HAMBURG Immer im Boot
Der Mann hat die Ruhe weg. Auf bohrende Fragen gibt er immer wieder ausweichende und vieldeutige Antworten. Von allen Seiten wird Rudolf Lange derzeit bedrängt, doch endlich Auskunft zu geben, wem er, der Spitzenkandidat der Hamburger FDP, nach der Wahl zum Landesparlament am 23. September, an die Macht verhelfen will.
Doch stoisch sagt Lange, dass er dazu nichts sagt: »Wer mit wem nach der Wahl koaliert, wollen vorher nur Funktionäre und die Presse wissen.«
In die komfortable Rolle des Königsmachers scheint der Liberale schlüpfen zu können, weil die Meinungsforscher nach 44 Jahren SPD-geführter Regierung diesmal ein Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Lager prophezeien: Der rot-grüne Senat erreicht nach den jüngsten Umfragen keine regierungsfähige Mehrheit mehr, und die bislang oppositionelle CDU liegt bei mageren 30 Prozent. Allein mit Hilfe des rechtspopulistischen Amtsrichters Ronald Barnabas Schill und seiner Partei Rechtsstaatlicher Offensive kann sie den Wechsel kaum schaffen (siehe Grafik). Beide Lager brauchen wohl einen Dritten im Bunde - die FDP.
Freie Partnerwahl zu haben gefällt dem Freidemokraten Lange, der sein Wahlkampfkonzept aufgehen sieht: Die FDP, hatte er von Anfang an gefordert, müsse sich alle Optionen offen halten.
Sorgsam achtet Lange darauf, dass er zu beiden Blöcken Abstand hält. So geißelt er, einerseits, den rot-grünen »Versager-Senat«, schimpft jedoch, andererseits, auf die CDU, die »zwar Opposition, aber selbst auch ein Teil des Hamburger Filzes« sei - sie habe sich als »Personalvermittlung für regierungsbeeinflusste höhere Karrieren ganz gemütlich eingerichtet«.
Mit derlei Manövern glaubt der Liberale, die Klippen einer Koalitionsaussage umschiffen zu können - schließlich hat er in seinem Beruf strategisches Denken gelernt: 36 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung im März, war Lange, 59, Marineoffizier, zuletzt im Range eines Konteradmirals.
Seit Februar kommandiert er das Häuflein der 1200 Elbliberalen und will aus ihrem Platz zwischen den Lagern das Beste machen. Dabei kalkuliert Lange, dass er, wenn er eine Festlegung vermeidet, von Sympathisanten beider Seiten Stimmen bekommen könnte: von Wählern, die nach fast einem halben Jahrhundert einen anderen Senat wollen - und zugleich von Wählern, die sich nicht vorstellen können, dass die FDP mit Schill paktiert, dem Gottseibeiuns aller aufrechten Liberalen. Ein riskanter Kurs, denn die beiden Wählerpotenziale, auf die der FDP-Admiral zielt, schließen sich aus.
Eine Mehrheit der Hamburger Wähler, ermittelten die Demoskopen, will eine andere Politik - obwohl der rot-grüne Senat vor allem in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik eine ordentliche Bilanz vorweisen kann und obwohl die CDU weder programmatisch noch personell etwas aufzubieten hat außer ihrem Spitzenkandidaten Ole von Beust.
Der Herausforderer ist sogar etwas populärer als der Amtsinhaber, der Erste Bürgermeister Ortwin Runde - bei einer Direktwahl würden 43 Prozent für Beust, aber nur 41 Prozent für den Sozialdemokraten votieren. Als die letzte Meinungsumfrage mit den schlechten Prognosen für die SPD bekannt wurde, meinte Runde, da müsse die Partei wohl »noch eine Schippe drauflegen«.
Mit dem Demagogen Schill, der »ein Verderbnis für die Stadt« sei, will Runde freilich ebenso wenig öffentlich diskutieren wie die grüne Frontfrau, Wissenschaftssenatorin Krista Sager. Von Lange, so die Spitzen-Grüne, lasse sie sich schon gar nicht zu einem solchen Publikumsspektakel drängen: Runde und sie, lästerte Sager, sollten wohl »gegenüber Schill Normalität signalisieren, damit Lange im Windschatten auf seiner Beliebigkeitsschleimspur in eine Rechtsregierung schlittern kann«.
