REBELLION DER GRAUEN KÖPFE - DER SPIEGEL
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* 9. Künftige Lebenswelten * 9.3. Lebenspläne für morgen REBELLION DER GRAUEN KÖPFE

Ein »Altersbeben«, prophezeien die Trendforscher, werde den Jugendkult ablösen. Sexologen raten den Seniorinnen, bei der Gymnastik nur ja nicht die Vaginalmuskeln zu vergessen. Aber manche fragen auch: Lohnt es sich wirklich, den Altersverfall immer weiter hinauszuschieben?
• aus DER SPIEGEL 49/2000
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D as Alter ist immer ein Schiffbruch«, klagte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, als ihn die Kräfte und das Charisma verließen. Das war vor gut 30 Jahren. Auf den Straßen von Paris tobte die Studentenrevolte. De Gaulle, 77 und vom Aufruhr verstört, begriff, dass es Zeit war, von der Staatsbühne abzutreten.

Inzwischen sind die jungen Rebellen von damals selber in die Jahre gekommen. Daniel Cohn-Bendit, der »rote Dany« vom Pariser Mai '68, sitzt wohl versorgt im Europaparlament. Streetfighter Joschka Fischer schaffte es gar ins Amt des deutschen Außenministers. Doch von ihrer jugendbewegten Vergangenheit trennen sich die beiden Fünfziger nur ungern.

Zumindest rhetorisch spielt Cohn-Bendit noch immer den revolutionären Feuerkopf; und nur im Dienst gibt Fischer den soignierten Staatsmann. Auf Parteitagen tritt er wie einst in T-Shirt und Lederjacke auf. Jung wie sein Outfit ist auch seine vierte Ehefrau, die er unlängst geheiratet hat. »Um nichts in der Welt«, berichtet der joggende Minister, würde er »aufs Laufen verzichten«.

Fischer, wieder schlank und elastisch, ist vorbildlich: Er hat, deutlich sichtbar, seine Lebensuhr zurückgedreht. Durch Askese, bei Müsli und Mineralwasser, hat er seiner alternden Generation gezeigt, wie es gelingen kann, die Phase der Jugendfrische bis ins sechste Lebensjahrzehnt zu prolongieren.

Wie in allen Industrieländern bilden die Alten in Deutschland die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Und nicht nur, dass die Alten immer älter werden, sie bleiben auch immer länger fit. Viele 70-Jährige, so das Ergebnis von Umfragen, fühlen sich 10 bis 15 Jahre jünger, als sie tatsächlich sind.

Entsprechend lebhaft ist ihr Tatendrang. »Die neuen Alten«, konstatiert der Düsseldorfer Werbekaufmann Bernd Michael, »sind hungrig nach Reisen, Vergnügen, Luxus und zweckfreier Aktivität.« Rund 40 Prozent aller Reisen werden von Kunden über 55 gebucht, jeder dritte Porschekäufer ist um die 60. Fast die Hälfte aller 70- bis 80-Jährigen hält sich für »modebewusst« und achtet beim Einkauf auf aktuelle Trends. »Grey is beautiful«, jubelt der selbst nicht mehr ganz jugendfrische Modedesigner Wolfgang Joop.

Philemon und Baucis auf der Gartenbank, ermattet, doch zufrieden nach des Daseins langer Mühsal: Diese romantische Altersidylle hat als Illustration des gelungenen Lebensabends ausgedient. So still und bescheiden wollen moderne Ruheständler ihr Leben nicht beschließen. »Der Jugendkult«, prophezeit der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, »wird von einem Altersbeben abgelöst werden« - von einer Rebellion der Grauköpfe gegen das »überkommene Altersbild«.

