Saft mit Wasser - DER SPIEGEL
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NORDRHEIN-WESTFALEN Saft mit Wasser

• aus DER SPIEGEL 51/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lustlos erklomm CDU-Fraktionsführer Wilhelm Lenz das Rednerpodium im Düsseldorfer Landtag: »Eine historische Chance am Beginn einer neuen Periode der deutschen Politik wurde nicht genutzt.« Matter Beifall belohnte den einzigen Christdemokraten im Kohlenpott, der zum Sturz der Regierung Franz Meyers noch etwas zu sagen hatte.

Nach 18 Minuten war das dürre Zeremoniell um den Drei-Zeilen-Antrag vorbei, den die Sozialdemokraten zum letzten Dienstag der Volksvertretung an Rhein und Ruhr vorgelegt hatten: »Der Landtag wolle beschließen: Zum Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen wird Herr Abgeordneter Heinz Kühn (SPD) gewählt.«

Zwei Tage später wurde Kühn mit 112 gegen 85 Stimmen gewählt. Es war

das bittere Ende eines christdemokratischen 138-Tage-Regimes. Verlassen von den Freidemokraten - die nach der Landtagswahl im Juli mit der CDU paktiert hatten, vor zwei Wochen aber mit den Sozialdemokraten einig geworden waren - mußte die CDU der stärksten Fraktion des Parlaments weichen.

Stärke demonstrierte diese Fraktion selbstbewußter Genossen - alle 99 SPD-Abgeordneten sind direkt in den Landtag gewählt worden - schon während des Koalitionsgerangels, als sie ihrem Führer Kühn ein schwarz-rotes Bündnis im Revier verdarb und den Pakt mit den Freidemokraten erzwang (SPIEGEL 50/1966). Danach wurde sie - gemessen an sozialdemokratischen Gehorsamsbegriffen - geradezu tollkühn: Sie redete dem designierten Landesvater in die Regierungsbildung hinein.

Die Aufsässigkeit der Parteifreunde und die Unlust etlicher Genossen, mit Kühn das Krisenland an der Ruhr zu

regieren, kehrten in dem spröden Sozialdemokraten Menschliches hervor: Die Kabinettsbildung, so klagte er im Freundeskreis, sei schwieriger als weiland die Zangengeburt seines Sohnes Hendrik 1944, bei der er habe assistieren müssen.

Zunächst verwahrte sich die SPD -Fraktion gegen Kühns Vorschlag, den Gewerkschaftsfunktionär Wilhelm Haferkamp und das Vorstandsmitglied der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW), Dr. Fritz Kassmann, zu Ministern zu machen: Die beiden hätten sich der Parteiarbeit nicht mit dem nötigen Eifer gewidmet.

Haferkamp, der Wirtschaftsminister hatte werden sollen, gab ohne Widerstand auf; er hofft, in drei Jahren den DGB-Vorsitzenden Ludwig Rosenberg abzulösen. Kassmann wurde zwar Minister, bekam aber keinen wichtigen Kabinettsposten, sondern mußte mit dem Bundesratsministerium abgefunden werden.

Ähnlich glücklos operierte der neue Landesherr Kühn bei der Besetzung des Finanzressorts. Zunächst fragte er beim Vizepräsidenten der Deutschen Bundesbank in Frankfurt, Dr. Heinrich Troeger, an. Der Mann, dessen Namenszug Westdeutschlands Banknoten ziert, war nicht abgeneigt. Doch dann revoltierte Gattin Else: Sie denke nicht daran, das milde südhessiche Klima gegen verräucherte Industrieluft einzuwechseln.

Drei Stunden benötigten dann letzten Dienstag Kühn und Genossen, sich über die neun Namen auf der Kabinettsliste einig zu werden. Zwar vermied es der Pfeife rauchende Oppositionschef strikt, mit Alkohol über die scheinbar letzte Runde zu kommen. Er frischte sich mit einer Sondermischung (halb Wasser, halb Traubensaft) auf. Am Ende der Fraktionssitzung aber litt Kühn doch unter Konzentrationsschwächen. Vor den wartenden Journalisten brachte er - mit nasser Stirn und rotgeränderten Augen - die Namen seiner Ministeraspiranten nicht mehr zusammen und fragte verzweifelt: »Da fehlen mir doch noch zwei. Wer sind denn das?«

24 Stunden vor der Vereidigung des neuen Kabinetts fehlte wirklich einer: Dr. Harald Koch, Arbeitsdirektor bei der Dortmunder Hoesch AG und von Kühn als Wirtschaftsminister auserwählt, zog seine Zusage zurück.

Auf Koch war Kühn gekommen, nachdem ihm das Vorstandsmitglied der IG Bergbau Heinz Kegel eine Abfuhr erteilt hatte; Kegel war nicht bereit gewesen, seine Bezüge als Arbeitsdirektor der Bergwerksgesellschaft Hibernia (etwa 200 000 Mark im Jahr) für ein Ministergehalt (rund 80 000 Mark) einzutauschen. Koch - einer der »fünf Weisen«, die alljährlich die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik untersuchen - aber antwortete mit »einem freudigen Ja«, nachdem ihm Hoesch-Vorstand und -Aufsichtsrat versichert hatten, er könne immer auf seinen Direktorensessel zurückkehren, falls er mal nicht mehr Minister sein wolle.

Dann aber muckten die Arbeitnehmervertreter des Stahlkonzerns auf, vorweg der SPD-Bundestagsabgeordnete und IG-Metaller Willi Michels: Der freie Koch-Posten müsse sofort neu besetzt werden, sonst werde »die Mitbestimmung Schaden leiden«.

Mittwoch, 17 Uhr, sagte Koch seinem Duzfreund Kühn per Telephon ab. Fernmündlich kämpfte seinerseits der neue Landesherr, der tags darauf seine Minister komplett präsentieren sollte, um den letzten Mann. Kühn rief den Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften in Köln, Professor Dr. Bruno Gleitze, an, und der erbat sich Bedenkzeit. Die halbe Nacht verging, dann sagte Gleitze zu. Kühn: »Es ist geschafft.«

Am Morgen des Donnerstags frühstückte der strapazierte Ruhrpott-Premier, der die Tage zuvor kaum seine Familie und sich »selber nur noch im Spiegel beim Rasieren« gesehen hatte, zufrieden westfälisches Schinkenbrot und Brötchen mit rheinischer Marmelade. Zum Abschied verhieß er Frau Marianne: »Ich gehe als einfacher Mann und komme heute abend als Würdenträger wieder.«

Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident Kühn (r.)*: Am Abend Würdenträger

* Letzten Donnerstag bei der Vereidigung durch Landtagspräsident John van Nes Ziegler.

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