Experimente Offene Köpfe
Der Mann mit der Nickelbrille hatte es eilig, seine Zukunft abzusichern. Hinter dem Ring von Fernsehkameras und jubelnden Fans tänzelte er nervös auf den Fußspitzen.
»Ich muß da irgendwie rein«, raunte er einem Parteifreund zu, »ich muß ihr doch jetzt gratulieren.« Dann holte er tief Luft und wühlte sich durch die Menge.
Mit steifem Rücken, wie zum Appell, stand Tom Koenigs, 51, schließlich vor der neuen Frankfurter CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth, 51. Artig schüttelte er die manikürte Hand.
Der grüne Kämmerer hat allen Grund, sich bei der neuen Bürgermeisterin beliebt zu machen. Noch im Wahlkampf hatte er sie wegen fehlender CDU-Mehrheit als »Nußschale auf stürmischer See« verhöhnt. Jetzt ist die derart Geschmähte seine Vorgesetzte.
Mit 51,9 Prozent der Stimmen hatte die gelernte Arzthelferin bei der Bürgermeister-Direktwahl am Sonntag vor einer Woche in Frankfurt über den bisherigen SPD-Amtsinhaber Andreas von Schoeler gesiegt. Schoeler schaffte nur _(* Am 25. Juni nach der Wahl in ) _(Frankfurt. )
blamable 45,9 Prozent - seine Anhänger, wohl abgeschreckt vom maroden Zustand der zerstrittenen Sozialdemokraten, waren massenhaft zu Hause geblieben (Wahlbeteiligung: 55,8 Prozent).
Die CDU-Frau regiert nun trotz Mehrheit von SPD und Grünen in Magistrat und Stadtparlament. Die wacklige Konstruktion ergibt sich aus der Direktwahl, die es außer in Hessen nur in Bayern und Baden-Württemberg gibt.
Früher als den Grünen lieb ist, zwingt der Triumph der CDU-Oberin sie zu einem Spagat: Während sie in Nordrhein-Westfalen eine rot-grüne Koalition ausprobieren wollen, tut sich in der bisherigen »Hauptstadt von Rot-Grün« (Joschka Fischer) ein Türchen zu schwarz-grüner Zukunft auf.
»Mit Petra Roth«, so ein hessischer CDU-Parlamentarier, »ist Schwarz-Grün in einer Großstadt ein Stück näher gerückt.« Bereits vor zwei Jahren traf sie sich zu vertraulichen Hintergrundgesprächen mit den Frankfurter Grünen. Ökokonservative Bündnisse gibt es ansonsten bisher nur in kleineren Kommunen.
Eine Schwarz-Grün-Debatte auf breiter Ebene erklärten die grünen Strategen bisher stets zum Tabu, stört sie doch ihre Pläne für Bonn: Rot-Grün gilt vielen als einzige Chance, Helmut Kohl 1998 im Bund abzulösen.
Doch selbst Grünen-Chef Joschka Fischer schränkte kürzlich in der Woche ein: Wenn Rot-Grün als Perspektive scheitere, drohte der Oberrealo unwilligen Sozialdemokraten, »dann würden wir auch in unserer Wählerschaft eine schwarz-grüne Debatte bekommen, auf mittlere Sicht und mit Macht«.
In Fischers Frankfurter Heimat ist die rot-grüne Koalition, im März wegen fehlgeschlagener Personalwahlen bereits ausgesetzt, nach sechs Jahren endgültig am Ende - ein Scheitern von symbolischer Bedeutung: Modellhaft hatten Grüne und Sozialdemokraten in der Main-Stadt vorführen wollen, daß Rot-Grün eine Erfolgskoalition sei. Hier besetzten die Grünen, bundesweit einmalig, sogar das Finanzressort.
Jetzt, mit dem Debakel des rot-grünen Kandidaten von Schoeler, ist das hochgelobte Zukunftsprojekt geplatzt, die Partnerschaft so zerrüttet, daß derzeit keiner an eine Neuauflage zur Kommunalwahl in 21 Monaten glaubt.
