Heftiger Wind - DER SPIEGEL
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Union Heftiger Wind

Die künftigen Anführer der CDU/CSU-Fraktion, Schäuble und Geißler, kommen nur schwer miteinander aus.
• aus DER SPIEGEL 30/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Deutschlands höchstem Berg, der 2962 Meter hohen Zugspitze, blickt Heiner Geißler, 61, hinunter ins Tal. Nach kräftigem Anlauf stürzt sich der Christdemokrat in die Tiefe - eingeklinkt in einen bunten Gleitschirm. 25 Minuten später landet der Hobbysportler weich auf einer Wiese in der Nähe des österreichischen Ferienorts Ehrwald.

Zur gleichen Zeit quält sich Wolfgang Schäuble, 48, in einer Rehabilitationsklinik an allerhand medizinischen Gerätschaften. Im Bonner Streß kommt die Therapie immer wieder zu kurz. Dabei ist sie überlebenswichtig für den Innenminister, der seit dem Anschlag vom 12. Oktober vergangenen Jahres querschnittsgelähmt ist. Von dieser Woche an macht er Ferien auf einer Nordseeinsel. Durchatmen, Kräfte sammeln.

Zwei Politiker, jeder im Grenzbereich eigener Leistungsfähigkeit, der eine freiwillig am Gleitschirm, kraftvollsportiv, nach schwerem K.o. mit zäher Energie hin zum politischen Comeback. Der andere notgedrungen im Rollstuhl, hoffend auf ein wenig Normalität in einer fernen Zukunft und im schweren Weg auf steiler Karriere. Beide sind seit je einander zugetan in typischer Partei-Freundschaft: Keiner traut dem anderen so recht über den Weg.

Ein prominenter Christdemokrat über das Verhältnis zwischen dem Jesuitenschüler aus Württemberg und dem protestantischen Steuerjuristen aus Baden: Als CDU-Generalsekretär habe Geißler den damaligen Kanzleramtschef Schäuble für einen Helmut Kohl ergebenen »seelenlosen Macher« gehalten, in dessen Handeln die »soziale Komponente zu kurz kommt«. Umgekehrt habe Schäuble den Mann aus dem Konrad-Adenauer-Haus »für einen illoyalen Generalsekretär gehalten, der dem Kanzler Probleme bereitet und die Koalition gefährdet«.

Und dennoch: Wenn alles so läuft wie geplant und Strippenzieher vom Kaliber Kohl nicht noch in letzter Minute dazwischenfunken, werden Wolfgang Schäuble und Heiner Geißler spätestens zu Beginn des nächsten Jahres an der Spitze der Mehrheitsfraktion im Deutschen Bundestag stehen. Schäuble als Vorsitzender und Nachfolger des verbrauchten Alfred Dregger, 70, Heiner Geißler als der gewichtigste der insgesamt acht Stellvertreter.

Die Nummer eins ist Wolfgang Schäuble, Kohls erklärter Wunschkandidat für Fraktionsvorsitz und Kanzlernachfolge, falls die Gesundheit des Kandidaten die Belastungen erträgt. Auf Platz zwei Heiner Geißler, einst Kohls gefährlichster Mann. Nichts ließ der Partei- und Regierungschef unversucht, um den früheren engen Freund und späteren scharfen Kritiker auszuschalten.

Der Kanzler verhinderte, daß sein Intimfeind 1988 Nachfolger von Bernhard Vogel als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident wurde. Noch im Januar wollte Kohl partout vermeiden, daß Geißler Fraktionsvize wurde. Erst versuchte er, ihn an die Spitze des Auswärtigen _(* Vor dem Gleitschirm-Flug auf der ) _(Zugspitze. ) Ausschusses zu locken, dann wollte er ihn als außenpolitischen Fraktionssprecher gegen den in der Fraktion beliebten Karl-Heinz Hornhues ins Rennen schicken.

Die neue Formation birgt für die Union Chance und Risiko zugleich.

Die Chance: Die Fraktion hätte wieder eine Führung. Seniorchef Alfred Dregger, Kohl als willfähriger Mehrheitsbeschaffer lange Jahre willkommen, ist inzwischen überfordert. Der alte Herr, der einst auf Wahlpostern kraftstrotzend nach Art des Italowestern-Helden »Django« zu posieren pflegte, vergißt häufig Absprachen, die er tags zuvor getroffen hat. Gelegentlich nimmt er in der Fraktion zu Themen Stellung, die bereits erledigt sind. Er verwechselt Namen, redet selbst Prominente falsch an. So versucht er seit Wochen, dem CSU-Vorsitzenden Theo Waigel den Vornamen »Thilo« einzureden.

Mit zwei politischen Schwergewichten an der Spitze, rhetorisch begabt und kompetent, kann sich die Union im Bundestag attraktiver darstellen als die SPD. Die Sozis können bislang keinen Nachfolger für den seit 1983 amtierenden Fraktionschef Hans-Jochen Vogel, 65, vorzeigen, der den Parteivorsitz resigniert niedergelegt hat.