Der Aufstand hat längst begonnen; nur einige seiner Ergebnisse können schon besichtigt werden, beispielsweise in den Seniorensiedlungen im Sonnenstaat Florida, wo die Verkehrsschilder mit Riesenbuchstaben und die Straßen mit extrabreiten Markierungen bemalt sind. Dort mangelt es weder an Schönheitschirurgen noch an Fitness-Studios, in denen sehnige Greise Eisen pumpen und schwitzende Matronen auf dem Laufband hecheln.

Hier kommt auch die Sexologin Ruth Westheimer, 72, gut an mit ihrem Appell an die Seniorinnen, bei der Gymnastik nur ja nicht das Training der Vaginalmuskeln zu vergessen - wohl für den Fall, dass der Gatte Viagra einwirft und unverhofft wieder zu großer Form aufläuft.

In dieser schönen neuen Welt der »Woopies« (well-off older people) gibt es keinen Pensionsschock: Nach dem Ende von Berufsstress und Karriere beginnt mit gleicher Härte der Kampf gegen das Altern, eine Herausforderung, die den Rest des Lebens ausfüllt. Wer sie bewältigt, wird mit gesellschaftlicher Anerkennung belohnt.

Als sich vor zwei Jahren der Raumfahrt-Veteran John Glenn, damals 77, noch einmal ins All katapultieren ließ, war das für die Nasa so überflüssig wie ein Fehlstart auf Cape Kennedy - aber »ein großer Tag für unsere Senioren«, wie US-Präsident Bill Clinton verkündete. »Forever young«, hieß das Motto der Himmelfahrt, die den Ruheständlern aller Länder zur Ermutigung dienen sollte.

Das Signal ging an ein Riesenheer, das ständig größer wird. Rund 16 Millionen Deutsche sind inzwischen älter als 60 Jahre. In Florida sind mehr als 20 Prozent der Einwohner im Rentenalter. Fast 33 Millionen Mitglieder zählt die »American Association of Retired People« (AARP), die mächtigste Lobby des Landes, die ihren Einfluss in allen Bereichen von Politik und Gesellschaft geltend macht.

Der Respekt, den die AARP den »Silverkids« und »Greyhounds« verschafft, gilt vor allem der enormen Kaufkraft der Seniorenschaft. Die Rentner und Pensionäre von heute sind »die reichsten Alten aller Zeiten« (so eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung); ihre Vermögen und Einkommen liegen im Durchschnitt weit über denen der Erwerbstätigen - kein Grund also für die »golden Oldies«, sich aus dem bunten Leben ins bescheidene Retiro zu verziehen.

Nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen und in Touristenjets, auch im Internet ist die graue Kundschaft neuerdings massenhaft unterwegs. Zehn Prozent aller Deutschen zwischen 60 und 70 sind bereits online, die Zahl der betagten User wächst rasant. Die Leipziger Computerfirma Lintec hat sich schon darauf eingestellt. Sie entwickelt derzeit Senioren-Laptops mit vereinfachter Software und einer Spezialmaus für zittrige Greisenhände.

Surfen im Netz, erklärt Hamburgs ältester Internet-Nutzer Waldemar Prüssing, 93, »hält fit in der Birne«. An seinem Computer will der rüstige Greis »nette Menschen kennen lernen«. Nur leider: »Sobald ich mein Alter verrate, bricht der Kontakt ab«, klagt Prüssing, der sich ärgert, dass seine gleichfalls uralte Schwester in ihrem Altersheim noch über keinen Netzanschluss verfügt.

Dabei kann Prüssing von Glück sagen, dass er in seinem Alter noch so gut auf dem Posten ist. Die meisten Überlebenden seines Jahrgangs sind chronisch krank, etwa 40 Prozent vegetieren mit Alzheimer oder anderen schweren Demenzerscheinungen in Pflegeheimen dahin.

Auch die neuen Alten, von denen viele fit und kregel die 80 erreichen, biegen schließlich in die Zielgerade ein, an deren Ende der Exitus steht. Jenseits der 85, so die Befunde der Alternsforscher, lassen Gedächtnis und Lernfähigkeit rapide nach; die sich rasch wandelnde Welt wird zunehmend undurchsichtig und fremd, der verwirrte alte Mensch wird zum Pflegefall.

