Mit eiserner Faust
Ein kleines Männchen, verhutzelt, schmal. Ein Kranz letzter, schlohweißer Haare um den blanken Schädel. Ein feines Oberlippenbärtchen, das mit der dünnen, brüchigen Stimme im Einklang vibriert. Bei Fragen macht sich der Alte klein, als wolle er am liebsten zur Unkenntlichkeit schrumpfen, unsichtbar werden. Nur keinen Widerstand bieten. Wegducken. Überleben.
Im Einstecken von Schicksalsschlägen ist der Jude Zwi Schalit, 79, ein Meister geworden, zwangsweise. Wenn es einen Gott gibt, dann war Er Schalit gegenüber ein zorniger, kein gütiger Gott. Dann hat Er einen aus seinem auserwählten Volk dazu auserwählt, alles Leid dieser Erde zu ertragen.
Als Kind verlor Zwi Schalit seine Heimat. Geboren im galizischen Lemberg, hatten er und seine Familie friedlich an der Seite von Deutschen und Polen, Ukrainern und Armeniern gelebt. Sie gingen in die Synagoge, nebenan beteten Christen in einer katholischen Kirche. Kein Problem - bis Adolf Hitler in Berlin die Macht an sich riss. In Lemberg schlachteten sie Juden ab, einmal waren es 800 am Tag. »Wir waren keine hundertprozentigen Zionisten«, sagt Schalit, aber das interessierte in der aufgeheizten Atmosphäre keinen mehr. »Mutter
brachte uns nach Palästina, in die Sicherheit, wie wir glaubten.«
Das war vor 65 Jahren.
Als Mann verlor Zwi Schalit seinen Sohn. »Wir treiben die Juden ins Meer«, hatte die Parole der arabischen Scharfmacher gelautet, als sie unmittelbar nach der Gründung Israels 1948 zu den Waffen griffen und den neuen Staat überfielen. Die Familie Schalit überlebte, Zwi heiratete, ging als Polizist zur Küstenwache, seine Frau brachte Zwillinge auf die Welt, Noam und Joel. Die beiden Jungen wurden wie alle Israelis zu einem dreijährigen Wehrdienst einberufen. Als am Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, die Armeen von Syrien und Ägypten in den Judenstaat einfielen, musste Joel mit seiner Einheit auf die Golanhöhen. Die Syrer waren in der Überzahl. Joel hatte keine Chance, verbrannte in seinem Panzer.
Das war vor 33 Jahren.
Als Großvater nahm man Zwi Schalit seinen Enkel. Es war an einem Sonntagmorgen, als der Pensionär im Radio hörte, ein israelischer Grenzposten sei am Gaza-Streifen überfallen worden. Zwi Schalit war beunruhigt, weil er wusste, dass sein 19-jähriger Gilad dort stationiert war. Mittags wurde es zur bitteren Gewissheit: Der Enkel war von palästinensischen Milizen entführt worden, eine Geisel, spurlos verschwunden.
Das war vor vier Wochen.
Die Einschläge kommen näher, im wahrsten Sinn des Wortes. Denn jetzt ist auch Zwi Schalits Leben bedroht. Er lebt in dem Städtchen Kirjat Ata bei Haifa, gut 30 Kilometer Luftlinie von der libanesischen Grenze entfernt. Er sitzt in einem alten Lehnstuhl vor den Fotos seiner Liebsten und hört das Donnern der Raketen. Wenige Kilometer vom Haus der Schalits in der Weizman-Straße 7 schlagen Geschosse ein, Katjuscha-Raketen, abgefeuert aus dem Hisbollah-Land. Es sind nicht acht Tote durch die willkürlichen Angriffe zu beklagen wie einige Tage zuvor in Haifa. Keiner wird in dem kleinen Ort verletzt, aber Menschen schreien vor Angst.
Das war am vergangenen Mittwoch.
Wenn Zwi Schalit die Sirene hört, und das passiert bald danach erneut, eilt der alte Mann mit seiner Frau vom Wohnzimmer ins Innere des Hauses, möglichst weit von den Fenstern weg. Einen Keller haben sie nicht, und um zum nächsten öffentlichen Bunker zu kommen, genügen die 60 Sekunden Vorwarnzeit nicht. »Wir sind wieder im Krieg«, sagt der Mann, der einfach nur weiterexisiert mit all seiner Trauer. »Aber waren wir nicht immer im Krieg? Und womit haben wir das verdient?«
Israel - das ewige Opfer. Israel - die existentiell bedrohte Heimstatt der Juden. Israel - ein Staat am Abgrund, umgeben von Feinden, die es auslöschen wollen, das deshalb in Abständen zusammenrückt, seine inneren Kämpfe zurückstellt, sich notgedrungen und zu allem entschlossen vorwärtsverteidigt. So lautet ein verbreitetes israelisches Credo.
Die Geschichte der Juden ist in den Augen vieler Juden primär eine Leidensgeschichte. Geprägt vom millionenfachen Mord, von der Ausrottungskampagne der Nazis, hat sich dem jüdischen Volk ein Glaubenssatz eingebrannt: Nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank geführt werden! Das Auschwitz-Syndrom lässt Israel auf Waffen setzen und auf immer noch mehr Waffen. Längst ist Israel die stärkste Militärmacht in der Region, ausgestattet mit dem modernsten und tödlichsten Kriegsgerät - einschließlich der Atombombe.
Mit den Entführungen im Gaza-Streifen durch die palästinensischen Militanten und vor allem seit dem unprovozierten Überfall der libanesischen Hisbollah-Miliz auf einen israelischen Grenzposten, dem Tod von acht Soldaten und dem Kidnapping von zwei weiteren sehen sich viele Israelis in ihren schlimmsten Alpträumen bestätigt. Auf die massiven Vergeltungsangriffe hin regnete es als Antwort Raketen auf israelisches Staatsgebiet. Es ist eine Eskalation eingetreten, wie es sie seit vielen Jahren im Nahen Osten nicht gegeben hat. Anders als die meisten vermutet haben, kann der Feind nicht nur die Grenzdörfer des Nordens treffen, sondern auch Haifa, die drittgrößte Stadt im Land, Nazaret und Afula, mehr als 50 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Noch modernere, von Teheran an die Hisbollah gelieferte Raketen sollen bis zu 75 Kilometer weit tragen - über Haifa, Afula, Tiberias hinaus mitten ins israelische Kernland.
»Das zionistische Gebilde ist ein Krebsgeschwür in dieser Region, und wenn ein Karzinom erkannt ist, muss es ausgemerzt werden«, hat Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Führer, einmal gesagt. Auch sein iranischer Mitstreiter Präsident Mahmud Ahmadinedschad will den Staat »von der Landkarte ausradieren«.
Kann Israel so überleben?
Sie hatte das Leben vor sich, ein Twen, lebenslustig, hübsch. Die Eltern strenggläubige Schiiten, aber nicht so, dass sie ihrer Tochter verboten, ein buntes Kopftuch zu tragen. Sie lernte Krankenschwester, weil sie anderen helfen wollte. Und war stolz auf ihren Vornamen Nimra, was »Tigerin« heißt und von dem sie fand, dass er besonders gut zu ihr passte.
