Numerierte Witze - DER SPIEGEL
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KOALITION Numerierte Witze

• aus DER SPIEGEL 43/1961
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Lächelnd wies Konrad Adenauer mit dem Daumen rückwärts auf die Tür des CDU-Fraktionssaales: »Die Opfer sind noch drin.«

Es war Donnerstagmittag der vergangenen Woche, und der Kanzler, der den Christdemokraten über seine letzten taktischen Erfolge im Koalitionsgespräch mit der FDP berichtet hatte, hielt sich an die von ihm selbst kurz vorher ausgegebene Parole: »Meine Damen und Herren, das Wichtigste ist, was für ein Gesicht Sie machen, wenn Sie rauskommen.«

Konrad Adenauer selbst hatte allerdings allen Grund zur Fröhlichkeit. Es war ihm in drei Sitzungen gelungen, seinen Gesprächspartnern von der FDP zu suggerieren, daß sachliche Differenzen zwischen beiden Parteien nicht existierten. Selbst beträchtliche Meinungsverschiedenheiten in der Wirtschafts- und Sozialpolitik waren dem Drang der Freien Demokraten ins vierte Bundeskabinett zum Opfer gefallen.

Freilich hatte der Kanzler frühzeitig Vorsorge getroffen, daß die Gespräche mit Erich Mende nicht zu echten Sachverhandlungen ausarteten. Als der CDU - Koalitionsausschuß die Marschroute für das letzte Gipfeltreffen, diesmal zum Thema Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik, festlegte, verhinderte Adenauer die Nominierung solcher Teilnehmer, die das Gespräch mit unnötigem Fachwissen zu belasten drohten:

Statt des Sozial-Butzemanns Hans Katzer vom linken CDU-Flügel sollten dem Kanzler der CSU-Hinterbänkler Hans Schütz und der auf Ausgleich bedachte Nicht-Fachmann Heinrich Krone in Sozialfragen assistieren dürfen. Gegen eine Teilnahme des Finanzpolitikers Etzel hatte der CDU-Patriarch nichts einzuwenden. Auf Etzels Fachgebiet gibt es keine nennenswerten Differenzen mit der FDP.

Die Freien Demokraten hatten als Begleiter Erich Mendes ihren Finanzminister-Aspiranten Hans Lenz und den Frankfurter Sozialpolitiker Wolfgang Mischnick ausgesucht. Lenz bedeutungsvoll: »Dieser Teil der Verhandlungen ist der wichtigste.«

Von Anfang an waren tatsächlich einige Abweichungen von der Adenauerschen Außenpolitik lediglich als Liebhabereien freidemokratischer Einzelgänger betrachtet worden. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik dagegen verficht die FDP handfeste Interessen, von denen sie sich ungleich schwerer als von Thomas Dehlers Disengagement-Steckenpferd trennen kann.

Was die FDP vom linkskatholischen Arbeitnehmerflügel des Bundestagsabgeordneten

Hans Katzer bisher unterschied, ist die Aversion gegen:

- die dynamische Altersrente,

- das Kindergeld für alle Zweitkinder,

- die 100 prozentige Lohnfortzahlung

im Krankheitsfall,

- das betriebliche Miteigentum,

- die rabattierte Sozialaktie bei der Privatisierung von Bundesvermögen und

- die überbetriebliche Mitbestimmung. Dagegen hatte die FDP propagiert:

- die Einführung der Selbstbeteiligung

in der Krankenversicherung,

- eine stärkere Selbstverantwortung

in der Altersvorsorge und

- die Beseitigung des Blänkschen Bedürftigkeitsprinzips

in der Kriegsopferversorgung.

Am Dienstagabend vergangener Woche traten die vier FDP - Programmatiker Mende, Weyer, Lenz und Mischnick den entscheidenden Gang ins Palais Schaumburg an. Knapp 120 Minuten später waren sie schon wieder entlassen. Erinnerte sich Unterhändler Lenz: »Das Gespräch ist so verlaufen, wie, die Unterhaltung von zwei Männern, die ihre Witze numeriert haben und sich nur noch die Zahlen zuwerfen.«;

Noch bevor Mendes Mannschaft vollzählig zum Kanzler vorgelassen, worden war, hatte Konrad Adenauer dem Zweigespann Mende-Weyer anvertraut, die weltpolitische Lage sei seit ihrem letzten Besuch noch erheblich ernster geworden. Zum ersten Male las der Kanzler den beiden Freidemokraten aus jüngsten Depeschen des, Auswärtigen Amtes vor.

