Kirche Neues C
SPD-Präsidiums-Mitglied und Katholik Hans-Jochen Vogel macht sich Sorgen. »In unserem Laden«, so klagt der rechte Sozialdemokrat, »gibt es keine Kirchenstrategie.«
Was an Kirchenfragen interessierte Spitzengenossen wie Vogel, Helmut Schmidt und Herbert Wehner beunruhigt: Bonns Sozialdemokraten, ohnehin arg verunsichert durch die rapide fallende Wahl-Tendenz ihrer Partei, müssen sich nun auch um eine Wählerschicht sorgen, die sie für 1976 bereits fest gebucht hatten -- um jene stetig wachsende Gruppe reformwilliger Katholiken, die, entgegen den Warnungen und Ermahnungen ihrer Oberhirten, den Unionsparteien in den letzten Jahren davon- und den Sozialdemokraten zugelaufen sind. Immerhin wählten 1972 bereits 35 Prozent der wahlberechtigten Katholiken die SPD, vier Prozentpunkte mehr als 1969.
Die Zukunftplaner in der Bonner SPD-Zentrale wähnten sich dieses Wähler-Potentials vor allem deshalb so sicher, weil sie fest auf den Starrsinn der katholischen Amtskirche bauten. Sie rechneten damit, daß der Versuch reformfeindlicher Bischöfe und Prälaten -wie etwa des Kölner Kardinals Joseph Höffner -, die CDU/CSU auf gesellschaftspolitischen Rechtskurs festzunageln, auch weiterhin immer mehr Gläubige abschrecken werde, den Wahl-Empfehlungen ihrer Hirten zu folgen.
Doch ausgerechnet vom ranghöchsten katholischen Kirchenfürsten der Republik, dem Münchner Kardinal Julius Döpfner, droht den Sozialdemokraten nun Gefahr. Denn Dopfner, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, will seine Kirche mit einem neuen gesellschaftspolitischen Grundsatzprogramm aus dem rechten politischen Abseits holen und die ins SPD-Lager abgeirrten Gläubigen erneut der Christenunion zuführen.
Vor der katholischen Synode -- einem Gremium aus Klerikern und Laien, das bis 1975 Vorschläge für eine Kirchenreform erarbeiten soll -- übte der bayrische Oberhirte Ende 1973 in Würzburg erstmals ungewohnte Selbstkritik.
»Die konstruktive Auseinandersetzung der Kirche in der Bundesrepublik Deutschland mit dem allgemeinen Bewußtseinswandel und mit der gesellschaftlich-staatlichen Entwicklung«, so verkündete der Kardinal, »hat noch nicht stattgefunden.« Es sei »sogar« der Eindruck entstanden, daß die Kirche »gesellschaftliche Entwicklungen in der Bundesrepublik nicht recht zur Kenntnis nehme oder doch allzu sehr mit einer skeptischen und reservierten Grundhaltung beobachte«.
Die Überraschung der Zuhörer war nicht gering. Im Vorjahr noch hatten die Gläubigen von ihren Bischofen lediglich den Ruf nach rückwärts vernommen, die lautstarke Wehklage über »die immer mehr um sich greifende Zerrüttung der menschlichen Grundwerte« und den »Niedergang des sittlichen Bewußtseins in unserem Volk« unter der Regentschaft der Sozialliberalen in Bonn.
Nun plötzlich fand der bischöfliche Vorsitzende der Synode anerkennende Worte für »die gesellschaftlichen Veränderungen und den Bewußtseinswandel der vergangenen zwei Jahrzehnte«, forderte er, »neue Modelle christlichen Verhaltens in dieser Welt« zu suchen. Döpfner in Würzburg: »Wir müssen zugeben: Die Kirche vermochte es noch nicht, die Entwicklung unserer Gesellschaft entscheidend mitzugestalten.«
Seinen Gesinnungswandel verdankt der Münchner Oberhirte der Bundestagswahl von 1972, bei der die Kirchenoberen mit dem Versuch, ihre Gläubigen gegen den vorgeblich sozialistischen Kurs der Bonner Koalition zu formieren, kläglich gescheitert waren.
Trotz massiver Unterstützung für die Unionsparteien durch Bischöfe und Pfarrer, kirchliche Gremien und katholische Verbände votierten bei der 72er Wahl nur noch knapp 60 Prozent der Katholiken für die CDU/CSU. Die schrille Unterstützung der Amtskirche verstärkte noch das ohnehin reformfeindliche Image der Union und verhalf ihr zur ärgsten Niederlage ihrer Geschichte. CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf: »Die Kirchen waren im letzten Wahlkampf keine Hilfe.«
Alarmierende Zahlen über die wachsende politische Kluft zwischen Hirten und Gläubigen förderten zudem die Ergebnisse zutage, die der Zürcher Soziologie-Professor Gerhard Schmidtchen aus mehreren kirchenoffiziellen Umfragen im Rahmen der katholischen Synode destillierte.
