Rothäute und Bernhardiner - DER SPIEGEL
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OSTDEUTSCHLAND Rothäute und Bernhardiner

Konkurrenz unter Genossen: Geschwächt durch Gregor Gysis Rücktritt, startet die PDS in den Wahlkampf. Die SPD schickt Manfred Stolpe in den Osten, um irritierte PDS-Wähler einzufangen.
• aus DER SPIEGEL 33/2002
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Der Mann hat ein erhabenes Ziel und einen schwer auszusprechenden Namen. Xokonoschtletl Gomora, Indio und traditioneller Azteken-Tänzer, ackert für den Weltfrieden. Die Federkrone auf dem Kopf, stampft er im Ostseebad Zinnowitz den »Tanz zur Verehrung der Mutter Erde«. Rechts von ihm das PDS-Wahlkampfmobil, vor ihm rund 150 Touristen, darunter Würstchen essende Brandenburger und Eis schleckende Bayern.

Es ist Wahlkampf, und die »Friedenspartei« (Eigenwerbung) setzt auf den Einsatz von vier mexikanischen Indianern. »Schöne Musik«, lobt eine Cottbusserin. »Aber die PDS? Von so einer Veranstaltung lasse ich mich nicht blenden.«

Einen Tag später und über hundert Kilometer weiter, auf der Strandpromenade in Warnemünde, sägt die Firma Schreiner Freund Holzbretter für einen Imbissstand, während ein Dudelsackspieler verzweifelt »Auld Lang Syne« dagegen anquäkt. Mittendrin, Hände schüttelnd und Schulter klopfend: Manfred Stolpe, ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg und Ost-Wahlkampfbeauftragter der SPD.

Er hat den Dudelsack nicht bestellt und braucht auch keine Rothäute. Er setzt allein auf sich und sein »Bernhardiner-Prinzip": Die Leute sollen, grient Stolpe, ihn ruhig angucken, anfassen, streicheln. »Und hinterher sagen sie dann, der war nett, der gehört zur SPD, die wählen wir.« Sein Begleiter Reinhard Dankert, der SPD-Landtagsabgeordnete, hat eine noch simplere Formel gefunden: »Ich sage den Leuten einfach, wir sind die Guten.«

Wie in alten Western-Schinken zieht die SPD gen Osten, um die Roten zu vertreiben. Denn im Stammland Nordrhein-Westfalen verderben Klüngel und Korruption den Sozialdemokraten die Stimmung. »Die Hoffnung der SPD ist sehr groß, hier im Osten die Wahl zu gewinnen«, sagt Stolpe im bekannten Brummbass. Seit dem Rückzug des PDS-Stars Gregor Gysi schöpfen ostdeutsche Sozialdemokraten die Hoffnung, im Land der SED-Nachfolger tatsächlich punkten zu können.

Dabei ist die Gefechtslage zwischen SPD und PDS unübersichtlicher denn je. Ein Sieg der Sozialdemokraten über die Sozialisten im Osten könnte schnell zur Niederlage werden: Schafft die PDS nicht den Einzug in den Bundestag, wäre CDU und FDP eine Mehrheit sicher. Sollte die PDS bei der zeitgleichen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern dramatisch verlieren, wäre auch noch das Ende der rot-roten Koalition in Schwerin besiegelt. Die aber wollen beide Parteien fortsetzen.

Stolpe kennt dennoch kein Pardon mit der roten Konkurrenz: »Wir werden um jede Stimme kämpfen, auch um die der PDS-Wähler.«

Bei einigen wird die SPD leichtes Spiel haben. Denn der im Osten gute Ruf der PDS ist seit Gysis Freiflug-Affäre reichlich lädiert. Aufgeschreckt von schlechten Umfragewerten, versuchen die Parteioberen ihre eigenen Anhänger mit Drohungen auf Trab zu bringen. »Wenn wir nicht in den Bundestag kommen, sind wir es eben nicht wert«, polterte Wahlkampfmanager und Bundestagskandidat Dietmar Bartsch vor seiner Fraktion. Intern ist längst klar: Bei einer Wahlniederlage würden er und Parteichefin Gabi Zimmer zurücktreten.

