»Hochgradig angespannt«
Erst waren noch Zweifel da. Der Sachse Arnold Vaatz hielt es für »misslich, wenn zwischen zwei wichtigen Leuten der CDU Dissens herrscht«. Und der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel verlangte endlich »eine Klärung in diesem Punkt«.
Die Präsidiumsmitglieder diskutierten so am vergangenen Freitag die Glaubwürdigkeit ihres Parteivorsitzenden Wolfgang Schäuble. Erstmals wollte die CDU-Spitze genauer wissen, wie es sich denn mit der 100 000-Mark-Spende des Lobbyisten Karlheinz Schreiber verhalte: Stimmt die Version Schäubles, er habe das Geld im September 1994 direkt von Schreiber erhalten - oder ist dessen Version richtig, wonach die damalige Schatzmeisterin Brigitte Baumeister das Geld erst im Oktober im Auftrag Schreibers an Schäuble übergeben hat?
Die Frage konnte nicht kontrovers diskutiert werden. Brigitte Baumeister, die offiziell die Schäuble-Version und in vertraulichen Gesprächen die Schreiber-Version stützt, war nicht erschienen - sie erholte sich noch in einem Böblinger Krankenhaus von der nervlichen Belastung der letzten Wochen. Der gewagte Spagat zwischen Loyalität und Opposition war zu viel für sie gewesen. In der aufgeladenen Atmosphäre hatten gleich Gerüchte die Runde gemacht - von einem Nervenzusammenbruch als Folge eines Erpressungsversuches war geraunt worden, sogar von einem Selbstmordversuch.
Beides wird in der Umgebung Baumeisters als »Quatsch« bezeichnet. Man habe der »hochgradig angespannten« Böblinger Abgeordneten, die in den letzten Tagen oft in Tränen ausgebrochen sei, geraten, sich abgeschirmt in einer Klinik durchchecken zu lassen. »Sie brauchte absolute Funkstille«, heißt es; nicht einmal Schäuble habe gewusst, wo sie sich aufgehalten habe.
Also einigte sich die Präsidiumsrunde schnell darauf, von nun an nur Schäuble zu vertrauen. Begründet wurde das Glaubensbekenntnis mit der Aussage Weyrauchs gegenüber den CDU-Ermittlern. Daraus ergebe sich zweifelsfrei, so die kühne These, dass der Parteivorsitzende die Wahrheit sage.
Doch wieder einmal zeigte sich, dass es die CDU offenbar gar nicht ganz genau wissen möchte. Weyrauch bestätigte nämlich nur den zweiten Teil der Schäuble-Version. Der Steuerberater erklärte, die 100 000 Mark von Schäuble letztlich entgegengenommen und sie mit Hilfe Kieps ins Vermögen der CDU überführt zu haben. Kiep habe die Tausender erst »in seine Jackentasche gesteckt« und dann über sein Privatkonto als »sonstige Einnahme der Bundesgeschäftsstelle« überwiesen. Kein Wort verlor er allerdings darüber, wann er das Geld erhalten habe - und die CDU-Ermittler fragten laut Gesprächsprotokoll auch nicht.
So bleiben die Zweifel. Und das Ende ist immer noch offen.
Schreiber droht aus Kanada: »Wenn Weyrauch im Untersuchungsausschuss behaupten sollte, er habe meine 100 000 Mark im September bekommen, werde ich ihn wegen Meineids anzeigen. Sofort.«
Baumeister, stellte einer ihrer Freunde am vergangenen Freitag fest, habe das Nachdenken gut getan: Sprache und Argumentation seien wieder klar und deutlich gewesen, sie habe sogar einen gelösten Eindruck gemacht.
Schon wurde kolportiert, die Ex-Schatzmeisterin werde wohl nicht mehr bis zu ihrer Vernehmung im Untersuchungsausschuss im April warten, sondern ihr Schweigen bald brechen - und dann Schreibers Version bekräftigen und sich als Botin des Baren outen.
JÜRGEN DAHLKAMP, MATTHIAS GEBAUER