»Ein beträchtlicher Teil der deutschen Katholiken, ein gutes Drittel«, so recherchierte Schmidtchen, »ist von einem gesellschaftlichen Fortschrittsglauben ergriffen«, unter jungen Intelligenzlern seien gar 71 Prozent Reformen zugetan. Selbst von jenen Katholiken, die regelmäßig zur Kirche gehen und somit den aktiven Kern der Kirchenmitglieder stellen, dotieren -- je nach Alter -- zwischen 21 und 37 Prozent für einen »gewaltlosen gesellschaftlichen Wandel«.
Schmidtchen folgerte aus den Umfragen einen gegen die konservative Amtskirche laufenden Trend: »Zwischen dem Wertsystem, dem Menschen in der heutigen gesellschaftlichen Situation folgen möchten, und demjenigen, das ihrer Ansicht nach die Kirche repräsentiert, gibt es keine gute Übereinstimmung.« Diese Dissonanz habe einen »lautlosen Prozeß« des Abfalls ausgelöst.
In politisches Verhalten der Katholiken übertragen, bedeutet das laut Schmidtchen: »Diejenigen, die die Kirche nicht als instrumentell für ihre Strebungen betrachten, tendieren ganz eindeutig mehr zu der Partei, die sich in stärkerem Maße der Probleme der gesellschaftlichen Gestaltung annimmt, der SPD.«
Aufgeschreckt durch Wahlanalysen und Synoden-Umfragen machte sich der Sekretär der Bischofskonferenz, Prälat Josef Homeyer, daran, für Döpfner ein kritisches Strategiekonzept zu entwerfen Doch Homeyers erster Entwurf stieß bei Amtskollegen des Münchner Kardinals auf Widerstand. Verärgert waren die geistlichen Confratres vor allem über die Empfehlung zur Bewußtseinsänderung gegenüber gesellschaftspolitischen Reformen.
Daraufhin trat Döpfner in Würzburg die Flucht nach vorn an: Er trug den Synodalen seine neue Kirchenstrategie von der Anpassung an die Realitäten vor und forderte die Versammlung, in der die Bischöfe nur eine Minderheit stellen, zu »Mitüberlegung und Stellungnahme« auf. Überdies bereitete er eine, gegenüber dem ersten Entwurf allerdings abgeschwächte, Langfassung seines Programms vor, die im April »in eigener Verantwortung Döpfners, nicht abgesegnet von der Bischofskonferenz« (Homeyers Pressesprecher Rudolf Hammerschmidt), veröffentlicht werden soll.
Der Widerstand konservativer Kirchenführer und Funktionäre gegen das Döpfner-Papier kommt nicht von ungefähr. Sie verdächtigen den Kardinal, er wolle sich und seiner Kirche mit plötzlicher Reformwilligkeit das Wohlwollen der Bonner Machthaber erkaufen.
Doch die Furcht ist unbegründet. »Das Feindbild«, da ist Herbert Becher, Referent beim Bonner Büro der Bischöfe, sicher, »hat sich nicht geändert. Der Hauptgegner ist noch immer die Sozialismus-verdächtige SPD.« Auch Döpfner-Gehilfe Homeyer wehrt sich gegen den Verdacht, er sei den Sozialdemokraten freundlich gesonnen: »Kurzfristig ist das Verhältnis nicht zu ändern. Die Affinität der Kirche zur christlichen Partei hat sich nicht gewandelt.« Und Kardinal Döpfner selbst vertraute jüngst einem Bonner Spitzengenossen an, sein Herz schlage für den fortschrittlicheren Teil der Union.
In der Tat paßt die Döpfner-Strategie einer in Maßen fur gesellschaftliche Neuerungen und Reformen aufgeschlossenen Kirche der derzeitigen CDU-Spitze genau ins Konzept. CDU-Führer wie Kurt Biedenkopf ziehen aus den jüngsten Erfolgen ihrer Partei bei Landtags- und Kommunalwahlen den Schluß, die Stimmbürger liefen der Union nicht wegen ihrer Reformfeindlichkeit zu, sondern weil sie der Christenpartei neuerdings wieder eher als den links-dogmatisch verhedderten Sozialdemokraten »Sicherheit durch Reformen« (SPD-Wahlslogan) zutrauen.
