MUTMASSUNGEN ÜBER MINOUX
Gerhard Schröder kann man nicht beschreiben, man muß Ihn entschlüsseln. Das ist ihm gemäß. Es ist ihm recht. Mutmaßungen gehören zu seiner Methode. Er hinterläßt kaum Spuren, außerhalb von Aktendeckeln. Er entfacht Empfindungen, mobilisiert Klischees, weckt Assoziationen. Eine solche heißt »Damenstrümpfe«.
Die deutschen Menschen, die den Motivforschern diese Assoziation (neben anderen wie »Gala-Empfang, Aktenmappe, Herrensitz, Geheimdienst, Schliff, Florett") zur Antwort auf die Frage gaben, was ihnen zu Gerhard Schröder so einfalle, mögen mehr oder weniger galante Enthüllungen im Sinn gehabt haben. Das eigentlich Treffende an dem Gedankensprung aber ist, im Gegenteil, der Hinweis auf die Manier der Verhüllung.
Denn Damenstrümpfe umhüllen alles, was sichtbar bleiben soll -- schleierhaft, glänzend, manchmal provozierend. Das Entscheidende aber bleibt außerhalb des Blickfelds. Was dies betrifft, so bieten Damenstrümpfe allenfalls Anreiz zu Mutmaßungen.
Die Entsprechung stimmt mindestens im Atmosphärischen: Genaueres Hinsehen fördert den Reizgewinn. Wer Gerhard Schröder abseits des Amtlichen betrachtet, wird zwar nicht aufgeklärt, aber charmiert. Das Ambiente weckt ein gewisses Wohlgefallen. Und mit dem melodiösen Dingdong der privaten Türglocke zerspringen manche mobilisierten Klischees zu einem modernen Mosaik, in dem die Züge des kühlen Karriere-Politikers kaum noch erkennbar erscheinen. Der Dienst-Bungalow des Verteidigungsministers auf der Bonner Hardthöhe ist unter dem Hausherrn Schröder zum Bewahrungsort für den zeitgenössischen Kunstbesitz der Familie geworden: vornehmlich Metallplastiken von Gerhard Marcks und Waldemar Grzimek, meist Mädchen, dazu im Arbeitszimmer ein flügelschlagender Hahn, aufgestellt neben den schwarzledernen Sitzmöbeln, als gelegentlicher Landeplatz für die gestikulierende Rechte des Bewohners. Die Wände, sogar noch im Wirtschaftstrakt, gehören zumeist den Bildern lebender Maler.
Über den mit beigem Cord bezogenen Sesseln im Wohnraum leuchten, vis-à-vis einem Picasso, starkfarbige Rundgebilde von Ernst Wilhelm Nay. Dazwischen, an die für Biographisches reservierte Bücherwand, hat der Minister eine Art Pop-Plakat geheftet, das seine jüngste Tochter Antina eingeschleppt hat; darauf stehen, vor verwirrenden Farben, vier große Buchstaben: LOVE.
Schröder demonstriert dies alles gern von außen, wenn es im Garten schon dämmert und wenn hinter der großen Glasfront des Bungalows die Lichter brennen: ein harmonisches Gehäuse, den Musen wie der Muße geöffnet, der Welt wie der Familie.
Die Schröder-Kinder Christina, verehelichte Manig, 26, Jan, 24, und Antina, 21, sind eigentlich schon aus dem Hause, aber noch häufig zu Gast. Der familiäre Umgangston wird unüberhörbar vom Hausherrn angegeben und ist dennoch angenehm gelockert. Frau Brigitte zeigt tapfer ihre Verblüffung über die eingebrannten Vorurteile, die den Gatten beispielsweise zum geschniegelten Elegant stempeln -- wo er doch längst keinen Scheitel mehr trägt und immer Schwierigkeiten macht, wenn sie alte Anzüge ausrangieren will.
Aber so ein Hauch von Turf ist dennoch präsent und läßt sich sowenig leugnen wie Schröders spezifische Eleganz -- eben weil sie nicht englisch und beiläufig, sondern düsseldorfsch und dominant ist.
Auch aktuelle Bestseller sind ganz gut vertreten in des Ministers Arbeitszimmer, »Candy«, das kleine Luder, koexistiert von Wand zu Wand mit Karl Barth, dem Theologen; das »Tal der Puppen« ist nur zwei Regalbreiten von den Klassikern weg; Harold Robbins steht gleich bei Ernest Hemingway; und zwischen den Zeitschriften, die sich hier stapeln, steckt auch die »Elegante Welt« -- mag sein: ein Belegexemplar.
