MAZEDONIEN Partner oder Protektorat?
Es ist eine bewegte Woche für die deutsche Truppe. Am Montag Schwenkfleisch und Bier im Kasinozelt, es spielt die Lagerband Sender Freies Erebino. Am Dienstag Joschka Fischer als Schlager im Feldlager - er erklärt den Soldaten, warum sie hier in Mazedonien gebraucht werden. Am Mittwoch volle Konzentration auf die Gefechtsbereitschaft.
Die Panzerfahrer aus Neustadt am Rübenberge traben, angeführt von Stabsfeldwebel Husistein, mit dem gemurmelten Leitspruch »Ohne Mampf kein Kampf« zum Mittagstisch. Oberfeldwebel Kolb, Mitbegründer der UCK (Uniformiertes Comedy Kontingent) erzählt im Versorgungszelt »McTet« von Kabarettabenden und vom guten Geist in der Truppe. Infanteristen simulieren am Hügel den Nahkampf, und die Kampfmittelspürhunde Ben und Bill werden über die Felsen gehetzt. »Damit sie online sind, wenn''s endlich losgeht«, sagt der Hundeführer.
Am Donnerstag dann - Scharping. Ausgerechnet. Der von Plantschfotos und Flugaffären gebeutelte oberste Dienstherr kommt als Minister auf Abruf. Landet in Skopje, läuft mit seinem zur Maske gewordenen Ich-weiß-gar-nicht-was-Sie-vonmir-wollen-Blick am Pulk der Journalisten vorbei und entschwindet hurtig zu einem »Deutschen Abend«.
Anderntags gastiert er bei der Truppe. Die steht zu diesem Zeitpunkt vor ihrem ersten Einsatz im Rahmen der auf 30 Tage befristeten Waffensammel-Operation »Bedeutende Ernte«. Scharping schließt sich mit Soldaten ins Zelt ein, stakst danach storchengleich ins Freie und verkündet, dass seine ganze Sorge derzeit den Soldaten und ihren Familien gelte.
Der steife Auftritt des Noch-Ministers bei seinen Soldaten wirkt wie ein Symbol - auf der dritten großen Balkan-Mission
der Nato binnen sechs Jahren, nach Bosnien und dem Kosovo, liegt wenig Segen.
Zwar hat sich das mazedonische Parlament am Donnerstagabend, nach einer beinahe sechs Tage währenden, in grotesken Abgeordneten-Monologen gipfelnden Debatte entschlossen, den Prozess einer Verfassungsänderung zu Gunsten der albanischen Minderheit erst einmal in Gang zu setzen. Und auch Waffen sind seither wieder eingesammelt worden bei den albanischen UÇK-Rebellen. Die zweite von drei Stufen des Friedensprozesses ist erreicht.
Doch was sagen die unter massivem westlichen Druck erreichten 78 Prozent Ja-Stimmen im Parlament von Skopje über Einsicht und Friedenswillen der zerstrittenen Mazedonier wirklich aus? So viel wie erhobene Hände im Angesicht einer Pistolenmündung.
»Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung« sei nun getan, behauptet EU-Unterhändler Javier Solana. Von einem »sehr starken Signal« spricht auch Scharping in Skopje. Es soll schließlich so aussehen, als hätten nicht die unzähligen Seelenmassagen der Nato- und EU-Emissäre den Ausschlag gegeben, sondern die weitsichtigen mazedonischen Demokraten selbst. Niemand wolle ein »Protektorat«, sagt Joschka Fischer, Ziel sei ein »partnerschaftliches Verhältnis« zu Mazedonien.
Doch in dieser Partnerschaft stehen fast 800 Millionen Bürger aus den Nato-Staaten 2 Millionen - untereinander zerstrittenen - Mazedoniern gegenüber. Die Mission »Bedeutende Ernte« wirkt deshalb bisweilen, als hätte sich ein Elefant auf eine Stechmücke gelegt, vorgeblich um sie zu schützen. Und als wunderte er sich dann, dass sie ihm, in Todesangst, den Stachel ins Fleisch zu bohren versuchte.
Staatspräsident Boris Trajkovski hat bis zuletzt für das Abkommen geworben, das die Entwaffnung der UÇK in drei Schritten mit einer konstitutionellen Besserstellung der albanischen Minderheit koppelt. Er scheint überzeugt, dass der mazedonische Staat die von slawischem Überlegenheitsgefühl getragene Unterdrückung der Albaner auf Dauer nicht überleben würde.
Doch vom nationalistischen Premier Ljubco Georgievski über den militanten Innenminister Boskovski bis zum gefinkelten Parlamentspräsidenten Stojan Andov sehen das die meisten Mächtigen im Land anders. Viele mazedonische Slawen hätten das Gefühl, mit einer Verfassungsänderung würden die »albanischen Terroristen« - der Nato-Vertragspartner UÇK - letztendlich belohnt, sagt Andov kurz nachdem mit der Abstimmung der erste Schritt getan ist. Er gibt so zu verstehen, was er von dem Abkommen hält.
