KABUL Ödnis um Gottes Licht
Nein, das stimmt so nicht«, protestiert Kabuls Übergangspremier Hamid Karzai mit funkelnden Augen und wirft achtlos den blau-braun gemusterten Seidenumhang auf einen Stuhl. »Nein, wir kamen schon viel früher zusammen.«
Das Bündnis zwischen Afghanen und Deutschen sei nicht erst während der Regentschaft des Reformerkönigs Amanullah geschmiedet worden. Gewiss, dieser Monarch habe die Deutschen bewundert. Er habe die Weimarer Republik mit einem prunkvollen Staatsbesuch beehrt und eine Unmenge deutscher Ärzte, Lehrer und Techniker an den Hindukusch geholt.
»Unsere Freundschaft begann schon im Ersten Weltkrieg«, doziert der smarte Paschtunen-Fürst sehr bestimmt, »nämlich
mit dem Aufkreuzen der Niedermayer-Mission in Kabul.«
Bemerkenswert, ja pikant, dieser historische Anknüpfungspunkt. Afghanistans Regierungschef, der diese Woche das neue Berlin besucht, hebt damit ab auf zersto-
bene Träume imperialer Strategen im einstigen deutschen Kaiserreich. In einem geheimen Kommandounternehmen hatten die Polit-Planer des Berliner Auswärtigen Amts den subversiven Versuch gestartet, das Britannien als Protektorat verbundene Afghanistan zum Frontwechsel zu bewegen. Emir Habibullah sollte seine wilden paschtunischen Reiterstämme in Britisch-Indien einfallen lassen.
Der Erkundungstrupp der Berliner Emissäre, ein tollkühnes Unternehmen wie aus einem Schmöker von Karl May, musste 11 000 Kilometer zurücklegen. Zu Pferd ging es vom Osmanischen Reich im Sommer 1915 quer durch den Orient, durch Salzwüsten und Räubernester. 37 Mann, 79 Tiere und kein klarer Befehl. Denn um die Führungsrolle dieser abenteuerlichen Mission stritten sich unentwegt der preußische Legationssekretär und Leutnant Werner Otto von Hentig, 29, und Oskar Niedermayer, 30, Oberleutnant im 10. Bayerischen Feldartillerie-Regiment. Alle Grenzübergänge und Wasserstellen wurden von britischen Kamelreitern aus Belutschistan überwacht. Doch die zeitweise aufgesplitterte Expedition schlug sich durch und erreichte am 26. September 1915 Kabul - Leutnant Hentig im Kürassierrock und mit dem Adlerhelm des Kaiserreichs.
Der Emir war für die Deutschen zunächst nicht zu sprechen. Er ließ sie abgeschottet in Kabuls schönster Oase einquartieren, einem Holzpavillon in Baburs Garten. Dieses von Lehmmauern umfriedete Areal mit terrassierten Gärten am Asmai-Berg hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts der große und grausame Herrscher Babur anlegen lassen. Der Begründer der indo-islamischen Mogul-Dynastie, ein Blutsverwandter Tamerlans und Zeitgenosse Luthers, hasste die fiebrige Hitze der von ihm eroberten Ebenen Hindustans und liebte die seidige Luft seines Gartens im 1800 Meter hohen Tal von Kabul.
Unter weißem Marmor aus Maidan fand Zahir al-Din Babur, »der Löwe«, dort auch ein schlichtes Grab. Dessen Inschrift preist den Welteneroberer als »das Licht Got-tes«. Noch bis Anfang der neunziger Jahre war Baburs Garten als verwilderte Parklandschaft ein Platz für Liebespaare und Familienpicknicks. Der Bürgerkrieg der Mudschahidin verwandelte diese Oase dann in eine Ödnis.
Heute ist Baburs Garten ein gespenstisch anmutender Platz. Bizarr ragen unweit des schwer beschädigten Mausoleums ein paar glatte Baumstrünke in die Luft, Reste der von Babur so geliebten mächtigen Platanen. »Alle Bäume hier wurden während des Kriegs abgehackt«, sagt Jamschid, ein 16-jähriger Schüler, der sich mit einer Horde Gleichaltriger um einen Stofffußball balgt. »Es war kalt damals, und unsere Familien brauchten Brennholz.«
Soldatenpoet Babur war dem Leben recht zugetan. Mit seinen Hofschranzen veranstaltete der muslimische Großmogul in seinem Lieblingsgarten schwere Zechgelage. Auch die Mitglieder der deutschen Afghanistan-Expedition gaben sich dem Trunke hin, als sie wochenlang auf eine Audienz beim Emir warten mussten.
