Luxus
Unsere Wähler würden weglaufen
Ich wünsche aufrichtig, daß dem Ansehen der kirchlichen Eminenz kein Abbruch dadurch getan wird, daß sie sich zur CDU-Prominenz gemacht hat«, sagte Minister Spiecker über den Beitritt des »Staatsbürgers Frings« zur CDU. Aber erst nach seiner Wahl zum ersten Vorsitzenden des Zentrums. Bevor die 220 delegierten Zentrumsmänner in Essen-Kupferdreh eintrafen, um den ärztlich prophezeiten Schlaganfall Brockmanns durch seine Beurlaubung vom Parteivorsitz aufzuschieben,
*) »Heil Dir Caeser - die Todgeweihten grüßen Dich« (Spruch der römischen Gladiatoren in der Arena).**) Das Zentrum ließ bereits erklären, seine positive Gesamteinstellung zur Bonner Verfassung sei in Frage gestellt, weil es zusammen mit CDU und DP im Hauptausschuß bei Kirchen- und Schulfragen überstimmt wurde. Davor schon hatte die CDU erklärt, ihre positive Gesamteinstellung sei durch die Hauptausschuß-Majorität in der Finanzfrage erschüttert. Die Alliierten diskutieren ohnehin Ablehnung. hatte Diplomat Spiecker zu diesem Thema geschwiegen.
Dafür wurde gemunkelt, daß die erzkatholischen Hüter der Zentrumstradition und früheren Oberlehrer Brockmann und Hamacher seiner Eminenz auf dem Wege in den Adenauerschen Hinterhalt folgen würden. Die Dena dienstdrahtete eine entsprechende Indiskretion, die rechtzeitig genug den Zentrumsprominenten zugesteckt wurde, um sie von dem publik gewordenen Munkelweg abzuhalten. Die Dena-Meldung lag im Saalbau Riegel auf dem Kupferdreher Vorstandstisch und gab ein stolzes Brockmann-Dementi her.
Der Parteitags-Oeffentlichkeit servierte man die Stricker-Erinnerungen an Frankfurter Abstimmungskämpfe. »Die Bevölkerung muß sich damit abfinden, daß für sehr viele Waren die Preise nicht gesenkt werden können«, hieß es darin. »Selbst wenn die Produktion auf 150 Prozent des Vorkriegsstandes gesteigert wird, kann eine Wiederherstellung des alten Lebensstandards nicht erreicht werden.« Aus diesem Grunde stehe das Zentrum den Theorien des Wirtschaftsrates mißtrauisch gegenüber. Es habe sich aber bei verschiedenen Abstimmungen der Stimme enthalten, damit der Wirtschaftsrat überhaupt arbeiten könne.
Fraktionsvorsitzender Stricker ist mit seinen drei Zentrumsmännern von der letzten Reihe des linken Flügels hinter SPD und KPD ein gewichtiger Faktor bei Kampfabstimmungen. Fraktionsmitglied Rudolf Amelunxen (Ministerpräsident a. D. und Minister in Rheinwestfalen) ist dabei Weichensteller, bekannt als Burgfriedensstifter, sozusagen als Bernadotte des Wirtschaftsrates. Immer wieder versucht er zu vermitteln, damit nicht die beiden starken Flügel des Hauses zu einem doktrinären Stellungskrieg erstarren. Die Stricker-Fraktion möchte lieber einen flüssigen Bewegungskrieg.
Sie stimmte nach der Währungsreform gegen die Planwirtschaft, enthielt sich jedoch beim letzten Mißtrauensantrag gegen Erhard der Stimme. »Um ihn so zu warnen, daß er eine Korrektur gegen die hohen Preise einführen soll«. Wechseln wollte sie den Kapitän auf voller Fahrt nicht.
Typisch war Strickers Verhalten vor dem Wirtschaftsrat. Um eine freie Abstimmung zu verhindern, deren Ergebnis mit Sicherheit Vertrauen für Schlange war, sollte er unter CDU-CSU-Parteidruck »von sich aus zurücktreten«. Stricker forderte eine Entscheidung vor dem Wirtschaftsrat und nicht »in der Dunkelkammer der CDU-CSU«. Er nennt so etwas »den Luxus ständiger innerer Kämpfe, die den Eindruck erwecken, als wenn die eine Partei immer nur auf der Lauer liege, um die andere Partei abzuschießen«.
