Höchst schädlich - DER SPIEGEL
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CDU/CSU Höchst schädlich

Nachdem sie die Frage der Kanzlerkandidatur für sich entschieden hat, will die CSU-Spitze nun die Strauß-Gegner unter den Christdemokraten auf ihren Kurs bringen.
• aus DER SPIEGEL 29/1979
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Zwei Stunden lang saßen sich die Mitglieder der Strategiekommission von CDU und CSU am vergangenen Dienstag in der bayrischen Landes-Vertretung in Bonn mehr plaudernd als argumentierend gegenüber.

Hausherr Franz Josef Strauß wollte wissen, ob es nicht doch besser sei, wenn CDU und CSU bei den Parlamentswahlen 1980 mit getrennten Landeslisten bundesweit auftreten würden. Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl und die anderen Christdemokraten verneinten. Friedfertig ließ Strauß das Thema fallen. Gut, wenn die CDU nicht wolle.

Die Forderung von Kohl und dem unterlegenen Bewerber für die Unions-Kanzlerkandidatur, Ernst Albrecht, freilich, das Thema Vierte Partei müsse nun für alle Zeiten vom Tisch, beschieden Strauß und sein Bonner Landesgruppenchef Friedrich Zimmermann abschlägig. Es bleibe dabei, daß man bis zur Wahl nur »in gegenseitigem Einvernehmen« handeln werde. Danach werde man weitersehen.

Die Sitzung verlief so harmonisch, daß ein CDU-Präside seinem Mitarbeiter telephonisch mitteilen ließ, nun sei alles in Ordnung: »Der Strauß bemüht sich wirklich.«

Dann aber, Strauß hatte gerade einige Flaschen Bocksbeutel geordert, änderte sich die Situation schlagartig. Ein Gehilfe des CSU-Landesgruppenchefs reichte Zimmermann eine Meldung der »Deutschen Presse-Agentur« in den Saal. Zimmermann hat ums Wort: »Bevor wir es morgen in den Zeitungen lesen«, befand er, »müssen wir wohl noch einen Punkt klären.«

Dann trug er Wort für Wort den dpa-Text über eine Pressekonferenz des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler vor. Strauß müsse, hieß es da, die bestehenden Vorbehalte gegen seine Person abbauen. Ein Wahlsieg sei nur erreichbar durch breite Motivation aller Unionsmitglieder.

Dies war, wie mehrere CDU-Vorstandsmitglieder sich erinnerten, eine »völlig korrekte Zusammenfassung der Stimmung und des Inhalts der CDU-Vorstandssitzung« vom Vormittag.

Doch als Zimmermann genüßlich weiter zitierte, laut Geißler »würden auch an den Spitzenkandidaten Erwartungen gestellt, die erfüllt werden müßten«, sprang Strauß erregt auf. »Ich lasse mir doch solche Dinge hier nicht bieten«, donnerte der Bayer.,, Das hat In der Sitzung der Strategiekommission am Dienstag letzter woche.

ja alles keinen Sinn mehr. Wie sollen wir denn hier arbeiten?«

Erschrocken versuchte Kohl zu beschwichtigen. Er sehe gar keinen Grund zur Aufregung. Der CDU-Vorsitzende treuherzig: »Geißler hat es doch gar nicht so gemeint.« Strauß indes war nicht mehr zu bremsen. Er sah seine Chance, die CDU-Kontrahenten endgültig das Fürchten zu lehren.

Angefeuert von »Unerhört-unerhört«-Rufen des nordrhein-westfälischen Oppositionsführers und Strauß-Freundes Heinrich Köppler, steigerte er sich von Satz zu Satz: »Geht das denn schon wieder los? Muß ich ständig auf den Laufsteg?«

Er habe, wetterte der CSU-Chef, in 154 Bundestagsreden und in Tausenden Wahlversammlungen für die Union gestritten, und niemand habe ihm gesagt, daß er die Erwartungen nicht erfülle. Strauß: »Wenn die CDU ein Reizklima schaffen will, kann sie es haben.«

Die Drohung zog. Aus Furcht vor neuem Hauskrach vergaßen die CDU-Oberen, daß sie sich erst am Vormittag Einigkeit geschworen hatten. »Was Geißler hier gemacht hat«, formulierte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg, »ist höchst schädlich.«

