KAMPFGEIST DER ARMEN - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 100 / 148

* 9. Künftige Lebenswelten * 9.1. Wohnen in Megastädten KAMPFGEIST DER ARMEN

In vielen Slums am Rande der Riesenstädte ist der Staat kaum noch aktiv. Die Menschen organisieren ihr Leben in Selbsthilfe - wie die 2,5 Millionen Bewohner der »Barriadas« von Lima.
Von Christian Habbe
• aus DER SPIEGEL 47/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An einem Hügel im Norden der peruanischen Hauptstadt Lima wächst die Halde schäbiger Hütten in Richtung Gipfel. Der Wüstenwind treibt Abfall durch die grauen Gassen, Schmutzwolken wirbeln über das Elendsquartier, das die Einheimischen »Tiwinza« nennen. Hier fristet der Ex-Soldat José Chirinos, 39, sein Leben und wünscht die Regierenden zum Teufel.

Oft genug hat er, zusammen mit Nachbarn, bei den Mächtigen vorgesprochen, um für den notdürftigen Ausbau der Siedlung Stimmung zu machen. Am Ende, sagt Chirinos, haben er und seine Leute den Bürgermeister und die Stadtverordneten sogar angebrüllt. Doch außer Versprechungen erreichten sie nichts.

Der Bulldozer, der die neue Müllgrube in den steinigen Sand fräsen sollte, ist nicht gekommen. Trinkwasser müssen sie immer noch mit Eimern bergan schleppen. Die meisten der 600 Kinder sind unterernährt und schlafen auf dem nackten Boden; wenn sie krank sind, werden sie mangels Medikamenten oft mit bäuerlichen Hausmitteln behandelt, jedes Jahr gibt es mehrere Todesfälle.

Anders als die meisten Slums der Stadt, die sich mit blumigen Bezeichnungen schminken ("Valle Tropical«, »Die Sieger« oder »Herz Jesu"), trägt »Tiwinza« die Niederlage schon im Namen; er erinnert an eine verlustreiche Schlacht in der langen Geschichte der Kriege zwischen Peru und Ecuador. Die Menschen, die hier leben müssen, wohnen im »periurbanen Bereich«, so die euphemistische Umschreibung der Entwicklungspolitiker für die Siedlungsform, die viele Städte in der südlichen Welt wie ein Gürtel aus Not und Dreck umschließt.

Weltweit sind es wohl über eine halbe Milliarde Menschen, die in Slums hausen müssen, und ihre Zahl wird noch gewaltig wachsen. Derzeit beherbergen die größeren Städte ein Drittel der Menschheit. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird es zur Mitte des 21. Jahrhunderts die Hälfte sein: Menschen, die unter dem Druck von Hunger und Katastrophen ihre ländliche Heimat verlassen und vor allem in den südlichen Megastädten Zuflucht suchen - in Quartieren, in denen oft weder Strom noch Medizin, weder Schule noch sonstige Spuren öffentlicher Fürsorge existieren. Arbeit gibt es fast nur außerhalb des offiziellen Beschäftigungssystems. Die Weltbank ermittelte, dass über die Hälfte der Stadtbewohner Südamerikas ihr Geld im »informellen Sektor« verdient - als Handlanger, Gelegenheitsjobber, als Kleinstunternehmer im Slum.

Perus Hauptstadt ist besonders hart betroffen. Von Pazifik und kahler Wüstenlandschaft umgeben, war sie einst eine natürliche Festung der spanischen Kolonialverwaltung. Heute ist die isolierte Lage von Nachteil: Wasser und Nahrung gibt es in der Umgebung kaum, die Notstandsquartiere müssen sich dicht an die Stadt schmiegen. Viele der »Barriadas« liegen an steilen Wüstenhügeln und bedecken sie mit ihren Schachtelhütten bis ganz oben.

Eine der Siedlungen, die wie »traurige Pyramiden« (so der Soziologe Mario Zolezzi) in die Höhe wachsen, grenzt nahezu direkt ans Regierungsviertel: Nur der Fluss Rímac trennt die aus Zeiten der Kolonialherren und Silberbarone stammende Prachtresidenz von der Misere. Um den Ausblick vom Präsidentenpalast nicht allzu sehr zu stören, wurden die wuchernden Elendsbehausungen bunt angestrichen.

In den meisten Slums ist »der Staat überhaupt nicht angekommen«, wie Früh-Veteran Chirinos sich ausdrückt. Und er verrät auch das Rezept, nach dem 2,5 Millionen Menschen, die in den Slum-Agglomerationen von Lima wohnen, um ihr Überleben kämpfen. Das Schlüsselwort heißt Selbsthilfe: das Entwickeln von improvisierten Strukturen da, wo die staatlichen Stellen einfach nur wegschauen.