Gerhard Schröder behauptet nicht, das alles gelesen zu haben, bestreitet es aber auch nicht: Spiegelt nicht selbst solcher Flitter diese konfuse Welt? Im übrigen harren drei schwere schwarze Ledermappen aus dem Amt der ministerialen Beschäftigung. Der Schreibtisch trägt drei Telephone. Um ihretwillen und zur Abwehr der Hellhörigkeit des Hauses hat das Arbeitszimmer besonders dicke Türen bekommen, die man mit einer zusätzlichen Vierteldrehung des Griffs so fest ins Futter zwingen kann, daß Schalldichte gewährleistet ist.
Lauter Umhüllungen -- apart, aber opak. Sie sind wie das Lächeln, mit dem Gerhard Schröder, die buschigen Bismarck-Brauen leicht gelüftet, den Gesprächspartner anvisiert: verbindlich, aber nicht verbindend. Der Mann dahinter, der Mensch, kommt nicht näher, rückt nicht ins Blickfeld. Er stellt sich zwar dar -- in langen Analogien, deren Sinn man raten muß, und in vielen Anekdoten, die wie vorweggenommene Memoiren klingen. Aber er gibt sich nicht preis, gibt überhaupt nichts preis, abgesehen vielleicht von Meinungen.
Beklagt man das, oder frevelt man gar gegen den Genius loci, indem man direkte Fragen nach dem Allgemein-Menschlichen stellt, so verweist Gerhard Schröder auf seine Abkunft. Er ist, wiewohl in Saarbrücken geboren, Sohn ostfriesischer Eltern. Und Friesen gelten als spröde, erschließen sich nicht im Gespräch, mißtrauen Eingebungen des Augenblicks und können ihre Herbheit auch dann nicht abtun, wenn ihnen das Freunde schaffen würde. Schröder weiß dazu den Volksmund zu zitieren -- nicht ohne die Hoffnung hinzuzufügen, man möge an dem Sinnspruch eine Weile zu kauen haben: »Gott schuf das Meer, der Friese die Küste.«
Kontaktarmut ist das eigentlich nicht -- eher eine Art Autarkie, versetzt mit einem schönen Schuß intellektueller Überheblichkeit. Schröder redet eben nicht mit jedem, denn er glaubt, daß längst nicht jeder ihm folgen kann. Um so intensiver redet er mit den »Happy few«, denen er zutraut, gescheit und diskret genug zu sein, ihn zu begreifen -- will sagen: Ihn richtig zu interpretieren. Unter diesen wenigen waren übrigens immer schon Sozialdemokraten, Herbert Wehner zum Beispiel.
Der Kameraderle aber, die im parlamentarischen Raum so im Schwange ist, bleibt Schröder allzeit abhold. Nichts kann seinem spröden Wesen fremder sein als der Impuls, überlegene politische Einsichten, oder was er dafür hält, auf den Markt zu tragen, wo die Schreihälse sind. Wenn er diskutiert, dann will er alle Aspekte erörtern, die sich ihm erschließen, nicht nur die knappen Erkenntnisse gutwilliger, aber sachfremder Adepten.
Das Mißtrauen, das selbst Parteifreunde einer Politik entgegenbringen, deren Absichten sie nicht recht durchschauen und deren Methoden ihnen unheimlich sind, nimmt er in Kauf. Die Floskel »Ach, wissen Sie ...«, mit der er unangebracht erscheinende Fragen häufig abfängt, hat einen Unterton von resignierender Nachsicht: Du redest, wie du"s verstehst, und du verstehst es nun mal nicht. Frager, die allzu hartnäckig nach Prinzipiellem forschen, müssen damit rechnen, daß der Minister ihnen erwidert: »Grübeln Sie nicht soviel, verhalten Sie sich positiv.«
Das gilt erst recht für Schröders Verhältnis zum Volk. Kontakt bedeutet ihm in diesem Falle: ein gehöriges Maß an Distanz. Denn was er erstrebt, Ist Autorität, nicht Popularität. Versucht er schon mal, populär zu erscheinen, dann wird daraus gleich ein Trompetenblasen. Beliebt will er wohl gar nicht sein, bestimmt aber geachtet -und ein ganz kleines bißchen gefürchtet vielleicht auch. Er kann jedenfalls nicht finden, daß es richtig oder gar notwendig sein könne, Herrn und Frau Schulze irgend etwas über seine Befindlichkeit mitzuteilen. Und was er über seine Politik und seine Pläne mitteilt, das bestimmt ausschließlich »ein Interesse und nicht die namenlose Neugier der Regierten.
