»Immer die Kirschen verschenkt« - DER SPIEGEL
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»Immer die Kirschen verschenkt«

Per Handy überzieht der Geschäftsmann Karlheinz Schreiber Politiker in Deutschland mit Schimpftiraden und Drohungen. Will er nur von seinem Prozess ablenken, oder weiß er tatsächlich noch Brisantes?
Von Mathias Müller von Blumencron
• aus DER SPIEGEL 4/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Terminzettel vor dem Sitzungssaal des Provinzgerichts im kanadischen Toronto standen Verhandlungen gegen Drogendealer, Einbrecher, Betrüger.

Kurz nach zehn Uhr führten die Wächter einen älteren Herrn in Handschellen herein, der aussah, als hätte er die Nacht im Obdachlosenheim verbracht: tiefe Ränder unter den Augen, das hellblaue Hemd zerknittert, die Nadelstreifenhose schlabberte viel zu tief um die Beine. Die Beamten hatten ihm sicherheitshalber den Gürtel abgenommen.

Der Vorgeführte schwieg mit gesenktem Kopf. Vom Richter befragt, zuckte er mit den Schultern und murmelte knapp: »Euer Ehren, ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Das war im vergangenen September, nachdem die kanadische Bundespolizei den bayerischen Kaufmann Karlheinz Schreiber im Restaurant des Prince Hotels beim Lunch verhaftet hatte.

Ein paar Monate später, inzwischen gegen Kaution auf freiem Fuß, hat der Geschäftsmann die Sprache wiedergewonnen. »Jetzt wird zurückgeschossen«, ruft er durch sein abgegriffenes Handy nach Deutschland.

Vom Sofa seiner feinen Wohnung, vom Steuer seines Mercedes oder vom Kaffeetisch im edlen Hotel Four Seasons aus beschimpft er Staatsanwälte in Augsburg, die ihn mit Haftbefehlen jagen, als »Idioten«, den CDU-Chef Wolfgang Schäuble als »hinterhältigen Lügner«, den bayerischen Regierungschef Edmund Stoiber schlicht als »Arschloch«.

Mit gezielten Enthüllungen und Drohungen treibt der Mann, der auf den ersten Blick so bieder wirkt, die deutschen Politiker in der Parteispendenaffäre vor sich her. Der Kaufmann, der sich im selbst gewählten Exil gegen eine Auslieferung nach Deutschland wehrt, hat Vertrauten angekündigt, eine Vernehmung durch den Untersuchungsausschuss werde »eine Mordsgaudi«.

Dass Schreiber nur blufft, ist unwahrscheinlich. Der weit gereiste Bayer ist ein Meister jener Technik, die in Amerika Networking heißt. Mit einer eigentümlichen Mischung aus Charme, Rabaukentum und großzügigen Geldgaben baute er sich ein weltweites Netz von Freunden auf, deren Einfluss er gezielt für seine Geschäfte nutzte. Er wusste immer ein bisschen mehr als seine Verhandlungspartner, er gab oft ein bisschen mehr als seine Konkurrenten - und obendrein war er noch der bessere Unterhalter.

Auf Partys erschien er schon mal als Clown oder spielte auf dem Akkordeon russische Weisen. CSU-Veteranen schwärmen noch heute von den »Mordsfeten« mit Schreiber im Feriendomizil bei Nizza. Zum Kegeln erschienen Politiker wie Franz Josef Strauß und der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, Manager von Konzernen wie Thyssen und Geschäftsleute aus Amerika, Asien oder dem Orient im bayerischen Kaufering. »Den Karlheinz Schreiber wollten viele gern kennen«, erzählt ein CSU-Freund. »Denn da hörte man, dass ab und zu große Dinge liefen.«

Wie groß die Dinge tatsächlich waren, untersuchen heute Strafverfolger in min-

destens vier Ländern. Über 66 Millionen Mark Provisionen sollen durch Konten in der Schweiz und Liechtenstein geflossen sein, rechnen ihm Ermittler vor: für die Vermittlung von Airbus-Flugzeugen nach Kanada und Thailand, für den Verkauf von Hubschraubern an die kanadische Küstenwache, für Panzerverkäufe an Saudi-Arabien. Allein aus der Airbus-Vermittlung soll er zwischen 1988 und 1993 rund 23,5 Millionen Dollar bekommen haben, so steht es im Haftbefehl. Die habe er dann mit seinen Partnern geteilt: die Hälfte in die eigene Tasche, ein Viertel an den kanadischen Lobbyisten Frank Moores, jeweils ein Achtel an Max Strauß und den Airbus-Manager Stuart Iddles.