Wenn es Gott gibt, dann hat Er es nicht gut gemeint mit seinem Schützling Nimra Bidun in der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus. Er legte der jungen Frau, die doch keinem etwas zuleide getan hatte, eine Prüfung nach der anderen auf.
Die erste kam an einem Juni-Tag 1982, der Libanon war gerade wieder einmal zum Kriegsschauplatz seiner Nachbarn geworden. Die PLO hatte sich als Staat im Staate etabliert, die Israelis unter dem Kommando von General Ariel Scharon besetzten den Libanon, um Arafat & Co. zu vertreiben. Über Tyrus dröhnte der Lärm von Kampfjets. Eine Frau hatte gerade im Behr-Krankenhaus entbunden, da kam der Alarm. Der Arzt ahnte die Gefahr, schickte Nimra, um ein weißes Bettlaken aus dem Fenster zu hängen. »Ich rannte zurück, und dann wurde alles um mich schwarz«, erzählt sie im Rückblick.
Die Bombe war ein Volltreffer, das Krankenhaus wurde völlig zerstört. Niemand außer der Krankenschwester überlebte, die vier Mütter nicht, die Babys nicht, der Arzt nicht. An die nächsten Stunden erinnert sich Nimra Bidun nurmehr schemenhaft. An Männer vom Roten Kreuz, die sie auf eine Trage hievten, an israelische Sanitäter, die sie über die Grenze schleppten, in einem Krankenhaus notdürftig versorgten, bevor sie die Fremde zurückschickten.
Sie hatte viel Blut verloren, aber sie überlebte, ihr Bein war allerdings schrecklich verkrüppelt. Ihren Beruf ausüben konnte sie nicht mehr. Die Einzigen, die sich ihrer in Tyrus annahmen, waren die von der Hisbollah, der radikalen »Partei Gottes«. Vom Rand der Stadt oder aus Verstecken in den Außenbezirken haben sie ihren Krieg gegen Israel geführt, in der Stadt aber kümmerten sie sich um die Bevölkerung.
Sie fand einen Mann, einen Rentner, fast 30 Jahre älter, nicht unbedingt attraktiv, auch keine geistige Leuchte; aber wie konnte sie als Krüppel wählerisch sein. Sie kehrte zurück in das Dorf Aitit, woher die Familie stammte, gerade mal zwölf Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Doch da wurde viel geschossen, Artilleriefeuer fast jeden Tag, von beiden Seiten. So wagte sie noch einmal in ihrem Leben einen großen Sprung - nach Beirut in die Großstadt. Vier Jahre später brachte sie eine Tochter zur Welt, die Pension ihres Mannes reichte, um sich einigermaßen bequem einzurichten. Ihr Leben hatte noch einmal begonnen.
Was für eine Stadt, dieses von Phöniziern gegründete, wie eine Perle an den Strand geworfene ex-römische, ex-osmanische Beirut: wiedergeboren nach dem langen und furchtbar blutigen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990, als die Zedern Trauer trugen. Ausgestattet mit neuem Selbstbewusstsein, aufbauwütig, vergnügungssüchtig, durch und durch lebensbejahend. Diskotheken entstanden auf ehemaligen Kampfstätten, wo Christen den Sunniten und Sunniten den Schiiten die Köpfe eingeschlagen hatten: Man tanzte in Beirut buchstäblich auf Särgen.
Durch die »Zedernrevolution« des Jahres 2005 wurden die Libanesen dann sogar ihre ungeliebten fremden Herren los: Die
Syrer, die sich zwischenzeitlich als die Herren von Beirut aufgespielt hatten, wurden vertrieben. Die Hisbollah spielte weiterhin eine wichtige Rolle, weil sie nach libanesischer Auffassung Israel »militärisch besiegt« hatte - im Jahr 2000 hatten sich die israelischen Besatzer wegen der hohen Verluste aus dem Libanon zurückgezogen, den Radikalislamisten das Feld überlassen. Die erfüllten auch nach Nimra Biduns Auffassung eine wichtige Rolle im libanesischen Parteien- und Machtgefüge. Natürlich wählte die Krankenschwester die Islamisten - ein bisschen wegen des sozialen Engagements, ein bisschen wegen der Vorstellung, dass da mit den Schibaa-Farmen immer noch - völkerrechtlich umstritten - libanesisches Land von Israel besetzt war.
Nadelstiche gegen Israel, das fand Nimra Bidun wie die meisten ihrer Landsleute eine gute Idee. Die Entführungen der israelischen Soldaten dagegen, das ist eine Aktion, zu der sie nicht Stellung nehmen will. Sie zuckt die Achseln. Sie weiß nur: Die Folgen sind fatal. Für den Libanon, ihr Land. Aber auch ganz persönlich für Nimra Bidun, 47, und ihre Familie.
Am vergangenen Mittwoch kamen die bedrohlichen Zeichen. Der Himmel über Südbeirut war dunkel von der Unmenge Papier, das da über die dicht an dicht stehenden Häuserzeilen fiel. »Fillu« stand auf den Flugblättern der Israelis. »Geht hier weg!«
Und sie gingen, so schnell sie konnten. Am Gartentor riss sich die Tochter noch einmal los. Sie rannte zurück ins Haus, weil sie das gelbe Kleidchen für ihre Puppe vergessen hatte. Außer einigen Handtüchern und den Spielsachen der Kleinen haben sie nicht viel retten können. Aber die Familie ist einigermaßen in Sicherheit, obwohl Nimra durch ihr Humpeln sehr behindert war. Sie sind in einem Auffanglager untergekommen, in der staatlichen Oberschule im modernen Stadtteil Verdun. Das gelbe Puppenkleid flattert am Fenstergitter. Die Flüchtlinge im eigenen Land sprechen einander Mut zu, so gut es eben geht.
Alle paar Stunden dringt der Donner von einschlagenden Bomben herüber. An den Blitzen, den schwarzen Wolken, am Rauch erkennt Nimra Bidun, die Tigerin aus Tyrus, dass es mehrfach schon ihre Gegend getroffen hat. Brücken, Elektrizitätswerke, Regierungsgebäude sind zerfetzt, Stahlträger geschmolzen, Beton wie von Riesenhand zermalmt, elektrische Leitungen durcheinandergewirbelt. Sie mag nicht zurückgehen und sich die Zerstörung anschauen; sie weiß, wie traurig der Anblick ist, sie hat noch schemenhaft die Trümmer ihres alten Krankenhauses im Kopf.
Ob die vom Schicksal so Geschlagene alles noch einmal packt, ob sie Mut und Kraft aufbringt für wieder ein neues Leben, noch einmal begonnen auf Ruinen, von ganz unten - sie weiß es nicht. Und dann verrät die sonst so stoische Frau doch einmal Emotionen. »Was haben wir einfachen Libanesen bloß den Israelis getan?«, fragt sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich ziehe meine Kleine nicht dazu auf, damit sie das alles wieder und wieder durchmacht. Jemand muss den Teufelskreis durchbrechen.«
Kein neutraler Beobachter wird den israelischen Militärs unterstellen, dass sie bewusst Jagd auf Zivilisten machen. Aber sie nehmen Kollateralschäden billigend in Kauf, wenn sie etwa in dichtbesiedelten schiitischen Wohngebieten Hisbollah-Zentren bombardieren. Ein israelischer Pilot nahm einen Kleinbus mit flüchtenden Zivilisten unter Feuer: ein Dutzend Tote. In solchen Kleinbussen, hieß es nachher, transportiere die Hisbollah ihre Katjuschas. Bis zum frühen Samstag vergangener Woche waren weit über 300 libanesische Zivilisten gestorben - zehnmal mehr als Israelis.