Johannes Gross, ein konservativer Kritiker des Ministers, hat einmal geschrieben, Schröders Umgang mit der öffentlichen Meinung gehöre noch in die Zeit vor Metternich. »Seine Ansprachen, Interviews, Erklärungen enthalten große Dosen Brom, aber nichts sonst.«
Das Ist nicht von ungefähr so. Es entspricht Schröders eigener Definition der Erwartungen, die der »Mann auf der Straße« den Regierenden entgegenbringt. In einer Ansprache zum Jahreswechsel 1953 hat der damalige Innenminister diese Erwartungen so interpretiert: »Wir wollen mit der Frage verschont werden, ob das Grundgesetz und ob die Verfassungen der einzelnen Länder die ideale Form der Organisation eines modernen Staates darstellen. Wir, die breiten Massen der Bevölkerung, wollen nur eins: Daß es klappt, daß ihr harmonisch miteinander arbeitet ... Wir, so sagt der Mann auf der Straße, brauchen das Gefühl, daß wir gut behütet sind. Ihr mUßt es uns geben. Wir wollen einen Staat der Ordnung, der Festigkeit und der Gerechtigkeit haben.«
Diesen Staat darzustellen -- das ist die Bestrebung, die bei Gerhard Schröder an die Stelle ohnehin nicht vorhandener Public Relations getreten ist. Und dabei kann Ihm auch keiner helfen. Von den beiden öffentlichen Eigenschaften, die jedem demokratischen Politiker eigen sein sollten, nämlich Identifikationsobjekt und Sorgenfänger einer breiten Masse zu sein, läßt Schröder für seine Person nur die zweite gelten, und die erste ersetzt er durch einen verstaatlichten Snob-Appeal. Die Leute sollen sich gefälligst nicht mit ihm und seiner Lebensweise identifizieren, sie sollen lieber denken: Der da wird es schon machen.
Dieses Wunschbild seiner selbst faßt der Kandidat der Christlich-Demokratischen Union für das höchste Staatsamt, Gerhard Schröder, in eine so nebenbei erzählte Anekdote über den vor zwei Jahrzehnten gestorbenen Ruhr-Tycoon Friedrich Minoux, der nach dem Ersten Weltkrieg bei Hugo Stinnes dem Älteren Generaldirektor war und für diesen ein Wirtschaftsimperium verwaltete, in dem die Sonne nicht unterging. Später, 1923, trennten die beiden sich dann über der Frage, ob der bis in die Südsee ausgefächerte Riesenkonzern (1535 selbständige Firmen mit 2888 Betrieben) nicht verkleinert und konsolidiert werden müsse, und es ging· von da an sowohl mit Stinnes als auch mit Minoux bergab. Aber solange Minoux regierte, muß er bei seinen Leuten im Ruf eines Wundermannes gestanden haben.
Jedenfalls machte unter diesen Leuten, so Schröders Anekdote, folgende Geschichte die Runde: Angenommen wir geraten mit dem Auto in einen Hinterhalt, und die Räuber nehmen uns Auto, Geld und sogar die Kleider weg, so ist das, alles nicht weiter schlimm -- wenn Minoux dabei ist. Denn der bringt es fertig, daß wir Auto, Geld und Kleider wiederkriegen. Der schafft sogar das.
Eine erfundene Geschichte, eine Mutmaßung, ein Scherz. Und doch muß man hier mit der Lösung des Rätsels beginnen, warum Gerhard Schröder jetzt Bundespräsident werden will, obwohl er nach wie vor die einzig erkennbare Alternative der CDU zu Kiesinger und zur Großen Koalition ist; obwohl er noch im Lenz dieses ·Jahres seinen Anspruch bekräftigt hat, »die nächste, spätestens die übernächste Regierung zu bilden« -- und die übernächste hat er überhaupt nur »aus Höflichkeit« mit erwähnt.
Jene Mutmaßung über Minoux nämlich verrät die Fixierung auf ein Führungsideal, das für Gerhard Schröder sehr wohl auch bei dieser jüngsten Wendung seiner politischen Karriere bestimmend gewesen sein mag. Denn daran ist kein Zweifel, daß er sich als den Mann sieht, von dem die Leute sagen: Solange der dabei ist, kann uns eigentlich gar nichts passieren.