Wo das Geld wirklich gelandet ist, ist vielfach noch ein Rätsel. Dass Schreiber etliche Millionen weitergereicht hat, macht ihn jetzt nicht nur in Deutschland zum Risikofaktor. Der untersetzte Bayer mit den lebhaften Zwinkeraugen wird auch mit Regierungsaffären in Kanada, Österreich, Thailand und Arabien in Verbindung gebracht.

Ob in der CDU noch mehr kassierten, erforschen derzeit Wirtschaftsprüfer und Ermittler. Untersucht wird auch, ob der frühere kanadische Premier Brian Mulroney etwas abbekam und der österreichische Konservativenchef Wolfgang Schüssel. »Quatsch«, ruft Schreiber, »die nicht.«

Aber andere. Hinter dem Partyclown verbirgt sich ein gewiefter Geschäftsanbahner, der seine Bekanntschaften so gründlich organisierte, wie er seinen Kleiderschrank nach der Ankunft in einem Hotel bestückt. Sorgfältig ordnet er, kaum angekommen, Hemden und Strümpfe in einzelne Schrankfächer ein, selbst wenn er nur kurze Zeit bleibt. »Das muss so sein«, verriet er einmal einem Freund, der ihm verdutzt zusah. »Du musst immer die Übersicht behalten.«

So baute er ein Beziehungsgeflecht bis in die höchsten Etagen der Politik auf. Franz Josef Strauß verschaffte ihm in den achtziger Jahren den Zutritt zur Airbus-Spitze, zu Staatsempfängen und Gala-Essen. Der kanadische Premier Mulroney sorgte dafür, dass Schreiber bei seinem Deutschland-Besuch 1991 an der Tafel des Kanzlers Helmut Kohl Platz fand.

Noch heute halten die alten Bande. Ein früherer kanadischer Justizminister und ein ehemaliger Generalstaatsanwalt bürgten für seine Haftkaution. Der CSU-Generalsekretär Thomas Goppel äußerte Verständnis dafür, dass sein Freund sich vor den deutschen Behörden in Kanada in Sicherheit gebracht hätte. So mancher mag sich auch deshalb für ihn verwenden, weil Schreiber vielleicht ein bisschen zu viel weiß, als dass man es auf ein Gerichtsverfahren in Deutschland ankommen lassen sollte.

Wie man sich Freunde schafft, lernte Schreiber schon als kleiner Junge in seinem Heimatdorf Hohegeiß im Harz: In dem Provinznest kannten sie ihn als »den, der immer die Kirschen verschenkt«. Aber auch als einen, der in einer Rauferei hart wie kein anderer sein konnte. In der Welt des jungen Karlheinz gab es Freunde und Feinde, wenig dazwischen.

Später ging er nach München, wo er sich beim Innenausstatter Elsässer hocharbeitete und bald mit einem Bel-Air-Dienstwagen herumkutschierte. Er wurde Direktor einer Teppichfirma, schließlich stieg er bei einer Firma für Straßenmarkierungen ein.

Obwohl der Betrieb nicht gerade glänzend lief, verschaffte er ihm doch wichtige Kontakte in Ministerien und Kommunen. Schreibers Adressbuch füllte sich mit nützlichen Namen von Moskau bis Toronto. Er machte Geschäfte mit Kanadiern und mit Russen, denen er reflektierende Verkehrsschilder verkaufte. In die Politik zog es ihn allerdings nicht. »Du musst dich entscheiden - entweder hinter dem Vorhang oder davor«, hatte ihm einmal ein Freund geraten. Schreiber entschied sich für Back-stage.

Spätestens als es um Aufträge für Straßenmarkierungen ging, erlebte er, dass es manchmal mehr brauchte als nur das günstigste Angebot. Er zahlte und spendete, wo es nötig war. Manche durften auch mehrmals kommen wie Ernst Müller etwa, der frühere Geschäftsführer des Strauß-Wahlkreises in Landsberg. »Wenn ich was gebraucht habe, dann hab ich ihn angerufen und was gekriegt«, sagt der, »so 20 000 bis 30 000 Mark, ganz legal gegen Spendenquittung.«

Wenn Schreiber aus seinem Leben erzählt, redet er oft von vergangenen »Kriegen« und »Schlachten«. »Krieg« herrschte zwischen Boeing und Airbus, als er sich in den Achtzigern für den Airbus-Konzern verwendete. »Krieg« herrschte zwischen Thyssen und der Rüstungsabteilung des amerikanischen Autogiganten General Motors, als es ihm zur gleichen Zeit um den Bau einer Panzerfabrik am Bear Head ging, einem entlegenen Zipfel an der kanadischen Halbinsel Nova Scotia. Und richtiger Krieg herrschte, als die Araber während des Golfkriegs mit Schreibers Hilfe drei Dutzend »Fuchs«-Panzer von Thyssen kauften.