In gut zwei Wochen, beim endgültigen Votum, kann alles noch kippen. Die Nato stünde dann blamiert und ohne Erfolgsnachweis da. Mazedonisches und albanisches Blut im gleichen Organismus, das könne nicht länger gut gehen, weissagt schon jetzt Aleksandar Kirovski: »Das ist wie bei einer Blutvergiftung im Arm, da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Arm ab, oder sterben.«
Kirovski, von Beruf Ingenieur, befürwortet die Amputation - des albanischen Volkskörpers natürlich, dessen Lebensraum er von seinem Sitzplatz aus Richtung Berge deutend beschreibt. Hier, im Dorf Siricino jedenfalls, 500 Einwohner, kein Albaner, wo vor dem Kolonialwarengeschäft die slawischen Männer Flaschenbier trinkend auf einem abgesägten Platanenstamm Kriegsrat halten, glaubt keiner mehr an ein friedliches Zusammenleben im gemeinsamen Land.
Noch im Sitzen sieht Kirovski die gehissten deutschen Fahnen auf dem Hügel des streng abgeriegelten Feldlagers Erebino. Er registriert, wie sich die Deutschen eingerichtet haben in den alten Kasernen der jugoslawischen Armee, die er selbst als Ingenieur 1984 hat bauen helfen. Er sagt: »Wir haben nichts gegen die Deutschen. Aber wir wollen sie hier nicht. Wo fremde Stiefel auf unserem Boden waren, wird kein Gras mehr wachsen.«
Es ist zufällig der 60. Jahrestag der Gründung der mazedonischen Partisanenarmee, als Oberst Ernst Wilhelm Harder, Kommandeur der deutschen Truppen, oben am Berg sagt, es werde alles getan, damit »wir uns hier auch zu Hause fühlen können«. Vorübergehend, meint er hoffentlich. Im All- gemeinen treten die Deutschen mit leisen Stiefeln auf in Mazedonien. Sie sagen, sie wollen versöhnen, und versprechen, danach unaufgefordert wieder zu verschwinden.
Schon das wäre, aus mazedonischer Sicht, ein Fortschritt. Im Ersten Weltkrieg setzten die Mitglieder der Heeresgruppe Scholtz hier ein Zeichen deutschen Eroberungswillens. Sie blieben bis zum Zusammenbruch der Balkan-Front im September 1918. Gut zwei Jahrzehnte später waren die Deutschen, diesmal in Wehrmachtsuniform, schon wieder da.
Am 7. April 1941, einen Tag nach der Bombardierung Belgrads, rückte die 12. Armee unter Generalfeldmarschall Wilhelm List über Kumanovo vor und nahm Skopje ein. Die in der Gegend ansässigen Juden wurden später deportiert. In Krivolak, wo die eingesammelten UÇK-Waffen gebunkert werden, sprengten die Deutschen vor ihrem Abzug 1944 die Brücke über den Vardar. List wurde später in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt.
Im Humus dieser Geschichte wurzelt der mächtige deutsche Trieb, es diesmal besser zu machen. Der alte Bismarck-Spruch, dass der Balkan nicht »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers« wert sei, wird als diplomatische Handlungsanleitung nicht einmal mehr in Betracht gezogen. Krisenprävention im europäischen Verbund heißt die Losung nun.
Fast 7000 deutsche Soldaten sind derzeit über Bosnien, Kosovo und Mazedonien verteilt. An die 6,5 Milliarden Mark sind seit Beginn in die Balkan-Missionen geflossen. In ihrem Willen, allen denkbaren Anfängen von Krieg und Rassenhass in Europas Hinterhof zu wehren, legen die Deutschen einen Eifer an den Tag, der selbst bei Gleichgesinnten aus befreundeten Staaten für Aufsehen sorgt.
Zudem haben die Deutschen den Verbündeten bestaunenswerte Exotika voraus: als Außenminister und Co-Architekten einer friedlichen Balkan-Ordnung einen emeritierten Straßenkämpfer; als grüne Wehrexpertin eine Dame mit baumelndem Zöpfchen, die früher militante Antimilitaristin war und heute in Erebino präzise nach Waffenarten fragt; des Weiteren ein Parlament, das über den Mazedonien-Einsatz erst entschied, als die Briten schon UÇK-Waffen stapelten - und zu einer Verlängerung des Mandats müsste es erneut seinen Segen geben.
So multinational kann kein Einsatz sein, dass nicht die nationalen Besonderheiten ins Licht gerückt würden - wenn die Deutschen als Einzige mit »Leopard«- und »Marder«-Panzern in einem 13-stündigen Ritt aus dem Kosovo herüberkommen, ruft das bei den heutigen Verbündeten und ehemaligen Leidtragenden des Panzerkriegs eine Mischung aus Amüsement und Entsetzen hervor.