So streng vertraulich dem Schicksal der Nation konfrontiert, bremste FDP -Major Mende durch gelegentliche Einwürfe die schließlich hereingerufenen Experten. Im Schatten der Kanzler-Enthüllungen mußten naturgemäß die sozialpolitischen Koalitionsbedingungen sowie Fragen nach Kartellrecht und Getreidepreis verblassen.

Lenz und Mischnick durften zwar ihr liberales Glaubensbekenntnis vortragen,

aber Konrad Adenauer begegnete den FDP-Petitionen mit scheinbarer Aufgeschlossenheit. In Einzelfragen, so meinte er, werde man sich schon einig. Sowjetzonenflüchtling Mischnick aus Hessen, der frühzeitig in Frankfurt seine Bereitschaft zum Dienst unter Adenauer erklärt hatte, beschied sich: »Wichtiger ist es für uns, gemeinsam eine Politik durchzusetzen, nicht so sehr, in einzelnen Punkten im Augenblick recht zu haben. Im übrigen können in zwei Stunden keine Detailfragen erörtert werden.«

Ob solchen Gleichklangs verzichteten Christ- und Freidemokraten auf eine nähere Fixierung von Einzelfragen- Das Schlußkommunique vermerkt: »Die Verhandlungen führten zu einer allgemeinen Übereinstimmung.«

Im Anschluß an das Gespräch traten die FDP - Unterhändler

auf ihrer Umfall-Station, dem Geschäftszimmer der Fraktion im Bundeshaus, zur Manöverkritik zusammen. Während Mende dem Gefolgsmann Mischnick seine Anerkennung für die im Angesicht des Kanzlers vorgetragenen Kernsätze aussprach, höhnte der CDU -Linke Katzer aus seinem Königswinterer Hauptquartier: »Natürlich gab es Reibungspunkte. Die sind aber nicht gerieben worden. Im übrigen bestimmt der Kanzler die Richtlinien der Politik.«

Katzer hatte nicht unrecht: Von einem- Koalitionsvertrag - noch »unabdingbare« Forderung der Delegierten des Frankfurter FDP-Parteitages vom März 1961 - war bei der CDU nicht mehr die Rede. Nach der außenpolitischen Gleichschaltung hatte der CDU -Vorsitzende seine Kontrahenten auch in der zweiten Runde für die Koalition gewonnen, ohne sich festzulegen.

Die Verhandlungskommissionen von CDU, CSU und FDP stimmten auf ihrer Sitzung am Donnerstag in den Choral der Gemeinsamkeit ein. Sie billigten das Ergebnis der vorangegangenen »Sachverhandlungen.«

Schriftlich festlegen wollte - und brauchte - die CDU sich abermals nicht; sie schob verfassungsrechtliche Gründe vor. Kommissionsmitglied Gerstenmaier meinte nach der Sitzung zum Kanzler - Intimus Pferdmenges: »Die wollen ein Koalitionsdokument, ha, ha!«

Angesichts dieser Verhältnisse verzichtete die FDP-Führung auf die Einberufung eines außerordentlichen Parteitages. Die Landesfürsten der Freien Demokraten begnügten sich damit, den Bundeshauptausschuß der Partei nach Bonn zu bestellen. Gegenüber dem kleineren Gremium, so erwartet FDP-Ministeraspirant Scheel guten Mutes, werde die Bonner Parteispitze den Umfall schon motivieren können: »Es gibt einen völlig neuen Adenauer. Wir haben ihn jetzt an der Leine.«

Die FDP hat Konrad Adenauer an der Leine, wie ein Zwerg einen Elefanten. In den nächsten vier Jahren kann sie ihr freisinniges Programm höchstens in kleineren Punkten und gegen den Widerstand von CDU-Katzer durchsetzen.

Tröstet sich jedoch der unverzagte Afrika-Experte Scheel: »Von der Entwicklungshilfe her habe ich Erfahrung im Umgang mit Schwarzen.«

Scheel

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