Generalstabschef Dan Haluz, sozusagen Nasrallahs Gegenpol, sagte im Jahr 2002, als bei einer gezielten Aktion gegen Hamas-Führer Salah Schahada eine 1000-Kilo-Bombe auf ein Wohnhaus geworfen wurde und neben der Zielperson 15 Zivilisten, darunter 11 Kinder, ums Leben kamen, er fühle sich nach dem Angriff »ausgezeichnet« und könne »ohne Probleme schlafen«. Vor zwei Wochen meinte der Hardliner: »Wenn wir die entführten Soldaten nicht zurückbekommen, werden wir den Libanon um 20 Jahre zurückwerfen.« In Teilen von Beirut sieht es jetzt so aus, als hätte er das in Sachen Infrastruktur mit all den zerbombten
E-Werken, Brücken und Häusern bereits geschafft, und der Hass gegen die Übermächtigen aus der Luft treibt der Hisbollah immer mehr Rekruten zu.
Israel - das Land, das mit zweierlei Maß misst, jede Uno-Verurteilung in eigener Sache achselzuckend ignoriert hat und nun vehement die Befolgung der Uno-Resolution 1559 fordert: Sie betrifft die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz. Israel - der Staat, der alles einseitig festlegen will und ohne Rücksprache mit den Nachbarn sogar die Grenzlinien im Nahen Osten zu bestimmen versucht, die Friedensbedingungen diktieren will.
Kann Israel so überleben?
Selten war die Weltgemeinschaft dermaßen ratlos wie in den vergangenen Tagen. Selten eskalierten Kampfhandlungen, an denen allenfalls einige Dutzend beteiligt waren, dermaßen schnell zu einem Krieg, der Millionen betraf - und immer noch ein Flächenbrand zu werden droht.
Beim G-8-Gipfel am vorvergangenen Wochenende kaschierten die Großen ihre Gegensätze noch einigermaßen erfolgreich; verurteilten die Übergriffe gegen israelische Soldaten und Zivilisten als Ausgangspunkt der Krise, riefen die Israelis zur Mäßigung auf. Der größte Erfolg der Erklärung war, dass sie überhaupt zustande kam.
Die Konfliktparteien nahmen keine Notiz. Die Hisbollah schickte weiter Raketen nach Israel und weigerte sich wie auch die palästinensischen Milizen im Gaza-Streifen, über die Entführten ohne die israelische Bereitschaft zu einem umfassenden »Gefangenenaustausch« auch nur zu reden. Nasrallahs Kalkül oder das seiner iranischen Sponsoren, ohne deren Einverständnis er kaum zugeschlagen haben dürfte: eine Heldenrolle in der arabischen Welt für seine Tollkühnheit und eine Schwächung der libanesischen Regierung.
Israel lehnte das »Angebot« der Hisbollah als Erpressung ab. Der wenig militärgeprüfte Ministerpräsident Ehud Olmert klang plötzlich so martialisch wie sein immer noch im Koma liegender Vorgänger Ariel Scharon zu dessen Haudegen-Zeiten: »Wir bombardieren so lange, wie es uns passt.« Olmert ließ seiner Armee freie Hand, sie bereitete eine Bodeninvasion vor und flog Tausende Einsätze gegen das Nachbarland.
»Sie reißen unser Land in Stücke«, klagte der als liberal und westfreundlich geltende libanesische Premier Fuad Siniora und rief die Staatengemeinschaft vergangene Woche ebenso verzweifelt wie dringend um Hilfe. »Wir stehen vor einer humanitären Katastrophe!«
Ende vergangener Woche waren mehr als eine halbe Million Menschen vor den Bomben auf der Flucht, dramatische Szenen spielten sich ab, als Plätze auf Bussen und Schiffen vergeben wurden. Weinende Eltern wurden von ihren Kindern getrennt, die über Drahtverhaue in die Arme von Helfern fielen. Franzosen, Deutsche, Amerikaner evakuierten ihre Landsleute - zurück blieben Libanesen. Sie wussten nicht wohin, wo noch ein einigermaßen sicherer Ort war vor den todbringenden Flugzeugen.
Die Welt teilte sich. Auf der einen Seite Israel und seine Schutzmacht USA, die das Hinauszögern eines Waffenstillstands zur Politik machten. Bush sagte, er wolle »unserem Alliierten« nicht in den Arm fallen, da er »das Recht auf Selbstverteidigung« ausübe. Die »New York Times« meldete am vergangenen Mittwoch, die USA hätten das Vorgehen mit den Israelis genau abgesprochen, diese dürften noch eine Woche bombardieren.
Die Regierungen in Berlin und London duckten sich weitgehend weg. Russland, Frankreich, Spanien und der Vatikan bildeten die Gegenfront. Sie nannten das Vorgehen der Palästinenser und der Hisbollah zwar »terroristisch«, aber sie forderten einen schnellen Waffenstillstand. Uno-Generalsekretär Kofi Annan griff Israel ungewöhnlich scharf an und sprach von »einem nie dagewesenen Ausmaß von Tod und Zerstörung durch exzessive Gewaltanwendung«, Wladimir Putins Regierung sprach von Aktionen »weit über eine Anti-Terror-Operation hinausgehend«, Frankreichs Präsident Jacques Chirac sah gar ein ganzes Volk als Geisel genommen - die Libanesen.
Trotz seiner gewaltigen militärischen Überlegenheit hatte Israel aus einem Gefühl der Bedrohung gehandelt und aus dem Bewusstsein einer grundlegenden Schwäche, ein Land, das gerade mal die Größe von Hessen hat und an seiner schmalsten Stelle zwischen Mittelmeerküste und dem palästinensischen Westjordanland nicht einmal 20 Kilometer breit ist.
»One bomb country« - mit diesem Schlagwort umschreiben Strategen gern die
prekäre Lage Israels: Ein einziger Nuklearsprengsatz, an dem die Mullahs in Teheran nach Jerusalems fester Überzeugung bereits arbeiten, würde ausreichen, um die Lebensfähigkeit des Judenstaates am östlichen Rand des Mittelmeers zu zerstören. Die industrielle Infrastruktur wäre weitgehend zerschlagen, ein Großteil der Bevölkerung ausgelöscht, das fruchtbare Kernland unbewohnbar.
Um fehlende Aufmarsch- und Verteidigungsräume durch präventive Blitzkriege ausgleichen zu können, rüstete Israel seine Streitkräfte im konventionellen Bereich zu den modernsten im ganzen Nahen Osten auf. Überdies legten sich die Militärs eine nukleare Kapazität zu, jeder Gedanke der arabischen Gegner, den verhassten Zionisten mit Massenvernichtungswaffen den Garaus zu machen, sollte mit massiver Abschreckung im Keim erstickt werden.