Nicht alle schaffen es mit so viel Tatkraft wie die 200 Familien, die - aus dem Andenstädtchen San Augustín de Canín kommend - in Lima das Dorf »Corsac« besiedelt haben. Die »Caninistas« wählten einen eigenen Presidente: Nicolás Marcos Uribe, 52, der energisch zur Sache geht.

Uribe warb zwei arbeitslose Lehrkräfte an, die jetzt 80 Kinder unterrichten. Er ließ die 19-jährige Studentin Melissa zur Gesundheitsbeauftragten wählen und organisierte ihr einen medizinischen Schnellkurs in der Hauptstadt. Als der Nachbarslum vom anderen Hügelhang seinen Müll über den Gipfel zu werfen begann, sorgte der Presidente für die Umfriedung des »Corsac«, unten am Zugang sogar mit einer Mauer gegen Eindringlinge. Gegen die hilft hier kein Polizist.

Vor allem Kinderbanden stiften in der Gegend Schrecken. Überfallartig und brutal nähern sie sich ihren Raubopfern - »Pirañas« nennt sie deshalb das Volk. Eine Mutter, deren Sohn schon zweimal beraubt wurde, plädiert für harte Gegenwehr. »Man kann sie natürlich nicht einfach erschlagen«, sagt die Frau - wenngleich von tödlicher Selbstjustiz aus den Lima-Slums gelegentlich berichtet wird.

»Corsac« hat es nicht besser als die anderen Barriadas der Hauptstadt. Auch hier liegt die nächste Schule zehn Kilometer entfernt; eine Gesundheitsstation gibt es nicht in der Nähe, fünf Wasserstellen müssen fürs ganze Dorf reichen. Aber Kampfgeist ist genügend da. »Unsere Lust voranzukommen, verpflichtet uns, aktiv zu sein«, teilt der selbst gewählte Presidente mit.

Solchen Überlebenswillen von Slumbewohnern ziehen mittlerweile Städteplaner weltweit ins Kalkül. »Informelle« Siedlungen, schrieb der Berliner Weltstädtekongress »Urban 21« letzten Juli in einer Studie, gäben »oft die besseren Antworten auf die Bedürfnisse der Bevölkerung« als die standardisierten Wohnprogramme von Regierungen. Die Politiker könnten von den Selbstorganisierten »lernen, wie man es mit der städtischen Armut aufnimmt«. Sogar die Weltbank hob die »schöpferische und aktive Organisationskraft« der Slums hervor. Die Entwicklungsbehörde in Washington forderte, so viel »unerkanntes oder unterschätztes Talent« bei Förderungsprojekten effektiv einzubinden.

Die Erkenntnis der Banker ist den Slumbewohnern geläufig, sie wird täglich praktiziert. Viele suchen ihre Chance auf Minimalverdienst beim Flaschensammeln, Müllverwerten oder Autowaschen in der Stadt; wenn es mal gut läuft, winkt ein befristeter Knochenjob auf dem Bau.

Um das Leben auf der sandigen Geröllhalde durchzustehen, »muss man schon sehr kreativ sein«, sagt Sozialarbeiter Javier Huilches. Dass die Leute von »Zapallal« ("Kürbisacker") Fäkalien und Abwässer in den Sand mischen, um Blumen und Gemüse zum Wachsen zu bringen, schmückt die Nachbarschaft und scheint sehr praktisch. Huilches: »Man kann sich ja vorstellen, wie es im Hof einer Familie aussieht, die hier schon 20 Jahre wohnt und alle zwei Jahre ein neues Latrinenloch graben musste.«

Der Gesundheit am Hügel dient das nicht. Der streng riechenden Atemluft ist auch noch viel Wüstenstaub und Ölqualm beigemischt. Obwohl Bronchial- und Durchfallerkrankungen daher Dauerlast im Quartier sind, gibt es für die 200 000 Bewohner keine Klinik; so hilft sich das Volk mit »Barfußärzten«, auch wenn die oft nur Angelernte oder Quacksalber sind.

Eine viel besuchte Gesundheitsstation am Siedlungsrand verspricht, Zahnweh, Kinderkrankheiten, Frauenleiden und noch viel mehr zu kurieren, die Fassadenschrift offeriert auch »Laseranalyse«, Spritzen oder Akupunktur. »Milagro« ("Wunder") ist der Name des privaten Ladens. Ob da echte Ärzte praktizieren? »Das müsste man mal rauskriegen«, sagt Anwohner Huilches - »aber danach fragt hier sowieso niemand.«

Selbsthilfestrategien werden oft von Frauenversammlungen entwickelt - wie in der Barriada »Lomas« ("Hügel"), wo vor zweieinhalb Jahren 31 Bewohnerinnen beschlossen, aktiv zu werden. Inzwischen entsteht dort im Selbstbau sogar ein Versammlungssaal; und die Hütte, die sie daneben gerade an den Hügel kleben, soll einmal Kirche werden.

