ROCKER Krach und Leder
Zu seinem »Stiftungsfest«, dem zweiten in der noch kurzen Vereinsgeschichte, hatte der Sylter Motorrad-Klub »Storm Rider« über Ostern Gäste vom Festland -- Hamburger Rocker von den »Hell''s Angels«, wie die »Storm Rider« Freunde starker Maschinen.
Mit gemütlichem Beisammensein im angemieteten Heim eines Taubenzüchtervereins ließ sich die Jubelfeier am Karfreitag noch ganz friedlich an. Tags darauf gab es dann schon in der »Rainbow«-Bar Zoff mit den Gästen und zerschlagenes Mobiliar. Am frühen Morgen des Ostersonntags schließlich endete das Stiftungsfest mit einem Blutbad.
Aus der Diskothek »Riverboat« schräg gegenüber dem Westerländer Bahnhof waren zwei angetrunkene Hell''s Angels vom Geschäftsführer, dem 37jährigen Detlef Borrmann, hinausgefeuert worden. Die beiden holten Verstärkung, und gegen 5.20 Uhr stürmten die Höllenengel das Lokal. Detlef Borrmann starb unter Hieben und Messerstichen in Leber und Nieren. Den Kellner Klaus-Peter Ballmann, 27, verletzten die Rocker lebensgefährlich. Elf aus der Schlägertruppe wurden festgenommen, vier blieben als Hauptverdächtige in Untersuchungshaft. Aber über den Ablauf des Massakers schwiegen sich alle Stiftungsfest-Gäste bei Vernehmungen letzte Woche aus.
Bei den Ermittlern gelten die Angels, die nun so stille einsitzen, als Mitglieder »der härtesten und ältesten Rockergruppe« Hamburgs, »wenn nicht der ganzen Bundesrepublik«.
Schon einmal, am 14. April 1973, wüteten Hamburger Hell''s Angels aus ähnlich nichtigem Anlaß. Eine Horde drang damals in den Jugendkeller der Hamburger Apostelkirche ein und machte den Gemeindehelfer Dieter König, 20, durch Schläge und Messerstiche nieder, weil er zuvor geholfen hatte, drei Rocker aus dem Keller fernzuhalten. Neun Hell''s Angels wurden später verurteilt, zu drei- bis viereinhalb Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge.
Die Geschichte der Höllenengel reicht bis in die frühen 70er Jahre zurück, als überall in der Bundesrepublik, vor allem aber im Hamburger Raum, Rockerbanden Wirtschaften demolierten und Passanten überfielen. Bis 1972 war zwar die Gruppe unter dem Namen »Bloody Devils« nur einer unter Dutzenden gewalttätiger Zirkel. Dann jedoch strebten die Hamburger nach Höherem, dem Namen »Hell''s Angels«.
Der ersehnte Titel war nicht ohne Umstände zu erwerben: Die Rechte liegen bei den Hell''s Angels im kalifornischen Oakland, Keimzelle und Muttergesellschaft einer verzweigten Bruderschaft und für Rocker aller Länder der Inbegriff für Krach und Leder. Um Hell''s Angels zu werden, mußten die Bloody Devils sich erst einmal langfristig bewerben. Drei Hamburger reisten S.78 schließlich nach Kalifornien und vollzogen den Beitritt.
Seither heißen sie »Hell''s Angels MC Germany«, dürfen das offizielle Emblem -- ein behelmter Totenkopf mit Adlerschwinge -- führen und sind dem Motto der amerikanischen Vorbilder verpflichtet: »A.F.F.A.« -- Angels forever for Angels.
Insgesamt 36 Rockervereinigungen in aller Welt, überwiegend in den USA, sorgen dafür, daß sich nicht beliebige Motorradfans unbefugt mit dem Namen der Höllenengel schmücken. Aus Oakland reicht ein »langer Arm«, so weiß der Hamburger Kripo-Hauptkommissar Hans Jürgen Wolter, spezialisiert auf Rockerkriminalität.
In Europa gibt es Hell''s Angels noch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien und Holland. Als nächste Titelanwärter derzeit favorisiert: die Gruppe »Galloping Goose« aus Kopenhagen.
