PARTEIEN / CDU Nette Form
Die Journalisten-Runde wählte Kaffee und Kuchen, der Gastgeber ließ sich Kognak mit Soda kommen. Doch auch der Alkohol vermochte Dr. Otto Fricke, 66, den Vorsitzenden der CDU in Niedersachsen, nicht mehr zu besänftigen: »Mir Überheblichkeit nachzusagen«, so bebte er im CDU-Fraktionssaal des hannoverschen Landtags, »das ist einfach unerträglich.«
Die Zuhörer glaubten ihm, und einer erinnert sich: »Wir dachten alle, gleich fängt er an zu weinen.«
Schuld daran war der Referendar Rudolf Seiters, 30, aus Bohmte bei Osnabrück, Vorsitzender des Niedersachsenrats der »Jungen Union«, der Fricke ("Kaiser Otto") tags zuvor »Selbstgefälligkeit und Honoratiorengehabe alten Stils« bescheinigt und ihm vorgeworfen hatte, er halte »offensichtlich keinen anderen als sich selbst für befähigt und würdig«, die niedersächsische CDU anzuführen. Wie viele Parteifreunde im Lande meint Seiters, daß es nach acht Jahren Fricke-Herrschaft an der Zeit sei, den Goslarer Baustoffhändler durch eine andere Kraft zu ersetzen, die endlich verwirklichen soll, was der CDU-Kaiser immer nur versprochen hat: die Christdemokraten zur stärksten Partei in Niedersachsen zu machen.
Dem Parteivolk, das Mitte Mai in Bad Rothenfelde im Teutoburger Wald das Oberhaupt über die drei CDU-Landesverbände Hannover, Braunschweig und Oldenburg neu wählen muß, präsentierten sich bereits drei Kandidaten als Fricke-Ersatz: > Wilfried Hasselmaun, 43, Rehwinkel-Neffe und niedersächsischer Landwirtschaftsminister,
> Bruno Brandes, 57, Rechtsanwalt aus Holzminden und Chef der CDU-Fraktion im Landtag,
> Gustav Bosselmann, 52, niedersächsischer Justizminister.
Doch mit der Zeit wurde die Liste immer kürzer: Hasselmann verscherzte seine Chance mit der Forderung, die CDU müsse »bewußt national-konservativ« werden, damit rechts von ihr »kein Raum bleibt«. Als er obendrein noch den Celler Reitergeneral Niemack als künftigen CDU-Kandidaten für den Bundestag hochlobte (SPIEGEL 3/1968), konstatierte Fricke: »Damit hat er sich selber zum Herrenreiter abgestempelt.«
Brandes disqualifizierte sich durch eine »Büttenrede« (Fricke) vor dem Landtagsplenum, die er nach einer Zechtour hielt. Das Protokoll verzeichnete 28mal »Heiterkeit« und »erneute Heiterkeit« und einmal: »Der Redner macht eine Pause.«
Als letzter Rivale blieb danach nur noch Bosselmann. Immer mehr Christdemokraten drängten Fricke, zugunsten des Justizministers zu verzichten. Doch »Otto der Maßgebliche«, wie er auch genannt wird, begann nun plötzlich »ernstliche Zweifel« an Busselmanns Eignung zu hegen, und beharrte darauf, selber CDU-Parteichef zu bleiben.
Die Zweifel legte Fricke ("Man raunt da etwas") unter vier Augen und »in der nettesten Form« zunächst nur Bosselmann selbst dar, der auch versprach: »Ich will es mir mal überlegen.«
Aber der Seiters-Hieb der Jungen Union trieb Fricke in die Öffentlichkeit. noch ehe Bosselmann zu Ende überlegt hatte. Vor den Journalisten im Landtag gab er sich als Retter der Partei: »Wenn Bosselmann aufgestellt wird, muß ich kandidieren, weil ich sonst fürchte, daß die Union leidet.«
Den Leidensgrund umschrieb Fricke fein: Wegen »gewisser Dinge« in seiner Vergangenheit sei der Parteifreund wohl als Minister, nicht aber als CDU-Chef tragbar. Von »einem goldenen HJ-Abzeichen« wolle er dabei gar nicht erst reden.
Was Fricke verschwieg, ist freilich auch manchen CDU-Oberen nicht bekannt: Bosselmann« nebenbei Rechtsanwalt, Notar und Bürgermeister des Heideörtchens Schneverdingen, > trat Mitte 1929 als Vierzehnjähriger der Hitler-Jugend bei und wurde dafür später mit dem goldenen HJ-Abzeichen dekoriert,
> diente in Hitlers Sturmabteilung (SA) als Obertruppführer«
> verließ im Dritten Reich »aus Gewissensgründen« die evangelische Kirche, der er aber 1949 wieder beitrat, wobei er sich und seine Gattin trauen und seine drei Söhne (heute: vier) taufen ließ.
Ob solche Belastungen in christdemokratischen Kreisen ins Gewicht fallen, steht dahin. Hannovers CDU-Bezirksvorsitzender Heinz-Detleff Drape glaubt jedenfalls, Fricke habe »diese Dinge nur vorgeschoben«, um sich seinen Posten zu erhalten.
Eben das aber scheint Otto Fricke schon mißglückt zu sein. Seit seinem Ausfall gegen Bosselmann hat er mehr Gegner, der Minister mehr Fürsprecher denn zuvor.
Bosselmann selber hängt keinem Gedanken an die Vergangenheit nach und blickt lieber nach vorn. »Natürlich kandidiere ich. Ich habe keinen Grund, von diesem Entschluß abzugehen, im Gegenteil.«