»Meine Gedanken sind aggressiv«
SPIEGEL: Herr Professor Watson, wie genau lässt sich der Moment angeben, der Sie berühmt gemacht hat?
Watson: Sehr genau. Es passierte an einem Samstagmorgen, irgendwann zwischen halb elf und eins. Danach sind Crick und ich essen gegangen.
SPIEGEL: Es war also ein Gedankenblitz?
Watson: Ich hatte ja nun schon seit zwei Wochen mit dem Rückgrat eines doppelsträngigen DNS-Moleküls rumgespielt. Aber dann wurde mir ganz plötzlich klar, dass die Basen immer paarweise zusammenpassen. Und sie hatten genau die richtige Größe.
SPIEGEL: War das Entdecken der Struktur und das Begreifen ihrer Bedeutung ein und dasselbe? Wussten Sie in dem Moment, in dem Sie die Doppelhelix vor Ihrem inneren Auge sahen: »Jetzt haben wir das Rätsel des Lebens geknackt«?
Watson: Uns war klar: So wird das Genmaterial kopiert - und genau das war ja das zentrale Problem des Lebens, so wie es Schrödinger in seinem berühmten Buch »Was ist Leben?« definiert hatte.
SPIEGEL: Hatten Sie noch Zweifel?
Watson: Natürlich haben wir gesucht, ob es nicht noch irgendeinen Haken gab. Aber wir waren uns unserer Sache ziemlich sicher. Und es ist dann ja auch alles richtig rausgekommen.
SPIEGEL: Was machte Sie so sicher?
Watson: Dass die Doppelhelix so schön ist.
SPIEGEL: Was heißt bei Molekülen »schön«? Ist Hämoglobin schön? Oder Insulin? Oder vielleicht Alkohol?
Watson: Die Doppelhelix ist einfach. Man braucht nur wenige Neuronen, um sie zu begreifen. Im Grunde kann jedes Schulkind die Doppelhelix verstehen. Deshalb ist sie schön.
SPIEGEL: Haben Sie damit gerechnet, eine so schöne, bedeutungsvolle Antwort auf die Frage nach der Molekülstruktur zu finden?
Watson: Nein, wir waren überrascht. Nehmen Sie die Proteine: Da verbirgt sich in der Struktur meistens keine einfache Botschaft. Genauso hätte es auch mit der DNS sein können. Dann hätten wir am Ende die Struktur gehabt und wären immer noch nicht viel klüger gewesen. Aber wir hatten eben Glück, es gab eine einfache Lösung ...
SPIEGEL: ... wenn die Lösung schwieriger gewesen wäre, dann hätten Sie mit Ihrer
Methode der Modellbastelei auch Schiffbruch erlitten ...
Watson: ... absolut richtig. Aber wenn Sie Ihren Schlüssel verloren haben, dann suchen Sie ihn eben unter der Straßenlaterne, denn da ist Licht.
SPIEGEL: Sie waren also einfach nur ein junger Mann, der das unverschämte Glück hatte, unter der richtigen Laterne zu suchen?
Watson: Vielleicht war es nicht nur Glück. Vielleicht musste es eine einfache Lösung geben, sonst hätte das Leben gar nicht beginnen können.
SPIEGEL: Warum hat niemand anders diese einfache Lösung gefunden - aus heutiger Sicht scheint sie sehr nahe liegend zu sein?
Watson: Ja, warum haben wir die Doppelhelix gefunden - und das, obwohl wir ja gar keine Experimente gemacht haben. Entscheidend war, dass wir das Problem richtig definiert haben. Wir haben in der DNS-Struktur das wirklich große Problem der Biologie erkannt. Und das haben damals nur ganz wenige getan. Die meisten haben sich gar nicht für die DNS interessiert. Und selbst Maurice Wilkins und Rosalind Franklin, die damals an der DNS gearbeitet haben, hatten nur das Ziel, gute Kristallografie zu machen. Wir wollten die Frage beantworten: Was ist Leben?
SPIEGEL: Was wäre passiert, wenn Sie die Doppelhelix nicht gefunden hätten?
Watson: Dann wäre sie von anderen gefunden worden - binnen eines Jahres oder so, davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: Was wäre aus Ihnen geworden?
