LUFTFAHRT Ikarus aus der Heide
Der 18. August 1903 war ein normaler Werktag, und so wurden nur wenige Spaziergänger in der Vahrenwalder Heide bei Hannover Zeugen des historischen Ereignisses: In einem seltsamen Gestell aus Rohren und Segeltuch sprang dröhnend ein Einzylindermotor an; ein Propeller mit paddelförmigen Blättern drehte sich immer schneller, schob das fragile Gefährt mit seinen drei Tragflächen über den Acker - bis es abhob, immerhin auf Hüfthöhe.
Eine kurze Strecke rang das knatternde Gefährt der Schwerkraft ab. Dann hatte die Heide den tollkühnen Piloten namens Karl Jatho wieder. »18 Meter in dreiviertel Meter Höhe. Große Freude«, notierte der 30-jährige Stadtinspektor in sein Tagebuch. Doch Hannovers Presse verschlief, was doch eine Sensation hätte sein können: dass nämlich der Deutsche Jatho als Erster weltweit ein Flugzeug mit Verbrennungsmotor in die Luft brachte.
Und so wird die Welt jetzt im 100. Jubiläumsjahr statt Jatho wohl die US-Brüder Orville und Wilbur Wright als Pioniere der Motorfliegerei feiern - obwohl die mit ihrem »Flyer« getauften Doppeldecker erst vier Monate nach dem Deutschen abhoben. Viermal starteten sie, zuerst Orville, dann Wilbur, am 17. Dezember in den Dünen von Kitty Hawk (North Carolina).
Der Wright-Jahrestag soll in den USA pompös gefeiert werden - und damit Hannover nicht noch einmal um den Ruhm des Erstfluges geprellt wird, wollen der Flughafen und ein Arbeitskreis für Technikgeschichte in den nächsten Wochen Jatho-Feiern organisieren und gar ein Replikat seines Fluggeräts auf die Räder stellen.
Dabei wissen die Organisatoren recht wenig über Jatho, den wahren Pionier. So ist unbekannt, was eigentlich den besonnenen Stadtbediensteten in die Luft trieb. Denn lange galt Jathos Liebe allein dem Fahrrad. Zwischen Lenker und Sattel gelangen ihm akrobatische Übungen, die, wie die Lokalpresse rühmte, »kaum ein zweiter Kunstfahrer Europas« zeigte.
1896 dann aber, da war er 23 Jahre alt, begann Jatho seine Experimente mit »Gleitfliegern«, indem er sich mit groben Konstruktionen von Hügeln schwang - und bald gelang es ihm zu schweben. Seine Flugdrachen wuchsen, der größte war dann der dreifach geflügelte Drachen. Als Jatho schließlich 1903 für damals stattliche 885 Mark einen Motor erstehen konnte, schraubte er ihn einfach dort hinein.
Seine Flugmaschine war freilich, wie der Pionier von der Leine selbst nur zu gut wusste, von eher trauriger Gestalt. Schon ein Windhauch reichte, sie umzuwerfen. Doch Jatho sann auf Innovationen. So stutzte der Tüftler dem Drachen, nur Tage nach dem Jungfernhüpfer, die Schwingen - aus dem Drei- wurde ein Eineinhalbdecker, die obere Fläche war dabei nur noch halb so ausladend wie die untere. Zudem rollte das Vehikel nun auf fünf statt nur auf drei Rädern.
Hinter einem Autolenkrad sitzend, lärmte Jatho mit der frisierten Version bald wieder über die Heide. Der abgespeckte Drachen trug ihn im November 1903, und damit den Wrights noch immer um Wochen voraus, drei Meter in die Höhe - und das über eine Strecke von 60 Metern. Doch Jatho war enttäuscht: »Trotz vielen Übens können längere und höhere Flüge nicht gemacht werden«, notierte er.
Im Ringen mit der Schwerkraft fehlte es dem Konstrukteur an einem besseren Motor. Bei einem Eigengewicht von 64 Kilogramm reichten die schlappen zwölf PS seines französischen Einzylinders nicht, den Jatho-Drachen zu mehr als großen Hüpfern zu bewegen.
Seine Konkurrenten in Amerika hatten da wesentlich bessere Startvoraussetzungen. Wie Jatho liebten Orville und Wilbur Wright Fahrräder. Wo der Heide-Ikarus dem Flughobby aber nur zu geben vermochte, was er von seinem bescheidenen Beamtengehalt erübrigen konnte, verfügten die Wrights über tiefere Taschen. Sie vertrieben Fahrräder aus eigener Produktion und besaßen zudem eine Druckerei.
So konnten sie es sich auch leisten, einen regelrechten Windkanal zu bauen. In ihm spürten die Wrights den Geheimnissen des Fliegens nach: Welche Tragflächenform verhieß mehr Auftrieb, wie waren die Flügelspitzen zu verdrehen, um nach Art der Vögel Kurven zu fliegen? Sie schafften es dann gar, die Flügelspitzen ihres »Flyer« mit Hilfe von Seilzügen so zu verformen, dass ihr Flieger begrenzt lenkbar war.
Am Tag ihres Erstflugs kamen sie schon bis zu 260 Meter weit. 1905, als Jatho und andere Euro-Piloten noch immer über Wiesen hopsten, demonstrierten sie einen gesteuerten Flug von 39 Minuten Dauer.
Und die US-Brüder waren clever. Während Jatho als Geschäftsmann scheiterte, vermarkteten sie ihr Know-how und gründeten die Wright Company. Als Orville 1948 nach seinen Bruder Wilbur starb, war er reich und berühmt.
Jatho brachte die Fliegerei nichts ein außer ein paar Patenten, und in den Wirren von Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik interessierte sich kaum jemand im Deutschen Reich für seine Pioniertat. Erst wenige Monate vor Jathos Tod im Dezember 1933 weihten ihm Honoratioren der Stadt Hannover ein bescheidenes Denkmal. Und die Lufthansa lud den kranken Mann zu einem Flug über Hannover ein. Danach geriet er wieder in Vergessenheit.
ULRICH JAEGER