Halberdachte Dinge - DER SPIEGEL
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HANDEL / VERBRAUCHERMÄRKTE Halberdachte Dinge

• aus DER SPIEGEL 25/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit 90 000 Mark flüchtete der Koblenzer Kaufmann Erich Stock in seinem Mercedes 250 SL aus der Verantwortung, nachdem er mit drei Verbrauchermärkten in Konkurs gegangen war.

Einzelhändler-Kollegen aus Köln, die erst vor Jahresfrist das Mönchengladbacher Filmtheater »Reichsadler« zu einem »Westend«-Einkaufszentrum umgebaut hatten, räumen jetzt die Lager durch Total-Ausverkauf.

Nach zweijährigem Gründerrausch drohen zahlreichen westdeutschen Verbrauchermärkten (V-Märkten) Krisen und Pleiten. Zu viele Händler versuchten sich in dem als zukunftsträchtig propagierten Geschäft mit sparsam eingerichteten Selbstbedienungs-Grollhallen am Stadtrand, in denen Lebensmittel, Möbel und Haushaltsgeräte ohne jeden Service für etwa zehn Prozent unter Ladenpreis feilgeboben werden. Weitläufige Parkplätze und preiswertes Benzin sollen vor allem Autokunden anlocken, die immer häufiger für die ganze Woche einkaufen. Allein im vergangenen Jahr wurde im Bundesgebiet jeden Tag ein Verbrauchermarkt gegründet, mit einer Verkaufsfläche zwischen 1000 und 20 000 Quadratmetern. Die Gesamtfläche der über 400 V-Märkte entspricht schon fast derjenigen der Warenhäuser von Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten zusammengenommen. Prophetisch kommentierte die Industrie- und Handelskammer Oldenburg vor Jahresfrist: »Die Pleiten werden schon mitgegründet.«

Von der Gründerwelle wurden Metzger und Elektrohändler ebenso ergriffen wie Möbelgroßhändler und renommierte Unternehmen der Lebensmittel-Branche, so die Konsum-Gruppe, die Filialisten Tengelmann und Stüssgen, die Ketten Spar und A & O, die Einkaufs-Genossenschaften Edeka und Rewe.

Branchen-Neulinge drängten nach. So besitzen neben der Oberhausener Kesselschmiede Deutsche Babcock & Wilcox AG zwei weitere Ruhr-Konzerne inzwischen V-Märkte: der Volksaktionärskonzern Veba, der über seine Tochter Hugo Stinnes AG an der Kölner Handelsfirma Agros beteiligt ist, und die zur Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft (GBAG) gehörende Handelsfirma Raab Karcher mit ihren »Divi«-Märkten in Wattenscheid, Wuppertal und Darmstadt.

Jagten die Kaufhallen-Besitzer anfänglich nur ortsansässigen Kleingeschäften Kunden ab, so gerieten sie mit zunehmender Zahl auch untereinander in einen Kampf um Käufer. So buhlen im württembergischen Göppingen (49 000 Einwohner) vier V-Märkte um Besucher; im westfälischen Herford drängeln sich sogar zehn Marktriesen. Am heißesten aber Ist der Konkurrenzkampf in der niederrheinischen Textilstadt Mönchengladbach, in der sich 18 Verbrauchermärkte ansiedelten, 16 davon allein im vergangenen Jahr. Billig-Mieten für leerstehende Fabrikhallen hatten die Investoren angelockt.

Die kleineren Markt-Gründer, die als Lebensmittelhändler nichts von Haushaltswaren, als Elektromeister nichts von Lebensmitteln und als Manager zuwenig von Verkaufsstrategie und Sortimentspflege Im grollen Maßstab verstanden, gerieten mehr und mehr in Bedrängnis. Ein zu dünnes Finanzpolster erlaubt ihnen auch kaum längeres Durchhalten.

Auf bessere Zeiten dürften die Fehlplaner ohnehin vergeblich warten, denn die kapitalstarken deutschen Handelsfirmen steigen jetzt erst richtig in das Geschäft mit den Großhallen ein: Die zur Lebensmittel-Kette A & O gehörende Firma Famila will bis Ende nächsten Jahres weitere 18 Verbrauchermärkte errichten, Edeka hat 20 Projekte auf dem Reißbrett, und Spar will es sogar auf 40 bringen.

Bevor sie von der potenteren Konkurrenz erledigt werden, versuchen deshalb viele Händler, ihre kränkelnden Verbrauchermärkte noch schnell loszuschlagen. Dem Warenhaus-Konzern Horten zum Beispiel wurde kürzlich ein Verbrauchermarkt-Unternehmen mit 300 Millionen Mark Jahresumsatz »für 'nen Appel und 'n Ei« (Horten-Vorstand Fritz Seydaack) angeboten. Und seit sich die Maschinenbau-Firma Deutsche Babcock & Wilcox AG Anfang dieses Jahres drei V-Markt-Ketten angliederte, kann sie sich vor Angeboten kaum noch retten. Um die Korrespondenz mit verkaufswilligen Händlern zu rationalisieren, versenden die Oberhausener einheitliche Antwortbriefe.

Inzwischen droht vielen Verbrauchermärkten der ersten Stunde neue Gefahr durch noch größere und modernere Einkaufsstätten. Absatzstrategen entwarfen bereits die nächste Entwicklungsstufe im Einzelhandel: aus Verbrauchermarkt (Stadtrandlage, Selbstbedienung, Sortiment von Billigpreis-Artikeln) und City-Warenhaus (breitgefächertes Warenangebot, geschulte Verkäufer) kombinierte riesige Selbstbedienungs-(SB)-Warenhäuser in Flachbauweise. So errichteten fünf Filial-Ketten unter Führung der Firmen Stüssgen (Köln) und Latscha (Frankfurt) in Düren, Bad Kreuznach und Sprendlingen bei Offenbach »Kaufpark«-Zentren, die neben einem Hallen-Warenhaus eine integrierte Ladenstraße mit selbständigen Fachgeschäften umfassen.

Am weitesten in die Zukunft wagte sich der Karlsruher Möbelhändler Hugo Mann mit seinen »Wertkaufcenters« in Karlsruhe und München. Allein mit dem Waren-Vorrat seines Münchner Centers (Baukosten: 15 Millionen Mark) könnten 30 Güterzüge zu je 15 Waggons gefüllt werden. Die Haupthalle ist dreimal so groß wie ein Fußballfeld.

Manns neuestes Projekt, ein Wertkauf-Center bei Wiesbaden, zu dem kürzlich der Grundstein gelegt wurde, gerät mit 29 000 Quadratmetern Verkaufsfläche ebenfalls ins Gigantische. In der Nähe der 2000 Parkplätze für Autokunden soll in Gemeinschaft mit der Holiday-Inn-Kette -- auch noch ein 200-Zimmer-Hotel gebaut werden.

Auf die westdeutsche Verbrauchermarkt-Gründermanie angesprochen, reagiert Hugo Mann gelassen: »Man findet 90 Prozent halberdachte Dinge und nur zehn Prozent Vernünftiges.«

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