Sieger und Besiegte
Der Preis sprengt alle Dimensionen. Rund 1,3 Milliarden Dollar kassiert das Internationale Olympische Komitee (IOC) dafür, dass die Fernsehbilder von den Sommerspielen in Sydney weltweit ausgestrahlt werden können - fast 400 Millionen Dollar mehr als noch vor vier Jahren in Atlanta.
Dass die TV-Sender so viel Geld wie niemals zuvor für die Übertragungsrechte am weltgrößten Sportspektakel zahlen, folgt einer inneren Logik. Denn wie kein anderes Live-Ereignis produziert der Mythos Olympia in unvergleichlicher Dichte Momente, die das Medium Fernsehen so trefflich in Szene setzen kann: Bilder von Siegern und Bilder von Geschlagenen.
Und deshalb werden Milliarden von Menschen auf allen Kontinenten ihre Geräte einschalten, wenn die US-Leichtathletin Marion Jones nach fünf Goldmedaillen jagt, der australische Wunderschwimmer Ian Thorpe durchs Wasser pflügt oder die rumänischen Kunstturnerinnen durch die Luft wirbeln.
Der Aufmarsch der Sender in Sydney gleicht einer militärischen Operation - im »International Broadcast Center« sind 2700 Fernsehschaffende akkreditiert. Der US-Kanal NBC etwa, der für die Show 705 Millionen Dollar bezahlt, schaffte sein Equipment in 200 Containern auf dem Seeweg nach Australien. Selbst an die richtige Kaffeemarke für die Crew ist gedacht - 7270 Kilogramm ungemahlene Starbucks-Bohnen.
Auch die deutschen TV-Verantwortlichen klotzen. ARD und ZDF lassen sich die Erstverwertung der Bilder 110 Millionen Mark kosten - weitere 43 Millionen Mark kommen für die Produktion hinzu.
Es ist ein öffentlich-rechtlicher Betriebsausflug in einer völlig neuen Größenordnung. Über 600 Mitarbeiter sind in Australien, um in etwas mehr als zwei Wochen 420 Stunden von der Weltmesse des Sports zu berichten - im Schnitt rund 27 Stunden am Tag.
Schließlich gilt es, die Vergabe von exakt 300 Goldmedaillen ins Bild zu setzen. Unter anderen Sportarten neu im olympischen Programm: Taekwondo, Triathlon und Trampolinspringen.
Die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Fernsehmacher ist zudem ein Tribut an die Zeitverschiebung. Sydney liegt 9 Stunden vor Mitteleuropa und 18 Stunden vor der US-amerikanischen Westküste - keine Chance also, mit den Höhepunkten die Primetime auf den zwei wichtigsten TV-Märkten zu erreichen. Konzessionen, die zu Lasten der Athleten oder der Zuschauer vor Ort gingen, waren mithin nicht nötig. Auch der Ablauf der klassischen Disziplinen folgt bewährter Dramaturgie: Schwimmen in der ersten Woche, Leichtathletik in der zweiten.
Die Live-Berichte von den Wettkämpfen beginnen hier zu Lande um 23 Uhr. Das Übertragungsmarathon, bei dem ARD und ZDF sich bis auf die zwei Anfangs- und Schlusstage abwechseln, dauert bis zum folgenden Nachmittag um 15 Uhr. Danach werden bis 17 Uhr die Ereignisse des Tages noch einmal komprimiert gezeigt.
Zur Hauptsendezeit in Deutschland bieten beide Programme dann umfassende Nachbetrachtungen mit Analysen, Hintergrundberichten und Interviews an: das Erste von 20.15 Uhr bis 21.45 Uhr, das Zweite von 19.15 Uhr bis 21 Uhr.
Selbst der Kultursender der Öffentlich-Rechtlichen mutiert in den olympischen Wochen zum Sportkanal - 3sat überträgt täglich von 9.05 Uhr bis 15 Uhr, hauptsächlich von den Ballsportarten.
Um ein »Maximum an spannenden Sendungen und ein Optimum an Programmqualität« herauszuholen, wie ARD/ZDF-Teamchef Jürgen Kellermeier propagiert, haben beide Sender ihre bekanntesten Gesichter nach Australien entsandt. So moderieren vornehmlich Reinhold Beckmann, Gerhard Delling und Waldemar Hartmann im Ersten, während das ZDF auf seine »Sportstudio«-Equipe vertraut: Johannes B. Kerner, Michael Steinbrecher, Rudi Cerne und Wolf-Dieter Poschmann.
Die ARD setzt im Quotenkampf außerdem auf die Popularität von Joachim »Blacky« Fuchsberger. Der ergraute Showmaster und Australien-Bewohner bringt immerhin eine ganz spezielle Olympiaerfahrung mit - 1972 bei den Sommerspielen in München war er Stadionsprecher.