Wer einen Krieg gewinnen will, kann sich nicht an die Regeln des Friedens halten, argumentiert Schreiber. »Korruption gehört zum Leben wie Prostitution«, sagt er gern. Und fügt hinzu: »Ich habe für mein Land gekämpft, weil es gut zu mir war.«

Nun kämpft er seinen größten und vielleicht letzten Kampf, und er ist sich ganz sicher: »Den werde ich gewinnen.« Mit neuen Details belastet er gegenüber Vertrauten vor allem den CDU-Vorsitzenden Schäuble. Immer härter wird der Verdacht, dass nicht die Schatzmeisterin Brigitte Baumeister unsauber mit einer Barspende von 100 000 Mark umgegangen ist, sondern der CDU-Chef selbst.

Während Schäuble noch immer behauptet, Schreiber habe ihm die Scheine persönlich überreicht, bietet der Kaufmann vier Zeugen dafür, dass er den Umschlag mit dem Geld der Schatzmeisterin gegeben habe. Die habe es Schäuble überreicht, bei dem das Geld verschwunden sei. Auch habe er den CDU-Mann nicht am Morgen nach einem Spendenessen getroffen, sondern womöglich erst ein Dreivierteljahr später und auch nur für wenige Minuten vor einer Fraktionssitzung.

Bereits 1997 hätte Baumeister Schreiber, den sie gut kannte, außerdem von einem Vermerk berichtet, den sie auf Weisung des CDU-Chefs habe fertigen müssen. Darin habe sie angegeben, das Geld von Schäuble bekommen und dann in die Kassen der Partei weitergeleitet zu haben. In Wirklichkeit sei das Geld aber verschwunden gewesen. Schäuble habe auf dem Vermerk bestanden, als er erfuhr, dass die Schatzmeisterin Kanzler Kohl von der Barspende berichtet habe.

Zorn trifft auch den bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, dessen Behörden das Ermittlungsverfahren gegen ihn betreiben: »Der Strauß hätte das ausgetreten«, sagt er Freunden. Zu Zeiten des großen Bayern-Führers waren die Bande zur CSU jedenfalls ganz familiär. So begann Schreibers Karriere als Agent des Bundesnachrichtendienstes mit einer ganz besonderen Empfehlung: Sie kam aus dem Hause Strauß/Stoiber. Die bayerische Staatskanzlei legte dem Dienst 1983 dringend nahe, sich diesen interessanten Mann doch mal anzuschauen. Den könne man sicher gut gebrauchen.

Pullach parierte und verpflichtete den Kaufmann unter dem Decknamen »Hunne«. Viel raus kam dabei nicht. Nur auf fünf »Kontakte«, Telefonate eingeschlossen, brachte es die Quelle »Hunne« im ersten Jahr. Das war es dann auch schon. Nach ein paar weiteren Jahren als Karteileiche ging die kurze Geheimdienstkarriere des umtriebigen Lobbyisten zu Ende. Schreiber alias »Hunne« wurde abgeschaltet.

Den ehemaligen Kanzler vom Denkmal gestürzt, den Schäuble zum Wackelkandidaten gemacht, den Stoiber in der Enge - eine »irre Bilanz«, findet Schreiber. Fast sieht sich der Verfolgte als Saubermann. Nun müsste nur noch der Biedenkopf die Macht in der CDU übernehmen, dann könnte es weitergehen.

Wenigstens der sächsische Ministerpräsident hat nichts aus Toronto zu befürchten. Das sei ein prima Kerl, der verstehe sein Geschäft. »Wenn das mein Beitrag zur Geschichte ist«, sagt Schreiber vor Vertrauten, »dann können mir die Leute doch eigentlich richtig dankbar sein.«

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON

* Am 13. Juni 1991 bei einem Essen für den kanadischen PremierBrian Mulroney (links neben Kohl) in Bonn.

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