HELLSEHER
Ihr Artikel »Gewerbe auf der Grenze« zeigt wieder einmal ganz deutlich, was in der Bundesrepublik alles möglich ist. Nachdem der Bundeskanzler mit Pinschern auf Stimmenfang ausging und es ihm damit wohl auch gelang, bei unbedarften Wählern den Haß auf die »wurzellosen Intellektuellen« und andere vaterlandslose Gesellen zu schüren, leisteten sich die beiden stark mit der CDU verbundenen »Meinungsforschungsinstitute Emnid und Allensbach einen weiteren Wahlwitz. Besorgt über eine eventuelle SPD-Regierung, die endlich einmal ernst gemacht hätte mit einer Politik der Wiedervereinigung, trieben sie mit diesem Schreckgespenst sicher eine große Herde CDU-Wähler an die Wahlurnen und verhinderten somit für weitere vier Jahre eine auf der »ratio« aufgebaute Politik. So dürfte es wohl bald nötig sein, daß neben der Aktion »Eichhörnchen« eine Aktion »Schwarzer Anzug« ins Leben gerufen wird, damit jeder Bundesbürger in angemessener Kleidung an der Beerdigung der Vernunft teilnehmen kann
Berleburg (Nordrh.-Westf.) GERHARD KÜHN
Nur schlechte Verlierer machen den Versuch, die Verantwortung für den ihnen unerwünschten Wahlausgang auf die Demoskopen abzuschieben. Hoffentlich ziehen diese aus solchen Erfahrungen den Schluß, sich bei den nächsten Wahlen einer so fragwürdigen Rolle zu entziehen. Denn Demoskopie ist keine Wahrsagekunst und kompromittiert ihr wissenschaftliches Ansehen selber, wenn
sie sich als solche mißbrauchen läßt. Die Stellungnahme des SPIEGEL geht am eigentlichen Problem vorbei. Fragwürdig ist der Mißbrauch der Demoskopie durch Demagogie, der in den letzten Wahlen auf abstoßende Weise sichtbar wurde: durch den Versuch der Parteien, den Wählei durch Spekulation auf seinen Opportunismus und seine Unfähigkeit zu selbständigem Urteil zu verwirren und zu korrumpieren. Denn echte Demokratie soll den Staatsbürger wirklich als freie Person anzusprechen suchen und von ihm ein echtes persönliches Urteil über sachliche und personale Alternativen in der Politik fordern, nicht aber zum Aberglauben an politische Hellseherei verführen, wobei sich schnurrigerweise herausstellen kann, daß eine falsche Prognose nicht für alle Partner im Wahlkampf gleich nützlich zu sein braucht, auch wenn jeder von ihnen in ihr seinen illegitimen Wahlhelfer gesehen hat.
Lüneburg PROF. DR. MAX HILDEBERT BOEHM
Weder in der Vergangenheit noch heute verspürte ich den Wunsch, meine Kollegin Frau Noelle-Neumann in der Luft zu zerreißen, auch wenn Sie eine Äußerung von mir so verstehen mußten. Ich möchte überhaupt niemanden zerreißen - weder in der Luft noch sonst irgendwo. Allenfalls möchte ich diesen Ausdruck auf Frau Noelles Argumente angewendet sehen. Sie sollte nicht ihre irrtümlichen Wahlprognosen benutzen, die glücklich vergessenen Streitfragen: Mehrthemenbefragung Ja oder Nein, die Quotenauswahl versus Wahrscheinlichkeitsauswahl, wieder aufzubringen. Es wäre besser, wenn wir erst einmal die wissenschaftliche Untersuchung der Gründe für abweichende Prognosen abwarten würden, die jetzt im Auftrage der deutschen Gesellschaft für Soziologie vorgenommen wird. Ein allgemeiner Gegensatz zwischen mir und bestimmten Instituten für Markt - und Meinungsforschung besteht übrigens nicht.
Köln PROF. DR. E. K. SCHEUCH
Universität zu Köln
Institut für vergleichende Sozialforschung
Im Interesse einer wissenschaftlichen Klärung der methodologischen Probleme, die in Zusammenhang mit dem sogenannten Kopf-an-Kopf-Rennen - das auf Grund unserer Untersuchungen nie stattgefunden hat - und den darauffolgenden Wahlprognosen aufgeworfen worden sind, ist eine sachliche Diskussion unerläßlich. Frau Prof. Noelle-Neumann hat zu unserem großen Bedauern der Polemik den Vorrang gegeben und sich auf eine Ebene der Argumentation begeben, auf der kein wissenschaftliches Gespräch aufzubauen ist. Ihre Behauptung, Divo habe aufgrund methodischer Mängel während der von ihrem Institut ausgewiesenen Kopf-an-Kopf-Periode
fälschlich einen CDU-Vorsprung prognostiziert, entbehrt jeder Begründung.
Das von uns seit Jahren mit großem Erfolg angewandte Auswahlverfahren beruht auf dem Prinzip der Zufallsstichprobe und gilt heute international als das beste, weil es erlaubt, für die erhaltenen Ergebnisse mittels mathematisch-statistischer Methoden Schwankungsbereiche anzugeben. Innerhalb dieser Schwankungsbereiche muß mit genau bestimmbarer beziehungsweise von vornherein vorgegebener Wahrscheinlichkeit der tatsächliche Wert der interessierenden Gesamtheit liegen.
Was Frau Prof. Noelle-Neumann an Argumenten zur Rechtfertigung ihrer eigenen Untersuchungsergebnisse äußert, ist, gemessen an den in der Forschung sonst geltenden Gepflogenheiten, völlig unüblich. Es gehört zu den elementarsten Grundregeln der wissenschaftlichen Beweisführung, eine aufgestellte Behauptung zu begründen. Die unbewiesenen Behauptungen, die Frau Prof. Noelle-Neumann leichtfertig und vorurteilsvoll gegen uns richtet, bedürfen eingehender methodologischer Untersuchungen; soweit sie den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben wollen.
Frankfurt EUGEN LUPRI, M. A.
Divo-Institut
Boehm*
* Emeritierter Professor für Volkstheorie und Soziologie der Universität Göttingen und ehemaliger Leiter der Ostdeutschen Akademie in Lüneburg.