Weil die »Bedeutende Ernte« eine britisch geführte Operation ist, mit beinahe 1900 Briten gegenüber nur 500 Deutschen im Einsatz, bestimmen die Briten in Abwesenheit der Amerikaner die Gangart. Nach den Briten kommen hierarchisch die Franzosen, bei denen die Deutschen mit zwei mechanisierten Kompanien im gemeinsamen Einsatzbataillon untergeschlüpft sind. Auch gibt es Niederländer, Italiener, Spanier.
Jede Nation wacht eifersüchtig darüber, wann sie endlich dran ist. Nur wer vorn bei der »freiwilligen Abgabe« durch die UÇK-Rebellen steht, ist abends in den Hauptnachrichten des Fernsehens. Wer den äußeren Sicherungsring bilden muss, wie die Deutschen im Rücken der Franzosen, hat Pech.
Ist ein Land endlich an der Reihe, gibt es ungern zu, dass die aufgehäuften Schießprügel nicht notwendigerweise aussehen, als hätten sie eine Gefahr für die europäische Nachkriegsordnung begründen können. Keiner will derzeit den Verdacht äußern, die besseren Waffen seien versteckt oder über die Grenze ins Kosovo und nach Albanien verbracht worden.
Je nagender die stillen Zweifel am Sinn des Ganzen, desto häufiger kommt Besuch aus der Heimat. Deutschland sei »Weltrekordhalter bei der Zahl der Ministerbesuche«, heißt es in der Bundeswehr-Führung. Die Soldaten, bedingungslosem Gehorsam ohnehin verpflichtet und mit 180 Mark netto unpfändbarem Risikozuschlag pro Tag für die raue Unwirtlichkeit fern der Heimat entschädigt, freuen sich trotzdem über jeden Minister.
Denn wenn zwischen Bunkern voller Feldbetten der leibhaftige Chefdiplomat der Nation sich die Ehre gibt, so ist das ein Erlebnis. Joschka Fischer, im anthrazitfarbenen Dreiteiler auf dem Feldherrenhügel von Erebino postiert, in seinem Rücken die Sonne hinter den Gebirgskämmen des Sar-Planina-Massivs versinkend, dort, wo die Mächte der Finsternis wohnen, die Kalaschnikow-schwenkenden albanischen Bergsöhne, bringt einen Hauch von Weltpolitik unter die Truppe. »Das framework agreement«, lernen Soldaten und Journalisten, sei »eine große Chance für Mazedonien«. Wie groß? »Fragen Sie mich das später.«
Die hohen Ziele, der hohe Ton sind bezeichnend für das Sendungsbewusstsein vieler über den Balkan shuttelnder Diplomaten. Einer, der mit der UÇK verhandelt hat, sagt: »Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir sind besser geworden.« Nato-Sprecher Peter Altmannsperger definiert: Die Allianz wolle »einen Bewusstseinswandel erzeugen bei den Leuten hier, einen geistigen Prozess in Gang setzen, damit die die Waffe vom Tisch nehmen und den Dialog pflegen. Das wäre faszinierend, gerade hier, wo diese Tradition nicht verwurzelt ist«.
Ja, das wäre faszinierend. Momentan bemühen sich 4500 Nato-Soldaten um 3300 Waffen. Da kommen zwei Waffen auf drei Soldaten und leise Zweifel zur lauten Nato-Prosa - von der unstrittigen Sinnhaftigkeit des Unternehmens »Bedeutende Ernte«. Rund 135 Millionen Mark hat die deutsche Bundesregierung für die ersten 30 Tage bewilligt. Von begleitenden bilateralen Maßnahmen, wie Fischer deutsches Geld für zivile Projekte in Mazedonien nennt, ganz zu schweigen. Der Außenminister, so sickert durch, will »zurück zum Stand von 1999 - ohne Wenn und Aber der Partner sein, dem Mazedonien am meisten vertraut«.
Wie es weitergehen soll in einem Land, das zum Frieden gezwungen werden muss? »Mit Druck, mit permanentem Druck«, sagt ein Nato-Verteidigungsminister. Mit der Drohung, Geld und Hilfe bei Missliebigkeit zu entziehen, streuen deutsche Diplomaten. »Mit Beharrlichkeit«, sagt Fischer. Ein weiteres Nato-Mandat, zum Schutz der EU- und OSZE-Beobachter, die nach Ende der Mission die friedliche Rückkehr zur Normalität garantieren sollen, gilt als wahrscheinlich.
Und obwohl keiner so genau weiß, was die Bürger Mazedoniens wollen, freuen sich alle, wie gut die Aktion »Bedeutende Ernte« klappt. Lauthals gepriesen wird die Zusammenarbeit von Deutschen und Franzosen, »das Klima ist wirklich gut, da können Sie mich ruhig zitieren«, sagt der Nato-Sprecher. Gerühmt wird, wie entschlossen die EU diesmal Flagge zeigt, während die USA abseits stehen. Und wie passgenau Nato und EU inzwischen verzahnt seien.
Noch ist Mazedonien nicht in Europa angekommen. Aber ohne Mazedonien wüsste Europa nicht, wo es steht. WALTER MAYR
* Vorigen Freitag vor dem neuen Bundeswehr-Schutzfahrzeug"Dingo«.