Noch ist die Zahl der beschönigend so genannten Master-survivors gering, doch sie steigt. Um 30 Jahre ist seit 1900 die durchschnittliche Lebenserwartung in den Industrieländern gestiegen. Derzeit leben in Deutschland rund 5000 Frauen und Männer, die älter als 100 sind.

In naher Zukunft wird, nach Schätzung der Fachleute, jedes zweite Neugeborene die Chance haben, an die 100 Jahre zu leben. Womöglich wird dann das Schreckbild vom tattrigen Greis wieder zur Massenerscheinung wie einst, als es noch keine künstlichen Hüftgelenke gab.

»Das Elend bleibt, so wie es war - du kannst es nicht ausrotten ganz und gar, aber du machst es unsichtbar": Ziemlich exakt beschreibt der volkstümliche Vers das Altersdilemma. Lohnt es sich wirklich, den Altersverfall immer weiter hinauszuschieben? Selbst wenn dabei noch ein paar Jahre mehr in geistiger Frische herausspringen sollten - was damit anfangen, wenn einer nicht ein Genie wie Picasso, Tizian oder Leonardo da Vinci ist?

»It's all so boring«, alles ist so langweilig, hatte Winston Churchill Besuchern zugeflüstert, als er mit 90 nach etlichen Schlaganfällen halb gelähmt im Bett lag und immer noch nicht sterben konnte. Schon vorher war der zählebige Staatsmann und Hobby-Maler, dem die Ärzte die Zigarren und den Cognac verboten hatten, oft in tiefe Depression gefallen.

Auch Internet-Surfer und asketische Jogger sind schwerlich gefeit gegen diese Art von spätem Lebensüberdruss, der bei den Uralten nachweislich zunimmt. Der postmoderne Imperativ von lebenslangem Lernen und auch im Alter forcierter Umtriebigkeit wird daran nicht viel ändern.

Der heute allenthalben »angepriesene Aktivismus für Jungsenioren«, meint der Berlin Sozialhistoriker Arthur Imhof, könne nicht verhindern, »was anschließend mit umso größerer Wucht durchbricht: die Leere«. Statt die »lebenslang eingeübte Rastlosigkeit« fortzusetzen, sei es vernünftiger, sich in kontemplativer Ruhe auf das Verschwinden vorzubereiten. Imhof, 61: »Wir müssen lernen, überflüssig zu werden.«

Die Empfehlung hätte dem altersweisen Einstein zugesagt. »Von dem Menschenrecht, mit dem Alter immer dümmer und fauler zu werden, dürften wohl auch wir Gebrauch machen«, schrieb er einem Kollegen, der über das Nachlassen seiner Schaffenskraft klagte, derlei gehöre nun mal zum »Spiel der Natur«, mahnte er den Freund: »Jammere nicht.«

Dem Tod sah der Schöpfer der Relativitätstheorie gelassen entgegen. Als er mit 69 an einem lebensbedrohlichen Aneurysma erkrankte, lehnte er eine Operation unwirsch ab; es sei, fand er, »geschmacklos, das Leben künstlich zu verlängern«.

Wer den Tod verleugne und vor ihm davonlaufe, erkannte schon vor 400 Jahren der französische Philosoph Michel de Montaigne, nehme dem Leben die Würze. Mit Wohlgefallen berichtet er von einem Brauch der alten Ägypter, die auf dem Höhepunkt üppiger Gastmähler ein Menschenskelett in den Festsaal tragen ließen - nicht als düsteres Memento mori, sondern zur Steigerung der Lebensfreude.

Die Botschaft des klappernden Knochengerippes, in den Worten Montaignes: »Trink und sei fröhlich, denn wenn du tot bist, siehst du so aus.« KLAUS FRANKE

Klaus Franke
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