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CDU Mitten im bunten Leben

Zum Verdruss der konservativen Mehrheit haben sich in der Union schwule Parteimitglieder geoutet und organisiert.
Von Tina Hildebrandt
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Martin Herdieckerhoff ist 30 Jahre alt und studiert in Köln Volkswirtschaft. Alexander Poettinger, ebenfalls 30, ist Key Account Manager bei einer Münchner Software-Firma. Olaf Schwennesen, 33, brütet gerade an seinem Berliner Schreibtisch über einer politikwissenschaftlichen Dissertation zum Thema »Theorie der Internationalen Beziehungen«, vielleicht will er später mal heiraten.

Alle sind seit über zehn Jahren in der Jungen Union und zahlen brav Mitgliederbeiträge für die CDU. Für viele ihrer Parteifreunde sind die drei trotzdem eine Zumutung. Denn Herdieckerhoff, Poettinger und Schwennesen sind nicht nur konservativ, sondern auch schwul. Damit nicht genug: Sie reden auch drüber. Und das geht nach Ansicht vieler CDU-Mitglieder dann doch zu weit.

Während sich prominente Grüne wie der Rechtsexperte Volker Beck offen zu ihrer Homosexualität bekennen und sich die »Schwusos« (Lesben und Schwule in der SPD) längst den Rang einer Parteivereinigung erkämpft haben, war Homosexualität bei der CDU/CSU lange Zeit tabu. Natürlich wusste man, dass sie selbst in den Spitzengremien der Partei vorkommt. Doch der CDU-Patriarch Helmut Kohl gab wie bei allem die Linie vor: »Was die Leute in ihren Schlafzimmern treiben, ist mir egal. Aber man muss ja nicht aus allem ein Thema machen.«

Die stillschweigende Duldung reichte jedoch vor allem den jungen CDU-Mitgliedern auf Dauer nicht aus. Ermuntert vom neuen Motto »Mitten im Leben«, organisierten sich vor zwei Jahren rund 200 Parteimitglieder als »Lesben und Schwule in der Union« (LSU), um die Parteifreunde mit der gesellschaftlichen Realität jenseits des christdemokratischen Jägerzauns bekannt zu machen.

Ihre Forderungen sind für die traditionsselige Union ein Schock. Den rot-grünen Gesetzentwurf zur Homo-Ehe lehnen die CDU-Schwulen strikt ab - er geht ihnen nicht weit genug. Homosexuelle sollen das Recht auf eine »der Ehe ähnliche Ausgestaltung« ihrer Beziehung haben und damit auch in den Genuss des Ehegattensplittings kommen und Kinder adoptieren dürfen. So steht es im Grundsatzprogramm der Lesben und Schwulen in der Union.

Einem Bundestagsabgeordneten verschlug es bei so viel Chuzpe gar die Sprache. Statt einer Antwort auf ein Rundschreiben der LSU an alle Parlamentarier schickte er kommentarlos einen Auszug aus dem Katechismus.

Die Forderung nach einer Gleichstellung mit der Ehe ist für Schwennesen, Regionalsprecher Ost der LSU, kein Widerspruch zu einem konservativen Weltbild. Im Gegenteil: »Die auf Dauer angelegte Zweierbeziehung mit gegenseitigen Verpflichtungen ist nichts anderes als das angewandte Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre, das sind urkonservative Werte.«

Dass die eigene Partei Änderungen beim Zeugnisverweigerungsrecht oder beim Eintrittsrecht in Mietverträge als großmütige Gesten verkaufen will, sorgt bei der LSU für Verbitterung. »Eine Partei, für die schwule und lesbische Partner nur dann vorkommen, wenn sie im Knast oder frisch verstorben sind, kann nicht von sich behaupten, mitten im Leben zu stehen«, schimpft der LSU-Bundesvorsitzende Herdieckerhoff. Die von Parteichefin Angela Merkel angeregten »Straßenaktionen« sind für ihn schlicht ein »Armutszeugnis«.

Dabei hatte sich die LSU gerade von Merkel viel erhofft. Als erste Spitzenpolitikerin traf sich Merkel im vergangenen September mit den LSUlern. Dass sie, damals noch Generalsekretärin, bei der Erarbeitung des neuen Familienprogramms auch die LSU anhören ließ, galt als wichtiges Signal.

Ausgerechnet die kinderlose Parteichefin, die selbst lange in »wilder Ehe« lebte, hat sich nun mit der halbherzigen Kampagne »Toleranz ja, Ehe nein« zu einem wenig überzeugenden »Spagat zwischen Vatikan und Wirklichkeit« (Politikwissenschaftler Jürgen Falter) entschlossen. Weniger aus Überzeugung, sondern aus Rücksicht auf die Traditionsbataillone der Partei, glaubt Schwennesen.

Auf Krawallaktionen gegen die Mutterpartei will die LSU vorerst verzichten, an einer Demonstration des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschlands vor der CDU-Zentrale nahm sie deshalb nicht teil. Stattdessen setzen die CDU-Schwulen auf Wandel durch Annäherung. Und auf die Einsicht, dass Homos auch Wähler sein können.

In Köln, der »schwulsten Stadt Deutschlands« (Beck), ist die CDU schon so weit. Fritz Schramma, CDU-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl am 3. September, gibt sich undogmatisch und geht mit einer Anzeige in der schwul-lesbischen Gazette »Queer« als erster konservativer Politiker offen auf Stimmenfang im Homo-Milieu. Slogan: »Köln ist weder schwarz noch rot, sondern äußerst bunt.« TINA HILDEBRANDT

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Die Forderungen der »Lesben und Schwulen in der Union«

* rechtlich wie in der Ehe abgesicherte Partnerschaft

* Adoptions- und Sorgerecht für Kinder

* steuerliche Begünstigung, ähnlich wie beim Ehegattensplitting

* beitragsfreie Mitversicherung in der Sozialversicherung

* gleiche Rechte wie bei der Ehe im Mietrecht, Erbschaftsrecht, Zeugnisverweigerungsrecht, Krankheitsfall

* erleichterter Aufenthalt für ausländische Partner

* Kürzungen der Hilfe für Staaten, in denen Homosexuelle verfolgt werden

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