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VIERTE PARTEI Sei's drum

Strauß-Freunde verbreiten, »mehr als 2,5 Millionen« Bürger seien bereit, für eine »Vierte Partei« zu stimmen.
• aus DER SPIEGEL 3/1976
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Elisabeth Noelle-Neumanns Allensbacher Institut für Demoskopie konnte »das nicht bestätigen«, und Walter Tacke, Geschäftsführer der Bielefelder Meinungsforschungsfirma »Emnid«, war verblüfft: »Da kann ich mir keinen Reim drauf machen.«

Überrascht reagierte die bundesdeutsche Umfrage-Branche am Donnerstag letzter Woche auf großflächige Zeitungsanzeigen. Schlagzeilen verkündeten unter Berufung auf demoskopische Forschung eine »politische Wende in Deutschland«, die den meisten Demoskopen freilich entgangen war.

Die »Aktionsgemeinschaft Vierte Partei« (AVP) führte eine »Umfrage des Wickert-Institutes« als Beleg dafür an, daß »mehr als 2,5 Millionen Wähler«, mithin rund sechs Prozent der 41,6 Millionen Wahlberechtigten, ihre Stimme der AVP geben wollten -- Wahlkampf-Auftakt des Außenseiters, der nunmehr, so das Inserat, »bundesweit für die Ziele der CSU« kämpft.

Für Kontaktsuchende gaben die Auftraggeber der Annonce (die in »Bild« und »Welt«, »FAZ« und »Süddeutscher« erschien) die Adresse der AVP-Geschäftsstelle an, über die zugleich der AVP-Vorsitzende zu erreichen ist: der Augsburger Schuhfabrikant Dietrich Bahner, 62 -- jener einstige bayrische FDP-Chef, der in den vergangenen Jahren stets dabei war, wenn es galt, mit CSU-Hilfe aufgebaute rechte Splittergruppen wie NLA, DU, DSU oder BFD* zu unterstützen oder mitzugründen (SPIEGEL 48/1975).

Kaum war das Umfrage-Ergebnis gedruckt, schien in der Bundesrepublik aufs neue das von Franz Josef Strauß so oft beschworene Gespenst einer vierten Partei umzugehen, das manch einer schon für gebannt hielt, seit sich der Bayer im November zum bedingten Verzicht auf eine bundesweite CSU durchgerungen hatte.

Prompt verlautbarte die CSU, wie immer in solchen Fällen, sie habe mit diesen CSU-Freunden nichts zu tun. Und umgehend versicherte die CDU, wie gehabt, in Westdeutschland gebe es für eine weitere Partei »keinen sinnvollen Platz« (Sprecher Willi Weiskirch).

Dabei machten Bonner Christdemokraten kein Hehl daraus, daß sie den von der AVP verbreiteten Wickert-Zahlen nicht trauen -- ähnlich wie Generalsekretär Kurt Biedenkopf, der letztes Jahr bereits eine Wickert-Erhebung in Nordrhein-Westfalen, gleichfalls zum Thema Vierte Partei, schlankweg als »unzuverlässig« qualifiziert hatte. Wickert-Kollegen eröffneten ihre Kommentare zu den AVP-Zahlen mit Floskeln wie: »Unterstellt, daß die Untersuchung korrekt angestellt worden ist ...«

*National-Liberale Aktion, Deutsche Union. Deutsche Soziale Union, Bund Freies Deutschland.

Derlei Skepsis zielt auf ein Umfrage-Unternehmen, dessen Chef, Günter Wickert, 47, sich in Anzeigen selber einmal als »Außenseiter in der Marktforschung« bezeichnet hat. Von Regierungen und Parteien wird Wickert -- sei"s drum? -- mit politischen Umfragen nur mehr selten oder nie betraut, wohl aber gelegentlich von der CSUnahen Illustrierten .Quick": Dem Münchner Bilderblatt verhilft das Institut immer mal wieder zu Exklusiv-Neuigkeiten und Überschriften wie: »Quick'-Umfrage beweist: Mit der CSU als bundesweiter vierter Partei könnte die Union gewinnen« (Juni 1975).

Die jüngsten Viertpartei-Zahlen des Außenseiters weckten bei Konkurrenten den Wunsch zu erfahren, »woher denn die 2.5 Millionen Wähler kommen« (Emnids Tacke). Doch auf diese Frage hat auch Wickert keine gesicherte Antwort.

Denn als er letzten Monat im Auftrag des AVP-Chefs Bahner »an die 2000« Bundesbürger interviewen ließ, stellte er sie keineswegs vor die Wahl zwischen den Bonner Parteien und der AVW Wickert fragte lediglich: »Würden Sie der Aktionsgemeinschaft Vierte Partei bei der nächsten Bundestagswahl Ihre Stimme geben, wenn die Partei dieselben Ziele verfolgt wie die CSU?«

Die Befragten waren mithin, wie Wickert-Kollegen bemängelten, »nicht in einer echten Entscheidungssituation«. Auf diese Weise erzielte Antworten seien gewöhnlich, kritisierte Allensbach-Sprecher Dieter Feuser, »glitschig und glibbrig wie Quallen«. Der Kieler Wahlforscher Professor Werner Kaltefleiter, jahrelang Hausdemoskop der CDU, merkte nur an: »Wenn Sie die Antworten sammeln, was die Leute sagen, wozu sie alles bereit sind, dann haben Sie Stoff genug für die Karnevalsausgabe.«

Wickert selber hält es für »durchaus möglich«, daß auch ein Teil jener 9,7 Prozent der Stimmbürger« die bei der letzten Bonn-Wahl für die CSU votierten, die Wickert-Frage bejaht haben. Denn auch in Bayern, wo eine derartige Ersatz-CSU schwerlich kandidieren würde, waren Wickert-Interviewer ausgeschwärmt. Und neben Teilen der CSU-Anhängerschaft verbergen sich offenbar auch zuhauf CDU-Sympathisanten hinter den angeblich 2,5 Millionen AVP-Wählern, »Es wäre falsch«, meint Wickert denn auch, »die AVP-Zahl nun mit irgendeiner CDU- oder CSU-Zahl zu addieren.«

Anders als die AVP, die schon die »Wende« gekommen sieht, mag Wickert aus seinen eigenen Zahlen nicht einmal die Schlußfolgerung ziehen, die Viertpartei werde nun die Fünf-Prozent-Hürde überspringen: Solche »Spekulationen«, sagt er, bedeuteten die »Strapazierung einer Stichprobe«, bei der eine Fehlerspanne von zwei Prozent »nach oben und unten« möglich sei.

Obgleich laut Wickert die »Grenzen der Aussagefähigkeit« der AVP-Untersuchung eng gezogen sind, haben die Umfrage-Ergebnisse zweifellos einen gewissen Wert: Durch die spektakuläre Veröffentlichung der Millionen-Zahl, »die man kritisch sehen muß«, könne, so Wickert, manch ein Wähler tatsächlich zugunsten der AVP beeinflußt werden: »Massives Informieren löst Änderungen aus.«

Obendrein helfen derlei Zahlen -- ungeachtet ihres wissenschaftlichen Gehalts -- den AVPlern offenbar, zu Geld zu kommen: Wickerts Resultate, berichtete der bayrische AVP-Aktivist Günther Leyk bereits am Erscheinungstag der Annonce, hätten die anonymen Finanziers der Viertpartei wieder einmal so richtig »in Stimmung gebracht«.

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