Normaler Vorgang - DER SPIEGEL
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Karl Wienand Normaler Vorgang

Dem SPD-Politiker Karl Wienand mißlang der Versuch, sich von dem Verdacht zu befreien, er habe in der Paninternational-Affäre eine zweifelhafte Rolle gespielt.
• aus DER SPIEGEL 14/1972
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Karl Wienand fand letzte Woche nur noch bei einem Verständnis. SPD-Fraktionschef Herbert Wehner rechtfertigte das Engagement seines Parlamentarischen Geschäftsführers für das Bruchunternehmen Pan international und die Verstrickung Wienands in die Paninter-Affäre: »Von einer »intensiven Tätigkeit »kann wohl nur jemand sprechen, der »den Abgeordneten-Alltag nicht kennt oder nicht zur Kenntnis genommen haben will.«

Vor dem Untersuchungsausschuß des Bundestages, der die Ursachen für den auf mangelhafte Wartung zurückgehen. den Absturz der Paninter-BAC 1-11 am 6. September 1971 bei Hamburg (22 Tote) klären soll, definierte Wehner-Schützling Wienand den Abgeordneten-Alltag letzten Dienstag aus seiner Sicht: »Ich erkundige mich, frage, was los ist -- es werden Fragen gestellt, man interveniert,«

Der Abgeordnete Wienand erkundigte sich: Am 14. Juli 1970 tauchte er in München auf, wo gerade Beamte des Luftfahrt-Bundesamtes (LBA) die Flugsicherheit der von seinem Duzfreund Tassilo Trommer gemanagten Paninter-Flotte überprüften. Dem anwesenden damaligen Chef des LilA Paul Ossenbühn übermittelte er »schöne Grüße von Herrn Leber« (Ausschuß-Akten), obwohl der Beamte nach den Aufzeichnungen der Untersucher »von seiner Bekanntschaft mit Herrn Leber nichts wußte«. Wienand letzte Woche: Aus seiner Zeit als Gemeindedirektor in Rosbach (Sieg) sei er es so gewohnt, Mitarbeitern. selbst wenn er sie nicht kenne. schöne Grüße ausrichten zu lassen.

Der Bonner Abgeordnete stellte sich LBA-Prüfer Johannes Ehmke »als Fachmann« vor, der »sich in Zukunft um die deutsche Luftfahrt kümmern« (Ehmke-AUssage) wolle. Er präsentierte sich überdies als »Aufsichtsbehörde vom parlamentarischen Bereich her«.

Dann erkundigte sich Wienand geflissentlich nach der Personallage des überlasteten Braunschweiger Amtes.

Doch Ossenbühn verstand den Auftritt des Bonner Kundschafters eher als Beistand für Paninter-Chef Tassilo Trommer. LBA-Mann Lindberg wurde vor dem Untersuchungsausschuß noch deutlicher: »Die Teilnahme eines Politikers der Kategorie des Herrn Wienand« könne nur den Zweck haben, »irgendwo in irgendeiner Form etwas Bestimmtes zu erreichen«.

LBA-Mann Ehmke zeigte sich ebenfalls irritiert: »Ich meine, daß konkret in einer Verwaltung eine Einflußnahme schon dann erfolgt, wenn ein Abgeordneter des deutschen Bundestages erscheint.« Besonders wunderte ihn, daß Wienand, der sich angeblich um die gewerbliche Luftfahrt kümmern wollte, sich immer nur für Paninternational interessierte und zwar dann, »wenn es um einschränkende Maßnahmen bei diesem Unternehmen ging«.

In der letzten Woche konnte Wienand mit den gesammelten Eindrücken seiner früheren Gesprächspartner nichts anfangen: »Aus all dem -- und das mag an mir liegen -- sehe ich nicht einen konkreten Hinweis, zu dem ich Stellung nehmen könnte.«

Zwei Monate nachdem er sich in München bei den Braunschweiger Beamten erkundigt hatte, fragte Wienand in Bonn, was los ist: Am 22. September 1970 bestellte er drei Beamte des Bundesverkehrsministeriums in sein Parlamentsbüro. Von ihnen wollte er wissen, wie es um die von Paninter beantragten Landerechte in Rio bestellt sei. Ministerialrat Hans-Werner Paas, zuständiger Referent in Georg Lebers Ministerium, klärte den hohen Fragesteller auf, die brasilianischen Behörden hätten die Genehmigung für Charterflüge versagt.

Doch Wienand fragte nicht nur. Er nutzte die Gelegenheit. um zugleich den Bericht über die amtliche Kontrolle von Paninternational zu kritisieren. Obgleich »kein Fachmann«. so bekannte er dem Untersuchungsausschuß, habe er in dem Bericht, der Wienand eigens aus Braunschweig zugeschickt worden war, »Dinge« zu beanstanden gehabt, »die den Tatsachen nicht entsprechen«.