Watson: Ich hätte jetzt irgendwo einen unbedeutenden Job. Es war ja nur diese Entdeckung, die mir meinen guten Job in Harvard verschafft hat. - Was wäre sonst aus mir geworden? Ich weiß es nicht. Ich war für meine Umwelt nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse. Ich war wohl, wie soll man sagen, etwas penetrant. Aber nach der Entdeckung der Doppelhelix kam man nicht mehr an mir vorbei.
SPIEGEL: Sie haben eine Jahrhundert-Entdeckung im Alter von 24 gemacht. Muss man so jung sein, um wissenschaftliche Revolutionen auszulösen?
Watson: Es hilft. Man hat keine Verpflichtungen. Wenn Sie jung sind, dann haben Sie keine Angst vor dem Scheitern. Wenn Sie 40 sind und zwei Kinder haben, dann schon.
SPIEGEL: Aber es liegt nicht daran, dass das Hirn der Älteren träger ist als das der Jüngeren?
Watson: Das habe ich früher gedacht. Aber jetzt, wo ich selbst alt bin, denke ich das nicht mehr.
SPIEGEL: Es heißt immer, die Jüngeren seien kühner im Denken ...
Watson: ... sie denken höchstwahrscheinlich anders. Wer jung ist, will partout etwas machen, was niemand je zuvor gemacht hat.
SPIEGEL: Und eine solch spektakuläre Entdeckung, wie Sie sie gemacht haben: Ist das nur ein Segen für den Rest des Lebens oder auch ein Fluch?
Watson: Dir ist natürlich klar: Jeder, der die Doppelhelix entdeckt hätte, wäre berühmt geworden. Und man will ja nicht, dass alle Leute denken: Es gab da nur diese eine großartige Entdeckung in seinem Leben ...
SPIEGEL: ... also beschließt man, etwas ganz anderes zu machen?
Watson: Ja. Dir ist ja klar: Nie wieder wirst du etwas Ähnliches schaffen. Also suchst du neue Herausforderungen. Ich habe zum Beispiel ein paar Bücher geschrieben. Da stand ich vor der Frage: Kannst du das, ein Buch schreiben? Und später dann: Bist du ein guter Lehrer? Oder: Kann ich eine Gruppe von Forschern zusammenstellen, die den Krebs verstehen werden?
SPIEGEL: Waren diese neuen Aufgaben derjenigen, die DNS-Struktur aufzuklären, ebenbürtig?
Watson: Das Buch »Die Doppelhelix« zu schreiben war in gewissem Sinne sogar einzigartiger und auch schwieriger als die Entdeckung der Doppelhelix selbst. Viele Leute hätten diese Struktur finden können. Aber niemand anders hätte darüber so schreiben können.
SPIEGEL: Ist das der entscheidende Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft?
Watson: Ja. Nur der Künstler schafft etwas, was noch nicht existiert.
SPIEGEL: Soll das heißen, Sie bezweifeln, dass Wissenschaft ein kreativer Prozess ist?
Watson: Da kommt man an den Punkt, wo es um Wortdefinitionen geht. In gewissem Sinne könnte man sagen: Modelle zu bauen war ja nicht wirklich neu. Wir haben diese Methode nur angewendet - und hatten das Glück, dass es klappte. Ist das kreativ?
SPIEGEL: Ein Privileg der Jungen ist es, selbst erleben zu dürfen, was aus ihren Entdeckungen wird. Sie haben nicht nur die Struktur der Doppelhelix erkannt, Sie waren auch noch dabei, als die Forscher knapp 50 Jahre später die Entzifferung der gesamten genetischen Sequenz des Menschen bekannt gaben. Ändert das die Art, wie wir über uns denken müssen? Würde es Ihnen zum Beispiel helfen, Ihr Genom zu kennen?
Watson: Auf manches wäre ich schon neugierig. Ich esse zum Beispiel sehr schnell. Ich wüsste gern: Hätte ich auch ein langsamer Esser sein können? Oder nehmen Sie das Gen für Monoamino-Oxidase, ein Protein, das im Hirn wirkt und etwas mit Aggressivität zu tun hat ...
SPIEGEL: ... Sie möchten wissen, ob Sie aggressiv geboren sind?
Watson: Ja, ich bin überzeugt davon, dass ich aggressiv geboren bin - nicht aggressiv mit den Händen, sondern aggressiv mit Worten und Gedanken.