Nach den Stricker-Erinnerungen hörte die Presse noch Brockmanns Bonner Zentrumsforderung nach Finanzhoheit für den Bund*). Dann klingelte Schulrat Brockmann und die Oeffentlichkeit hatte Pause.
Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ging es darum, wer Partei-Primus werden würde. Der alte - Brockmann - sollte und wollte nicht mehr. Er hatte aber noch einen Wunsch, nach einer guten Zensur für seinen letzten Aufsatz, das neue Parteistatut. Die Soester und Werler Beschlüsse vor drei Jahren, als das Zentrum wiedererstand, geben ihm heute keine Gewähr mehr dafür, daß es seinem Namen und dem seligen Prälaten Kaas treu bleibt. Der undoktrinäre Spiecker, ein enger Freund Strickers und realistischer Flügelmann, war ihm zu sehr für Politik mit »Bruderparteien« statt für Namenspflege. Nicht kirchlich genug, nur christlich.
Brockmann-Statut samt Verfassungsausschuß wurden vertagt. »Es muß jetzt Schluß gemacht werden. Unsere Wähler würden weglaufen, wenn sie diese Formaldebatte hier hören würden«. Auch Vorstands-Stellvertreter Hamacher konnte mit weltanschaulich-grundsätzlichen Anti-Spiecker-Hieben nichts mehr retten.
Die Delegierten hielten sich lieber an die markenfreien Käsebrote, mit denen Hugo Riegel seine Gäste versorgte. Er ist übrigens darauf angewiesen, denn er hat keine. Singspielkonzession für seinen 1500-Mann-Saalbau. Lettow-Vorbeck füllte viel besser, erinnert er sich und für den nächsten
*) Vgl. »Armes Deutschland«. Sonntag hofft er auf die Essener Kaninchenzüchter. Von den Parteien hält er nichts mehr. »Einmal hat mir gereicht.«
Seine abendliche Nudelsuppe wurde denn auch sauer. Spiecker redete - ganz kurz - die Abendbrotzeit über und erläuterte den gegnerischen Oberlehrern, warum Weltanschauung und Politik zweierlei sind: »Wir werden vergeblich Tugend predigen, wenn die Menschen in Verzweiflung sind.« Die Deutsche Zentrumspartei sei keine Interessentenpartei. »Ich habe oft den Eindruck, daß diese noch gar nicht erfaßt hat, was die Aufgabe der Mitte ist. Wir müssen wieder zu einer offensiven Politik kommen, und ich wage das Worte revolutionär.«
In den stürmischen Beifall hinein bekannte Spiecker, »wir Aelteren werden keinen dritten Weltkrieg mehr mitmachen. Das einzig Interessante ist die Kriegsgeneration«.
Schluß der Debatte verlangten spontan die Mittelfreunde, 14 weitere Redner mußten sich auf das nächste Jahr vertrösten. Mit 98 Stimmen machten sie Realist Spiecker zu ihrem Gesamtvorsitzenden. Die Parteikatholiken Brockmann und Hamacher blieben mit 41 und 14 hoffnungslos in der Minderheit.
Aber noch eine Bedingung mußten die Spiecker-Enthusiasten erfüllen: »Ob die Möglichkeit besteht, den finanziellen Bankerott abzuwenden«, wollte Spiecker wissen. Die bereitwilligst proklamierte Hoffnung des Finanzausschusses genügt ihm nicht. 50000 Mark braucht er. »Das heißt, eine freiwillige Umlage von 1 Mark pro Mitglied.«
Dann genügte er seiner Pflicht. »Ich danke besonders unserem bisherigen Vorsitzenden Brockmann, der sich im Dienste der Partei aufgerieben hat.« Vorgänger Brockmann antwortete: »Ehre und Freude - liebendes und sorgendes Herz - felsenfester Glaube - immer einig bleiben«. Seine Aemter als Fraktionsvorsitzender im nordrhein-westfälischen Landtag und im parlamentarischen Rat behält er.