Bislang zeigte das auf bis zu 400 Atomsprengköpfe geschätzte Arsenal der Israelis Wirkung: Tausende Panzer und Geschütze, Kampfflugzeuge und Raketen stehen seit vielen Jahren in Kasernen, Bunkern und Hangars jener Nachbarstaaten, die diese Waffen eigens angeschafft hatten, um Jerusalem und ganz Palästina von »zionistischer Besatzung« zu befreien und die sie, bei Strafe der eigenen Vernichtung, eben nicht benutzen können.
Doch mit den Attacken der Hisbollah droht Israel nun zu einem Opfer jener asymmetrischen Kriegführung zu werden, die der verbündeten Supermacht USA im Irak und erstmals auch in Afghanistan schwer zu schaffen macht: Gegen Märtyrer-Milizionäre der palästinensischen Hamas im Gaza-Streifen und der schiitischen Hisbollah im Libanon verfehlt Israels Hochrüstung ihre abschreckende Wirkung - eine Tatsache, die Israels militärische Führung schwerer erschüttert als der Raketenhagel selbst. Wenn »Abschreckung durch Kämpfe wiederhergestellt werden muss, ist das ganze Konzept gescheitert. Abschreckung muss Kampf verhindern«, erklärt der Admiral a. D. und Ex-Geheimdienstchef Ami Ajalon die Scharte in Jerusalems Schild.
Wie schlagkräftig der jüngste Angreifer, die Hisbollah, wirklich ist, vermag niemand genau zu sagen. Von mindestens 15 000 Raketengeschossen sprechen amerikanische und israelische Geheimdienste, dazu etwa 20 000 Kombattanten, die zu jedem Zeitpunkt mobilisiert werden können - und mit jährlich 50 Millionen Dollar von Iran finanziert werden.
Ob die Gotteskrieger im Libanon auf Kommandos aus Teheran hören, ist allerdings umstritten. An ein militärisches Befehl-und-Gehorsam-Verhältnis glauben nur die wenigsten Nahost-Experten. Dafür ist die Nasrallah-Truppe längst viel zu eigenständig geworden - und als Staat im Staate Libanon auch viel zu mächtig. Schließlich habe sie ihre Legitimation durch hervorragende Wahlergebnisse bewiesen, meint etwa Volker Perthes, Leiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Doch die Treue zu Teheran hat Geschichte, ohne Iran wäre die Miliz wohl nie entstanden. Der einstige Botschafter des Revolutionsführers Ajatollah Ruholla Chomeini in Damaskus, Haschemi Mohtaschemi, gilt als Gründungsvater der Gotteskrieger. Nach dem Einmarsch der israelischen Truppen in Beirut 1982 schickte
Iran Hunderte Revolutionswächter in den Libanon. Sie brachten Geld, militärische Logistik und eine klare ideologische Botschaft: Nur der Dschihad, der Krieg auf dem Wege Gottes, verspreche den Sieg gegen die zionistischen Besatzer.
Mit spektakulären Geiselnahmen, Autobomben und Selbstmordanschlägen in den achtziger Jahren verschaffte sich die Hisbollah alsbald den Ruf der gefürchtetsten Extremistenorganisation der an Extremisten überreichen Region. Der ehemalige amerikanische Vizeaußenminister Richard Armitage qualifizierte sie gern als »A-Team der Terroristen«.
Um nicht nur als verlängerter Arm der Islamischen Republik Iran wahrgenommen zu werden, kandidierte die »Hisb Allah«, die »Partei Gottes«, bei Wahlen und kümmerte sich um den Aufbau eines dichten Netzes von sozialen Dienstleistungen. Sie errichtete Hospitäler, Schulen und Waisenhäuser, schuf den »Märtyrer-Fonds«, ein Versorgungswerk für gefallene Kämpfer, und richtete den »Dschihad für Wiederaufbau« ein, um Kriegsschäden zu beheben. Die Hisbollah wurde eine Volksbewegung. »Wir haben überall in der Bevölkerung unsere Wurzeln«, prahlt Hisbollah-Führer Nasrallah, der das doppelte Antlitz seiner Organisation formte: als politische Partei im Parlament und als Untergrundorganisation im Kampf gegen Israel.
Hisbollah-Kenner warnen davor, sich von den sozialen und politischen Autoritäten der Truppe täuschen zu lassen. »Die Hisbollah ist zweit- oder drittkompetente Militärmacht der Region nach Israel und Iran«, urteilt etwa Mark Perry vom Beiruter Konflikt-Forum. Und der Hisbollah-Forscher Nicholas Noe aus Cambridge weist auf die massive psychologische Wirkung der Hisbollah-Angriffe hin: »Kein arabischer Staatsführer seit Nasser hat etwas Ähnliches erreicht.«
Gleichwohl wären Nasrallahs Truppen bei konventioneller Kriegführung kein ernstzunehmender Gegner für die mehr als eine halbe Million hervorragend ausgebildeten und ausgerüsteten Soldaten, die Israel binnen kürzester Zeit ins Gefecht schicken könnte. Die wahre Stärke der unheimlichen Angreifer liegt in ihrer ungewöhnlichen Bewaffnung, ihrer unkonventionellen Kriegführung und ihrer undurchschaubaren Dislozierung.
In allen drei Bereichen missachten die arabischen Kombattanten konsequent alle Grundsätze konventioneller Militärdoktrinen. Statt auf eine möglichst ausgewogene Bewaffnung zu Wasser, zu Land und in der Luft verlassen sie sich ganz auf leichte Handfeuerwaffen, Sprengstoff und vor allem Raketen, viele Raketen.
Ein furchterregender Feind: »Weil es sich um eine populistische Basisbewegung handelt, finden sich in jeder Familie, die im Hisbollah-Gebiet lebt, Mitglieder, die sich jederzeit mobilisieren lassen. Ich glaube, die Israelis sind sich völlig darüber im Klaren, das die Zerschlagung der Hisbollah buchstäblich unmöglich ist«, meint Amal Saad-Ghorayeb, Autorin eines Buchs über die schiitische Untergrundorganisation. Jedes Haus, jeder Keller, jede Höhle kann von ihnen als Waffen- oder Munitionslager genutzt werden; jeder Hinterhof, jeder Spielplatz, jede Straßenkreuzung binnen Minuten zur Kampfstellung werden.
Vor allem um zu verhindern, dass die Hisbollah ihr Raketenarsenal in grenznahe Feuerstellungen bringt, hat Israels Luftwaffe Straßen und Brücken im Libanon bombardiert. Denn diese Raketen gefährden eben nicht mehr nur ein paar isolierte Kibbuzim im Norden des Landes.
Mit Haifa hat die Hisbollah Israels drittgrößtes Bevölkerungszentrum unter Beschuss genommen. Angriffe gegen die dortige Öl- und Chemieindustrie bergen das Risiko unabsehbarer Folgeschäden - für die Umwelt wie für die Wirtschaftskraft des hochindustrialisierten Landes.
Sogar das Atomzentrum Dimona mitten in der Negev-Wüste, Keimzelle der israelischen Nuklearabschreckung, scheint in die Nähe der Reichweite der Milizen zu geraten. Denn die Schiiten verfügen mittlerweile über ein reichhaltiges Arsenal an Flugkörpern.
