperialismus nicht im Stich lassen.«