Ernst Albrecht pflichtete seinem Kollegen bei. Er könne es einfach nicht mehr hören, daß immer wieder verlangt werde, ein Politiker müsse sich so oder so verhalten. Albrecht: »Das gehört sich nicht.«

CDU-Mann Hans Katzer schüttelte, scheinbar verzweifelt, den Kopf. Und der Hesse Alfred Dregger gab zu Protokoll, Geißlers Bericht für die Journalisten entspreche nicht dem Verlauf der Vorstandssitzung: »Ich mißbillige das Verhalten Geißlers.«

Der CDU-Generalsekretär, schon lange auf der Abschußliste von Strauß, verstand, wieder einmal, die Welt nicht mehr. Er habe doch, versuchte er zu scherzen, den Inhalt der Vorstandssitzung korrekt wiedergegeben und die Veranstaltung gar als »kleines Jubelfest für Franz Josef Strauß« geschildert.

Aber selbst Helmut Kohl, bislang stets eifriger Verteidiger seines Generalsekretärs, entzog ihm das Vertrauen. Das gemeinsame Kommuniqué über die Sitzung der Strategiekommission werde, so bestimmte er, von CDU-Seite nicht vom Generalsekretär, sondern vom Stellvertretenden Vorsitzenden Stoltenberg formuliert.

Nachdem die Unterworfenen sich lange genug in Demut geübt hatten, waren Strauß und Zimmermann zufrieden. Geschäftig diktierten sie der CDU ohne Widerspruch die nächsten Termine für ein Vierer- und ein Sechser-Gremium, die von den Bayern zur Wahlkampfvorbereitung für notwendig gehalten werden. Der CDU-Vorschlag, einen gemeinsamen Parteitag der Union über Programm und Ministermannschaft entscheiden zu lassen, wurde nicht einmal mehr erwähnt.

Zerstrittener denn je verließen die neun CDU-Strategen die Bayern-Vertretung. Wie es weitergehen soll, weiß so recht keiner von ihnen. Heiner Geißler, inzwischen auf Bergtour, überlegt, ob er sich endgültig abseilen soll.

CSU-Stratege Zimmermann arbeitet derweil schon die Marschroute für die nächsten Monate aus. Die Sommerpause soll genutzt werden, die CDU-Spitzenpolitiker in Einzelgesprächen endgültig auf Strauß-Kurs einzuschwören und einen Wahlkampfstab zu bilden. Eines steht schon fest: Geißler wird der Wahlkampfleiter nicht heißen, wahrscheinlich aber Kurt Biedenkopf.

Strauß selbst wird sich bemühen, das bisher zugkräftigste Argument von SPD und FDP zu entkräften, er sei ein innen- und außenpolitisches Sicherheitsrisiko, Er will sich mit DGB-Chef Heinz Oskar Vetter treffen und nach Moskau und Washington reisen. »Dann werden die Leute schon sehen«, frohlockte ein Strauß-Vertrauter, »daß Franz Josef weder Generalstreik noch große Krise in den Ost-West-Beziehungen bedeutet.«

Zimmermann soll sich um die in Strauß- und Albrecht-Anhänger zerfallene Fraktion kümmern. Kohl darf vorerst bleiben und als Statthalter das tun, was er schon in den letzten Wochen gemacht hat: die Rednerliste führen. Zimmermann zu Mitarbeitern: »Im September geht?s los.«

Bis dahin wollen sich der Star und sein Regisseur auch die Nordlichter Stoltenberg und Albrecht vorgeknöpft haben, deren vornehme Zurückhaltung nach der Kür von Strauß die Bayern gründlich verärgert hat.

Es gehe einfach nicht, so Strauß in der vergangenen Woche im Kreis seiner Vertrauten, daß diese zwei Herren sich auf ihre Aufgaben als Ministerpräsidenten zurückzögen und ihn nicht unterstützten. Wenigstens einer von beiden müsse in seine Mannschaft. Schließlich habe auch er sich 1976 Helmut Kohl loyal als Kandidat für die Ämter des Vizekanzlers und des Finanzministers zur Verfügung gestellt, obwohl er von den Qualitäten des Mainzers nicht überzeugt gewesen sei.

Gustl Lang, CSU-Fraktionschef im bayrischen Landtag und Mitglied der Strategiekommission, durfte den ersten öffentlichen Warnschuß in Richtung Norden feuern: »Passiven Widerstand«, so Lang, »das gibt?s in diesem Wahlkampf nicht.«

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