Der größte Teil des Arsenals, die etwa 12 000 Katjuscha-Raketen der Hisbollah, bringt nur beschränkten militärischen Nutzen. Mit Reichweiten bis höchstens 20 Kilometer fliegen die Kathrinchen - Katjuscha ist der russische Kosename für Katharina - aus grenznahen Feuerstellungen trotzdem weit genug ins israelische Hinterland, um die dort lebende Bevölkerung zu terrorisieren. Da diese Nachfolgemodelle der im Zweiten Weltkrieg gefürchteten Stalin-Orgeln nicht gesteuert werden, können sie ausschließlich gegen Flächenziele - etwa Städte oder große Industrieanlagen - gerichtet werden, wo ihre bis zu 18 Kilogramm schweren Sprengstoffladungen allerdings Angst und Schrecken verbreiten.
Die israelische Armee hat den Katjuschas kaum etwas entgegenzusetzen. »Es gibt keine Abwehr gegen diese Raketen«, sagt Reuwen Pedhazur, früher Kampfpilot und heute Politikwissenschaftler an der Universität von Tel Aviv.
Das ist vor allem ein technisches Problem. Je kürzer die Reichweite einer Rakete, desto weniger Zeit bleibt, sie vor ihrem Einschlag abzufangen. Herkömmliche Raketenabwehrsysteme sind weitgehend machtlos, auch weil sie viel zu hoch in den Himmel steigen, die Geschosse der Hisbollah dagegen bewegen sich auf einer extrem niedrigen Flugbahn.
Erheblich gefährlicher indes und ebenso wenig abzuwehren sind die weiter reichenden Raketen der Hisbollah. Mehrere hundert iranische Fadschr-3- und Fadschr-5-Flugkörper sollen in Hisbollah-Depots liegen. Nach jüngsten Geheimdienstinformationen soll die Miliz diese Prunkstücke ihres Arsenals so tief eingegraben haben, dass ihnen selbst Israels modernste Bunkerbrecher-Bomben nichts anhaben können. Zudem sollen die Depots für den Fall von Bodenangriffen durch israelische Eliteeinheiten von Selbstmordkommandos der Hisbollah gesichert sein.
Die Schlagkraft der Raketen rechtfertigt solchen Aufwand: Sie können ihre 50 Kilogramm schweren hochexplosiven Ladungen bis zu 45 oder gar 75 Kilometer weit tragen. Im schwer getroffenen Eisenbahndepot von Haifa starben acht Menschen durch eine Fadschr-3.
Selbst Außenbezirke der Metropole Tel Aviv geraten in Reichweite der Gottes-
krieger. Einige Dutzend Silsal-2 aus iranischer Produktion verlängern offenbar die Schlagkraft der Schiiten auf bis zu 200 Kilometer. Ihr 600-Kilogramm-Sprengkopf könnte eines Tages gar mit chemischen Kampfstoffen gefüllt werden und so weite Teile des Landes in erhöhte Terrorangst versetzen.
Immerhin, gegen die Silsal verfügt die israelische Raketenabwehr über eine erfolgversprechende Gegenwehr - selbstentwickelte Arrow- und US-amerikanische Patriot-Systeme. Mehrere dieser Batterien wurden mittlerweile in Stellung gebracht. Doch hundertprozentig verlassen können sich die Streitkräfte nicht auf die Wirksamkeit ihrer Hightech-Abwehr. Gegen Saddam Husseins uralte Scud-Raketen erreichten sie im Krieg von 1991 lediglich eine Trefferquote von unter 50 Prozent.
Wenig Abwehrchancen besitzt auch die israelische Marine, die bislang ungehindert in den Hoheitsgewässern des Libanon operierte, gegen Waffen, die sie nicht einmal in den Händen der Hisbollah vermutet hatte. Der Marschflugkörper vom Typ C-802 ist eine der wirkungsvollsten Anti-Schiffs-Waffen der iranischen Streitkräfte. Die radargesteuerte, fast schallschnelle Cruise Missile rast nur wenige Meter über der Meeresoberfläche auf ihr Ziel zu. Die C-802 ist für normale Flugabwehrradargeräte praktisch unauffindbar und trifft mit tödlicher Genauigkeit.
Auf der israelischen Korvette »Speer« starben vier Matrosen beim Einschlag. Ein kambodschanisches Frachtschiff wurde von einer zweiten C-802 versenkt. Der Marschflugkörper ist eine Weiterentwicklung der chinesischen »Silkworm« und gilt als eine der größten Gefahren für die Ölschifffahrt in der Straße von Hormus, sollte es zu einem militärischen Konflikt mit dem Iran kommen.
Da die C-802 für die Zielerfassung auf Unterstützung durch ein weitreichendes Überwachungsradar angewiesen ist, bombardierte die israelische Luftwaffe kurzerhand die Küstenradarstation der libanesischen Streitkräfte. So hofft die israelische Militärführung, einen erneuten C-802-Angriff zumindest erschwert zu haben.
Wegen der geringen Abwehrmöglichkeiten setzt die israelische Luftwaffe um so stärker darauf, die mobilen Abschussrampen zu finden und zu zerstören, ehe die Raketen feuerbereit sind. Ein Dutzend größerer Waffen will Israels Militär bereits zerstört haben, die die Hisbollah nach alter Guerillataktik in Wohngebieten versteckt - und damit das Leid unter der eigenen Bevölkerung geradezu herausfordert.
Beirut, die Metropole, die sich gerade wieder anschickte, den Rang eines Paris des Orients zurückzuerobern, sah Ende vergangener Woche aus, als wäre sie zurückgeworfen in ihre düsterste Bürgerkriegsvergangenheit, nur noch die Chiffre für einen urbanen Alptraum. Müllberge verrotten in den Straßen, es gab nur sporadisch Strom aus dem öffentlichen Netz.
Wer unter den Flüchtlingen Verwandtschaft in den Bergen um Beirut hat, ist dort untergeschlüpft, gehört zu jenen, die Glück im Unglück haben. Von dort oben wirkt Beirut wie Florenz oder Ancona, ist der Krieg nur im Fernsehen zu sehen - und an den Schlangen von Fahrzeugen zu erkennen, die sich die endlosen Serpentinen in die Berge des Libanon hinaufquälen, weil israelische Bomben die Autobahn nach Damaskus unpassierbar gemacht haben.
In der Hauptstadt selbst ist am Abend und in der Nacht kaum mehr ein Mensch auf den dunklen Straßen, durch die Fenster sind die Bombeneinschläge zu hören, die vor allem den schiitischen Süden der Stadt treffen. Auf den Dächern der lichtlosen Hochhäuser stehen die Einwohner und schauen mit Feldstechern hinunter in Richtung Flughafen, wo es mitunter blitzt wie bei einem Gewitter. »Al-Daahija al-Dahiija«, schreibt eine Hisbollah-Zeitschrift - ein arabisches Wortspiel, das die
Lage exakt beschreibt: »Die Vorstadt ist das Opfer.«
Gespenstisch leer ist auch die sonst hoffnungslos übervölkerte Schiiten-Banlieue von Beirut mit ihren typischen gestreiften Außengardinen, welche die Balkone kühl und sonnenfrei halten sollen. Leidlich voll hingegen sind einige Hotels im Zentrum der Stadt - nicht mit den Touristen vom Golf, deren Fahrer sich um diese Jahreszeit sonst um Parkplätze streiten, sondern mit den wenigen Wohlhabenden, die sich mit ihren Familien aus dem Südlibanon in die Hauptstadt gerettet haben und sich ein Zimmer für 100 Dollar die Nacht leisten können. Sie warten: Geht der Sturm vorüber und können wir nach Hause zurück - oder müssen wir raus hier? Eine Taxifahrt nach Damaskus, sonst etwa 200 Dollar, kostet zurzeit 750.