SPIEGEL: Aber Sie wissen doch von Ihrer Aggressivität. Was hilft es Ihnen da zu wissen, dass irgendein Gen dafür verantwortlich ist?
Watson: Ich wüsste gern, woher diese Aggressivität kommt. Es würde mir sagen, ob ich eine Wahl hatte.
SPIEGEL: Das heißt, Ihr Genom lässt Ihnen gar keine Wahl?
Watson: So weit will ich gar nicht gehen. Aber man würde doch gern wissen, welche Freiheit man tatsächlich hat. Einige Leute rennen schnell, andere tun es nicht. Der Unterschied ist in den Genen versteckt. Natürlich kann man trainieren. Aber zum wirklich guten Marathonläufer wird man ohne die richtigen Gene trotzdem nicht.
SPIEGEL: Wie sehr verändert denn die Kenntnis des Genoms die Welt? Und wie sehr verändert es die Art, wie wir über uns selbst nachdenken sollten?
Watson: Bisher haben wir ein Buch aufgeschlagen, aber wir können es noch nicht lesen. Bis wir es vollständig verstehen, kann es noch 500 Jahre dauern.
SPIEGEL: Und die viel diskutierte Gentherapie zur Heilung von Erbkrankheiten - nichts als ein Hirngespinst?
Watson: Wer Erbkrankheiten verhindern will, muss die Schwangerschaft abbrechen und nicht irgendwas mit der DNS anstellen. Das ist heute so, und das wird auch in Zukunft so bleiben.
SPIEGEL: Einige Forscher haben sogar schon verkündet, der Mensch nehme nun seine Evolution selbst in die Hand ...
Watson: ... ich jedenfalls nicht. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte: Ich habe zum Beispiel Probleme mit meiner Haut. Wenn ich die meinen Kindern ersparen könnte, warum sollte ich zögern? Jeder weiß: Die Iren müssen besser werden ...
SPIEGEL: Wie bitte?
Watson: Oh, das sage ich nur, weil ich irischen Ursprungs bin. Wäre ich Deutscher, so würde ich sagen: Die Deutschen müssen besser werden ...
SPIEGEL: ... und zwar ausgerechnet mit Hilfe der Gentechnik?
Watson: Warum nicht? Vielleicht in 100 Jahren ...
SPIEGEL: Ethische Bedenken hätten Sie nicht gegen die gentechnische Verbesserung des Menschen?
Watson: Das Einzige, was zählt, ist die Vermeidung von Leid. Es ist nun einmal kein Spaß, so drastisch ungleich geboren zu sein, wie wir es sind. Alles, was man tun kann, um unser Schicksal zu lindern, sollte man doch tun.
Sehen Sie: Auf uns Genforschern lastet der Fluch Hitlers, der Kinder ermorden ließ im Namen des genetisch perfekten Menschen. Und nur weil Hitler ein schlechter Mensch war, sollen wir nun nicht versuchen dürfen, uns genetisch zu verändern?
SPIEGEL: Gibt es denn irgendwelche ethischen Bedenken, die Sie gelten lassen?
Watson: Viel zu viele Leute beurteilen die Genetik mit dem Mittel der Religion. Ich glaube nicht daran, dass wir Kreaturen Gottes sind. Wir sind Kreaturen der Evolution. Und die kann ziemlich grausam sein. Alles, was wir tun können, um diesen Grausamkeiten zu entrinnen, sollten wir tun.
SPIEGEL: Aber gerade Sie waren doch einer derjenigen, die sich beim Genomprojekt besonders energisch für ethische Begleitforschung eingesetzt haben.
Watson: Das eigentliche ethische Problem der Genforschung ist doch, dass wir unser Wissen nicht schnell genug anwenden, um so das Glück der Menschen zu mehren - und alles nur, weil die Leute von Religion, von Gott und dem heiligen Leben reden.
SPIEGEL: Auch jenseits des christlichen Glaubens halten Sie alle Behauptung, menschliches Leben sei heilig ...
Watson: ... für Schwachsinn. Ja.
SPIEGEL: Worauf gründet sich denn dann ...
Watson: ... sagen wir nicht Schwachsinn. Worum es mir geht: Ich glaube an die Beobachtung und das Experiment, nicht an Offenbarung. Ich will die Religion nicht beleidigen. Es ist eher so, dass ich angegriffen werde, dass die Religion gegen die Genetik ins Feld geführt wird. Und dagegen muss man sich wehren.
