Mir oder Mars?
Fast 67 000mal hatte das bizarre Rieseninsekt aus Metall, Glas und Kunststoff in seinen elf Dienstjahren die Erde umrundet, dabei Raumfahrern aus einem halben Dutzend Nationen jeweils über Wochen und Monate knappen Raum geboten. In seinen Logbüchern hatten die Kommandanten schon über 1500 Pannen registriert. Doch nun, im Sommer dieses Jahres, mußte die Bodenstation im fernen Moskau häufiger und drängender denn je den ominösen Satz vernehmen »Wir haben ein Problem« - geflügeltes Wort aller Astro- und Kosmonauten, seit Apollo-13-Kommandant James Lovell am 13. April 1970 seinen Bericht über die beinahe verhängnisvolle Explosion eines Sauerstofftanks an Bord mit dieser Floskel begann.
Ganz so filmreife Dramatik wie Apollo 13 - mit einer zum Rettungsboot umfunktionierten Mondfähre, welche die Drei-Mann-Crew sicher zur Erde zurückbringen
konnte - hatten die Mir-Besatzungen noch nicht zu bestehen. Aber mehrmals schon mußte sich an Bord der Mir eine Crew in die Rettungskapsel Sojus zurückziehen, bereit, die Station aufzugeben.
Schon im Februar entsteht an Bord beim Anzünden einer Spezialkerze ein Brand - er kann gerade noch rechtzeitig gelöscht werden.
Am 25. Juni dann die bislang schwerste Mir-Panne: Eine Progress-Versorgungskapsel rammt bei einem Kopplungsversuch das Forschungsmodul der Station. Der Sauerstoffdruck fällt rapide ab, die Luftschleuse zum Modul muß geschlossen werden, die Hälfte der energieliefernden Sonnensegel fällt aus. »Wir sind Gott sei Dank am Leben«, funkt Kommandant Wasilij Tsiblijew zur Erde.
Mindestens ein halbes dutzendmal fällt in diesem Sommer der Zentralcomputer aus. Jedesmal gerät dabei die immer mehr einer Rostlaube ähnelnde Station steuerlos ins Trudeln und Taumeln, bis sie - meist erst nach Tagen - mit Hilfe des notdürftig reparierten Rechners wieder auf die energiespendende Sonne ausgerichtet werden kann.
In jenen Tagen, in denen die Mir, einst glänzendes Symbol einer roten Supermacht, nur noch mühsam zusammengeflickt und dank amerikanischer Finanzhilfe die Erde umrundet, erreicht die amerikanische Robot-Sonde »Pathfinder« mit dem Forschungs-Elektromobil »Sojourner« an Bord den 170 Millionen Kilometer entfernten Planeten Mars -
und entfacht eine Mars-Euphorie. 566millionenmal wurde, wie die Nasa registrierte, in den ersten 30 Tagen nach der Landung von Pathfinder die Homepage des Pfadfinders im Internet aufgesucht - eindrucksvoller Beweis für das weltweite Interesse an der Mission. In der Tat hat das mit einem Kostenaufwand von 267 Millionen Dollar vergleichsweise billige Raumfahrtunternehmen für die Marsforschung ähnlich spektakuläre Erfolge erbracht wie ein halbes Dutzend bemannte Raumflüge zum Mond.
Für 20 Milliarden Dollar brachten die Astronauten damals zwar etliche Zentner Mondgestein zur Erde. Aber die Instrumente an Bord der neuen Marssonde lieferten von dem 450mal so weit entfernten Zielplaneten nicht nur mehr als 17 000 gestochen scharfe Fotos, sie analysierten auch Marsgestein vor Ort und funkten das Ergebnis zur Erde.
Das »Konzept der bemannten Weltraumforschung« sei »überholt«, formulierte die Schweizer »Weltwoche« denn auch ob der immer deutlicher zutage tretenden Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag bei der bemannten Raumfahrt.
