Schüsse in der Nacht - DER SPIEGEL
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Belorußland Schüsse in der Nacht

Bei der Wahl des ersten Staatsoberhaupts stimmten die meisten Bürger gegen die Unabhängigkeit.
• aus DER SPIEGEL 26/1994
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Still und geduldig pflegen die Einwohner den Ackerbau und fertigen in ihren Fabriken vornehmlich Maschinen, Fahrzeuge und Waffen. Sie halten nichts von Großmachtpolitik, wie sie die Gemüter im fernen Moskau bewegt. Doch vorigen Donnerstag leisteten sie sich eine Eskapade: Sie votierten für einen Scharlatan als Staatschef.

Ihr Land in Europas nahem Osten ist kaum bekannt: Weiß- oder Belorußland. Es ist sowenig russisch wie die Ukraine im Süden. Die Menschen sprechen eine eigene ostslawische Sprache.

Nie zuvor hatten sie einen eigenen Staat, zum erstenmal hielten sie jetzt freie Wahlen ab. Nie auch hatten die Belorussen den Zorn ihrer Herren herausgefordert. Im Frühjahr 1991 jedoch, noch vor dem Putsch gegen Gorbatschow in Moskau, verloren sie plötzlich ihre übliche Geduld: 100 000 forderten in der Landeshauptstadt Minsk freie Wahlen und die Unabhängigkeit von Rußland. Nach dem Scheitern des Moskauer Staatsstreichs rief der Minsker Oberste Sowjet die »Republik Belarus« aus und wählte einen neuen Vorsitzenden, den Atomphysiker Stanislaw Schuschkewitsch, 59.

Der Professor, der nun als Staatschef fungierte, hatte sich bei der Bewältigung der Tschernobyl-Folgen bewährt. Das Atomunglück in der Ukraine verstrahlte ein Fünftel der belorussischen Fläche.

Im Januar mußte sich Schuschkewitsch unerhörten Vorwürfen stellen: Der umtriebige Vorsitzende einer Parlamentskommission zur Ahndung der Korruption, Alexander Lukaschenko, beschuldigte ihn, staatseigenes Baumaterial (im Wert von 800 Dollar) für seine private Datsche verwendet zu haben.

Die kommunistische Parlamentsmehrheit, angeführt vom Ministerpräsidenten Wjatscheslaw Kebitsch, 58, nutzte die Gelegenheit, den Freigeist Schuschkewitsch zu stürzen. Die Zeiten haben sich gewendet, die Reaktionäre übten Rache dafür, daß Schuschkewitsch zusammen mit dem Russen Boris Jelzin und dem Ukrainer Leonid Krawtschuk 1991 die Sowjetunion zerschlug.

Zur ersten Volkswahl eines Präsidenten für ihre Republik am vergangenen Donnerstag bewarben sich der gescheiterte Reformer Schuschkewitsch, sein Gegenspieler Kebitsch und auch der dreiste Fahnder Lukaschenko, dazu noch ein nationaler Demokrat und zwei Altkommunisten.

Der Ex-Präsident warb für Marktwirtschaft, Staatsland in Bauernhand und Annäherung an den Westen Europas. Irgendwelche Wirtschaftsreformen hat es bislang in Belarus nicht gegeben; die Menschen leiden unter dem wirtschaftlichen Niedergang, wie beim Nachbarn Ukraine.

Seit Schuschkewitschs Abtreten im Januar sank die Industrieproduktion bis April um 35 Prozent. Die Preise steigen um 40 Prozent im Monat (Rußland: 8 Prozent). Die Druckerpresse vermehrte seit Jahresanfang die Geldmenge um das 28fache; die Landeswährung mit dem Abbild eines Hasen auf den Banknoten ließ sich im Januar 5 : 1 gegen den Rubel tauschen - der heute 12 Hasen kostet.

Im Wahlkampf hatte Reformer Schuschkewitsch mit allerlei Tücken zu kämpfen: Kam er zu einem gemieteten Saal, waren die Türen verschlossen. Sprach er im Rundfunk, fiel teilweise die Übertragung aus. Oppositionsblätter sind verboten. Ein Regierungsorgan druckte einen Artikel nach, der angeblich aus einer holländischen Zeitung stammte: Schuschkewitschs Eltern, beide Gulag-Opfer, seien ein polnischer Katholik und eine Jüdin gewesen - was in Belorußland der Popularität Abbruch tut.

