AFFÄREN / REGIERUNGSBUNKER Masche in Blau
Seine Arbeit war einst Staatsgeheimnis. Nun bearbeitet ihn der Staatsanwalt.
Die Anklagebehörde in Koblenz müht sich herauszufinden, wie es dem in Bonner Diensten stehenden Diplom-Ingenieur Erwin Helmut Fischer, 45, gelungen ist, bei einem Monatsgehalt von rund 2000 Mark (BAT Ib) ein Eigenheim für eine halbe Million zu errichten.
Fünf Jahre lang hat Fischer in der Eifel den Bau eines Bunkers überwacht, der Regierung und »Notparlament« im Kriegsfall als Unterschlupf dienen soll. Doch als vor zwei Jahren ein paar Minister und das »Notparlament« übungshalber in dem halbfertigen Verlies kampierten, kümmerte sich Bunker-Bauleiter Fischer schon mehr um den eigenen Hausstand als um den Bonner Notstand.
Wie aus dem Nichts entstand in Oberbreisig am Rhein eine Villa, vortrefflich ausgestattet, mit einem Schwimmbad im Garten. Die Kontakte, die Fischer im Zuge des staatlichen Bunker-Projekts (Rohbau-Kosten: 420 Millionen Mark) knüpfen konnte, waren auch dem privaten Bauherrn zugute gekommen.
Zu Fischers Aufgaben hatte es gehört, die Vergabe von Nachtragsaufträgen zu kontrollieren und über die ordnungsgemäße Abnahme der Bunkerbauten zu wachen. Einer der Bunker-Beauftragten war der Dorstener Geschäftsmann Hans Thier, der die Beton-Zuflucht mit Elektroanlagen versorgte. Und Thier versorgte auch den Ingenieur Fischer von der Bundesbaudirektion: mit einem privaten Planungsauftrag, über dessen Details sich die beiden Herren zwar nie recht einig wurden, der jedoch Fischer 23 000 Mark einbrachte.
Diese Nebeneinnahme, von der Fischer seiner Dienststelle gegenüber kein Aufhebens machte, hätte freilich allenfalls für den Bau des geplanten Schwimmbads in Oberbreisig gelangt. So tat Fischer neue Geldquellen auf.
Er borgte sich von der Commerzbank in Dorsten -- der sich Geschäftsfreund Thier als Bürge zur Verfügung stellte
43 000 Mark, zahlte damit einen Bausparvertrag beim Beamtenheimstättenwerk an und kassierte mit diesem Papier 93 000 Mark Baugeld.
Flüssig geworden, ging Fischer nun die Staatskasse um Unterstützung an und bezog per Bundesbaudarlehen weitere 43 000 Mark.
Für ein Reihenhaus hätte es jetzt gereicht, doch Erwin Fischer wollte schöner wohnen. So kontaktierte er auf der Bunker-Baustelle den Leiter der »Arbeitsgemeinschaft Blau«, eines Zusammenschlusses mehrerer an dem Eifel-Projekt beteiligter deutscher Hoch- und Tiefbau-Firmen: Ob man ihm nicht mit einem Überbrückungskredit behilflich sein könne.
»Arge Blau«-Leiter Herbert Hohoff, zugleich Prokurist der weltweit tätigen Hoch- und Tiefbaufirma Huta-Hegerfeld AG in Essen, sah sofort eine Brücke. Ohne Umschweife besorgte Huta-Vorstand Wolfgang Wübbens dem bedrängten Mann aus Bonn über die Huta-Hausbank einen Kredit von 110 000 Mark
Mehr noch: Die »Arge Blau« und die Huta-Hegerfeld AG lieferten Fischer außerdem Baumaterial für 105 000 Mark, wovon Fischer bislang nur runde 10 000 Mark bezahlte. Der Gedanke, daß die Masche in Blau Bestechung sein könnte, lag Wolfgang Wübbens fern: »Wir haben uns nichts Besonderes dabei gedacht. Als Vertreter des Bundes war Herr Fischer für uns ein integrer Mann.«
Ein »ganz normaler Kunde« (Vorstandsmitglied Firgau) war der Bundes-Vertreter auch für die Heidelberger Kraftanlagen Aktiengesellschaft, die den Regierungsbunker mit Klimagerät ausrüstete. Ihre Saarbrücker Tochtergesellschaft »Kraftanlagen GmbH« schloß mit Fischer einen 24 000-Mark-Pauschalvertrag für die Installation von Heizungs- und Sanitäranlagen in seiner Zehn-Zimmer-Villa.
Kulant bezahlten dabei die Saarbrücker ein von Fischer andernorts bestelltes Kupferdach nebst etlichen Nichtigkeiten gleich mit -- was Kraftanlagen-Direktor Firgau so erklärt: »Wir treten oft als Generalunternehmer für Kunden auf, die nicht jedem Handwerker nachrennen wollen.« Auch dem Umstand, daß Fischer die Kraftanlagen-Rechnungen mitsamt Kupferdach nicht bezahlt hat, mißt Firgau keine Bedeutung bei: »Da gibt es noch viele andere, die nicht pünktlich zahlen.«
Und immer wieder fand der Angestellte Fischer unter den Bunker-Bauern hilfreiche Freunde. Noch einmal bürgte der Dorstener Elektrohändler Hans Thier für 50 000 Mark Kredit. Ein weiterer Planungsauftrag über 20 000 Mark, den ein anderer Bauunternehmer besorgte, rundete die Beschaffungsaktion ab. Als Erwin Fischer endlich im August 1967 am Oberbreisiger Sonnenweg 8 die Möbel anfahren ließ, hatte er für sein Haus Geld und Waren im Werte von fast 500 000 Mark eingesammelt.
Es dauerte ein Jahr, bis die Kohlenzer Staatsanwälte Hans Seeliger und Wolfram Brück dem Sammler auf die Spur kamen und vorerst den Hausbauer Fischer (für sieben Tage) und den Huta-Vorstand Wübbens (für zwölf Tage) in Untersuchungshaft steckten. Fischer nahm inzwischen Abschied von der Bundesbaudirektion; seine Villa steht zur Versteigerung.
Ob es in Koblenz schon bald zu einer Anklage kommen wird, ist freilich ungewiß. Denn mittlerweile hat sich der Bundesrechnungshof in die Ermittlungen eingeschaltet, und bei der Staatsanwaltschaft stehen weitere Angehörige der Bundesbauverwaltung in dem Verdacht, beim Bunkerbau in der Eifel bestochen worden zu sein.
Der Chef der Korruptionsabteilung bei der Koblenzer Staatsanwaltschaft. Erster Staatsanwalt Werner Hempler, sieht die Lage explosiv: »Dieses Verfahren ist von höchster Brisanz.«