»Kannitverstan«
Nun weint er. Auch Männer dürfen weinen. Aber dieser Helmut Kohl war früher ein lustiger Gaudi-Bursch. Was er über seine erotischen Abenteuer zum Besten gab, hätte sich zur Weitergabe an Frau Hannelore Kohl nicht geeignet.
Gut, wenn man ihn auch so noch gekannt hat. An einer Festtafel war ich, gemessen an dem damaligen Oppositionsführer Kohl, zu hoch platziert. Er bemerkte dazu: »Sie saßen ziemlich weit oben.« Meine Antwort: »In Hamburg geht es nach Geld. Hanseat kann man im Nebenberuf sein.«
Was zwingt diesen Mann dazu, möglichst alles zu zerstören, was er doch auch an Gutem geschaffen hat? Warum schadet er seiner eigenen Schöpfung, der CDU? Warum spielt er, der Elder Statesman, nun den Wüterich vom Dienst?
Beispiellos in der Geschichte ist der zwanghafte Niedergang dieses bedeutenden Politikers. Was gehört dazu, seinem Kritiker Heiner Geißler zu bescheinigen, der werde »seinen Hass mir gegenüber wohl mit ins Grab nehmen. Das steht ihm ins Gesicht geschrieben«. Hier macht er eine Anleihe beim alten Adenauer, der den Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier mit den Worten aus dem Fraktionssaal trieb: »Es ist sonderbar, dass man in den Augen eines Menschen den Hass in seinem Herzen ablesen kann.« Christliche Parteien müssen so sein.
Die ganze CDU-Führung scheint sich in Hass ergehen zu wollen. Richard von Weizsäcker ist Kohls Geschöpf. Er hat ihn zum Bundespräsidenten gemacht. Wahr ist, er hat es ihm versprochen und ihn dann ein Weilchen hängen lassen. Weizsäckers Rolle in Sachen deutsche Einheit kommt der Helmut Kohls mindestens gleich.
Er ist ja nun wirklich nicht, obwohl er das immer betont, der »Kanzler der Einheit«. Vielmehr, die Einheit kam angeschlichen wie ein Dieb in der Nacht und fand einen Kanzler Kohl vor.
Genscher schont er, er weiß zu gut, dass dessen Rolle wichtiger war als die seine. Die Gründungsväter der Einheit sitzen in Amerika. Sie förderten, was auf Dauer gar nicht zu verhindern war. Da Kohls Hauptbeweggrund Rache ist, muss er auch überall Hass vermuten.
Seine Generalsekretäre hatten offenbar nichts Besseres zu tun. Über Kurt Biedenkopf geht das umgekehrt. Er könne »die Rachegefühle nicht verbergen, die sich über viele Jahre bei ihm aufgestaut haben«. Was für ein Verein!
Angela Merkel bezweifelt, dass Kohl am meisten unter dieser (seiner) Affäre gelitten hat: »Wir alle in der Partei haben unendlich gelitten.«
»Tanze, Ukrainer«, hat Stalin dem Chruschtschow befohlen. »Mach de Aff«, rief der Ministerpräsident Kohl seinem Kultusminister zu, und der tanzte gehorsam auf dem Tisch. Dafür erntet er nun den Dank. Der eher harmlose Bernhard Vogel wird zu einem Mann titanischen Ausmaßes, »ein Glücksfall für Thüringen, ein Glücksfall für die CDU, für die Bundesrepublik«. Hat der Mann noch alle seine Sinne beisammen?
Der Grieche Herostrat wollte in die Geschichte eingehen, indem er 356 vor Christus den Artemistempel zu Ephesos anzündete. Kohl scheint es ihm gleichzutun. Er versteht einfach nicht: »Kannitverstan.«
Die Person, die in dieser schwierigen Affäre die beste Figur gemacht hat, war Hannelore Kohl. Mag ihr Ehemann sich auf die Erzählung von »Kannitverstan« versteifen, so enthüllt sich jetzt die menschliche Qualität. Der Kern dieses so genannten Tagebuchs soll Wolfgang Schäuble treffen, den treuen Knappen während langer 16 Jahre Kanzlerschaft.
Schäuble ist, so hat Kohl jetzt herausgefunden, ein Intrigant. Oberlehrer Kohl verteilt Schulzeugnisse: »Schäuble mangelhaft, Merkel ausreichend«, so die »taz«. Oberster Zensor ist genau jener Mann, der die Partei in ihre schwierigste Krise hineingesteuert hat. Dass er, wenn er die CDU prügelt, gleichzeitig die Reste seines Vermächtnisses, seines Denkmals mit zerschlägt, daran scheint er nicht zu denken. Seine Rücksichtslosigkeit kennt keine Grenzen.
So beschwert sich auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch über das »Timing« - wohl wegen der bevorstehenden Landtagswahlen. Kohl kann und will das alles gar nicht verstehen, auf gut Holländisch könnte er sagen: »Kannitverstan.«