BUNDESWEHR Lohnende Ziele
Gewehr, Klappspaten und Rucksack für Zeltplane und Marschverpflegung sind die Standardausstattung des Infanteristen - im Prinzip unverändert seit dem Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918.
Für den modernen Krieg oder Frie- denseinsätze wie in Afghanistan reicht das längst nicht mehr. Der Soldat zu Fuß, befand eine eigens installierte Arbeitsgruppe der Nato, bedarf der »Modernisierung«.
Nächste Woche feiert die Bundeswehr den »Tag der Infanterie«. Dann führen Gefreite und Unteroffiziere des Jägerlehrbataillons 353 auf dem fränkischen Übungsplatz Hammelburg ranghohen Gästen die neue Hightech-Ausrüstung vor, die besseren Schutz vor dem Feind und mehr Kampfkraft verleihen soll. Der deutsche Infanterist der Zukunft präsentiert sich als »System": Mit Schutzweste leicht gepanzert, ausstaffiert mit teurer Elektronik, voll verkabelt, auf den Schultern Antennen für Funk und Satellitennavigation. Dazu Mikrofon und Nachtsichtgerät am Helm und eine Schutzbrille gegen Granatsplitter und Laserstrahlung auf der Nase.
»Wer schneller zielt und besser trifft«, besagt eine alte Heeresdienstvorschrift, »bleibt Sieger": Laservisiereinrichtung und Wärmebildgerät am Gewehr helfen nun, potenzielle Gegner auch bei Nacht und Nebel auszumachen.
Ein ausklappbarer Minicomputer in der linken Brusttasche erlaubt es dem Infanteristen, auf einer elektronischen Landkarte seinen Standort im Gelände oder einer Ortschaft fast metergenau zu bestimmen. Er kann damit sogar Zieldaten gegnerischer Stellungen weiterfunken, zum Beispiel an die Artillerie.
Nur darf er in der Hitze des Gefechts den dünnen Stift nicht verlieren, den er braucht, um Befehle in das postkartenkleine Display zu tippen.
So vermeidet der Landser dann auch, dass er aus Versehen ins Feuer eigener Kameraden kommt: Die Artillerie, so der Infanteristenspott, kennt ja weder Freund noch Feind, sondern nur »lohnende Ziele«.
Bei einem neuen Lasergerät, das Freund und Feind unterscheiden kann, gibt es allerdings noch aparte Macken. »Freunde« erkennt der Abtastapparat anhand von Markierungen auf dem Kampfanzug. Die Nato hat aber noch keine einheitlichen Normen festgelegt. Amerikanische GIs würden als »unbekannt« identifiziert - also eher Feind.
Weil Friedensmissionen wie auf dem Balkan oft mehr betulichem Polizeidienst ähneln, bekommt das G36-Sturmgewehr des neuen Infanteristen noch ein zusätzliches Rohr im Kaliber 40 Millimeter. Aus der dicken Röhre lassen sich panzerbrechende Granaten verschießen - aber auch spezielle Munitionsarten, die weder tödlich wirken noch klaffende Wunden schlagen.
Hartgummigeschosse etwa oder klebrige Fangnetze können Aufrührer vorübergehend außer Gefecht setzen.
Tränengaspatronen gäbe es zwar auch. Aber im Gegensatz zur Polizei darf die Bundeswehr das Reizmittel nicht verwenden: Den Einsatz von Chemiewaffen verbietet das Kriegsvölkerrecht.
Rechtliche Bedenken könnten auch den Kauf einer Schnellfeuerwaffe verhindern, die Pistolen und Maschinenpistolen der Infanterie ersetzen soll. Das im Heer bevorzugte Modell (Kürzel »PDW") der Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch kann mit kleinkalibrigen Geschossen so große Wunden reißen, dass Juristen des Wehrressorts zweifeln, ob die Munition mit den Genfer Kriegsrechtskonventionen von 1977 vereinbar ist.
Bisher sind nur wenige PDW-Exemplare ausgeliefert - an das geheimniskrämerische Kommando Spezialkräfte KSK, zum Einsatz in Afghanistan.
Rund 220 000 Euro kostet es, eine Gruppe aus zehn Soldaten auf den Stand des »Infanteristen der Zukunft« hochzurüsten. Zwei Gruppen des Hammelburger Lehrbataillons testen die teure Gerätschaft jetzt unter Einsatzbedingungen im Kosovo auf Tauglichkeit für den Truppenalltag.
Erste Erfahrung: Zu den hinteren Sitzen des Standardjeeps ("Wolf") kann sich der Soldat in der voluminösen Rüstung nur durchzwängen, wenn ein Kamerad von außen nachschiebt.
Deshalb soll auch mit Konstrukteuren des neuen Radpanzers (GTK), der künftig als »Mutterschiff« für eine Infanteriegruppe dienen wird, noch einmal geredet werden.
Wenn Rüstungsstaatssekretär Walther Stützle, wie erhofft, Ende Juni die Erlaubnis gibt, möchte das Heer bis 2004 gut 10 000 Soldaten mit der neuen Kampfausrüstung versehen. Fragt sich nur, wo das nötige Geld herkommt: Die Armee hat bislang nicht einmal die Mittel, um allen Soldaten an Stelle der Uralt-Knarre G3 das neue Gewehr G36 in den Spind zu stellen. ALEXANDER SZANDAR