Mit Einpeitschmotor - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 72

SCHÜLER Mit Einpeitschmotor

In der von Linken besetzten Politszene an Frankfurts Schulen zeichnet sich Revolutionäres ab: anti-sozialistische Schülergruppen, die die Macht der Herrschenden brechen wollen.
• aus DER SPIEGEL 26/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moritz ist fünfzehn, Tertianer, gegen die Mitbestimmung und für eine »rechte, christliche CDU«. Nach dem Abitur will er Offizier werden, später möchte »er in die Wirtschaft, etwas mit Geld machen«.

Max, der Zwillingsbruder, denkt mehr an Partys als an Politik und hält das Rechnen für wichtiger als die Rahmenrichtlinien. Aber im Herbst, im hessischen Wahlkampf, will er doch mit seinem Bruder auf einem dekorierten Tandem »für die CDU« durch die Straßen radeln.

Max und Moritz Hunzinger, Söhne eines Frankfurter Wirtschaftsmanagers, sind angetreten, »das Kapital zu verteidigen, denn dieses System«, sagt Moritz, »ist wert, daß man es schützt«. Und wie die beiden denken in Frankfurt mehr Jünglinge, als in der von jungen Linksprotestlern beherrschten Politszenerie zu vermuten wäre.

Gemeinsam mit rund vierhundert Mitschülern streitet das Pennäler-Paar an Frankfurter Gymnasien gegen alles, was sich rot und revolutionär gebärdet. Die Nachwuchs-Riege. die seit Monaten schon mit Flugblättern und eigenen Zeitungen zur Abwehr der »linken Unterwanderung der Frankfurter Schulen« und der »indoktrinären Manipulation gewisser Lehrkräfte« aufruft, hat sich nach dem Vorbild straff organisierter roter Schülerzirkel in mehreren Basisgruppen formiert. Zur Frankfurter Jüngst-Union zählen

* die Vereinigung Konservativer Schüler (VKS), der mit rund 150 Mitgliedern stärkste und politisch deutlich rechts orientierte Schülerbund, > die Union Demokratischer Schüler (UDS), deren etwa 140 Anhänger an nahezu allen Frankfurter Gymnasien wirken und die sich als »Sammelbecken für alle antikommunistischen Schüler« versteht (UDS-Vorstandsmitglied Hubert Gloss),

* die Schüler-Union (SU), ein Zweig der mit 22 000 Mitgliedern bundesweit etablierten Pennäler-Riege der Christenunion, der in Frankfurt etwa 120 Gefolgsleute anhängen, und

* die Demokratische Interessengemeinschaft Helmholtzschule (DIH), ein etwa dreißig Mann starker Klub von CDU-Sympathisanten, der gegen Rahmenrichtlinien und Gesamtschule kämpft und Leitsätze der Jungen Union propagiert.

Der Trend ist nicht neu: Wie in Frankfurt, wo konservatives Jungvolk seit Monaten »wie Pilze aus dem Boden schießt« (CDU-Geschäftsführer Walter Kettmann), rucken überall an bundesdeutschen Lehranstalten die Schüler mehr nach rechts. Seit die vom CDU-Wirtschaftsrat geförderte Schüler-Union verkündet, black sei beautiful und rechts wieder in, geraten linke Klassenkameraden auf den Schulhöfen mehr und mehr in die Defensive.

Doch in der von sozialen Konflikten besonders heftig heimgesuchten Großkommune wird, wie der CDU-Landtagsabgeordnete Arnulf Borsche sagt, »diese längst fällige Auseinandersetzung mehr Brisanz haben als sonstwo. Hier in Frankfurt ist der Stadtschülerrat durch und durch rot, hier wird"s Funken geben.

Die Unions-Pennäler -- nach dem Urteil des Rats-Verbindungslehrers Werner Haas »meist Schüler, die keine Schulschwierigkeiten haben« -- hatten sich im Mai bei, einem von der CDU veranstalteten Schüler-Kongreß in der Frankfurter Nordweststadt vorgenommen, »die Mitläufer und die Masse der politisch Desinteressierten« für die rechte Sache zu begeistern. »Wir müssen versuchen«, so ein vom Kongreß verabschiedetes Strategie-Papier, »den Bereich der Theorie zu meiden und statt dessen den Gegner mit gezielten, sachbezogenen Fragen und Argumenten zu verunsichern«. Noch vor den Sommerferien soll »Wumm«, eine gemeinsame Schülerzeitung der Anti-Links-Fronde, mit einer Auflage von 8000 Exemplaren erscheinen. Titelschlagzeile: »Die Mitte wacht auf«.

Während linke Schülervertreter die Arbeit in den Selbstverwaltungsgremien teils wenig schätzen und sich in ihren Pamphleten mehr um Unternehmer als um Unterricht kümmern, mühen sich die rechten Klassenkämpfer mit schulischen Informationen über Notengebung und Nachhilfestunden um Sympathisanten. »Die Linken«, erklärt VKS-Vorstandsmitglied Wolfgang Veit den Boom an der Basis, »reiten gewisse Themen tot. Bei Chile werden die doch nur noch ausgelacht.«

Die Streiter um Max und Moritz wählen für Mitglieder-Werbung populäre Mittel, laden zu Preisskat und Frühschoppen, präsentieren den neuen »Juso 80«, den »klassenlosen Wagen für niedrige Ansprüche, mit Einpeitschmotor und totalem Vermögensverteiler«, oder witzeln über Hessens SPD-Ministerpräsidenten: »Was ist der Unterschied zwischen einem Maikäfer und Albert Osswald? Der Maikäfer fliegt im Mai, Osswald im Oktober.«

Bis zur hessischen Landtagswahl am 27. Oktober, so hoffen die Konter-Revolutionäre, sollen durch Schularbeit möglichst viele Jungwähler auf ein Votum gegen das Osswald-Regime eingestimmt werden. »in Frankfurts Schulen«, kündigt UDS-Mitstreiter Moritz Hunzinger an, »müssen die linken Nester ausgeräuchert werden. Da ist ja alles völlig versozialisiert.«

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 72

Mehr lesen über