»Diesmal fehlt auch eine Rote-Socken-Kampagne der CDU«, klagt eine brandenburgische Wahlkämpferin, »die hat unsere Leute sonst richtig angestachelt.« Als Protestpartei - wie noch 1998 - kann sich die PDS diesmal nicht mehr profilieren, schon gar nicht in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie seit vier Jahren das Land mitregiert. Dass Protest für viele Menschen kein Grund mehr ist, die Postkommunisten zu wählen, belegt auch eine von der PDS in Auftrag gegebene Umfrage. Danach sank der Anteil derjenigen, die aus Protest die PDS wählen wollen, um sieben Prozent.

Manche Anhänger sind auch einfach nur enttäuscht, dass die PDS im Norden die Arbeitslosigkeit nicht entscheidend reduziert hat. Typisch ostdeutsch sei es, klagt Adriane van Loh, PDS-Wahlkreismitarbeiterin in Bad Doberan, kopfschüttelnd, Politikern Fehler und gebrochene Versprechen besonders übel zu nehmen. »Sie haben überhaupt keinen emotionalen Abstand zu ihnen.« In Mecklenburg-Vorpommern hatten vor vier Jahren 24,4 Prozent ihr Kreuz bei der PDS gemacht. Um die 3 Prozent der Stimmen, glaubt van Loh, »könnte uns diese Unzufriedenheit kosten«.

Zum Beispiel die der Lehrerin Ines Friedrich, 42, die sich über Gysi empört: »Mit welch lockerer Leichtigkeit der zurückgetreten ist«, sagt sie, und es hört sich an, als habe sie deswegen schlaflose Nächte gehabt. Immer hat Friedrich PDS gewählt. »Diesmal nicht mehr. Ich kann es einfach nicht begreifen.« Ähnlich, wenn auch etwas nüchterner, denkt Andreas Siedel, 23, Student an der Fachhochschule Stralsund: Ohne Gysi habe die PDS doch keine Chance mehr. Da er, wie er bekennt, »gegen die CDU« ist, folgt er dem Stimmenfänger Stolpe: »Ich wähle jetzt die SPD.«

Stolpe ist für die Mission seiner Partei im Osten genau der richtige Mann. Milde lächelnd bringt er in Rostocks Innenstadt des Kanzlers Abkehr von den USA unter die Leute. »So machen wir der PDS den Vorwurf kaputt, die Sozialdemokraten seien Kriegstreiber.« Erst neulich, prahlt er, habe ihm ein alter SED-Mann erklärt: »Seit ihr so klar gegen den Irak-Krieg redet, kann ich euch auch wieder wählen.«

Und wo die Angst vor dem Krieg nicht zieht, wird die Ostkarte gezückt. Immer wieder lässt Stolpe in Nebensätzen durchblicken, dass er selbst Ossi ist, die Sorgen der Leute daher besonders gut verstehe. Warum mehr Geld für den Ausbau der Straßen nötig sei? »Weil die neuen Wagen ja nicht so viel aushalten wie mein alter Lada«, erklärt er in der Gaststätte Zur Kegelbahn in Altentreptow. Die Lacher der versammelten Ex-DDR-Polizisten und Feuerwehrleute sind ihm sicher.

Auch die Vorwürfe, denen der ehemalige Kirchenjurist wegen seiner Stasi-Kontakte einst ausgesetzt war, haben ihm bei der PDS-Klientel Sympathien eingebracht. »Sie wurden ja noch mehr gejagt als damals der Gysi«, sagt Werner Schmidt, ein ehemaliger VEB-Direktor mitfühlend, als der 66-jährige Polit-Pensionär den Bund der Ruhestandsbeamten in Altentreptow besucht. Für Stolpe ist klar: Wenn sich die SPD stärker als Partei der kleinen Leute darstelle, sei die Wahl noch zu gewinnen.