Wer das erstaunlich findet, sollte sich erinnern, daß Schröder ein Politiker ist, der nicht auf Popularität, sondern auf Autorität baut; nicht auf Massenwirkung, sondern auf das, was die Angelsachsen den »record« nennen -- auf das Aktenkundige,
Daß er weder als Innenminister noch als Außenminister noch gar als Verteidigungsminister je »Minoux« war, sondern zuvörderst ein Mann mit Sitzfleisch und Stehvermögen -- das trübt seine Selbsteinschätzung offensichtlich nicht,
Er, der Jurist, hält das Aktenkundige für zweifelsfrei günstig; und daß
* Mit Bundespräsident Lübke bei der Luftwaffen-Übung »Schneller Pfeil«, 1958.
nichts Zweifelhaftes in die Akten kommt -- darauf verwendet er einige Aufmerksamkeit. Wennschon Dossiers, dann solche, die er über andere angelegt hat.
Deshalb macht ihn auch der Gedanke nicht bang, Beate Klarsfeld könne sich künftig auf den »SA-Mann Schröder« konzentrieren -- vom devisenschwachen Ausland ganz zu schweigen. Denn er verläßt sich eben darauf, daß im »Document Center« zweierlei aktenkundig ist: erstens, er wird nicht als SA-Mitglied geführt (vielmehr war er ein »wegen Interesselosigkeit« wieder von der Liste gestrichener SA-Anwärter); Zweitens, er ist zwar 1933 in die NSDAP gegangen, aber 1941 wieder ausgetreten -- wegen Verehelichung mit Brigitte Landsberg, deren Eltern beide Halbjuden waren. (Daß der Herr Verteidigungsminister es aus dem nämlichen Grund in der Wehrmacht nur bis zum Obergefreiten gebracht hat, ist den Stabs-Generälen auf der Hardthöhe aus gegebener Veranlassung gebührend erklärt worden.)
So verläßt sich Schröder also auch darauf, daß die Deutschen ihm als dem dienstältesten Bonner Kabinettsherrn -- er ist seit 1953 ununterbrochen Minister -- Erfahrungen zugute halten, gegenüber denen beispielsweise jene des Provinz-Rückwanderers Kiesinger kaum zählen.
Und dem viel beschriebenen Umstand, daß er, der als Innenminister die Sozialdemokraten bis zur Weißglut reizen konnte, unmittelbar nach seiner Ernennung zum Außenminister der SPD-Spitze zu wissen tat, nun werde die Opposition auch einmal seine angenehmen Seiten kennenlernen -- diesem Umstand, so glaubt er allen Ernstes, müsse man entnehmen, daß sein politisches Handeln ganz von der jeweiligen Aufgabe bestimmt werde und nicht von persönlichen Neigungen oder Abneigungen. Die »Integrationsfähigkeit«, die Kiesinger ihm abspricht, ist für Gerhard Schröder eine abstrakte Qualität, keine menschliche.
»Kalt« zu sein, hält er darum auch nicht für abträglich, sondern vielmehr für anerkennenswert -- wenn es um die Lösung einer »gestellten Aufgabe« geht: »Das kriegt man nicht im Erregungszustand fertig«, hat er den Sozialdemokraten Im Bundestag einmal hingerieben, »sondern nur in dem Zustand, den Sie gerade liebenswürdigerweise als kalt bezeichnen.«
Ein solcher. Mann nimmt auch nicht dadurch Schaden an seinem Selbstgefühl« daß er, zumindest vor der Fernsehkamera, ein schwacher Stegreif-Redner ist -- mit einem Standard-Vokabular, das selbst zum Plätschern zu trocken ist; mit einem Tango-Tonfall. der Herablassung suggeriert; und mit einem habituellen Räuspern Im Repertoire, das sich anhört, als versuche jemand, einen kalten Motor durch Auskuppeln und Gasgeben wieder auf Touren zu bringen: »... erräm ...«
Resignation gegenüber seinen Möglichkeiten als aktiver Politiker ist es offenbar nicht, was Gerhard Schröder dazu gebracht hat, nun doch für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Auch ist es wohl doch nicht die Nachwirkung jener Herzattacke, die ihn im Sommer 1967 in seinem Haus »Atterdag« zu Kampen auf Sylt so unverhofft ereilt hat.