SPIEGEL: Noch einmal: Worauf gründet sich unsere Achtung vor dem menschlichen Leben? Gibt die Biologie so etwas wie eine natürliche Ethik oder Moral vor?
Watson: Ja. Ich glaube an die Natur des Menschen. Sie gibt die natürliche Moral vor - und die ist gar nicht unbedingt anders als die eines religiösen Menschen. Der Mensch ist von Geburt an mit einer Anlage zur Empathie ausgestattet, zur Mitleidensfähigkeit mit anderen Menschen. Wie Ärger und Wut, so sind auch Mitleid und Liebe Teil unserer Natur. Sie liegen in unseren Genen. Die Christen sagen immer: »Liebe ist das größte Geschenk, das Gott den Menschen gemacht hat.« Und im Grunde stimmt das: Unsere Fähigkeit, andere Menschen zu mögen, ist die Grundlage aller sozialen Organisation. Wir können lieben, weil die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat.
SPIEGEL: Lassen sich möglicherweise auch die Menschenrechte in den Genen ablesen?
Watson: Ich glaube nicht an Menschenrechte. Ich glaube an Menschenpflichten und an Verantwortung. Was sollen denn diese Menschenrechte sein? Wo sollen die herkommen? Wir haben doch kein Recht auf Ernährung oder auf Gesundheit. Wir können uns so etwas wünschen, wir können es brauchen. Aber ein Recht zu haben bedeutet ja, es zu verdienen. Rechte können nur durch einen Kontrakt zwischen Menschen entstehen. Stattdessen heißt es, sie kämen von Gott, unveränderlich und absolut. Aber das ist falsch. Rechte sind in keiner Weise Bestandteil der Natur des Menschen.
SPIEGEL: Der Natur zu Folge ist das Leben ein einziger, ewig währender Kampf ...
Watson: ... richtig, genau das ist es. Ein Kampf.
SPIEGEL: Und Ihr Leben? War auch das nur ein einziger Kampf?
Watson: Aber ja - außer wenn ich einmal ein gutes Essen vor mir habe vielleicht.
SPIEGEL: Macht dieser ständige Kampf glücklich?
Watson: Nein. Er macht Angst, große Angst.
SPIEGEL: Glück verschafft er gar nicht?
Watson: Doch - wenn man gewinnt. Glück ist die Belohnung für Erfolg. Die wenigen Momente des Glücks muss man sich mit vielen Momenten der Angst erkämpfen. Das ist auch in der Wissenschaft so: Man ist glücklich, wenn man etwas versteht. Nach der Entdeckung der DNS-Struktur waren wir glücklich - aber nicht lange. Dann war klar: Wir werden erst wieder glücklich sein, wenn wir auch die RNS verstehen ...
SPIEGEL: Wissenschaftlicher Fortschritt ist also fortwährendes Unglück, unterbrochen von wenigen Momenten des Glücks?
Watson: Sagen wir: Wissenschaft ist die fortwährende Suche nach dem Glück.
SPIEGEL: Wo suchen Sie denn gegenwärtig nach neuem Glück?
Watson: Als ich nach der Bekanntgabe der Genomsequenz des Menschen im Weißen Haus war, da haben Reporter mich gefragt: »Warum lächeln Sie nicht?« Ich habe geantwortet: »Wir können den Krebs noch nicht heilen.«
SPIEGEL: Gerade Krebs ist ja, mehr als jede andere Krankheit, der große Misserfolg der Genetik und der Molekularbiologie - wie oft wurden Durchbrüche versprochen, wie oft war sogar schon von Sieg die Rede! Und wie viele Heilerfolge hat die molekulare Medizin bisher wirklich vorzuweisen?
Watson: Immerhin: Hinsichtlich des Verstehens ist der Krebs eine Erfolgsstory. Jetzt geht es darum, unser Verständnis für den Patienten nutzbar zu machen.
SPIEGEL: Aber wie lange wird das noch dauern? Werden Sie es noch erleben?
Watson: Na ja, welche Lebenserwartung geben Sie mir denn? Acht Jahre? Zehn Jahre? Zwölf Jahre? Ich bin 75!
SPIEGEL: Herr Professor Watson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten der Redakteur Johann Grolle undSPIEGEL-Mitarbeiter Ernst Peter Fischer.