Überfüllt jedoch sind die Parks und die Schulen, vor allem in die Christenviertel im Zentrum der Stadt haben sich die erschöpften Bombenopfer aus dem Süden gerettet. Doch in den christlichen Vierteln der libanesischen Hauptstadt sind die Flüchtlinge vor Angriffen Israels nicht mehr sicher. Vorigen Mittwoch schlug mitten in Aschrafija, dem größten und bekanntesten Christenbezirk Beiruts, eine Fliegerbombe ein. Sie zerriss einen Lastwagen, auf dem ein Brunnenbohrer montiert war; auf den Aufklärungsbildern der israelischen Luftwaffe, heißt es später, soll der Aufbau wie ein Luftabwehrgeschütz ausgesehen haben. »Glauben die Israelis im Ernst, die Hisbollah würde hier in Aschrafija mit einem Raketenwerfer herumfahren?«, fragt ein Anwohner, ein Amerikaner. »Ich dachte, die hätten den besten Aufklärungsdienst der Welt.«
Doch selbst solche verheerenden Fehlschläge und die vehemente internationale
Kritik an der Unverhältnismäßigkeit der israelischen Aktion konnten Jerusalems Angriffswillen nicht bremsen. Schon jetzt hat Israels Operation »Angemessener Preis« mehr zerstört als 15 Jahre libanesischer Bürgerkrieg. Die Stromversorgung, Trinkwasser, Transportkapazitäten sind erheblich eingeschränkt, im Süden kaum noch vorhanden. Seit sogar Tankstellen bombardiert werden, haben sich die Benzinpreise in einigen Regionen versechsfacht. Hinzu kommt, dass der Feldzug gegen die Hisbollah nur die Nordflanke in Israels Kampf gegen den Terrorismus bildet.
Im Schatten des Libanon-Kriegs kämpfen Israels Soldaten weiter an der Gaza-Front, die die Hamas im vergangenen Monat mit der Entführung des Soldaten Gilad Schalit eröffnet hatte. Jeden Tag dringt die israelische Armee in den vollkommen abgeriegelten Elendsstreifen am Mittelmeer ein. F-16-Kampfflugzeuge donnern ohne Unterlass über den Landflecken, der mit 1,4 Millionen Einwohnern zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt gehört. Panzer rollen in die verwinkelten palästinensischen Flüchtlingslager, die Marine beschießt Ziele von See her, hochgerüstete Spezialeinheiten liefern sich Häuserkämpfe mit den militanten Palästinensern des Islamischen Dschihad, der Aksa-Brigaden und vor allem der Hamas.
Und fast jeden Tag prasseln deren selbstgefertigte Kassam-Raketen auf grenznahe Städte wie Sderot, wo sie israelische Zivilisten töten.
Kassam-Raketen sind einfache Do-ityourself-Waffen. Die Einzelteile werden aus Ägypten eingeschmuggelt, zusammengesetzt werden sie in Kellern und Wohnungen, abgefeuert von Kraftfahrzeugen oder mobilen Abschussrampen. Es ist ein Kinderspiel, ein tödliches, zumal die Reichweiten der Raketen laufend verbessert werden. Erst waren es drei, dann acht Kilometer, und mittlerweile liegt auch die zwölf Kilometer von der Grenze entfernte Stadt Aschkelon in Reichweite und mit ihr
eines der wichtigsten Elektrizitätswerke des Landes.
Etwa hundert Raketen fliegen monatlich über die Grenze. Und es sollen bald noch mehr werden, wenn es nach dem bärtigen jungen Mann geht, der sich Abu Their nennt und Sprecher eines Kampfverbandes der Aksa-Brigaden ist. »Wir haben eine Kampagne gestartet, zusammen mit den anderen Märtyrern«, tönt der selbsternannte Widerstandskämpfer, »wir werden gemeinsam 1000 Raketen gegen die Besatzung abfeuern - aus Solidarität mit dem Kampf der Hisbollah.« Er sitzt auf einem Plastikstuhl, an den Betonwänden hängen Poster von Arafat und die gelben Fahnen der Aksa-Brigaden, sie zeigen ein Sturmgewehr. »Die Hisbollah verteidigt ihr Land«, sagt er, »natürlich unterstützen wir ihren Kampf.« Und dabei leuchten Abu Theirs Augen.
Um diese Gegner, egal ob im Norden oder Süden Israels, entscheidend zu schwächen, hat der mächtigste Verbündete der Regierung Olmert zugesichert, erst dann auf einen Waffenstillstand zu drängen, wenn die Streitkräfte militärische Erfolge verbuchen konnten.
Für US-Präsident Bush ist der Waffengang mehr als nur eine weitere Runde im endlosen Nahost-Konflikt. Er sieht in der Schlacht gegen die Hisbollah vielmehr eine neue Front im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus. Der Präsident und seine Regierung empfinden die neue Nahost-Krise weniger als eine Gefahr denn als eine Gelegenheit. In einem »Moment der Klarheit« steht für das Weiße Haus wieder einmal Gut gegen Böse, diesmal Israel gegen jene Mächte, an denen ein Frieden in Nahost bislang gescheitert sei. »Manchmal braucht es tragische Situationen, damit die internationale Gemeinschaft ihren Weg findet«, befand der US-Präsident kühl.
Schon deshalb hatte Bush an dem von Uno-Generalsekretär Kofi Annan vorgeschlagenen Waffenstillstand erst einmal wenig Interesse. Israel sollte ruhig zuschlagen - mindestens noch die eine Woche, die unbedingt nötig sei um die Hisbollah nachhaltig zu schwächen, wie Jerusalems Regierung nach Washington meldete. »Die Unterstützung, die wir bekommen, ist beispiellos«, jubelte ein Olmert-Berater über die Rückendeckung aus Washington. Als ehrlicher Makler im Nahen Osten, erkannten vergangene Woche Uno-Diplomaten in New York, habe sich Amerika wohl endgültig abgemeldet.
Selbst den Zeitpunkt, an dem Außenministerin Condoleezza Rice mit Friedensgesprächen in der Region beginnen mochte, zögerte sie so lange wie möglich hinaus. Erst am vergangenen Wochenende wollte sie in den Nahen Osten aufbrechen.
Die Urheber des Gewaltausbruchs sieht Bush vor allem in den zwei ewigen Störenfrieden Syrien und vor allem Iran. Gemeinsam mit Hamas und Hisbollah, so Washingtons Lesart, haben sie ihre Kräfte vereint, um den Nahen Osten ins »Chaos« (Bush) zu stürzen. Das nimmt der Präsident auch als ganz persönliche Kriegserklärung: Den Traum, nach dem Sturz Saddams als Reformer des Nahen Ostens in die Geschichtsbücher einzugehen, hat er noch immer nicht aufgegeben.