Ein halbes Jahr später intervenierte der Abgeordnete Wienand: Im März 1971 meldete sich der Bonner Abgeordnete bei dem Braunschweiger Prüfer Ehmke, der gerade auf Dienstreise in Hamburg war, und reklamierte, das LBA habe noch immer keine Starterlaubnis für die umsatzfördernde Boeing 707 der Paninternational erteilt. Zeuge Ehmke: »Wienand rief mich an und sagte mir: »Warum fliegt die 707 noch nicht? Wir kommen jetzt in den Osterverkehr 1971 mit den großen Anforderungen hinein. Alles ist ausgebucht.«

Anfang April flog die Paninter-Boeing 707. Vor dem Ausschuß tat Wienand die Ehmke-Einlassung als »Irrtum« ab,

Der Trommer-Freund intervenierte wieder, nachdem das LBA den Paninter-Chef darauf aufmerksam gemacht hatte, daß es wegen der technischen Paninter-Mängel entschlossen sei, dem Charterunternehmen die Fluglizenz zu entziehen. Am 30. Juli 1971 telephonierte Wienand vom Speisesaal seines Urlaubshotels in Riva am Gardasee mit dem Bundesverkehrsministerium.

Zunächst verlangte er den sachlich nicht zuständigen Ministerialrat Herbert Huck« mit dem ihn nach eigenem Bekunden eine »freundschaftliche Zuneigung« verbindet. Da Huck und sein Kollege Paas nicht anwesend waren, geriet der Anrufer aus dem Süden an Hilfsreferent Dieter Stukenberg. Er forderte von Stukenberg eine »verbindliche Zusage« (Zeuge Stukenberg), das August-Programm der von der Schließung bedrohten Paninter-Gesellschaft wenigstens bis zur Rückkehr von Huck und Paas zu genehmigen.

Stukenberg zeigte sich bockig: »Ich habe ihn gefragt nach seiner Legitimation für eine solche Erklärung.« Wienand beschied den Beamten: »Ich bin Bundestagsaigeordneter und Parlamentarischer Geschäftsführer einer großen Partei.«

Wienand erkundigte sich, fragte, intervenierte und deklarierte dies alles vor dem Untersuchungsausschuß »aus meiner Sicht als einen absolut normalen Vorgang. wie ich mich um viele andere Vorgänge auch kümmere«.

Als normalen Vorgang möchte der Abgeordnete es auch verstanden wissen, daß zur gleichen Zeit Zahlungen an ihn gingen, die in der Trommer-Buchhaltung unter den Titeln »Wienand Berater«, »Verwendungszweck Beratung« und »Rechts- und Beratungskosten etc.« in Monatsraten von 12 500 Mark abgebucht wurden (SPIEGEL 11/1972).

Wienand zu der SPIEGEL-Enthüllung: »Ich bin nie in der Buchprüfung oder dort gewesen, wo diese Dinge im Betrieb bearbeitet wurden. Ich weiß nicht, ob es zutreffend ist. Ich weiß nicht, ob das stimmt.«

Der Zahlungsempfänger wehrt sich gegen den Verdacht, die Überweisungen seien das Entgelt für gar nicht alltägliche Hilfe. Er hielt vielmehr auch vor dem parlamentarischen Kollegen-Gericht seine alte Version aufrecht, er habe dem Millionär Trommer bar und ohne Quittung lediglich ein privates Darlehen gewährt -- davon 45 000 Mark, die »meine Frau in die Ehe brachte«. Mit den Schecks habe der Paninter-Chef lediglich diese Privatschuld getilgt.

Verwendungszweck (laut Wienand): »Dr. Trommer hat mir erklärt, daß er damals dabeigewesen sei, einen Betrieb oder diese Gesellschaften aufzubauen. als er seinem Vater ein Haus kaufen wollte und er sich als Chemiker ein Labor bauen wollte. Er könne das nicht aus liquiden Mitteln nehmen.« Trommers Vater allerdings ist bereits vor drei Jahrzehnten verstorben.

Wienands Worten mochten die Mitglieder des Untersuchungsausschusses freilich nicht so recht trauen. Ausschußvorsitzender Wilhelm Rawe (CDU) trug dem SPD-Kollegen auf, in einer der nächsten Sitzungen mit Bankauszügen, Schecks oder Steuerbelegen den Beweis für das Darlehensgeschäft mit Trommer zu erbringen. Vorsichtshalber sicherten die Parlamentarier ihrem Kollegen »Vertraulichkeit« zu.

Ungewollte Entlastung hatte der mißtrauische Ausschußvorsitzende Rawe dem bedrängten Wienand in der vorletzten Ausschußsitzung verschafft. Rawe wollte von dem Leber-Beamten und Wienand-Freund Huck wissen, ob es -- alltäglich sei, daß Bundestagsabgeordnete Ministeriale zu sich zitieren. Huck erinnerte den CDU-Frager daran, daß er selbst einmal nach Münster gereist sei -- von Rawe zitiert. In seinem Wahlkreis bemühte sich der CDU-Mann um das Plazet Hucks für den Einbau eines »Instrumentenlandesystems« (WS) auf dem Regionalflughafen Münster/Osnabrück.

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