Zuallererst wurde damals eine Gemeinschaftsküche namens »Neue Hoffnung« eröffnet. Seither kocht die gelernte Näherin Bertha Velásquez, Mutter von fünf Kindern, täglich 80 Mahlzeiten, reihum unterstützt von Nachbarinnen. Inzwischen gibt es wenigstens den Reis dazu als Staatshilfe. Als nächstes soll Velásquez für die Mädchen der Umgebung eine »Schneider-Akademie« organisieren. Auch die Gründung des Kindergartens steht an, eine Betreuerin ist schon angeheuert.

Dafür muss der Gemeindesaal noch warten; der Selbstbau-Estrich liegt fertig, doch die Eckpfeiler aus Eisengeflecht rosten im Wind, Zement zum Aufschütten ist nicht in Sicht. Auch die Baustelle der Kirche ruht; es stehen erst die provisorischen Pappwände aus plattgedrückten Großkartons eines US-Chemiekonzerns. Um ein Dach aus Plastikplanen zu finanzieren, verkaufen die Initiatoren im ganzen Viertel Grillspieße mit Stücken vom Rinderherz. »Was uns hier am meisten hilft, ist die Stärke dieser Menschen«, sagt Bertha Velásquez.

Unten, wo die weitflächige Siedlung an die Schnellstraße Panamericana stößt, soll Ende November nach langem Drängen eine Delegation der Kommunalverwaltung über die schon oft versprochene Wasserzufuhr reden. Sie einzurichten wäre wohl an der Zeit für die Bewohner von »Zapallal«, von denen die ersten schon vor 50 Jahren begannen, sich hier einzugraben.

Abia Soto Tadeo, die von den Leuten in »Zapallal« gewählte Chefkoordinatorin, wird die Herren empfangen, ahnt aber jetzt schon: »Es wird nur wieder eine Täuschung sein.« Denn die Wasserleitung legt der Staat erst, wenn die Landnehmer einen der von Ämtern nur schleppend vergebenen Besitztitel für ihr Kleinterrain vorweisen; den haben aber über ein Drittel noch nicht. So müssen sie weiter beim privaten Wasserhändler kaufen, der meist nicht einmal billiger liefert als die Kommune, dafür aber garantiert verkeimte Ware.

Außerdem droht ihnen ohne Rechtstitel jederzeit die Vertreibung - eine von den Ämtern offenbar wohl kalkulierte Planungsreserve. Denn der boomende Teil Limas braucht an der Peripherie Platz für seine Gewerbe- und Shoppingzentren.

Im Süden der Stadt haben sie im Frühjahr eine Räumungsaktion abgewehrt. Die Bewohner von »Planicie« stellten ihre Bevölkerungsmehrheit - Kinder und Alte - zu einer Phalanx auf, die das Polizeiaufgebot stoppte. Seither sammelt Julio Reyes, gewählter Sekretär des Hüttendorfs am Steinhang, die Namen, Lebensdaten und Wohn-Belege der Nachbarn. Sein dickes Protokollbuch ähnelt inzwischen einer amtlichen Einwohnermeldeliste und wird, so hofft Reyes, die Behörden bald bewegen, »Planicie« zu legalisieren.

Fürs Erste engagierten die Slumbewohner einen Topografen, der mit Theodolit und Zeichenpapier einen Entwicklungsplan für den Hüttenzuwachs des Barriados gefertigt hat; sogar eine Straße namens »Camino Real« wurde eingetragen.

Noch freilich finden Feste und Dorfabstimmungen auf einer engen, ziemlich abschüssigen Freiluftterrasse statt. Gehalten wird sie von einer hohen Stützmauer aus Steintrümmern, wie sie die Andenbauern kunstvoll zu schichten verstehen.

Gelegentlich rutscht eines der Häuser dennoch in die Tiefe. Schließlich sind leichte Erdstöße an der Tagesordnung. Bausicherheit? »Darum geht es hier nicht«, sagt Sekretär Reyes, »das Problem ist, dass die Leute nicht wissen, wo sie sonst wohnen sollen.« CHRISTIAN HABBE

IM NÄCHSTEN HEFT:* 9.2. Was wird aus dem Sex?Kontakte: Die Datenautobahn - der längste Strich der WeltEssay: Besserer Sex dank künstlicher Fortpflanzung?SPIEGEL-Gespräch: Kultautor Houllebecq über Not und Tod derBegierde Befruchtung: Versandhandel mit SpendersamenDIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT:1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappeRessourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde -gefährdeter Reichtum 5. Die Zukunft der Wirtschaft 6. Technik:Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft derKultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis

Zur Ausgabe
Artikel 100 / 148

Mehr lesen über