Millionen von »Zaunkönig« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 7 / 135

Millionen von »Zaunkönig«

Die Vermächtnislüge einstiger Ehrenmänner stürzt die hessische Union in die schwerste Krise ihrer Geschichte. Nun werden die Umrisse einer abenteuerlichen Verschwörung sichtbar.
Von Jens Glüsing, Dietmar Pieper und Sylvia Schreiber
• aus DER SPIEGEL 4/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Hochhaustürme schimmern durch die Nacht, im Fluss spiegeln sich die Lichter. So schön kann es sein, aus dem 21. Stock des Frankfurter Hotels Interconti über die Stadt zu blicken. »Fast wie Rio de Janeiro«, entfährt es der begeisterten Oberbürgermeisterin Petra Roth beim Neujahrsempfang der CDU am vergangenen Donnerstag.

Die politischen Aussichten, die im Salon »Silhouette« das Tischgespräch bestimmen, sind weniger berauschend. Roth, die in einem Jahr wieder gewählt werden will, bangt um ihren Erfolg: »Da rackert man sich jahrelang ab, und dann wird man derart missbraucht.« Tapfer spricht sie ins Mikrofon: »Ich bin CDU, ich bleibe CDU.«

Seit vor zehn Tagen der Millionen-Schwindel mit den angeblichen Vermächtnissen aufgeflogen ist, taumeln die hessischen Christdemokraten am Abgrund entlang. Die scheinbar untadeligen Ehrenmänner Manfred Kanther, 60, Casimir Prinz Wittgenstein, 83, und Horst Weyrauch, 67, haben die Partei in die tiefste Krise seit ihrer Gründung gestürzt. CDU-Landeschef Roland Koch, 41, der sich jäh an die Spitze der Aufklärer gesetzt hat, will jetzt »brutalstmöglich« enthüllen, was mehr als ein Jahrzehnt vertuscht wurde (siehe Seite 33).

In bizarren Details zeichnet sich nun das Bild einer abenteuerlichen Verschwörung ab, deren Verästelungen sich durch mehrere Länder ziehen. Dass die hessische Union über schwarze Kassen verfügt, wussten zwar mehr Eingeweihte als nur Kanther und seine Komplizen - in der Wiesbadener CDU-Geschäftsstelle etwa oder in Weyrauchs Frankfurter Kanzlei blieben die Auslandskonten nicht völlig verborgen. Fraglich ist aber, ob außer Finanzjongleur Weyrauch jemand das System überblickt. Und Weyrauch redet nicht gern.

Nun bemühen sich Staatsanwälte, Steuerfahnder und Wirtschaftsprüfer, die Machenschaften ans Licht zu ziehen. Eine wichtige Geldquelle für die Hessen, so viel ist schon klar, war eine Liechtensteiner Stiftung mit Decknamen »Zaunkönig«.

Das Versteckspiel begann 1983 - ein Jahr, bevor ein geändertes Parteiengesetz in Kraft trat, das detaillierte Rechenschaftsberichte verlangte. Die Ausgangskonten wurden bei der Frankfurter Metallbank geführt, einer damaligen Tochter der Metallgesellschaft, bei der Wittgenstein von 1954 bis 1983 im Vorstand saß.

Die Millionen wechselten von der Metallbank heimlich auf drei Konten der Schweizerischen Bankgesellschaft - dort führte, wohl nicht nur zufällig, auch die Spendenwaschanlage »Staatsbürgerliche Vereinigung« drei Konten (Nummern 319.350.60 E, 321.202.60 R und 281.378.70 J). Wenn Werbeagenturen oder Plakatdruckereien der CDU dicke Rechnungen präsentierten, mussten schon mal Geldboten aus Wiesbaden mit dem Koffer nach Zürich reisen und bis zu einer knappen Million Mark in bar mitbringen.

Auf die Dauer war der Bargeld-Transfer aber zu umständlich, und so kamen Weyrauch und Wittgenstein auf die Idee mit den Vermächtnissen. Während Spenden über 20 000 Mark schon namentlich offen gelegt werden mussten, störte sich niemand in der zuständigen Bundestagsverwaltung an angeblichen Erbteilen in Millionenhöhe.

Die besonders diskrete »Zaunkönig«-Variante lief seit dem 13. Mai 1993. Allein in den Jahren seither, so der Stand der Recherchen, wurden via Liechtenstein rund vier Millionen Mark geholt, die in den Wiesbadener Büchern nie ankamen. Ob mit dem Geld Wahlkämpfe oder Privatvergnügungen finanziert wurden, liegt (noch) im Dunkeln. 16,9 Millionen Mark sind übrig.

