Rettender Einfall - DER SPIEGEL
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MINISTER LÜCK Rettender Einfall

• aus DER SPIEGEL 45/1965
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Die beiden Politiker, die Kanzler Erhard bei der Regierungsbildung am meisten Schwierigkeiten bereitet hatten, halfen ihm über die letzte Kabinettshürde hinweg: Bundespräsident Heinrich Lübke und Altbundeskanzler Konrad Adenauer bugsierten Paul Lücke auf den Sessel des Bundesinnenministers.

Noch am Freitag vorletzter Woche war Ludwig Erhard verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Innenminister. Die nordrhein-westfälischen CDU-Politiker Dufhues und Mikat hatten das Amt ausgeschlagen. Erhard hielt nun nur noch zwei Eisen im Feuer, die er aber beide nicht schmieden wollte: den CSU-Bundestagsvizepräsidenten Richard Jaeger und den Krupp-Direktor und CDU-Abgeordneten Gerhard Stoltenberg.

Den autoritär-angehauchten Abendländer Jaeger wollte der Kanzler nicht im Innenministerium sehen, weil Jaeger besonders schlecht geeignet wäre, sich mit der SPD über die verfassungsändernde Notstandsgesetzgebung zu einigen; Stoltenberg sollte und wollte das Wissenschafts-Ministerium übernehmen.

In dieser Bedrängnis kam Ludwig Erhard der rettende Einfall, den Wohnungsbau-Minister Paul Lücke, 50, ins Innenministerium zu befördern,

Lücke hat im Zweiten Weltkrieg als Batteriechef ein Bein verloren und war als katholischer Jugendführer schon 1935 ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten. Er genießt das volle Vertrauen der SPD, weil er während der SPIEGEL-Affäre im November 1962 für eine Große Koalition eintrat (SPIEGEL 50/1964).

Aber Lücke mochte nicht Innenminister werden. Er wollte entweder seinen Wohnungsbau behalten oder das Arbeitsministerium übernehmen.

Da kamen dem Kanzler jene beiden Politiker zu Hilfe, die sich ursprünglich beide von dem Wahlergebnis erhofft hatten, daß Erhard als Kanzler ersetzt werden könnte: Adenauer und Lübke. Allerdings aus unterschiedlichen Motiven.

Der Bundespräsident hatte für den von ihm ersehnten Fall einer Großen Koalition außer Bundestagspräsident Gerstenmaier und CDU-Fraktionschef Barzel auch seinen Duzfreund Lücke als möglichen Kanzler im Auge gehabt und wollte nun diesen Kandidaten wenigstens ein Stück voranbringen. CDU -Parteichef Adenauer, der ebenfalls eine Koalition mit der SPD befürwortete, möchte hingegen Lücke gern zu seinem Nachfolger im Parteivorsitz aufbauen.

Lübke und Adenauer redeten so lange auf Lücke ein, bis der Minister grundsätzlich einwilligte. Nachdem der Kanzler auch noch Lückes Forderung erfüllt hatte, die Unterabteilung Raumordnung mit ins Innenministerium übernehmen zu dürfen, gab der Wohnungsbau-Minister endgültig sein Jawort.

Am vorletzten Freitag um 16.40 Uhr erhob sich Ludwig Erhard, ging um seinen Schreibtisch herum und reichte dem untersetzten Mann aus dem Oberbergischen Land, der stets wie ein Handwerksmeister im Sonntagsstaat aussieht, die Hand: »Ich danke Ihnen Herr Lücke.«

Dann setzte Erhard mit grüner Tinte Lückes Namen als letzten auf seine Kabinettsliste und fuhr zum Bundespräsidenten, um ihm Vollzug zu melden.

Neuer Innenminister Lücke, Chef: Der letzte Name mit grüner Tinte

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