Angestammte wie Aufsteiger beobachten einander bei Besuchen und Gegenbesuchen, auch Hospitanten aus Bruderklubs werden aufgenommen. Die Kontaktpflege ist rege, zu einem Angels-Treffen in Hamburg kamen 1975 einmal rund 20 amerikanische Freunde. Beim Europatreffen, im Vorjahr auf Sylt, zelteten 60 Angels. Die Bauern hatten zwar ihr Weidevieh geborgen, aber die Versammlung ging friedlich zu Ende. So blieb die Polizei auf Distanz und photographierte das Treiben nur durchs Teleobjektiv.
Solche Ferne vom Objekt ist ohnedies die Crux der Ermittler: Lediglich bei den US-Gangs ist die Kriminalität vor allem im Drogen- und Zuhältermilieu belegt. In Europa dagegen fehlt exaktes Wissen über Pläne und Motivationen der Krachledernen.
Erfolgreich, so Kripo-Mann Wolter, »bemühen sie sich, einigermaßen unauffällig zu sein, schon seit Jahren«. Gewöhnlich ecken sie höchstens einmal durch Waffenbesitz oder Zuhältereiverdacht bei der Polizei an. Die Gruppen schotten sich nach außen ab, Wolter: »Im Prinzip verschwiegen gegenüber jedermann.«
Um so wortreicher ist der Umgang der Rocker untereinander geregelt. Detaillierte Satzungen legen die Beziehungen der Klubs untereinander fest, bestimmen die Aufnahmeformalitäten und Vorstandsbesetzungen, überlassen aber auch Nebensächlichkeiten nicht dem freien Spiel roher Kräfte.
In den USA gibt es Kleiderordnung und Vorschriften darüber, was ins »Clubgetränk« darf -- Drogen in der Regel nicht; Jackenembleme dürfen nicht abgerissen, scharfe Patronen nicht ins Lagerfeuer geworfen werden. Die US-Angels haben nach Polizeiermittlungen sogar Mord und Totschlag im eigenen Lager kodifiziert: »Kein Umbringen eines Mitglieds, wenn es sein Jackenemblem an sich trägt.«
Unter den Deutschen, ansonsten streng am US-Vorbild organisiert, wird darüber hinaus sogar noch bestimmt, wo die Tätowierungen zu sitzen haben: beim Angel am Oberarm, bei Angels Braut am Unterbauch, wo vor allem der eingravierte Name des Bräutigams gern gesehen wird. Für den Gruppenausschluß gelten in Hamburg gestrenge Grundsätze: »Wird ein Hell''s Angel aus dem Klub ausgestoßen, muß er sein Motorrad abgeben, seine Hell''s Angels-Tätowierung muß entfernt, notfalls am heißen Auspuff ausgebrannt werden.«
Diese rüde Vereinsmeierei wirkt prägend auf die Szene: Auch nachrangige Kleinkaliberrocker halten auf Satzungsgenauigkeit. Hell''s Angel ist ihr Idol, Aufnahme in diese Gruppe für viele ein kaum erfüllbarer Traum.
Die Fluktuation in der Gruppe ist gering. Die Hauptfiguren der Hamburger Angels knatterten zumeist schon als Bloody Devils über die Straßen. Nun sind viele verheiratet und unterhalten neben der auf 20 000-Mark-Wert hochgemotzten Harley-Davidson auch noch eine biedere Limousine.
Aus dem Klub-Vermögen wurde sogar eine Gastwirtschaft erworben. Im »Angel Place« gibt es Schultheiss vom Faß und Ausschank an jedermann. Die gereiften Klub-Mitglieder geben sich als gute Tresennachbarn. »Es setzt weniger Prügeleien«, sagt Polizist Wolter, »sie haben sich besser in der Gewalt, jedenfalls was Kleinigkeiten anlangt.«
Im Größeren dagegen ist gemeingefährliche Gewalttätigkeit nach wie vor zu erwarten. Das droht offenbar schon, wenn eine vermeintliche »Schmach zu rächen ist« (Szenenkenner Wolter). Dann, so zeigt das Wüten im »Riverboat«, hauen und stechen die Altrocker noch wie einst.
Bei körperlichen Angriffen sind die Angels offenbar besonders revanchewütig. Satzungsprinzip: »Wer einen Hell''s Angel schlägt, ist des Todes.«
S.761973 in Hamburg.*