WDR Immer provinzieller
Es sollte ein Kabinettstückchen werden. Doch als Friedrich-Wilhelm Freiherr von Sell, Intendant des größten ARD-Senders Westdeutscher Rundfunk (WDR), dem Verwaltungsrat und der Spitze seines Hauses am Dienstag vergangener Woche einen neuen TV-Chefredakteur vorschlagen wollte, wurde er voll ausgebremst.
Ehe Sell den Namen Günter Siefarth aussprechen konnte, machte Ratsvorsitzender Theodor Schwefer die Runde kleiner; er bat die WDR-Direktoren und Personaldeputierten vor die Tür des Sitzungssaals. Dann nahmen sich die Kontrolleure den schon blaß gewordenen WDR-Chef vor. »Der WDR ist ein Sender der Bürokratie geworden«, giftete einer der sieben. »Ich stelle fest, daß das Haus mit jeder Personalie immer provinzieller wird.«
Das Gremium aus drei SPD-, drei CDU-Abgeordneten und einem FDP-Mann kam überein, dem Intendanten das Heft aus der Hand zu nehmen. Nun machen sich die Verwaltungsräte selbst auf die Suche nach einem neuen Chef für den zentralen »Programmbereich I/Politik und Zeitgeschehen«.
Der alte, Theo Maria Loch von der CDU, ist spät über seine Zeit in der Waffen-SS gestolpert und scheidet Montag kommender Woche vorzeitig aus. Sein Gönner, Intendant Sell von der SPD, hat erkennbar keine Fortüne
mehr. Selbst sozialdemokratische Verwaltungsräte wollen von Sells Wiederwahl, die 1986 fällig wäre, verhindern.
Ob er bis dahin überhaupt durchhalten kann, hängt noch von einem anderen Umstand ab: Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Intendanten wegen Verdachts der Untreue.
Die Ermittlungen sollen aufhellen, unter welchen Umständen von Sell (Monatsgehalt: rund 23 000 Mark) Zuschüsse für Sicherungsmaßnahmen an seinem Landhaus im Bergischen Land bezogen hat; sie waren, am Verwaltungsrat vorbei, von dessen damaligem Chef, dem rheinischen CDU-Landtagsabgeordneten Konrad Grundmann (von Sell: »Ein tüchtiger Mann"), bewilligt worden.
Kommt es zur Anklage, dürfte das die Wendemarke in der Karriere des Intendanten sein, der schon seit geraumer Zeit schlingert. Unter der Ägide des adeligen Sozis wurde aus dem »Rotfunk« (CDU-Schimpf) ein »Todfunk« (WDR-Jargon): Immer häufiger wurden Beiträge gestoppt, geschnitten oder abgesetzt. Bürokratie, Führungsschwächen und Versorgungsfilz kennzeichnen den ARD-Sender.
Die vom Intendanten favorisierte Regionalisierung des WDR begann mit einem Flop sondergleichen. Die Nachrichten- und Magazinshow des Dritten Programms »Aktuelle Stunde« erwies sich keineswegs als »Straßenfeger« (von Sell), sondern als ausgesprochener Langweiler zwischen sieben und acht; die Einschaltquote bewegt sich unter der Woche trotz der idealen Sendezeit zwischen lächerlichen vier bis sechs Prozent.
Daß es letzte Woche im Verwaltungsrat über die Chefredakteursfrage zur Großen Koalition gegen von Sell kam, war denn auch gar nicht mehr so verwunderlich. Sells Taktieren bei der Loch-Nachfolge, für die sich zwei Fernsehleute - Dieter Kronzucker vom ZDF und Friedrich Nowottny von der ARD - anbieten, war den Räten schlicht zuviel.
Für den TV-Journalisten Kronzucker sprechen nicht nur der Proporz (er steht der CDU nahe), sondern Können und langjährige Erfahrung, auch in Diensten des WDR. Als der Intendant mal, fast pflichtschuldig, telephonisch Kronzuckers Interesse auszuloten versuchte, winkte der ZDF-Mann, so Sell, »aus persönlichen Gründen« ab - Langfristfolgen der Entführung seiner Töchter. Aber ganz abgeneigt scheint Kronzucker nicht zu sein.
Gegenüber dem Mann vom Zweiten Programm hat Friedrich Nowottny ("Bericht aus Bonn") den Vorzug, das Kölner WDR-Mutterhaus bis in die letzten Winkelzüge zu kennen. Obwohl parteilos, würde Nowottny auf dem Kölner Chefsessel von links und rechts begrüßt - wenn nicht sein derzeitiger Bonner Koadjutor Ernst-Dieter Lueg hieße, der auf dem SPD-Ticket fährt. Nowottnys Wechsel nach Köln hätte nämlich fast zwangsläufig Luegs Beförderung zum Studioboß in Bonn zur Folge, für die Christdemokraten eine kaum akzeptable Lösung.
Der SPD-Intendant hatte für den CDU-Vorbehalt offenbar Verständnis. Sell unterbreitete Nowottny der Form halber ein Angebot, das gewollt unannehmbar war: weniger Gehalt als Loch (13 600 Mark), keinen eigenen Dienst-Mercedes. Erwartungsgemäß lehnte Nowottny ab.
Jetzt, glaubte der Intendant, war wieder sein Kandidat dran: Günter Siefarth, 54, der die nötige Fernsehpraxis hat, auf der rechten Seite steht und im Funkhaus am Wallraffplatz groß geworden ist. Derzeit ist er verantwortlich für die Programmplanung, das deutsche Publikum kennt ihn vor allem an Wahlabenden als lächelnden Interpreten von Infas-Hochrechnungen.
Tagelang wurde im WDR über diese Sellsche Personal-Perspektive debattiert, und als die Mitglieder des Verwaltungsrates von ihr inoffiziell erfuhren, schlossen sie sich kurz. Nahezu alle waren sich einig, den »politisch konturlosen Siefarth schon vorzeitig zu kippen« (ein Ratsmitglied).
Dabei blieb es auch auf der Verwaltungsratssitzung am Dienstag vergangener Woche: Siefarth war kein Thema. Obgleich der Intendant laut WDR-Gesetz das Vorschlagsrecht für die Besetzung des Chefredakteurspostens besitzt, versuchen es die Räte jetzt, Paragraphen hin oder her, in eigener Regie.
Die Kandidaten sind wieder die alten. Und für den Fall, daß es in absehbarer Zeit zu keiner Klärung kommt, ist bereits eine Übergangslösung im Gespräch: Interimschef soll dann Gerd Ruge sein, derzeit Leiter des »Monitor«-Teams.