Aber auch mit dem vermeintlichen Linksruck, seinem Schulterklopfen und dem Stasi-Vorwurf kann Stolpe nicht jeden PDS-Anhänger erreichen. Denn viele der alten Kader würden gern einen Unionskanzler verhindern und zugleich ihrer Ostpartei in den Bundestag verhelfen. Erich Saeger, Kreisvorstandsvorsitzender des Pensionärvereins, sagt es Stolpe ins Gesicht: Schröder müsse weiter Kanzler bleiben, aber die PDS müsse auch in den Bundestag. »Nur so ist die Interessenvertretung der Ostdeutschen gesichert.«

Letztlich wird der Versuch, sich gegenseitig die Wähler abzujagen, wohl weder SPD noch PDS nützen. Den Wahlkämpfern beider Parteien macht der Frust der Leute über »die da oben« und »die aus dem Westen« gleichermaßen zu schaffen. Christa Ladwig, 55, die eine ABM-Stelle als Gruppenbetreuerin in Parchim hat, redet sich in Rage, wenn sie über den Westen und Westparteien spricht. Sie hat sich noch nie »viel

mit Stolpe beschäftigt«. Aber eins wisse sie: »Für die Westparteien sind wir doch bloß der doofe Rest.« Wie immer.

Selbst der PDS, die bislang ihre alten Kader stets mobilisieren konnte, gehen die Stammwähler aus. Sie sterben einfach weg. Einer PDS-Umfrage zufolge sank die Anzahl derjenigen, die aus »Tradition« ihr Kreuz bei der Gysi-Partei machten, seit 1998 von 17 auf jetzt 4 Prozent.

Derart in Not, werden sogar alte Gräben überwunden. »Ich würde mich freuen, wenn die, die wir verlieren, zur SPD gingen«, sagt Irene Müller, PDS-Abgeordnete im Schweriner Landtag. Sie fürchte aber, dass viele ihrer einstigen Wähler gar nicht erst zur Wahlurne kämen.

Nicht selten entwickelt sich der Wahlkampf deshalb zu einer Art Staatsbürgerkunde-Unterricht. Der PDS-Bundestagsabgeordnete Heinrich Fink, 67, war vor den elf Rentnerinnen des Demokratischen Frauenbundes in Parchim gerade dabei, ein bisschen gegen die Wessi-SPD und den in die Spendenaffäre verstrickten CDU-Mann Wolfgang Schäuble zu stänkern. Da warf die burschikose Renate Prieß, 62, knapp und deutlich ein: »Ich denke mal, jede Partei ist korrupt.« Und: »So denkt das Volk. Dieses Mal werden noch viel weniger wählen gehen als 1998.«

Plötzlich nahm Fink seine CDU-Konkurrenten in Schutz ("Es gibt nur wenige, die wirklich korrupt sind"), und die Landtagsabgeordnete Müller fühlte sich bemüßigt, die Grundregeln der parlamentarischen Arbeit zu erklären: »Die meiste Arbeit läuft in den Ausschüssen, im Plenum wird nur noch abgestimmt.« Man mache, sagt die PDS-Landtagsabgeordnete Birgit Schwebs, »nicht nur Wahlkampf für unsere Politik, sondern auch oft für die Demokratie als solche«.

Dafür sind längst nicht mehr alle zu gewinnen. Während an der Seebrücke im Ostseebad Rerik ein paar PDS-Genossen unter ihrem knallroten Sonnenschirm an die wenigen Touristen Flugblätter verteilen, sitzt rund hundert Meter weiter Ulrich Wagner, 64, Ingenieur und Rentner in spe. Er sei ja nicht für eine Diktatur, erklärt er großzügig. Aber für »eine andere Machtregelung« schon. Wie die funktionieren soll, weiß er auch: »Jetzt ist Schluss, muss einer sagen. Und basta. Und fügt euch.«

ANNETT CONRAD, CAROLINE SCHMIDT

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Rot-roter Zweikampf Wahlergebnisse in Ostdeutschland

* Oben: mit Würgeschlange in Binz; unten: bei einer Bootstourmit der »MS Socialist«.

Annett Conrad
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