MONGOLEI Kaltes Herz
In Moskau wußte man schon vorher um den Machtwechsel an der fernen Ostgrenze: Bei der 45-Jahr-Feier der Schlacht von Chalchin-Gol, wo die Russen unter dem späteren Berlin-Eroberer Schukow mit Hilfe der Mongolen die Japaner besiegt hatten, fehlte Zedenbal, der Partei- und Staatschef der Mongolen.
Am nächsten Tag trat in der Mongolen-Hauptstadt Ulan-Bator der »Große Volkschural« zusammen, die oberste Beschlußkörperschaft, und »befreite« den nicht anwesenden Genossen Jumschagijn Zedenbal, 67, von allen seinen Ämtern - angesichts seines »Gesundheitszustands und nach seiner persönlichen Zustimmung«, mithin nicht auf seinen Wunsch.
Fast ein halbes Jahrhundert lang hatte Zedenbal Moskaus Interessen in der »Äußeren Mongolei« vertreten (während die »Innere Mongolei« China zugehört). Deren 1,7 Millionen Einwohner hatten unter Aufsicht einer Sowjetgarnison die kyrillische Schrift und den Marxismus-Leninismus übernehmen müssen. Die landeseigenen Lama-Priester helfen
heute als Zwangsarbeiter, die vielfältigen Bodenschätze für die UdSSR zu fördern. Ihre Gläubigen hüten in der grenzenlosen Steppe weiterhin 25 Millionen Stück Vieh, das meiste für die fleischarme UdSSR. In Ulan-Bator steht noch ein Stalin-Denkmal.
Zedenbal hatte im russischen Irkutsk eine Buchhalterlehre absolviert, ist mit einer Russin verheiratet, trat im Jahr der Chalchin-Gol-Schlacht der Partei bei und übernahm schon zwei Jahre darauf, mit 24, deren Führung.
Nach Stalins Tod vier Jahre lang nur Premier, dann wieder Parteichef, verbürgte Zedenbal die stete Moskautreue des Satellitenstaates. Vor allem unterdrückte er die Neigungen der Volksrepublik-Mongolen, sich mit der »Inneren Mongolei« wiederzuvereinigen.
Solche Tendenzen kommen aber bei Moskauer Führungsschwäche immer wieder ans Licht: Zur Zeit des Chruschtschow-Sturzes 1964 empfahl der mongolische Historiker Rintschen, die kyrillischen Buchstaben wieder abzuschaffen (er kam ins Bergwerk).
1980 offenbarte sich, daß die örtlichen Schulbücher »antisowjetische Texte« enthielten. Im Moskauer Machtkampf-Jahr 1982 wurde in Ulan-Bator erst der Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften (einer »Höhle der Korruption") ausgewechselt, weil er, um von sowjetischen Erdöllieferungen unabhängiger zu werden, in der Wüste Gobi mit Sonnenenergie experimentierte.
Dann stürzte der Präsident der Akademie: Er hatte auf die historische Zugehörigkeit der Mongolei zu China hingewiesen (bis 1911) und, so die Zensoren, der Parole »Lernen von der Sowjet-Union« nur »Lippendienste geleistet«.
Im Juli 1983 trennte sich Zedenbal auch noch von seinem Stellvertreter Schalan-Aschaw, der über Schulbücher, Presse, Akademie sowie Justiz die Aufsicht geführt hatte. Grund: »Verschwörung« und Anheizen »nationalistischer Gefühle«. Laut ZK-Resolution 316/83 hatte Schalan-Aschaw ein »kaltes Herz«.
Die Versuchungen sind allzu groß: Der nahe Nachbar China lockt. Die unter Mao sinisierte Innere Mongolei bekam ihre Nationalitätenrechte zurück, wurde als Minderheitengebiet wiederhergestellt, in dem die Landeskinder auch bei Behörden in ihrer eigenen Sprache vorstellig werden dürfen.
Der geschichtliche Nationalheld Dschingis Chan - von den Russen als Hauptschuldiger russischer Inferiorität geächtet - wurde in Peking rehabilitiert. Und die chinesische Regierung verlangte in ihren Versöhnungsgesprächen mit Moskau den Abzug der Sowjetstreitkräfte von derzeit zwei Divisionen aus der Äußeren Mongolei.
Darauf erklärte sogar Zedenbal höchst doppelbödig: Die Präsenz der Sowjettruppen falle »ausschließlich unter die Souveränität der Mongolen«.
Auf seine alten Tage suchte Zedenbal nun Entspannung mit China. Im Februar bekam der bei einem Moskaubesuch dafür von Sowjetchef Tschernenko offenbar freie Hand; im März verhandelte sein Außenminister mit dem Kollegen Gromyko in Moskau und berief sich auf die Tschernenko-Zusage.
Gleichzeitig machte die Partei die Schalan-Aschaw-Verschwörung bekannt, was vor allem in Peking Aufsehen erregte. Ebendorthin reiste im Juli der mongolische Vizeaußenminister zwecks »Entwicklung der wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Beziehungen auf der Grundlage der friedlichen Koexistenz«; ein Protokoll über die Inspektion der (kaum kontrollierbaren) Wüstengrenzen kam zustande.
Und Zedenbal, den der schwedische Botschafter bei ausgezeichneter Gesundheit antraf, fuhr in Urlaub nach Moskau - und wurde seither nicht mehr gesehen.
»Wird er in Moskau zwangsweise festgehalten?« fragte die prochinesische Zeitung »Wen Pei Po« in Hongkong und: »Ganz Europa ist nicht mehr so gehorsam wie bisher. Ostdeutschland, Polen, Ungarn - sie alle wollen unabhängig handeln.« Das Blatt spekulierte, Moskau könne »das Hähnchen schlachten, um die Affen zu warnen«.
Zedenbals Nachfolger Schambyn Batmunch, 58, Sohn eines Nomaden, war Lehrer, studierte wie die meisten mongolischen Funktionäre an einer Moskauer Parteischule und brachte es daheim zum Rektor der Uni Ulan-Bator, die wie das ganze mongolische Bildungswesen besonders emsig von der DDR gefördert wurde. Nach seinem Bildungshintergrund könnte Premier-Professor Batmunch den Reformern von der Partei-Opposition nicht allzu fernstehen.
In seiner Antrittsrede bekannte er sich zur »größtmöglichen« Kooperation »mit der großen Sowjet-Union und den anderen Ländern der sozialistischen Gemeinschaft«, zur Entwicklung brüderlicher Beziehungen mit allen anderen kommunistischen Parteien - was die Genossen Chinas einschließt. _(Im Oktober 1976 beim Empfang in Moskau. )
Batmunch dankte dem abwesenden Zedenbal für die von ihm bewirkte »Erhöhung des Ansehens des Landes in der internationalen Arena«. Allerdings: Beim Welttreffen in Los Angeles fehlten auch Mongoliens weltberühmte Ringer und Bogenschützen.
Im Oktober 1976 beim Empfang in Moskau.