Das Risiko: Lassen sich die beiden so gegensätzlichen Typen nicht zu einem Team vereinen, wird ihr Streit zur Hausmarke der Union. Hie der auf effizientes Management bedachte Schäuble, der für das Ansehen der CDU allein den Erfolg von Regierung und Koalition verantwortlich macht. Dort der von Ideen und Idealen besessene Geißler, der, wenn es sein muß, das Profil der eigenen Partei auch durch gezielte Konflikte mit Kanzler und Koalition schärfen will.

Das kann sich schon bald zeigen. Geißler ist fest entschlossen, den Streit mit der FDP um die Pflegeversicherung zu suchen; er will auch die von Schäuble gemeinsam mit Finanzminister Waigel und FDP-Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann um 560 Millionen Mark gekürzte Subvention für Langzeitarbeitslose erhalten wissen.

Geißler hat sich in der Fraktion Ansehen verschafft, hat das Institut des geschäftsführenden Vorstandes wiederbelebt und als politische Clearingstelle der Fraktion aufgewertet. Kollege Hornhues spendet Applaus: »Jeder, der meinte, Geißler sei weg vom Fenster, dem hat er gezeigt, daß er nicht im Ruhestand, sondern wieder im Unruhestand ist.«

Als strategischer Kopf der Union hatte sich Geißler in der Debatte um den künftigen Sitz von Parlament und Regierung zurückgemeldet. Er organisierte die Stimmungswende in der Fraktion zugunsten Berlins. Als erster aus der schwarzen Führungsriege benannte er die Folgen einer Entscheidung gegen Berlin für die Union als der »Partei der Einheit« (Kohl): »Eine Entscheidung für Bonn wäre für Berlin, für Ostdeutschland und international eine Katastrophe gewesen.«

Eine Kampfabstimmung mit ungewissem Ausgang hatte er als »unzulässiges Vabanquespiel« verworfen und deswegen seinen Kompromißplan vorgelegt: Bundestag nach Berlin, Regierung und Ministerien in Bonn. Zuerst fand der Kanzler, der es sich weder mit Bonnern noch Berlinern verderben wollte, ebenso wie Schäuble und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters Gefallen an dem Geißler-Vorschlag.

Kurz vor der Abstimmung wechselten Kohl und Schäuble die Seiten und unterstützten aus Angst vor einer Spaltung der Berliner CDU sogar eine sozialdemokratische Idee, die Umzugs-Entscheidung bis 1996 zu verschieben. Dann verloren alle. Der schwarz-rote Kompromiß erreichte nicht einmal das Plenum. Geißler zog nur 148 Stimmen; Kohl, Schäuble und Seiters enthielten sich der Stimme oder waren dagegen.

Doch danach kam Geißlers Stunde. Unterstützt von Generalsekretär Volker Rühe, ehedem wie Geißler ein Bonn-Befürworter, drehte der Fraktionsvize zahlreiche Abgeordnete um, die ursprünglich für Bonn stimmen wollten - die CSU-Prominenten Ignaz Kiechle und Michaela Geiger, den Hamburger Jürgen Echternach, die von Geißler besonders gepflegten Baden-Württemberger Matthias Wissmann, Andreas Schockenhoff und Brigitte Baumeister, den Rheinland-Pfälzer Hansjürgen Doss und den Kolping-Vorsitzenden Heinz Schemken aus Velbert im Rheinland.

Ob sich der Einsatz auch für Geißler gelohnt hat oder ob sich »der Heiner« damit unter den Bonn-Freunden zusätzliche Gegner geschaffen hat, darüber mag Fraktionskenner Hornhues noch nicht befinden: »Da brauche ich noch ein paar Sitzungswochen, um in die Fraktion hineinzuhorchen.«

Noch steht nicht fest, wann das Duell in der Spitze der Unionsfraktion beginnt. Die Entscheidung liegt bei Alfred Dregger. Er ist bis Januar 1992 gewählt. Kohl, aber auch zahlreiche Unionsabgeordnete drängen auf einen Wechsel schon in diesem Herbst. Der Dresdner Parteitag im Dezember soll dann zum Jubeltag für Schäuble und nicht zum Trauertag für Dregger werden.

Über Geißlers künftige Rolle hat allerdings der Kanzler noch ein Wort mitzureden. Würde Kohl den unbequemen Ex-General bei der fälligen Kabinettsumbildung auf einen wichtigen Posten, etwa vom Rang des Innenministers, berufen, könnte sich der nicht schon wieder verweigern.

Extratouren will sich Heiner Geißler auch künftig leisten. Am deutschen Nationalfeiertag, dem 3. Oktober, wird er jedenfalls nicht neben Kohl und Schäuble beim Festakt sitzen. Zur Feier des Tages will er wieder über die Wetterkante der Zugspitze springen, um zu zeigen, »daß zu Deutschland auch die alte Zugspitze gehört und nicht nur das neue Berlin«. Davon kann ihn nur eines abbringen: zu heftiger Wind.

* Vor dem Gleitschirm-Flug auf der Zugspitze.

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