Dabei hat Washington das Regime des jungen Despoten Baschar al-Assad fest im Blick. Denn der hat sich in den vergangenen Jahren als übereifriger Nasrallah-Anhänger geoutet. Für den Milizen-Chef tut der Herrscher von Damaskus fast alles: Er lässt den Waffennachschub aus Iran über Syrien rollen, was für die Hisbollah überlebenswichtig ist. Ihren Funktionären ermöglicht Assad sichere Ausreisemöglichkeiten und, falls nötig, komfortable Wohnungen
in Damaskus. Hisbollah-Kämpfer dürfen in syrischen Städten sogar Paraden abhalten, wo sie von den Zuschauern begeistert gefeiert werden, was Assads eigenen Soldaten nie widerfährt.
Vor allem aber lässt sich Bush im Nahen Osten derzeit von seiner Fixierung auf die Teheraner Mullahs leiten. Zum einen ist der US-Präsident überzeugt, dass Irans Staatspräsident, der notorische Israel-Hasser Mahmud Ahmadinedschad, die Hisbollah in den Kampf geschickt hat, um die drohende Eskalation des Atomstreits zu verhindern. Das Kalkül Teherans sei, erklärten vergangene Woche US-Regierungsbeamte, durch die jetzige Krise den Ölpreis so hoch zu treiben, bis der Westen von der Verhängung empfindlicher Wirtschaftssanktionen absehe.
Zudem glaubt Bush, dass die Attacken der Hisbollah nur ein Vorgeschmack darauf sind, was die Region erwartet, wenn die Mullahs nicht gestoppt werden. Auch deshalb lässt Bush die Israelis gewähren: Falls es doch noch zu einer verschärften Konfrontation mit Iran kommt, soll Ahmadinedschad zumindest nicht mehr auf seine Hilfstruppen im Libanon zurückgreifen können. Jeder möglichen politischen Lösung der Krise, etwa der Entsendung von Blauhelmen, will Washington nur dann zustimmen, wenn die Uno-Resolution 1559 vollständig umgesetzt wird. Der Sicherheitsratsbeschluss verlangt die Entwaffnung aller libanesischen Milizen, darunter der Hisbollah.
Dass der Libanon darüber in Schutt und Asche gelegt wird, stört Washington nur bedingt. Mit strahlendem Lächeln hatte Bush noch im April Libanons Premierminister Fuad Siniora versprochen, sein Land werde ein »großartiges Beispiel« für den neuen, demokratischen Nahen Osten. Die Zerstörung ist daher zwar bedauerlich, aber aus Bushs Sicht unvermeidlich.
Ein Militärschlag der USA gegen Iran scheint derzeit zwar unwahrscheinlich, aber der Druck auf Bush, die Mullahs endlich zu bändigen, nimmt zu. Immer lauter wird auch in seiner eigenen Partei das Murren. Schon macht die These die Runde, dass nur Amerikas Schwäche und die Rückbesinnung des Präsidenten auf die Mittel der Diplomatie und internationaler Zusammenarbeit Iran, Syrien und auch Nordkorea zu immer neuen Provokationen verleiteten. Die Botschaft, die heute von Amerika ausgehe, sei eine der Schwäche, sagt der ehemalige republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Newt Gingrich.
Die vermeintlich nötige Härte zeigt, ganz im Sinne der amerikanischen Neokonservativen, dafür Israel - das sich der Rückendeckung besonders durch die christliche Rechte Amerikas sicher weiß. Tausende Jünger der »Christen vereint für Israel« reisten vergangene Woche nach Washington und bedrängten Senatoren und Abgeordnete, Jerusalems Premier Olmert weiterhin freie Hand zu lassen. »Für Israel geht es ums Überleben«, erklärte Reverend Jerry Falwell, Amerikas prominentester Fundamentalist, bei einer Pressekonferenz im Senat. »Warum in Gottes Namen sollen sie sich denn zurückhalten?«
Israels Hoffnung aber, die Hisbollah im Libanon mit Gewalt zerschlagen zu können, könnte sich durchaus als trügerisch erweisen - auch wenn sie genährt wird durch Erinnerungen an die erfolgreiche Vertreibung der PLO 1982. Damals floh Jassir Arafat vor dem israelischen Durchmarsch nach Beirut mit der gesamten Palästinenserführung auf fünf griechischen Schiffen unter Uno-Flagge nach Athen und von dort ins tunesische Exil. Der Einfluss der PLO im Libanon war gebrochen. Den Frieden hat dieser Erfolg aber keineswegs gebracht.
Diesmal aber sind die Erfolgsaussichten sogar noch geringer. Arafat war Palästinenser, ein Ausländer. Hisbollah-Chef Nasrallah ist Libanese. »Arafat hat für Palästina gekämpft«, sagt Libanons Parlamentspräsident Nabih Berri, politisch ranghöchster Schiit des Landes. »Nasrallah kämpft für den Libanon.« Das gilt auch
für die erweiterte Führung und das gesamte Fußvolk der Hisbollah.
Die PLO hatte alle libanesischen Fraktionen des Bürgerkriegs zum Feind, auch Syrien bekämpfte sie. Die Hisbollah, obwohl nach dem Abzug der Syrer im vergangenen Jahr kurzzeitig isoliert, hat nach wie vor Alliierte im Libanon, erst recht in Syrien.
Die Palästinensertruppe traf der Einmarsch der Israelis 1982 überraschend, die Hisbollah hingegen scheint seit Jahren auf den jetzt eingetretenen Kriegsfall hingearbeitet zu haben. In vielen Landesteilen hat sie Waffen- und Munitionslager eingerichtet, vor allem im Südlibanon, aber auch in der Bekaa-Ebene und in der Hermel-Region im Norden.
Dass Nasrallah trotz israelischer Bombenteppiche auf seine vermeintlichen Verstecke auch Ende vergangener Woche noch triumphierte, liegt nicht nur an der Kampfstärke seiner eigenen Truppe. Nasrallahs Aufstieg spiegelt auch das Selbstbewusstsein einer ganzen Konfession wider, deren Welt sich nach dem Irak-Krieg von 2003 grundlegend geändert hat: Die etwa 150 Millionen Schiiten vom indischen Lucknow bis in die biblischen Hügel des Südlibanon, Minderheiten in den meisten Ländern, in denen sie leben, spüren seither den Rückenwind der Geschichte.
Es ist die Schreckensvision sunnitischer Araberführer, wie sie Jordaniens König Abdullah II. vor eineinhalb Jahren an die Wand gemalt hat: die Entstehung eines »schiitischen Halbmonds« zwischen dem Indischen Ozean und dem Mittelmeer, eines Keils, der sich zwischen die Sunniten in der islamischen Welt schiebt.
So zeichnet sich, nicht nur im Westen, ein neues Feindbild ab - höchst eigennüt-
zig befördert von den Führern der großen sunnitischen Staaten, von Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien, deren Regime sich durch Extremisten herausgefordert sehen: Der böse Schiit, 1989 mit dem Tod des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini zu Grabe getragen, taucht wieder aus der Versenkung auf - in der Gestalt des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, des irakischen Schiitenführers Muktada al-Sadr und jetzt auch mit Hisbollah-Chef Nasrallah.