Seit seinem Amtsantritt als CDU-Generalsekretär müht sich Biedenkopf -- in auffälligem Gleichschritt mit den innerkirchlichen Aktivitäten des Münchner Erzbischofs -- das C im Parteinamen vom Rost einer reaktionären Ideologie zu reinigen und die Kennziffer christlich zum Aushängeschild einer antisozialistischen Fortschrittlichkeit eigener Prägung aufzupolieren.
Biedenkopfs Denkansatz ("Ich stehe da erst am Anfang") ist keineswegs neu. Die CDU müsse, so dozierte der Parteisekretär vor der Katholischen Akademie in München, Wertbegriffe wie Gleichheit und Solidarität, die in den letzten Jahren kampflos den Sozialdemokraten als Reizvokabeln für Reform und Fortschritt überlassen worden seien, wieder neu mit christlichen Inhalten anfüllen.
Was der CDU-Manager unter christlicher Politik versteht, definiert er bislang allerdings vonwiegend negativ: als Gegensatz zu sozialistisch. Er ist für soziale Gleichheit, aber nur der Chancen, nicht der Resultate. Der Mensch sei von Gott mit ungleichen Gaben ausgestattet, für »die Ungleichheit der Ergebnisse menschlichen Handelns« sei daher nicht, wie die Sozialisten meinen, die Gesellschaft verantwortlich, sondern der einzelne selbst. Wo nicht, müsse die Nächstenliebe eingreifen. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit kommt bei Biedenkopf in diesem Zusammenhang nicht vor.
Auch christliche Solidarität wird in der Biedenkopf-Perspektive formal-individualistisch gegen »Sozialismus« abgegrenzt: Solidarität sei zwar, so formuliert der CDU-Führer unverbindlich, »Ausdruck des gemeinschaftlichen Handelns des Menschen« und »Anspruch des Schwächeren an den Nachbarn«; da aber der einzelne »nicht seine ganze menschliche Erfüllung in der Gemeinschaft erfährt«, sondern auf Gott bezogen sei, dürfe er auch die Verantwortung für alles und jedes nicht auf die Gemeinschaft übertragen.
Das hat, so Biedenkopf weiter, »unmittelbare praktische Folgen, wenn immer Entscheidungsprozesse vom einzelnen auf die Gruppe übertragen und damit Einzelentscheidungen durch Mehrheitsbildungsprozesse ersetzt werden«. Daher ist ihm die »Demokratisierung der Gesellschaft« suspekt.
Biedenkopfs politische Konsequenz, die es ihm ermöglicht, sich als fortschrittlich zu proklamieren, ohne überkommene gesellschaftliche Machtstrukturen in Frage stellen zu müssen: »Die CDU ist im Gegensatz zum Sozialismus der Auffassung, daß das Machtproblem in der Gesellschaft nicht allein durch seine Unterordnung unter den staatlich politischen Bereich«, also durch Gesetz und parlamentarische Kontrolle, »bewältigt werden kann, sondern in erster Linie durch den sachgerechten Einsatz des Allgemeinwohl-gebundenen Privatrechts gelöst werden muß.«
Den Kirchen weist Biedenkopf in seinem neuen C-Konzept nur eine dienende Rolle zu. Er beschuldigt sie, die Union in der Vergangenheit mit konservativem Gedankengut durchsetzt zu haben, und fordert eine Umkehrung des bisherigen Abhängigkeitsverhältnisses: »Die CDU hat die Interpretation dessen, was christliche Politik ist, früher den Kirchen überlassen, das geht heute nicht mehr.« Denn die Führer beider Konfessionen seien derzeit selbst verunsichert, was das C in der Politik eigentlich bedeute.
Biedenkopf selbstbewußt: »Ohne die Umsetzung religiöser Kategorien in operative Ziele durch eine Partei kann die Amtskirche ihre Sicherheit nicht wiederfinden.« Und: »Auch die katholische Kirche muß einsehen, daß sie nicht nur, wie im Wahlkampf 1972, lamentieren kann.«
Julius Döpfner, dessen in Bonn residierender Gehilfe Homeyer zu dem neuen CDU-Chefideologen guten Kontakt hält, hat offenbar bereits begriffen, daß es zu Biedenkopf keine Alternative gibt. wenn seine Kirche wieder an der Macht in Bonn teilhaben will. Bischofs-Sekretär Homeyer über den Partei-Sekretär Biedenkopf: »Der macht das offenbar richtig.«