CDU-NIEDERSACHSEN Null, Komma, null, null
Der Christdemokrat Wolfgang Buhr.
Vorsitzender seiner Partei im Landkreis Soltau, zog Bilanz. »Was unter dem Strich steht«, was nämlich seine Heimatstadt und die Orts-CDU von Ernst Albrecht und seiner Koalitionsregierung zu erwarten oder schon bekommen hätten, das sei »Null Komma null null null«.
Und während Buhr, auf einem Soltauer CDU-Kreisparteitag am Montag voriger Woche, noch die dritte Stelle hinter dem Komma ausrechnete, da hatte er schon wieder weniger. Im Gasthaus »Stadt Bremen« erhoben sich zehn Christdemokraten von ihren Stühlen, marschierten hintereinander nach vorn und reichten wortlos ihre Mitgliedsbücher über den Vorstandstisch.
Sie waren nicht die ersten, und viele werden folgen. Buhr rechnet damit, daß wenigstens die Hälfte von 260 Parteimitgliedern in der Stadt Soltau die Partei verläßt.
Soltaus Bürgermeister ist schon ausgetreten, mit ihm fünf Ratsherren der bisher neunzehn Mann starken CDU-Fraktion im Stadtrat -- darunter der Fraktionschef und der Ortsverbands-Vorsitzende Walter Beushausen. Sie sind es leid, so Beushausen, »wie Bürger von Parlament und Partei verarscht werden«, und wollen noch diese Woche eine neue Partei gründen. Bei nächster Gelegenheit sollen dann die Wähler entscheiden, »ob sie weiter vertreten sein wollen durch die Partei, die den Kreissitz verscherbelt hat«.
In Soltau ist diese Partei im Begriff, auseinanderzufallen, seit die Christdemokraten im hannoverschen Leineschloß zusammen mit den Freidemokraten am Fronleichnamstag die niedersächsische Gebiets- und Verwaltungsreform durchbrachten.
Danach wird ab August die Zahl der bislang acht Regierungsbezirke halbiert, die der Landkreise von 48 auf 37 reduziert -- gegen den erbitterten Widerstand der Betroffenen. Der Kreis Soltau ist nun mit dem Nachbarn vereinigt. und Kreisstadt wird künftig Fallingbostel sein. Schon sehen die Soltauer auf einem Protestplakat, das die CDU in ihr Schaufenster neben ein Bild von Kohl gestellt hat, Kühe vor dem Rathaus weiden.
Das vom Innenminister Rötger Groß (FDP) so genannte »Jahrhundertwerk« war den Liberalen ein Prestigeobjekt, und keiner weiß so recht warum. An ihm ist einst schon die SPD gescheitert, und auch die CDU hatte immer nur Ärger damit. Zwölf Jahre dauerte die Diskussion darüber, und am Ende versuchten die Sozialdemokraten, sich noch schnell als Gegner der Gebietsreform zu profilieren, die -als sie selbst noch den Innenminister stellten -- auch ihre Sache gewesen war.
Nur die Liberalen, auf örtlicher Ebene -- so auch in Soltau -- ohnehin kaum präsent, blieben immer bei der Stange und hätten die »zweifelhafte Reform« (so die regierungsfreundliche »Hannoversche Allgemeine") wohl noch zur Koalitionsfrage erhoben.
Vergeblich waren die Soltauer noch Anfang des Jahres zu Tausenden nach Hannover gepilgert, um dort »Nie-der mit der Kreis-re-form« zu singen und »Albrecht raus« zu rufen.
»Wer ist wieder der lachende Dritte«, rief ein CDU-Mann vorigen Montag im Gasthaus »Stadt Bremen« seinen Parteifreunden zu, »immer diese verfluchte kleine Partei.« Da müsse doch, Strauß oder so einer, »endlich ein starker Mann her, um den Deutschen und der FDP die Leviten zu lesen Und ein CDU-Kreistagsabgeordneter klagte unter Beifall: »Wir sind vergackeiert worden.«
Schuld daran, daß die CDU in Soltau nicht mehr »in der Talsohle«, sondern »am Abgrund steht«, so der Kreisvorsitzende Buhr, ist der Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann, Bundesratsminister in Albrechts Kabinett. Er hatte, als die CDU noch Opposition und deshalb ohne Einfluß darauf war, leicht versprechen können, daß Soltau Kreisstadt bleiben würde. Nun kann er sich dort vorerst nicht mehr blicken lassen.
Denn in Hannover, erzählen seine Parteifreunde in aller Öffentlichkeit, »da ist gekungelt worden nach übelsten Gesichtspunkten«, und selbst die Leute, die in der Partei bleiben, beklagen den »Wortbruch der Parteiführung«. Da glaubt niemand mehr, daß die CDU in Soltau, wo sie bislang 60 Prozent der Stimmen hatte, noch mal Wahlen gewinnen könnte.
Eine solche Partei, kritisiert der bisherige CDU-Ortsverbandsvorsitzende Beushausen, müsse ja eigentlich »Wählerbetrugsvereinigung« heißen. Die eigene, neue Partei soll dagegen »Freie Konservative Union« genannt werden.
Aber die hannoversche CDU-Zentrale läßt dies alles kalt. »Ein totgeborenes Kind«, so ein Unions-Sprecher, »das sich im Sande verlaufen wird.«