Mit erschreckendem Pragmatismus versucht Teheran dagegen, die bisher kaum überbrückbar scheinenden Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten beiseite zu wischen, um seine eigene Machtposition weiter auszubauen. Iran unterstützt nicht nur die Hisbollah im Libanon, die Milizen im Irak oder schiitische Gruppen in Syrien, Aserbaidschan oder Katar. Teheran hat auch kein Problem damit, die Hamas zu unterstützen, eine zutiefst sunnitische Bewegung, deren Ränder sich mit der Ideologie von al-Qaida überschneiden. »Es gibt einen tiefen Graben zwischen Sunniten und Schiiten«, sagt Mustafa Alani vom Golf-Forschungszentrum in Dubai, »aber ein Konzept ist ihnen gemeinsam: der Dschihad, der heilige Krieg« - in dem es den dekadenten Westen zu besiegen gilt sowie dessen stärksten Vorposten in Nahost: Israel.
Und tatsächlich hat den jüdischen Staat angesichts der neuen Allianz aus Terrorismus und Fanatismus - trotz aller zur Schau gestellten Militärmacht - ein neues Gefühl der Bedrohung ergriffen. »Die zwei erfolgreichen Aktionen von Hamas und Hisbollah«, schrieb die israelische Tageszeitung »Maariv«, »haben zu einem nationalen Gefühl der Verzweiflung geführt.« Der Vorsitzende der Russen-Partei »Unser Haus Israel«, Avigdor Lieberman, vergleicht die Situation gar mit der Kuba-Krise 1962. Was damals die sowjetischen SS-4-Raketen waren, so Lieberman, seien heute die Raketen im Südlibanon.
Weit über das direkte Grenzgebiet zum Libanon hinaus ist der Norden Israels wie leergefegt. Hunderttausende Menschen verkriechen sich in die Bunker, verbringen Stunden in Kellern, verzweifeln aus Angst vor Vernichtung, ihrer Existenz, ihres Lebens, ihres Staates. Und die Einschläge rücken immer bedrohlicher nach Süden vor. Am Mittwoch vergangener Woche wurde erstmals Nazaret getroffen, 45 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Die Opfer waren zwei arabische Kinder.
Gar nicht weiter ausmalen wollen sich israelische Sicherheitsexperten denn auch, was passiert, wenn die fanatischen Israel-Gegner noch eine dritte Front wiedereröffnen, an der es seit Monaten ruhig war: durch Sprengstoffanschläge palästinensischer Selbstmordattentäter. Angekündigt haben die Vernichtungsstrategen solche Aktionen bereits. Allein durch Zufall konnte die Polizei am vergangenen Montag einen Palästinenser aus dem Westjordanland stoppen, der einen fünf Kilogramm schweren Sprengstoffgürtel trug. Er hatte es bis zur zentralen Jaffa-Straße von Jerusalem geschafft. Hunderte Polizisten suchten am Freitagabend eine palästinensische Selbstmordattentäterin, die sich offenbar in Tel Aviv aufhielt.
Der Erfolgsdruck auf Premierminister Ehud Olmert wird von Tag zu Tag größer. Er muss beweisen, dass er trotz seiner mangelnden militärischen Erfahrung mit der Libanon-Operation die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Derzeit scheint es, als wolle er sein Image-Manko weiterhin durch maximale Härte kompensieren. »Tut, was ihr tun müsst«, teilte er seinen Generälen mit, »ihr habt kein zeitliches Limit.« Dem Volk versprach er, die gesamte Infrastruktur des Terrors zu zerstören, »überall«.
Für Friedensinitiativen bleibt da wenig Spielraum. Die von Uno-Generalsekretär Kofi Annan geforderte sofortige Waffenruhe lehnte Israel rundheraus ab. »Die internationale Gemeinschaft darf jetzt keine Waffenruhe befördern, die ein Vakuum hinterlässt«, sagt Außenministerin Zipi Livni im SPIEGEL-Interview (Seite 88).
Doch auch der von Annan und Briten-Premier Tony Blair auf dem G-8-Gipfel in St. Petersburg aufgebrachten Idee, eine Friedenstruppe im Südlibanon zu stationieren, steht Jerusalem sehr kritisch gegenüber. Schließlich hat die bisherige Uno-Mission in Libanon Unifil die Bedrohung
durch die Hisbollah nicht reduzieren können - für den Nahost-Kenner Perthes eher der berüchtigte »Strohhalm, an den man sich klammert«.
Allenfalls würde Jerusalem eine Natogeführte Friedenstruppe nach dem Vorbild des Kosovo akzeptieren, die auch selbst zu den Waffen greifen darf, um so durch eine Art Pufferzone im Libanon Angriffe auf Israel zu verhindern. Ob Beirut, das erst im vergangenen Jahr die syrische Besatzung abschütteln konnte, einer derart mächtigen ausländischen Militärpräsenz zustimmen würde, ist äußerst fraglich.
Den israelischen Kritikern der Operation »Angemessener Preis«, denen die Massenflucht der Bevölkerung und die etwa zehnfach so hohe Opferzahl unter Libanesen äußerst unangemessen schienen, ließ diese Forderung Schlimmeres ahnen. »Nur eine starke Regierung wäre in der Lage gewesen, den Israelis klarzumachen, dass die Entführung von zwei Soldaten keinen Krieg wert ist«, kritisierte der israelische Historiker Tom Segev seinen Premier.
Sonst aber herrschte, jedenfalls in Israel, Einigkeit wie selten zuvor. Laut einer Umfrage vom vergangenen Freitag fanden 95 Prozent die Reaktion Israels auf die Hisbollah-Entführung richtig, 90 Prozent sind für eine Fortsetzung des Krieges.
Viele Ältere erinnerte die Atmosphäre der Solidarität und Geschlossenheit gar an die Juni-Tage von 1967. Damals verteidigte der jüdische Staat seine Existenz erfolgreich gegen die Truppen Jordaniens, Ägyptens und Syriens - in einem konventionellen Krieg.
Selbst ein sonst so friedensbewegter Intellektueller wie der Schriftsteller Amos Oz verteidigt diesmal den Waffengang: »Israel führt diesen Krieg mit Recht.« Dass das in vielen Ländern anders gesehen wird, weiß auch der mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autor. Trotzig fügt er deshalb hinzu: »Jeder anständige Mensch muss diesen Krieg unterstützen.«
Mit solcher Rückendeckung will Israel seine Angriffe offenbar noch ausweiten. Tausende von Reservisten wurden zum Ende der Woche einberufen. Alles deutete darauf hin, dass Jerusalems Militärs der Hisbollah auch noch mit einer großen Bodenoffensive zusetzen wollen. Warnungen an die Bevölkerung, die israelische Stellen im Süden des Libanon verbreiteten, lösten regelrechte Panik aus. Alle Zivilisten, hieß es in Flugblättern, Radioausstrahlungen oder SMS-Mitteilungen an lokale Amtsträger, sollten die Region so schnell wie möglich verlassen - wenn sie ihr Leben nicht riskieren wollten.
Südlich des Flusses Litani beanspruchten Israels Militärs freie Bahn.
DIETER BEDNARZ, ERICH FOLLATH, SIEGESMUND VON ILSEMANN, GEORG MASCOLO, MATHIEU VON ROHR, CHRISTOPH SCHULT, DANIEL STEINVORTH, VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
* Bei einer Militärparade in Teheran am 18. April. * In Kirjat Schmona an der Grenze zum Libanon.