Seit Jurij Gagarin im April 1961 die Erde umrundete (und dabei fast zu Tode kam), haben die Protagonisten der »Menschen ins All«-Bewegung fast ausschließlich zwei Gründe dafür genannt: Erstens sollte geklärt werden, ob und mit welchen Auswirkungen auf seine Gesundheit der Mensch längere Zeit im Zustand der Schwerelosigkeit zu überleben vermag. Zweitens sollten in dieser Schwerelosigkeit ideale Kristalle für Computerchips und perfekte Kugellager produziert werden.
Wie »Galeerensklaven, aller ihrer Rechte beraubt«, haben Kosmonauten nach den Worten ihres langjährigen Betreuers Rostislaw Bogdaschewski bis zu 438 Tage im Weltraum verbracht, um Antwort auf die erste Frage zu finden. Sie quälten und quälen sich auch noch, obwohl längst feststeht, daß der Mensch nur bedingt für diese Aufgabe gerüstet ist. Nicht einmal durch tägliches stundenlanges Expander- oder Laufbandtraining an Bord einer Raumstation lassen sich Muskelschwäche und Knochenabbau auf Dauer verhindern.
Die Chipkonstrukteure andererseits haben auch ohne die idealen Kristalle aus dem Weltraum die Leistungsfähigkeit
ihrer Produkte seit Gagarin ins Vieltausendfache gesteigert. Die Suche nach dem perfekten Kugellager schließlich hat sich längst buchstäblich in Luft aufgelöst - dem Medium, das etwa in modernen Kreisel-Navigationssystemen an die Stelle von Kugellagern getreten ist.
Kaum in Geldwert auszudrücken ist hingegen mittlerweile der Nutzen, den unbemannte Sonden und Satelliten für Wissenschaft und Wirtschaft einfliegen konnten. Erdbeobachtungs-, Wetter-, Forschungs- und Nachrichtensatelliten haben geholfen, die Zerstörung des schützenden Ozonmantels in der Erdatmosphäre vielleicht gerade noch rechtzeitig zu erkennen, gaben Hinweise auf Bodenschätze, verbesserten die Wettervorhersagen, ermöglichen die frühzeitige Warnung vor Wirbelstürmen und schufen die Grundlage für den Mega-Boom der Kommunikationsindustrie.
Von der großen, bemannten »Internationalen Raumstation«, die vom kommenden Jahr an in einer Umlaufbahn montiert und bis zum Jahr 2002 vollendet werden soll, ist vergleichbar großer wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Nutzen nicht zu erwarten.
Die Erforschung der »Mikroschwerkraft«, so formulierte der Harvard-Physiker Nicolaas Bloembergen den Widerstand der Wissenschaftler gegen das Projekt, »ist von Mikrowichtigkeit«. Das 400-Tonnen-Himmelsgefährt, voraussichtliche Gesamtkosten zwischen 60 und 100 Milliarden Dollar, sei ein Musterbeispiel für falsch gesetzte Prioritäten und »dafür, daß wir ein Großprojekt nicht mehr stoppen können, wenn wir es einmal begonnen haben«, warnte Senator Dale Bumper seine Kollegen im US-Kongreß - vergebens. Die Gelder für die Station wurden mit 69 zu 31 Stimmen bewilligt.
So werden die US-Astronauten an Bord der Station im nächsten Jahrtausend wenigstens Gelegenheit haben, aus ihrem Logensitz am Himmel die Folgen verfehlt gesetzter Prioritäten zu registrieren, für die ihr Land derzeit das leuchtendste Beispiel liefert: Nur jeder vierundzwanzigste Erdenbürger lebt in den USA, aber ein Viertel der von Menschen verursachten klimawirksamen Treibhausgase geht auf ihr Konto - Tendenz zunehmend.
Von 1995 bis 1996 stieg nach einer Studie des US-Energieministeriums bei einem Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent der Energieverbrauch in den USA um 3,2, der Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen um 3,4 Prozent - du schöne Neue Welt.
Rolf S. Müller