Auch die Sozialdemokraten werben jetzt wie die Grünen um die Gunst der Christdemokraten: »Die SPD-Betonfraktion hat doch schon die Mischmaschine angeworfen«, stichelt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Martina Schmiedhofer. Rechte Sozialdemokraten, glaubt sie, wollten nun mit der CDU »alle Sachen durchsetzen, die mit Grün nie gingen«.
Etliche Grüne gestehen gleichwohl, sie empfänden den Bruch auch als »Befreiung«. Selbst der grüne Stadtrat Daniel Cohn-Bendit, vor kurzem noch eifriger Verfechter der Ehe mit der SPD, ist ernüchtert: »Rot-Grün hatte einfach keinen Sex-Appeal mehr.«
So gibt es Grüne, die, wie der Stadtverordnete Micha Brumlik, nun »ausloten« wollen, »was mit der CDU tatsächlich geht«. Seine Fraktionschefin Schmiedhofer plädierte für einen »Vertrauensvorschuß« für Roth, die sich seit ihrem Sieg »hervorragend präsentiert« habe.
Auf Roth setzen auch die Reformkräfte in der CDU. Die erfahrene Kommunalpolitikerin und Landtagsabgeordnete, die sich »liberalem Grunddenken verpflichtet« fühlt, will der Partei ein »neues Lebensgefühl« vermitteln. »Ich bin nicht angetreten«, sagt sie, »um knallharte CDU-Politik zu machen.«
Schon wittern Schwarz-Grün-Anhänger wie der Christdemokrat Michel Friedman, Frankfurter Stadtverordneter und im Bundesvorstand seiner Partei, einen Aufbruch: »Wir müssen für die CDU die Meinungsführerschaft als Reformpartei gewinnen.«
Im Wahlkampf hatte sich Roth geschickt als überparteiliche Bürgeranwältin präsentiert. Weil ihre eigene Fraktion im Stadtparlament, dem Römer, keine Mehrheit hat, will sie künftig mit wechselnden Mehrheiten regieren - mal mit der SPD, mal mit den Grünen. Beide kündigten an, sie wollten »keine Blockadepolitik« betreiben.
So können die Ökos bis zur Kommunalwahl im März 1997 Schwarz-Grün ohne formale Koalition ausprobieren. In der CDU-Fraktion, bisher von den Grünen als »reaktionäre Altherrenriege« verspottet, sehen Fürsprecher wie Brumlik plötzlich ebenfalls »offene Köpfe«.
Gespannt warten die Bündnis-Grünen nun auf Signale der schwarzen Oberbürgermeisterin: Was macht sie mit dem von Cohn-Bendit geführten Amt für Multikulturelles, mit der Ausländerpolitik generell, der grünen Kämmerei?
Roth gibt sich offen: »Wenn die Grünen bis zur Wahl eine vernünftige Stadtpolitik machen«, könne die CDU die Umweltpartei auch als Partner »neu einordnen«. Die Bürgermeisterin muß vorsichtig sein: Noch würde die Mehrzahl ihrer Parteifreunde lieber eine große Koalition mit der SPD schließen.
Auch bei den Grünen sehen Skeptiker wie ihr Geschäftsführer Lutz Bikarski »noch überhaupt keine Schnittmenge mit der CDU«. Erst zu den Kommunalwahlen 1997 werde sich zeigen, glaubt jedoch der Grüne Cohn-Bendit, »ob es eine schwarz-grüne Option geben kann«.
Ihre Posten wollen die Grünen bis dahin auf jeden Fall behalten. Für den Fall, daß der artige Händedruck am Wahlabend nicht reichen sollte, um ihn auf dem Posten des Finanzchefs zu halten, formulierte Koenigs sicherheitshalber noch ein schriftliches Angebot an die Chefin. »Falls das neue Stadtoberhaupt meine Erfahrungen nutzen möchte«, schrieb der Grüne, sei er »gerne dabei«.
Petra Roth hatte sich für seine Attacken im Wahlkampf mit der Drohung revanchiert, sie werde ihn gegebenenfalls mit Vergnügen zum Friedhofsdezernenten ernennen. Y
»Noch überhaupt keine Schnittmenge mit der CDU«
* Am 25. Juni nach der Wahl in Frankfurt.