Solange das System geräuschlos lief, verstanden es Weyrauch und Wittgenstein, ihren Ruf als Finanzgenies zu mehren. Aus dem CDU-Kreisverband Frankfurt, dessen Kasse Wittgenstein von 1978 bis 1998 führte, wird nun bekannt, der Partei-Haushalt sei »allein in die Zuständigkeit des Schatzmeisters« gefallen. So kommt es, dass die als Vermächtnisse getarnten Millionen aus der Schweiz in den Frankfurter Etats überhaupt nicht auftauchten - erst die nachträglich erstellten Rechenschaftsberichte führen die jeweiligen Summen auf.

Wer wollte da mit dummen Fragen kommen? Laut Protokoll der Kreisvorstandssitzung vom 24. Februar 1992 dankte die damalige Vorsitzende Roth dem Schatzmeister lediglich für sein selbstloses Wirken, das zu »bemerkenswerten Einnahmen« geführt habe. Nächster Punkt.

Zur kunterbunten Frankfurter Buchführung passt es gut, dass Kreisgeschäftsführer Heinz Daum einräumt: »Bei einem Wahlkampf nennt keine Partei die wirklichen Kosten.« Er sei ja bereit, so Daum, seine Bücher der SPD zu zeigen - vorausgesetzt, er dürfe auch die internen Finanzberichte der Genossen einmal ausleihen.

Geld für die CDU sprudelte in Frankfurt aus vielen Quellen. Als großzügiger Gönner erwies sich etwa jahrelang der Frankfurter Kaufhaus-Zar Alois Ammerschläger, der mit seinem Bekleidungshaus ein stattliches Vermögen erwirtschaftete.

In den CDU-Rechenschaftsberichten der Jahre 1986 bis 1995 taucht Ammerschläger, der 1995 starb, als Großspender auf, insgesamt 910 600 Mark stehen zu Buche. CDUnahe Finanzleute erinnern sich, dass in Ammerschlägers Büro häufig Bargeld bereit lag, mit dem die Partei ihre Rechnungen etwa bei Druckereien bezahlen konnte. Ammerschläger, so sei schon früher vermutet worden, habe wohl gelegentlich als Schaltstelle für CDU-Geld aus der Schweiz ausgeholfen.

Die Witwe Carola Ammerschläger mag das »nicht bestätigen«. Seit 1991 sei sie jedenfalls »keine fünf Minuten« von ihrem Mann getrennt gewesen, und für all die Jahre sei ihr »nicht bekannt, dass Geldboten der CDU ins Haus kamen«.

Sicher ist: Ammerschläger zählte nicht nur zum umfänglichen Freundeskreis des Prinzen Wittgenstein, auch mit Parteichef Helmut Kohl war er gut bekannt.

Heute zeigt sich: Wo immer Wittgenstein und Weyrauch für die CDU gearbeitet haben, ist Vorsicht geboten. Selbst der Liechtensteiner Rechtsagent Oswald Bühler fühlt sich nunmehr »getäuscht«.

Bühler war dem hessischen Duo bei zwei Transaktionen zu Diensten. Das System war wohldurchdacht: Weyrauch meldete, so Bühlers Version, ein Vermächtnis an, das via Wittgenstein der hessischen CDU zufließen sollte. Bühler, der nie Jura studiert, sondern eine Banklehre absolviert hat, schrieb darauf Briefe nach Hessen, die Landeschef Koch bis vor kurzem frohgemut als notarielle Urkunden bezeichnete.

Details ausplaudern mag Bühler nach wie vor nicht - die Höhe seiner Provision ist ihm nicht zu entlocken. Nur »im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens« werde er sein Gedächtnis bemühen.

Bei ihren Razzien bei Wittgenstein, Weyrauch und in der CDU-Landesgeschäftsstelle haben die Ermittler spannenden Lesestoff gefunden - vor allem in Weyrauchs Archivkeller. Die Wiesbadener Staatsanwaltschaft forderte vergangene Woche schon mal Verstärkung an.

Womöglich müssen die Strafverfolger ihr Team bald noch weiter aufstocken, denn Wirtschaftsprüfer Weyrauch betrieb auch auf der Karibikinsel Anguilla erstaunliche Geschäfte.

1991 veranlasste der Frankfurter Wirtschaftsprüfer in dem Steuerparadies die Gründung der Sabina-Bank, die unter anderem dazu diente, Tarnkonten für etwaige Vermächtnisse zu unterhalten. Geführt wurden sie auf die Namen von angeblich Verstorbenen. Ein Weyrauch-Helfer sagt, er habe in kurzer Zeit »hunderte von Totenscheinen ausgestellt«. JENS GLÜSING,

DIETMAR PIEPER, SYLVIA SCHREIBER

Zur Ausgabe
Artikel 7 / 135

Mehr lesen über