Schuschkewitsch wurde vorige Woche mit rund zehn Prozent der Wählerstimmen abgeschlagen. Doch auch dem Platzhalter Kebitsch, Regierungschef noch aus der Sowjetzeit und Kandidat der alten Nomenklatura, half die amtliche Weisung wenig, in den Schaufenstern der Staatsläden und an den Häuserwänden mit seinem Konterfei und der Wahlparole zu werben: »Immer mit Ihnen«.

Der Allgegenwärtige plädiert für die Wiedervereinigung mit Mütterchen Rußland, das russisches Öl und Gas nur gegen Devisen liefert, über die Belarus nicht verfügt.

Die Erpressung diente dem alten Planwirtschaftsfunktionär Kebitsch dazu, mit Moskau - verfassungswidrig - eine Währungsunion zu vereinbaren, die sein Land der ökonomischen Vorherrschaft Rußlands unterwirft.

Kurz vor der Wahl verordnete der Premier eine volksfreundliche Preissenkung für Lebensmittel und Wodka um zehn Prozent. Dennoch erntete Kebitsch am Donnerstag nicht einmal 20 Prozent der Stimmen. Hatte er gegen den falschen Feind gefochten? Gewinner war der Korruptionsjäger, der Schuschkewitsch gefällt hatte: Alexander Lukaschenko, 39.

Die zehn Millionen Belorussen haben sich - bei fast 79 Prozent Wahlbeteiligung - mit beinahe der Hälfte aller abgegebenen Stimmen einem Mann zugewandt, der so etwas ist wie der Schirinowski von Belarus.

Telegen wie sein russischer Vorläufer, mit Schnurrbart, kaufte er sich Werbezeit im Fernsehen. Der ehemalige Leiter einer Kolchose schmeichelte sich bei den Leuten vom Lande ein, welche die Unehrlichkeit der Politiker verachten: »Mein erstes Dekret als Präsident wird binnen 24 Stunden die Schurken und korrupten Beamten aus der Regierung spülen«, versprach er.

Die Mafia habe den Staat von oben bis unten verfaulen lassen. Über fast jeden Spitzenmann führt er ein Dossier.

Konkret beschuldigte Lukaschenko zwei Vizepremiers und den Außenhandelsminister der Bestechlichkeit, ebenso den Staatsbankchef (der sich gegen die Währungsunion wandte) und den Verteidigungsminister. Der sei mit seinem Staatssekretär samt Ehefrauen im Regierungsflugzeug in den Urlaub gereist: »Ich könnte auch erzählen, wie die Regierung Waffen und Öl nach Jugoslawien geschickt hat.«

Kebitsch wehrte sich matt: Er ließ im Fernsehen den Brief einer Stewardess verlesen, wonach der Passagier Lukaschenko Schokoladenriegel gestohlen habe.

Das konnte ihn indes den Wählern nur empfehlen. Immer neue Verdächtigungen holte Lukaschenko hervor: Erzfeind Schuschkewitsch habe auch die Datschen von Verwandten mit öffentlichen Mitteln reparieren lassen und privat Land verkauft, das dem Staat gehörte. Schlimmer: Er sei mit westlichen Geheimdiensten verbunden.

Eine Provokation seiner Gegner nannte er hingegen die Entdeckung eines Lkw, der 20 Tonnen in Deutschland gedruckter Flugblätter für Lukaschenko geladen hatte.

Sein bestes Stück führte er eine Woche vor der Wahl auf. Gegen Mitternacht fielen zweimal Schüsse auf seinen orangefarbenen Mercedes. Eine Patrone durchschlug einen Sitz, Lukaschenko blieb unverletzt. Ein Begleiter sagte aus, die Kugel habe seinen Chef nur »um sieben Zentimeter« verfehlt. Anschließend ging Lukaschenko mit seinen vier Leibwächtern ("Mein Team - alles junge, energische Burschen") spazieren, erst Stunden später meldete er den Vorfall der Polizei.

Vize-Innenminister Sobelewski und KGB-Untersuchungsführer Snopok sind sich sicher, daß dieses Attentat vom Opfer selbst veranstaltet wurde.

Binnen drei Wochen ist die Stichwahl zwischen Lukaschenko und Kebitsch fällig. In Sachen Unabhängigkeit sind sich beide einig. »Wir können uns nicht einfach von Rußland trennen«, lautet Lukaschenkos politisches Programm. »Wir sind geboren, zusammen zu sein.« Y

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_127_ Belorußland (Karte)

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