INDUSTRIE / VW-OSTEXPORT Plus 8000
Fast drei Jahre lang unterhielt VW-Generaldirektor Heinz Nordhoff ohne großen Erfolg an der Iskerstraße im Zentrum Sofias einen modernen Autosalon: Bis Ende vergangener Woche lieferte Wolfsburg nicht mehr als 400 Volkswagen in das wirtschaftlich unterentwickelte Bulgarien -- soviel wie der Konzern in einer knappen Stunde produziert.
Jetzt hofft Nordhoff auf eine größere Order. Seit im Herbst letzten Jahres Ministerialdirektor Stefanoff vom bulgarischen Außenministerium in Wolfsburg Visite machte, verhandeln Nordhoffs Exportmanager mit der Regierung in Sofia. Sie sollen Bulgarien bei der automobilen Aufrüstung helfen und Teile von VW-Transportern liefern. In einem volkseigenen Betrieb wollen die Bulgaren jährlich etwa 8000 VW-Kleinlaster zusammenschrauben.
Mit dem roten Auftrag würde Nordhoff Anschluß an die Gilde westeuropäischer Automobilfabrikanten gewinnen, die seit langem komplette Fabriken in den Ostblock liefern:
> Im vergangenen Jahr erst holte Italiens Fiat-Präsident Vittorio Valetta einen 1,2-Milliarden-Mark-Auftrag für den Bau einer Pkw-Fabrik (600 000 Fahrzeuge jährlich) in der Sowjet-Union herein; in Polen soll Fiat 35 000. Autos bauen, in Jugoslawien arbeitet bereits ein Fiat-Werk.
> Im Oktober 1966 verpflichtete sich Frankreichs Renault-Chef Pierre Dreyfus, für 200 Millionen Mark das Moskauer Moskwitsch-Werk zu vergrößern; Dreyfus will außerdem in Rumänien bauen; nach Ungarn darf er bis 1970 insgesamt 10 000 Fahrzeuge des Typs R 10 verkaufen.
Lange Jahre hatte Nordhoff keine Mühe darauf verwandt, in den Ostmarkt einzudringen. Seine Exporte in westliche und neutrale Länder stiegen ständig so, daß er mit der Produktion kaum nachkam. Export 1966: eine Million Volkswagen. Das waren 62 Prozent der Gesamtproduktion. Außerdem gab bei der Wettfahrt um den roten Markt nicht immer die Auto-Qualität den Ausschlag. So waren die Sowjets politisch durch Westdeutschlands Röhren-Embargo verärgert, als sie Fiat ins Land riefen. Und in Rumänien erhielt Frankreichs Renault-Chef Dreyfus den Zuschlag, nachdem sein Staatschef de Gaulle Bukarest einen Zehn-Jahres-Kredit versprochen hatte; Nordhoff konnte nur ein Darlehen mit kürzerer Laufzeit offerieren.
Sogar in Bulgarien, wo Nordhoff sich nun eine Chance ausrechnet, vom Drang der östlichen Fußgänger zum Automobil zu profitieren, wäre er nicht der erste westliche Fahrzeugfabrikant. Seit Januar bereits verlassen wöchentlich etwa zehn Renault-Wagen des Typs R 8 ("Bulgarrenault") ein Montagewerk bei Sofia. Bis 1970 sollen es jährlich 10 000 sein.
Bevor die ersten VW-Transporter von bulgarischen Bändern laufen, will Nordhoff ein Kundendienstnetz über den Balkanstaat legen. Zunächst soll eine bereits bestehende VW-Reparaturwerkstatt in Sofia erweitert werden. Vier weitere Service-Stationen sollen folgen, eine davon im Touristenzentrum Varna.