GRÜNE Kräftig geholzt
Smart, schlank, immer proper gekleidet, die Frisur stimmt, und jedes Mal hat er ein freundliches Lächeln auf den Lippen. So wünscht sich die deutsche Mutter den idealen Schwiegersohn, und genau so gibt sich Dieter Salomon.
Natürlich muss so ein Sonnyboy zudem eine Familie ernähren können, vor allem im Süden der Republik, im Musterländle. Das kann der Mann, und womöglich wird er bald sogar Chef von rund 4000 Mitarbeitern: Salomon, 41, Noch-Fraktionsvorsitzender der Bündnis-Grünen im baden-württembergischen Landtag, hat die besten Chancen, der erste grüne Oberbürgermeister in der 200 000-Einwohner-Stadt Freiburg im Breisgau zu werden.
Gewinnt der Karrierepolitiker die entscheidende Wahl ums Freiburger Rathaus am Sonntag, könnten die Grünen bundesweit mal wieder ein respektables Ergebnis vorweisen: Noch nie gelang es ihnen, den Rathauschef einer Großstadt zu stellen.
Nach einer Serie von mittlerweile 18 Niederlagen bei Landtagswahlen könne ein Sieg Salomons gar »ein Fingerzeig vom Süden her in die Republik und für den Fortbestand der rot-grünen Bundesregierung« sein, hofft der Berliner Fraktionschef der Grünen, Rezzo Schlauch.
Mit 36,7 Prozent der Stimmen deklassierte Salomon im ersten Wahlgang am 21. April seine Mitbewerber: Die CDU-Favoritin Gudrun Heute-Bluhm packte nur 32,4 Prozent auf ihr Konto. Der Kandidat der Linksalternativen, der angesehene Rechtsanwalt Michael Moos, landete mit 14,3 Prozent genauso abgeschlagen auf den Rängen wie der SPD-Bewerber Bernhard Zepter (16,5 Prozent) - und das in einer Stadt, in der die SPD 40 Jahre lang den Oberbürgermeisterposten wie selbstverständlich besetzte.
Zepter zog als souveräner Verlierer seine Kandidatur zurück, um Salomon im zweiten Wahlgang gegen die CDU-Kandidatin nicht unnötig Stimmen zu räubern. Zudem empfahl er seinen Anhängern, nun den Grünen zu wählen.
Auch Ute Vogt, die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende, gönnt Salomon den Job. »Ich traue ihm zu, dass er ein guter Oberbürgermeister wird.« Aus vielerlei Gründen. »Es gibt in der Politik wenig attraktive Männer«, bedauert die Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, »aber der Dieter ist so einer.«
Weil Salomon nicht den Bürgerschreck markiert, sondern sagt, dass er »in der Mitte links steht«, gilt er jetzt als Favorit in der selbst ernannten Öko-Hauptstadt Deutschlands, wo sogar das Tribünendach des heimischen Dreisamstadions mit Solarzellen bestückt ist und Studenten das Stadtbild bestimmen.
In das Milieu passt der Mann bestens: Salomon hat in Freiburg studiert, Politikwissenschaft, Finanzwissenschaften und französische Literatur. Seine Promotion finanzierte er über ein Hochbegabtenstipendium. Die Doktorarbeit hatte den Titel: »Grüne Theorie und graue Wirklichkeit - warum die Basisdemokratie bei den Grünen nicht funktioniert«.
1991 beendete er die Doktorarbeit und im darauf folgenden Jahr saß Salomon, der bereits mit 22 Jahren Vater wurde, schon im Landtag. Für ihn trifft das zu, was die Grünen den Vorleuten etablierter Parteien lange vorwarfen: Er ist Berufspolitiker ohne große Brüche in der Vita, ein Pragmatiker, seit 1980 Mitglied der Grünen. »Politik ist halt geil«, sagt er.
Als vor zwei Jahren sein Fraktionschef im Landtag, Fritz Kuhn, als Parteivorsitzender nach Berlin wechselte, rückte Salomon nach. Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr leisteten sich die Grünen zum ersten Mal einen Spitzenkandidaten: Salomon. Freilich mit wenig Erfolg. Von 12,1 Prozent sackten sie auf 7,7 Prozent ab, die Fraktion wurde fast halbiert.
Doch auch nach der Niederlage blieb Salomon die unumstrittene Nummer eins. Dabei setzt er nicht gerade auf Integration der Flügel innerhalb seiner Partei. Kräftig holzt er gegen Pazifisten und Linke und beschimpft etwa den friedensbewegten grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Hermann als »Hinterbänkler ohne viel Qualität«. Wo Salomon steht, ist eindeutig: »Ich bin Oberrealo.«
In 16 Vereinen und Beiräten ist der Grüne Mitglied. So engagiert er sich als Vorsitzender des Fördervereins der Jazz- und Rockschule Freiburg, im Öko-Institut, im Universitätsbeirat.
Seiner CDU-Kontrahentin, der Verwaltungsexpertin Heute-Bluhm, 45, hingegen fehlt der Heimat-Bonus: Sie amtiert als Oberbürgermeisterin in Lörrach, wo Salomon vor sieben Jahren, freilich erfolglos, schon einmal gegen sie antrat.
Zudem kostet eine lokale Spendenaffäre die CDU Sympathie: Eine Kundenliste der Deutschen Bank war Freiburger Christdemokraten in die Hände gefallen, und die schickten den Klienten der Bank prompt Bettelbriefe.
Heute-Bluhm kämpft zwar unverdrossen weiter gegen Salomon, aber an einen Sieg glaubt in der CDU kaum noch einer. Zum Gratulieren sei es gleichwohl noch zu früh, warnt der Grüne Schlauch: »Bei aller Euphorie soll man den Tag nicht vor dem Abend loben.«
Schlauch weiß, wovon er redet. Im Oktober 1996 strebte er den Chefsessel im Stuttgarter Rathaus an. Nach dem ersten Wahlgang wähnte er sich fast am Ziel und spekulierte auf die Unterstützung der SPD-Wähler. Doch die blieb im zweiten Wahlgang aus, der CDU-Kandidat gewann. FELIX KURZ