Harsch erteilt Sager einer möglichen Ampelkoalition des bisherigen Regierungsbündnisses mit den Liberalen eine Absage: Sie »persönlich« stehe »nur für Rot-Grün zur Verfügung«, basta.
SPD-Landesvorsitzender Olaf Scholz hingegen umgarnt die FDP, sie solle einem Bündnis mit Schill eine klare Absage erteilen, andernfalls werde sie »weniger Stimmen bekommen, als sie könnte«. Doch Lange lässt der Lockruf kalt: »Hinweise von anderen Parteien haben ja nicht das Ziel, dass wir mehr Stimmen bekommen.«
Zwar wollen nach der jüngsten Meinungsumfrage 53 Prozent der Wähler wissen, wohin die FDP Kurs nimmt, aber Lange blockt auch die andere Seite ab: Dass Oppositionsführer von Beust schon glaubt,
die FDP sei »mit im Boot« des so genannten »Bürgerblocks«, kontert der Ex-Admiral schmunzelnd: »Ich war schon immer im Boot - in meinem Boot, und da habe ich das Sagen.«
Nur ohne Koalitionsofferte kann er die eigene Partei beisammen halten, in der sich seit Jahren Linke und Rechte heillos befehden. Als Parteichef Guido Westerwelle kürzlich zum Landeskonvent nach Hamburg kam, staunte er über die Harmonie, die da auf einmal zu herrschen schien.
Er hätte sich »nie vorstellen können«, bekannte Westerwelle, dass der Landesverband »etwas einstimmig beschließt« - und sei es nur den Wahlaufruf zur Bürgerschaftswahl. »So etwas hat es seit 25 Jahren nicht gegeben«, bestätigte ein Zwischenrufer.
Für die Zerrissenheit straften die Hamburger die Partei bei den beiden vergangenen Wahlen ab, zuletzt 1997 mit 3,5 Prozent. Nach acht Jahren draußen vor der Rathaustür eint die Liberalen nun der dringende Wunsch, wieder hinein zu dürfen, egal an wessen Hand.
Wohin Politneuling Lange, der erst Anfang vergangenen Jahres FDP-Mitglied wurde, tendiert, ließ er immerhin schon durchblicken. Beim Parteitag im Juli bezeichnete er Schill als »Rattenfänger« und fügte hinzu: »Diesen Bock wollen wir Freien Demokraten nicht zum Gärtner machen.«
An dieser Stelle der Rede klatschte einer lange und demonstrativ: Guido Westerwelle. Dem Parteichef muss daran gelegen sein, dass vom Hamburger Urnengang ein Signal für die vier Wochen später stattfindende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ausgeht - in der Hauptstadt hat die FDP, falls überhaupt, nur eine Chance auf Regierungsteilhabe, wenn sie mit SPD und Grünen zusammengeht. Ein Bündnis mit Beusts CDU, noch dazu im Doppelpack mit Schill, wäre kein gutes Zeichen für Berlin.
Und bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr hofft die FDP-Spitze, die Grünen als Regierungspartner Gerhard Schröders verdrängen zu können. Da wäre es schon hilfreich, wenn sich die Hamburger Parteifreunde gegenüber der SPD kooperationswillig zeigten.
»Wir können doch so stark werden«, orakelt der Hamburger Chefliberale denn auch, »dass wir mit einer der beiden großen Parteien eine Regierung bilden können.« Selbst wenn die FDP ein zweistelliges Ergebnis erzielte, würde es nach allen Vorhersagen mit der CDU allein nicht reichen - wohl aber mit der SPD.
»Dazu sage ich jetzt gar nichts«, sagt Lange nur, »rechnen können wir alle.« NORBERT F. PÖTZL
* Auf dem Jahrmarkt »Hamburger Dom«.