CDU Mit oder ohne C
Der Parteichef hatte keine Meinung zum Christlichen in seiner Union.« Einerseits«, so fand Kurt Georg Kiesinger, »wäre es durchaus erwägbar, besonders im Hinblick auf die jungen Wähler, das C fallenzulassen, weil es für zu viele Dinge strapaziert worden ist.« »Andererseits« aber sei »eine Namensänderung praktisch schwer durchzuführen, weil das nach außen hin als Demonstration wirken würde«.
So antwortete der Kanzler a. D. auf dem CDU-Parteitag im November letzten Jahres in der Mainzer Rheingoldhalle auf die Frage der »FAZ«-Verkäuferin Hildegard Ernst, 30, ob er sich vorstellen könne, »daß das C eines Tages aus dem Namen Ihrer Partei verschwindet«.
Hildegard Ernst, im Hauptberuf Doktorandin der Geschichte und Politologie, hatte ihren Freizeit-Job zu empirischer Grundlagenforschung umfunktioniert. Neben dem Kanzler antworteten 364 von insgesamt 482 Unions-Delegierten auf die Frage nach dem »Hohen C":
* 104 Delegierte (28,6 Prozent der Befragten) sagten »ja« -- sie könnten sich vorstellen, daß Ihre Union auf das Attribut »christlich« verzichtet;
* 245 Delegierte (67,3 Prozent) sagten »nein«;
* acht Delegierte konnten sich ihre Partei ohne C nur schwer vorstellen, und
* sieben gaben »keine Auskunft«.
Unsicherheit über den Marktwert des christlichen Partei-Vornamens war durch Analysen der verunglückten Bundestagswahl entstanden: Besonders der kirchenferne neue Mittelstand der Großstädte und die konfessionell indifferenten Jungwähler hatten der CDU ihre Stimmen entzogen.
Rheinische Links-Katholiken um den früheren Arbeitsminister Hans Katzer wiesen auf das neue Wählerverhalten hin: »Bei den kirchlich nicht gebundenen ... Wählern verliert der Faktor »christliche Orientierung« für die Wahlentscheidung immer mehr an Bedeutung.« Und der liberale Hamburger CDU-Landesvorsitzende Dietrich Rollmann hielt seinen konservativen Parteifreunden vor: »Wir haben es in unseren Städten mit einer neuen Schicht von Wählern zu tun, deren ideologische Bindungen nicht mehr von Bedeutung sind für ihre politische Wahlentscheidung.«
Rollmann empfahl der Union den Abschied von Ihrer bisherigen Geschichte: »Selbst wenn das für das Selbstverständnis der Unionsparteien etwas Schmerzliches Ist, wir müssen lernen, daß von außen die Christlich-Demokratische Union als ein Dienstleistungsunternehmen begriffen wird.«
Unvorstellbar erschien die Namensänderung in Mainz dem CDU-Generalsekretär Bruno Heck« den Ex-Mlnistern Ernst Benda und Gerhard Stoltenberg sowie dem CDU! CSU-Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel. Der Parteidame Aenne Brauksiepe paßte die Frage der Privat -- Demoskopin Hildegard Ernst nicht ins Weltbild: »Ich möchte es mir nicht vorstellen.«
CDU-Senior Gerhard Schröder wich aus: »Eine Namensänderung steht im Augenblick nicht zur Debatte, sie ist jedoch für später nicht auszuschließen.« Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard brummelte: »Ob das »C« wegfällt oder nicht, spielt keine besondere Rolle.« Und Fraktions-Geschäftsführer Josef Rösing beurteilte die Namensänderung pragmatisch: »Ein Mehrheits-Wahlrecht würde uns dazu zwingen.«
Undogmatisch blickten auch der frühere NRW-Ministerpräsident Franz Meyers und der ehemalige Presse-Staatssekretär Adenauers« Felix von Eckardt, in die CDU-Zukunft. Meyers: »Das ist möglich, Ich habe doch kein mangelndes Vorstellungsvermögen.« Eckardt ergänzte: »In der Politik ist alles vorstellbar.«
Für vorstellbar hält es Hildegard Ernst allerdings auch, daß noch mehr Delegierte ihre Frage mit »Ja« beantwortet hätten, wenn die Partei-Christen mehr Mut zur Wahrheit besäßen. Als Indiz für Ihre Vermutung wertete sie das Verhalten des Delegierten Theodor Mengelkamp, der ihr zaghaft offenbarte: »Wissen Sie, meine Antwort ist eigentlich 'ja', aber weil ich weiß, welchen Eindruck die Ja-Stimmen draußen machen, sage ich offiziell 'nein'.«