Schließlich wurden sie Ende Oktober vorgelassen. Der Emir empfing die Emissäre Berlins in seinem Sommersitz 20 Kilometer vor Kabul im pittoresken Bergnest Paghman, einst Baburs bevorzugtes Jagdrevier. Vor der Residenz sollten fünf angekettete Elefanten Eindruck machen. Emir Habibullah nahm einen Brief von Wilhelm II. entgegen, in dem der Kaiser einen Bündnisvertrag zur gemeinsamen Kriegsführung vorschlug.
Doch daraus wurde nichts, die Deutschen blitzten ab. Kabuls vorsichtiger Herrscher, bestärkt durch reichliche Goldzuwendungen der Briten, hielt es lieber mit einer Politik der Neutralität. Das Gros seines Hofstaats aber war eher antibritisch eingestellt, vor allem der drittälteste Sohn Amanullah, ein glühender Nationalist.
Dessen Herz gewannen die Deutschen, wobei besonders die Schießübungen des Artilleristen Niedermayer mit Kruppschen Kanonen beeindruckten. Dem untergehenden Kaiserreich half diese Zuneigung zwar nicht mehr, doch die erste deutsche Republik profitierte davon. Denn als Amanullah Anfang 1919 auf den Thron kam und nach kurzem Kampf dem ermatteten British Empire die Unabhängigkeit Afghanistans abrang, schlug die Stunde der Deutschen. Sie waren als Partner höchst willkommen bei den vom Reformerkönig verordneten Modernisierungsschüben, die indes bald mit den atavistischen Stammes-
traditionen in Asiens Herzland kollidierten.
Mit schattigen Parks und Weingärten, schmucken Villen, luxuriösen Residenzen und Tennisplätzen wurde Paghman gleichsam als Symbol westlicher Orientierung zum Sommerrefugium der afghanischen Hautevolee, die hierher der Hitze und dem Staub des Kessels von Kabul entfloh.
Dann trieb eine Revolte von Hinterwäldlern, entfacht von fundamentalistischen Mullahs, den Reformmonarchen ins europäische Exil. Nach Jahren blutiger Wirren gelangte 1933 Mohammed Zahir Schah im Alter von 19 Jahren auf den Thron. Er blieb dort, bis ihn sein »roter« Schwager Prinz Daud 1973 mit einem Militärcoup wegputschte.
Auch Zahir Schah setzte auf die Deutschen und betrieb eine behutsame Modernisierung. Auf der Terrasse seines Sommersitzes, oben in Paghman vor der prächtigen Kulisse verkarsteter Viertausender, bewirtete der König Potentaten und Präsidenten aus aller Welt - seine Regentschaft war Afghanistans goldenes Zeitalter.
Danach kam der Kriegssturm, der das Land verheerte und Millionen tötete. Die Feuerwalzen der Sowjets verwandelten Paghman, das Einfallstor der Glaubenskrieger, in eine Trümmerlandschaft. Den Rest besorgten Bürgerkrieg und Vertreibung der Taliban. Kaum etwas ist heil geblieben in diesem einst schönsten Flecken am Hindukusch.
»Wir wollen endlich Ruhe und Arbeit«, lamentiert Mullah Habibullah, 35, vor dem arg ramponierten Triumphbogen, den König Amanullah für seinen Sieg über die Engländer errichten ließ. Etwa 20 000 Einwohner zählt der Weiler noch, 80 Prozent sind mittellos. Der Rest verkauft Nüsse, Granatäpfel und Holz nach Kabul.
Ganz oben im Bergtal von Paghman hüpft ein weißbärtiger Alter mit Falkennase durchs Gestrüpp und steigt dann auf einen Hügel von Ziegelsteinen: die Überbleibsel von König Zahirs Rotem Palast. Faiz Mohammed, 70, war Gärtner hier und sieht gelegentlich noch nach dem Rechten. Auf dem einstigen Terrassenrund sprießen schüttere Weizenkeimlinge. »Nichts wächst mehr, wir haben seit drei Jahren keinen richtigen Schnee«, raunzt Faiz und verflucht auch dafür die Russen.
Doch eine Hoffnung bleibt dem Alten, er klammert sich geradezu an sie: die für den 19. März angekündigte Rückkehr des Monarchen. »Wenn Zahir Schah wieder bei uns ist«, sagt der Paschtunen-Greis, »dann wird alles so, wie es früher war.« Und dabei späht er so aufmerksam den Bergpfad hinunter, als müsste der Rolls-Royce des Königs gleich heranrumpeln. OLAF IHLAU
* Links: Darstellung auf zeitgenössischer Kalligrafie;rechts: mit Hentig (M.) und Niedermayer (2. v. r.).* Beim Kabul-Besuch des Bundespräsidenten 1967.