Vielmehr verdrießt es ihn sichtlich, daß trotz der sozusagen offiziellen Diagnose -- Herzrhythmusstörung mit Bewußtseinstrübung -- immer noch von Gehirnschlag oder Herzinfarkt gemunkelt wird. Gesprächsweise gebraucht er das Wort »Anpassungskrise« und nimmt es gleich wieder halb zurück, weil es ihm als Hinweis auf psychische Ursachen mißdeutbar erscheint; etwa als Hinweis auf seinen, dem Zusammenbruch knapp vorangegangenen Streit mit Kiesinger über die deutsche Truppenstärke, der Schröder zu einer ernstgemeinten Rücktrittsdrohung veranlaßte.
Wie auch Immer: Schwächungen sind ihm nicht anzumerken, auch nicht nach einem sechs oder sieben Stunden dauernden Gespräch, das er zu gut zwei Drittel allein bestreitet. Selbst unterstellt, es wäre doch ein Gehirnschlag gewesen, mit erfolgreicher »restitutio ad integrum« -- für Gerhard Schröder ist das Ganze ein rein physisches Phänomen und als solches ausgestanden. Gegen die Anerkennung der Krankheit als Krisensymptom sträubt sich sein Juristenverstand; von einem auf solche Weise sich manifestierenden Einbruch des Irrationalen in seinen Lebensweg will er nichts wissen. »Geführt werden«, mag das auch gut evangelisch klingen, möchte der Protestant Schröder so nicht.
Was dann also hat ihn bewogen, nicht Kanzler, sondern Präsident werden zu wollen? Er beantwortet die Frage nicht direkt, das versteht sich; sondern er entwirft ein verbales Kolossal-Fresko, darstellend die rapide sich wandelnde Welt, in der Entwicklungen ablaufen, technische wie politische, die man noch vor ein paar Jahren für unvorhersehbar, wenn nicht sogar für unmöglich gehalten hat. Er entwirft das Bild einer Welt, in der schlechthin alles möglich geworden ist, in der auch das gänzlich Unwahrscheinliche eines gar nicht so fernen Tages Ereignis werden kann.
Es ist ein Vexierbild, in dem irgendwo die richtige Antwort steckt. Der Betrachter soll sie selber suchen. Der Maler sagt nur so viel über den Sinn seines Sujets: In dieser Welt des Wandels und der gefahrvollen Veränderungen hat der Bürger Anspruch darauf, den besten Mann an der Spitze zu wissen.
Das mag bedeuten: Gerhard Schröder bezieht eine neue vielleicht die endgültige -- Position in seinem Kampf um die Führung in diesem Staat, um den ersten Platz. Es ist, in seinen Augen, eine stabilisierende Position: gegen Schwäche und Inkompetenz auf der einen, gegen gefährlichen Liberalismus und drohenden Zerfall einer autoritätsbezogenen Ordnung auf der anderen Seite -- also sowohl gegen »Kiesinger wie gegen Heinemann.
Was den Gegenkandidaten Gustav Heinemann angeht, so sind die Fronten für Schröder klarer denn je. Er war gewiß immer der Meinung, daß seine Partei bei der Bewerbung um das Amt des Bundespräsidenten die Flagge zeigen müsse und sich nicht auf einen Handel um einen Gemeinschaftskandidaten der Großen Koalition einlassen dürfe. Aber seit Heinemann für die SPD kandidiert, ist die Herausforderung perfekt und für Schröder geradezu persönlich -- obwohl er natürlich nichts Böses über den Kabinettskollegen sagt.
Ein Liberaler wie Heinemann, der während seines Wechsels von der CDU zur SPD zwischendurch auch noch eine neutralistische Partei gegründet hat, der verständnisvolle Worte für rebellierende Studenten findet und der als Justizminister an die Tabus des Sexualstrafrechts rührt, muß einen Konservativen wie Schröder schon »aus Gründen der Richtung« in den Harnisch zwingen.
Hier fühlt sich einer herausgefordert, dessen Idee vom starken Staat aus preußischer Gesinnung und aus dem Schock von Weimar stammt, der als Innenminister den Verbotsantrag gegen die KPD gestellt hat und der heute wie ehedem glaubt, daß man auch allen denen auf die Finger sehen müsse, die ein »gesundes Mißtrauen gegenüber der Regierung« für einen Ausweis besonders guter demokratischer Gesinnung halten.
Schröders Position vis-à-vis Kiesinger ist nicht minder klar, Er hat es gewiß für falsch und obendrein für überflüssig gehalten, diesen Mann zur Lösung der Erhard-Krise aus Stuttgart herbeizuzitieren, und um so härter muß es ihn getroffen haben, daß er im November 1966 als Kanzlerkandidat gegen Kiesinger in der CDU/CSU-Fraktion 137 zu 81 unterlegen ist.
