Kaiser-Manöver
Die Leute, die im französisch besetzten Freiburg/Br. über den Münsterplatz gingen, hörten den Beifall von weitem. 450 Delegierte der badischen CDU klatschten im »alten Kaufhaus« mit der knallroten Farbe und den zierlichen vergoldeten Erkertürmchen, daß es weithin über den Münsterplatz schallte So zufrieden waren sie mit der allgemeinen und speziell badischen christlich-demokratischen Politik.
Als auf einer der Sitzungen ein Delegierter die Regierung sanft zu kritisieren wagte, stand das ganze CDU-Kabinett auf und marschierte hinaus. Staatspräsident Leo Wohleb müsse dringend nach Basel, wurde das begründet. Das Kabinett mußte nicht nach Basel. Vorsorglich hielt es sich trotzdem außerhalb des Saales und der Kritik.
Aus der Nähe zu hören, was Badens christliche Demokraten sich zu erzählen hatten, war mehr als schwierig. Die Einlaßkontrolle lochte die Zulassungskarten und fahndete nach Unerwünschten.
Erst eine Viertelstunde vor Schluß der drei Parteitags-Tage bekam die Einmütigkeit einen Stoß. Dr. Wilhelm Eckert, Parteitagsvorsitzender und Finanzminister von Baden, meinte, nun sei keine Zeit mehr, die 80 eingegangenen Anträge zu beraten. Nur der Antrag des Landtagsabgeordneten Schäuble aus Hornberg wurde debattiert. Der wollte einen alten Parteibeschluß aufgehoben wissen, nach dem Zusammenkünfte von mehr als fünf CDU-Leuten der Parteileitung gemeldet werden müssen. Des Hornbergers Wunsch wurde mit den 79 anderen an den Hauptvorstand verwiesen. Der soll weiter beraten. Vielleicht bis zum nächsten Parteitag.
Der stellvertretende Landesvorsitzende Dichtel - der Landesvorsitzendenstuhl wird immer noch für Staatspräsident Leo Wohleb freigehalten - kam vor den 3000 massenversammelten Freiburgern in der Wagenhalle in der Urbachstraße gleich auf den Clou des Tages: Jakob Kaiser aus Berlin. Ein Blasorchester bließ die »Orpheus«-Ouvertüre.
Dann Kaiser. Wie immer stemmte er beim Sprechen die Hände in die Hüften. Wie immer sagte er »Meine Freunde«. Er machte keine Verbeugung, nicht nach Ost und nicht nach West. »Ich weiß um die verhaltene Sorge der hiesigen Besatzung mir gegenüber, weil ich das Gesetz des deutschen Volkskörpers und der deutschen Zusammengehörigkeit achte.« Dann ein Kaiser-Manöver gegen alle Parteien: »Noch keiner Partei ist es gelungen, die rechte soziale Aktivität zu entwickeln.«
Auch mit der CDU ist Kaiser nicht unbedingt zufrieden. Es gebe überall Kräfte, die sich der Situation nicht gewachsen zeigen. Volksrat Nuschke bereite ihm »körperlichen Schmerz«.
Die Leute klatschten sich fast Blasen. »Die Sorgen Frankreichs haben unser Verständnis. Aber daraus fließen Haltungen, die Gefahren bergen.« Und: »Hitler und die Vergangenheit rechtfertigen keinen Dauerzustand. Nicht alles, was nachher geschehen ist, läßt sich mit Hitler begründen.«
Die Freiburger Gemüter waren noch ein wenig über den Faustschlag erregt, den ein französischer Besatzungsangehöriger in Zivil dem Straßenbahnschaffner Winkler von der Linie 3 vor fünf Tagen auf die Nase gegeben hatte. Der Franzose wollte einsteigen. Winkler rief »Der Wagen ist besetzt«. Da war sein Nasenbein schon zertrümmert, und das Blut strömte.
Den Freiburger Straßenbahnern platzte die Geduld. Sie fuhren ihre Wagen ins Depot und streikten einen halben Tag. Gouverneur Pène beschlagnahmte die ganze Straßenbahn, aber das nützte auch nichts, denn das Personal war längst in seinen Schrebergärten verschwunden. Nur vier Kontrolleure, die als Beamte nicht streiken durften, fuhren mit vier Wagen durch die Stadt.
Den Freiburger Stadtvätern war das zu viel, und sie gaben ihrem Oberbürgermeister, der wegen der Straßenbahngeschichte zum Stadtkommandanten Marcellin zitiert wurde, eine Protestentschließung mit. Oberbürgermeister Hoffmann brachte auch gleich noch die Militärhosen zur Sprache, welche die Quäker armen deutschen Leuten geschenkt hatten und die diesen von der französischen Gendarmerie wieder ausgezogen wurden. Sie mußten dann in Unterhosen oder noch dürftiger gekleidet nach Hause eilen. Die Franzosen sagten, das würde nun alles nicht mehr vorkommen, und der Nasenschläger würde aus Freiburg zurück nach Frankreich geschickt werden. Zur Strafe.