PARTEIEN Potenz 72
Ein ehemaliger Schuhfabrikant und ein Bundeswehrgeneral a. D. wollen die national-liberale Deutsche Union für den Wahlkampf 1973 stiefeln und spornen.
In seinem Feriendomizil Breitbrunn am Ammersee schustert der einstige FDP-Landesvorsitzende Dietrich Rahner aus Augsburg für die im Juni ausgerufene Partei des FDP-Abtrünnigen Siegfried Zoglmann ein Grundsatzprogramm zusammen. Und in Bonns Adenauerallee 104 organisiert der frühere Stellvertretende Kommandeur der 1. Panzergrenadierdivision, Karl-Wilhelm von Kleist, den DU-Aufmarsch.
Kleist soll eine Bundesgeschäftsstelle für die »pittoreske Neugründung« (SPD-Sprecher Jochen Schulz) etablieren. Das Parteipräsidium, so der Generalvertreter für Spirituosen und DU-»Org-Leiter« Kurt Meyer, glaubt, »in Herrn von Kleist eine qualifizierte Persönlichkeit gefunden zu haben.
General a. D. von Kleist, erst kürzlich »über einen dritten Herrn« (Meyer) angedient, begründet sein neues Engagement vor allem mit soldatischer Dankbarkeit: »Mich begeistert, daß die DU in der Bundeswehr kein notwendiges Übel sieht, sondern sie in die Gesellschaft integriert.«
Programm-Designer Bahner verspricht sich von einer entschiedenen Anti-Ostpolitik noch immer Wähler-Wirkung. Die Berlin-Regelung ist für den ehemaligen FDP-Mann »ein Linsengericht«. der Vertrag von Moskau die »Besiegelung des Schicksals der Mitteldeutschen«.
Die Oder-Neiße-Grenze aber möchte selbst Bahners neue Partei, zu deren Zielgruppen neben Bauern und Handwerkern auch Vertriebene zählen, nicht mehr revidieren. Bahner; »So lächerlich wollen wir uns nicht machen.«
Wie die ostpolitischen, so stagnieren auch die innen- und gesellschaftspolitischen Denkbemühungen der »politischen Pensionäre« (FDP-Chef Scheel) der Zoglmann-Partei.
Bahner ist dabei, der DU vor allem ein Anti-Konzept zu entwerfen. Er möchte »etwas dagegensetzen«, etwas gegen die »sozialistische Kollektivierung«. gegen die »Kastration der Starken und Erfolgreichen«, gegen die »Verkümmerung des Rechts des einzelnen« --
Die Programm-Paraphrasen des DU-Autors Bahner preisen denn auch den »Schutz der Minderheit vor einer Diktatur der Mehrheit«. Jedem soll, laut DU-Manifest, das »Recht am Eigentum« und mit ihm die »uneingeschränkte Verfügungsgewalt über das Eigentum« garantiert sein. Nur im Einzelfall, wenn Gemeinde-Interessen dies unbedingt erforderten, müsse man »auch mal von seinem Besitz zurücktreten«. Aber, so Bahner: »Dann erwarten wir eine wirklich großzügige Entschädigung.«
Auch möchte Bahner bewährte Werte wieder wecken: So steht ihm der Sinn ("Ich weiß noch nicht, ob ich das bei uns durchkrieg") nach einem Pflichtjahr für junge Mädchen, das sie in Altersheimen oder Krankenhäusern abdienen sollen. Auf einen Arbeitsdienst für junge Männer will der DU-Mann verzichten: »Wir haben ja die Bundeswehr und den Ersatzdienst.«
Die volkswirtschaftlichen Pläne der Partei möchte der Kurs-Verwalter am liebsten an altem Vorbild orientieren: »Die DU hält das Ergebnis der freien Marktwirtschaft für so überwältigend gut, daß sie alles andere für idiotisch hält«
Mitbestimmung in den Betrieben ist deshalb für Bahner eine »verdammte Modernisierung«. Dennoch meint der Inhaber mehrerer Schuh-Läden: »Wir verstehen uns als eine Arbeiterpartei.« Bahner-Chef Zoglmann, der bis Ende Oktober sechs DU-Landesverbände gründen will, setzt mit der bei Bahner in Auftrag gegebenen »Wahlaussage« für 1973 vor allem auf enttäuschte FDP-Wähler. Ob der Wähler freilich die DU überhaupt auf einer Wahl-Liste vorfindet, soll sich spätestens bis zum Herbst 1972 entscheiden. Zoglmann: »Wenn die DU bis dahin keine Potenz ist, soll man es bleiben lassen.«