Aber Schröder ist auch Realist genug zu sehen, daß der Kanzler der Großen Koalition für die Christenunion derzeit der einzig mögliche Wahlkämpfer und auch dann zunächst nicht zu stürzen ist, wenn er diese Bundestagswahlen im nächsten Jahr nicht gar so glanzvoll gewinnen sollte. Schröder ist schließlich Rechner genug einzukalkulieren, daß die Große Koalition in diesem Falle fortgesetzt werden könnte, wennschon ohne innere Notwendigkeit, sondern eher als Vorwand der Solidarisierung gegen den Einbruch der NPD-Opposition -- eine Immobile Koalition unter einem emotionalen Kanzler.
Das alles verlangt, wenn man Schröders Weltbild akzeptiert, nach einem starken, staatstragenden Gegengewicht. Und dieses Gegengewicht, so mag Schröder sich sagen -- c'est moi.
Unterliegt er gegen Heinemann (was er freilich nicht glaubt), so wäre er das Opfer eines die CDU-Herrschaft bedrohenden Zusammenspiels von SPD und FDP, und seine Position als der CDU-Mann, der am besten präpariert erscheint, dies drohende Schicksal durch eine Regierungsbildung mit der FDP abzuwenden, wäre wohl stärker denn zuvor.
Gewinnt er mit Hilfe der FDP gegen Heinemann, so wäre er für die nächsten fünf Jahre -- »Minoux": der wahre Garant staatlicher Autorität, der starke Mann in der Villa Hammerschmidt neben dem schwachen Regierungschef im Palais Schaumburg, ein politischer Präsident neben einem feuilletonistischen Kanzler; der Mann eben, von dem die Leute sagen sollen: Solange der dabei ist, kann nichts schief gehen.
Eines ist jedenfalls sicher: Schröder sieht das Amt des Bundespräsidenten als ein primär politisches Amt. Repräsentation gehört für ihn zu jeglichem Staatsamt; er hat sich schließlich selbst als Außenminister auf Besuch in Paris nicht mit einem Air-France-Bus vom Flugzeug abholen lassen. Für ihn ist der Bundespräsident auch nicht ein Professor, sondern eben ein Politiker.
Das soll nicht heißen, daß er sich über die grundgesetzlich begrenzten politischen Befugnisse des Amtes Illusionen mache. Dazu ist er zu sehr Jurist. Mehr als auf die -- ohnehin strittige -- Möglichkeit des Präsidenten, die Ernennung von gewählten Ministern zu verweigern und verabschiedete Gesetze nicht zu unterschreiben, verließe er sich da wohl auf persönliche Einwirkungen, die ein Präsident -- eben wenn er ein ausgepichter Politiker ist -- in seiner Partei, im sogenannten vorparlamentarischen Raum und sogar in der Öffentlichkeit exerzieren könnte.
Den Fehleinschätzungen Konrad Adenauers, der 1959 ja vorübergehend Bundespräsident werden und das Land dann als solcher regieren wollte, unterliegt Schröder sicherlich nicht. Immerhin war er es, der dem alten Herrn bei einem Besuch in Cadenabbia ausredete, was dieser ernstlich angenommen hatte: daß er nämlich auch als Bundespräsident im Palais Schaumburg residieren und die Kabinettssitzungen leiten könne. »Das können Sie genau so lange«, bemerkte Schröder damals, »bis der neugewählte Bundeskanzler erscheint und Sie zu Ihrem Wagen geleitet.«
Dennoch steckt in Gerhard Schröders Bild vom Bundespräsidenten etwas eigentümlich Adenauersches: eben jene Fixierung auf das Führungsideal, für das Adenauer stand und das seine Verwirklichung in der Personifikation staatlicher Autorität sucht. Es steckt darin eine dem Alten durchaus artverwandte Überschätzung sowohl der eigenen Person wie des erstrebten Amtes, die ihre Basis nicht im Juristischen findet -- aber gewiß auch nicht im Moralischen.
Mir scheint, der Minoux-Effekt ist im Grunde nichts anderes als eine glänzende Umhüllung für Gerhard Schröders geheimen Wunsch, der neue Alte zu werden.
Das sind Mutmaßungen über einen möglichen Bundespräsidenten -- mehr nicht. Mehr kann auch nicht sein, denn: Schröder heißt der Mann.